BIBELAUSLEGUNG, BIBEL UND HOMOSEXUALITÄT

Lebendig Kräftig Schärfer - oder Erstickend Erdrückend Verletzend?

Homosexuell leben und die Bibel – passt das überhaupt zusammen? Tatsächlich ist die Geschichte homosexueller Christen mit ihrer Bibel nicht selten eine schwierige. Wie eine problematische Beziehung, in der man sich zerstritten und auseinander gelebt oder auf Distanz arrangiert hat.

Und wo man trotzdem nicht voneinander loskommt, da alles doch einmal als Liebe eines Lebens begann. Wo man vielleicht im Stillen immer noch sehnsüchtig auf die große Versöhnung hofft. Und wo ein wahres "Frühlings Erwachen" einsetzt, wenn die Brücke wieder geschlagen wird. Homosexuelle haben die Bibel oft als Waffe auf sich gerichtet erlebt. Haben Verletzungen empfangen durch Bibelworte, mit denen ihnen die Tür gewiesen wurde. Nicht wenige Menschen erzählten mir, sie hätten die Bibel lange nicht mehr lesen können, ohne Bauchschmerzen zu bekommen oder in Angstschweiß auszubrechen.

Das ist nicht die "Schuld" der Bibel. Sie befiehlt nicht, als Waffe gebraucht zu werden. Sie ist uns "zum Leben" und zum Heil gegeben, nicht zum Ausgrenzen und Verletzen. Und doch geschieht genau dies immer wieder – im Namen des Wortes Gottes und im Namen der Liebe und Treue zum Wort Gottes.

Vielleicht eignet sich kaum ein Bibelwort so gut, Verstehen und Falsch-Verstehen der Bibel auf den Punkt zu bringen, wie das diesjährige Kirchentagsmotto "Lebendig, kräftig, schärfer" aus dem Hebräerbrief. Dessen Verfasser hat über eine lange Argumentation hinweg in Kapitel 3 und 4 von den Hindernissen gesprochen, Gottes "Ruhe", seinen Frieden, seine Verheißung zu erlangen. Das Kernproblem, durch das bereits das Volk Israel diese "Ruhe" verpasste, ist für ihn der Unglaube, das mangelnde Vertrauen auf Gott, und die daraus folgende "Verhärtung des Herzens". Aber wie erkennt man diesen inneren "Abfall" – und zwar rechtzeitig, "solange es noch heute heißt"? Schließlich folgt der bewusste Vers (4,12):

"Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam (kräftig) und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens, und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben."

Das wirkt auf den ersten Blick tatsächlich wie ein "Drohvers". Lebendig und kräftig? Das könnte ja noch gut und schön klingen. Aber enthält es nicht bereits etwas Beängstigendes, wenn dann genau wieder diese negativen Elemente hinzu kommen: das verletzende Schwert, der verurteilende Richter, der allgegenwärtige, gnadenlose Überwacher? Und, bietet das nicht genau den Hintergrund, dass "um des Wortes Gottes willen" von seinen Nachfolgern über gut und böse befunden wird, um das Widergöttliche auszulesen und es zu strafen?

Aber – was lesen wir auf den zweiten Blick? Dort steht gerade nicht, dass Gottes Wort ein Schwert ist, mit dem in der Hand man fragen könnte: "Herr, sollen wir dreinschlagen?" (Lukas 22,49), oder mit dem man Knochen und Gelenke in Stücke hacken soll. Gottes Wort ist "schärfer als". Der Schreiber des Hebräerbriefes sieht im Wort Gottes keine Waffe. Eher ein diagnostisches Instrument, eine Art antiken Röntgenstrahl, der mit sonst unerreichter "Schärfe" und Genauigkeit zu unterscheiden vermag: richtig von falsch, echt von unecht, Wahrheit von Heuchelei und Herzensanliegen von bloßer Fassade.

Eben dies ist die Aufgabe eines "Richters": nicht einfach zu verurteilen, sondern sich ein gerechtes Urteil zu bilden. "Urteilsfähiger", "Unterscheidungsfähiger", das ist die originale Bedeutung des griech. Wortes kritikos an dieser Stelle. "Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an" (1Samuel 16,7). Vor der Unbestechlichkeit dieses Messinstruments, dieses "Schiedsrichters", haben äußerliche Show und Heuchelei, haben vorgeschobene Ausflüchte, haben fromme Worte ohne Leben dahinter keine Chance. Unfehlbar wahrgenommen werden andererseits jedoch die noch so verborgene Sehnsucht nach Gott, die innere Herzenshaltung, das einsam und hilflos gestammelte Gebet zum Herrn.

Nicht zu vergessen auch – und übrigens typisch für den Hebräerbrief: Auf den mahnenden Vers folgt unmittelbar die ganz sanfte Seite, als hätte der Schreiber des Briefes selbst Angst bekommen, seine Leser könnten ihn falsch verstehen. Leider stehen die Anschlussverse in den meisten Bibelübersetzungen durch eine neue Überschrift optisch und in der Wahrnehmung abgetrennt von unserer Stelle. Denn dort wird der charakterisiert, der selbst das Wort Gottes im Fleisch ist. Da ist die Rede von Jesus, dem "Hohenpriester", der "mitfühlen kann mit unserer Schwäche"; davon, dass wir ohne Beklommenheit oder Skepsis, sondern "voll Zuversicht hingehen sollen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden" und "Hilfe zur rechten Zeit" (Hebräer 4,14- 16).

Wie ich die Bibel lese und verstehe, hängt von meinem Gottesbild ab. Und das, was ich aus der Bibel herauslese, wird dann wieder mein Gottesbild verstärken. Daher können Menschen sehr Unterschiedliches meinen, wenn sie sagen: "Ich glaube an den Gott der Bibel". Nirgendwo wird das Bibelverständnis so existenziell, wie dort, wo sie die eigene Lebensform, ja, mehr – die eigene Identität – abzulehnen scheint. Versteht man sieben Bibelverse so, wie sie unter den meisten bibelgläubigen Christen interpretiert werden, sind einem die über dreißigtausend anderen Verse womöglich verstellt. Werden einem die sieben klassischen Bibelstellen, die mit Homosexualität in Verbindung gebracht werden, zu "Hammerversen", dann hört man diesen Hammerschlag überall in der Bibel widerhallen, der Zugang zur Bibel – und der "Zugang zum Thron der Gnade" scheint versperrt.

Nun ist dieses "Hammerverständnis" meines Erachtens genau das Verständnis, das die Bibel zum scharfen Schwert, zur Waffe macht – nicht zu dem Instrument, das "schärfer als" das menschliche Auge zu differenzieren vermag.

Darum werden wir hier einen Teil dieses Heftes den sieben "Hammerversen" widmen. Nicht, weil wir die ewige Auseinandersetzung damit als geistlich wirklich fruchtbar ansehen. Dies ist nicht unbedingt etwas, was einen im Glauben weiterbringt, was einen tiefer in Christus verwurzelt, was einen wachsen lässt. Sich mit diesen Versen immer wieder beschäftigen zu müssen, gleicht für mich einem Selbstverteidigungskurs, den man eben mitmacht, weil man Gewalt befürchtet – während man eigentlich lieber Bergsteigen gehen, einen Marathon laufen oder seinen Garten bestellen würde. Aber es bleibt eben solange nötig, wie diese Bibelstellen für viele der Engpass auf dem Weg in die Freiheit, zur "Ruhe" Gottes sind. Der Schlagbaum, der den Zugang zur Gnade versperrt. Das Schlüsselloch, durch dessen Perspektive alle anderen Bibelstellen wahrgenommen werden.

Wie viele von uns haben versucht, in Bezug auf ihre Homosexualität den "Weg der Veränderung" zu gehen, der auch ihnen zunächst als der von der Bibel geforderte und v e r h e i ß e n e erschien. Sie haben gekämpft und gebetet, hochmotiviert und voll Glaubens, über Jahre und Jahre, allein, in therapeutischen Gruppen, in Seelsorge, in Dämonenaustreibung, unter vielen Opfern - und ohne jemals das zu erlangen, was man ihnen als biblische Verheißung in Aussicht gestellt hatte.

Denn was auch immer sich in dieser Zeit in ihrem Leben änderte, eines nicht: ihre Homosexualität.

Verurteilt Gott in seinem Wort etwas, was er dann gar nicht zu verändern beabsichtigt? Wohl kaum. Verspricht Gott in seinem Wort etwas, was er dann gar nicht zu halten beabsichtigt? Wohl kaum. Es ist an der Zeit, viele der Klischees und Vorstellungen zu Homosexualität zu hinterfragen, die – scheinbar auf Grund der Bibel – existieren. Nicht Gottes Wort müssen wir dabei in Frage stellen. Nicht die Bibel dürfte falsch liegen. Sondern das Bibelverständnis.

Wir wollen hören, was die Bibel, dieses unbestechliche Messinstrument echten Glaubens, uns wirklich sagt. Und wir wiederum wollen u m g e k e h r t etwas versuchen, was wir uns von anderen Bibellesern sehnlich, wenn auch oft vergeblich, wünschen: diese Stellen im biblischsten Sinne mit den Augen eines "kritikos", wie ihn der Hebräerbrief beschreibt, zu sehen: als jemand, der sich ein gerechtes Urteil bilden will, der "ohne Ansehen der Person" alle Indizien und Hinweise prüft. Das heißt gerade nicht, sich etwas zurechtzuschneidern. Sondern genauer hinzusehen. Zu versuchen "schärfer als" zu differenzieren, kann auch durchaus bedeuten, zunächst mal zu klären, worum es nicht geht.

Aber dazu mehr auf den Seiten 20-28.

Freilich wäre ein zwischendrin, in dem es um das Wort Gottes gehen soll, sehr armselig, wenn er sich im "Selbstverteidigungskurs" erschöpft. Wenn man mich nach meinen höchsten Anliegen fragt, dann würde ich als eins davon sicher dies nennen: allen meinen homosexuellen Mitchristen, die wohl den Zugang zur Bibel, aber nicht die Sehnsucht nach ihr verloren haben, dieses Buch wieder in die Hand zu drücken und zu sagen: Nimm und lies! Ohne Furcht und Zweifel. Sie ist auf deiner Seite. Auch dir und mir soll "der Trost der Schriften die Hoffnung" (Römer 15,4) geben.

Natürlich will und soll sie auch "ermahnen" und korrigieren (2. Timotheus 3,16). Und homosexuelle Christen sollen und wollen (wie heterosexuelle auch) mit Hilfe der Bibel im Glauben voran kommen, wollen falsche Wege im Leben erkennen und verlassen und richtige Wege einschlagen. Aber wäre nur endlich diese unselige "Vereingleisung", diese falsche Vereinnahmung in den Köpfen vorbei, sie solle unsere Homosexualität wegkorrigieren, und hier liege der Schlüssel, ohne Störfaktor auf dem Boden der Gnade zu stehen und stehen zu bleiben, in Christus gegründet zu sein und in ihm zu wachsen!

Homosexuelle und ihre Bibel – eine Beziehungskiste. Wie immer sie aussehen mag, beglückend oder traurig – es bleibt eine Beziehung. Wo einmal die Liebe zum Wort Gottes aufgebrochen war, schlägt sie nur selten in Gleichgültigkeit um. Es bleibt eine Reibungsfläche, erzeuge sie Wärme oder Wunden. Darum sollen hier verschiedene Stimmen zu Wort kommen, die von ihren Erfahrungen mit der Bibel erzählen, seien sie belebend und kraftspendend, seien sie schmerzhaft und bedrückend.

Wir alle kennen den Satz: Die Bibel legt sich selbst aus. Ja, wäre es nur so! Aber letztlich sind es fast immer Ausleger, die das biblische Wort an uns herantragen. Jesus bescheinigte den Schriftgelehrten seiner Zeit, die Schriften tatsächlich mit Eifer zu studieren. Aber ob jemand dann auch das Leben in den Schriften findet und vermittelt, hängt davon ab, ob er Christus darin erkennt (Johannes 5,39). Offenbar bedeutet das aber, dass es Schriftauslegung (auch um die Schrift mit Eifer bemühte Auslegung) gibt, die an Christus vorbeigeht. Es gibt zuviel Bibelauslegung, die den Buchstaben statt das Wort, das Stichwort statt den Zusammenhang, das Gesetz statt die Liebe als seine Erfüllung sucht. Unter einer solchen Auslegung wird die Bibel nicht lebendig und kraftvoll für den Hörer, sondern in die Enge treibend und zu Boden drückend. Sie wird scharf gemacht, um den Augenschein zu richten, aber nicht "schärfer als" ein menschliches Auge auf das gerichtet, was im Herzen stattfindet.

Doch Gott sei Dank – das Wort Gottes wäre nicht das Wort Gottes und Christus nicht seine lebendige Mitte, wenn es sich nicht ungeachtet aller Auslegungen immer wieder seinen Weg suchen könnte zu den Herzen der Menschen, seien sie gelehrt oder ungelehrt, Mann oder Frau, homo oder hetero. Von Gottes Wort so gefunden zu werden, ist ein Glück. Besonders davon soll hier die Rede sein. Mögen wir doch auf den Christus in der Bibel hören. Denn (Johannes 6,68):

"Herr, wohin sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!"


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