BIBELAUSLEGUNG

Markus - (k)ein Platz für Weicheier?

Nimmt Gott uns nicht nur an, wie wir sind, sondern geht er darüber hinaus, und beschenkt er uns mit seinem vollen Segen, gebraucht uns und möchte uns als seine Mitarbeiter haben?

"Obwohl" wir homosexuell, und damit in den Augen vieler für das Reich Gottes disqualifiziert sind?

Ich will mich heute mit einem Mann beschäftigen, der auch einmal diesen Stempel aufgedrückt bekam - "disqualifiziert für die Reich-Gottes-Arbeit" - und zwar von höchster Ebene. Und aus dessen Leben - nun, wir werden sehen, was daraus wurde.

Markus, oder Johannes Markus, um den es hier gehen soll, war ein junger Mann, der zur aller ersten Christengemeinde gehörte, der Schreiber des gleichnamigen Evangeliums. Er ist eine jener biblischen Gestalten, deren Geschichte man sich aus verstreuten kleinen Puzzlesteinen zusammensuchen muß, was sich in seinem Fall aber als sehr lohnenswert erweist.

Teil 1: Markus in nackter Angst

Die erste Stelle, in der er uns begegnet, steht im Markusevangelium, zumindest geht man in der Regel davon aus, daß er sich dort kurz selbst beschreibt. Es ist nicht gerade ein Ruhmesblatt, das wir dort von ihm erfahren, eher etwas, was bereits wie ein Hinweis auf jenes viel einschneidendere Erlebnis später wirkt, das ich oben angedeutet habe.

Wir lesen in Mk 14, 50.51 im Zusammenhang mit der Gefangennahme Jesu folgende "Randnotiz": "Da verließen ihn [Jesus] alle und flohen. Ein junger Mann aber, der nur mit einem leinenen Tuch bekleidet war, wollte ihm nachgehen. Da packten sie ihn; er aber ließ das Tuch fallen und lief nackt davon."

Markus, das lebende Beispiel einer buchstäblich "nackten Angst". Übrigens muß "nackt" nicht in unserem Sinne "splitternackt" bedeuten, da ein frommer Jude sich bereits als nackt empfand, wenn er im Untergewand in der Öffentlichkeit herumlief. Daß er jedenfalls die Schmach einer solchen Entblößung auf sich nimmt, zeigt, wie sehr ihn die Furcht um sein Leben gepackt hatte.

Unklar bleibt, was Markus in seinem leinenen Tuch da eigentlich im Garten Gethsemane suchte. Wenn er bereits zur Schar der Jünger Jesu gehörte, würde das bedeuten, daß er von der Brisanz der ganzen Situation um Jesus an diesem Abend offenbar gar nichts mitbekommen hatte. Er wäre nicht nur wie die anderen Jünger einfach erschöpft an Ort und Stelle eingeschlafen, sondern hätte sich ganz regelrecht zur Ruhe begeben, indem er sein Obergewand auszog und sich mit einem Tuch zudeckte, das er dann in aller Eile um sich schlug, als die Soldatenschar auftauchte. Denkbar wäre aber auch, daß seiner Familie Gethsemane gehörte und er dort übernachtete, um den Garten vor Dieben zu schützen. Dann kannte er Jesus und seine Leute offensichtlich und hatte sich durch ihre Anwesenheit nicht beunruhigen lassen, sondern weitergeschlafen, bis der Tumult losbrach.

Wie auch immer, er hat einen guten Vorsatz - dem gefangenen Jesus zu folgen. Aber er unterschätzt die Gefahr. Oder überschätzt seinen eigenen Mut. Jedenfalls, als er droht, Jesus, wenn, dann nur als Mitgefangener folgen zu können, lässt er alles fahren und läuft in panischer Angst davon. Wie ja im übrigen auch alle anderen Jünger...

Es macht Markus sympathisch, daß er seine "Feigheit vor dem Feind" gar nicht beschönigt. Petrus, sein väterlich-geistliches Vorbild, hatte ja wenigstens noch den Versuch unternommen, Jesus mit dem Schwert zu verteidigen, bevor er auch flüchtete (Mk. 14, 47). Markus dagegen ist offensichtlich kein sehr kriegerischer Typ. Er ist, um einen biblischen Begriff zu verwenden, eben gerade nicht "um die Lenden gegürtet". Sondern vielmehr durch seinen etwas sorglosen Schlaf im wahrsten Sinn zu "leicht-sinnig" gekleidet, und nun besonders verletzlich in seinem Behelfsgewand.

Petrus nennt ihn einmal seinen "Sohn" (1. Pt. 5, 13). Es ist übrigens durchaus möglich, daß Markus keinen leiblichen Vater mehr hatte, denn - entgegen den sonstigen Gepflogenheiten - wird nur seine Mutter Maria als die entscheidende Person seiner Familie genannt. Wenn sie eine Witwe war, dann offensichtlich aber keine arme. Der Familie gehörte ein Haus in Jerusalem, das wohl eher ein Anwesen war, geräumig genug, um eine große Gemeindeversammlung beherbergen zu können, mit Bediensteten, einem Hof und einem Außentor, wie uns die Apostelgeschichte nebenbei schildert (Apg. 12, 12.13). Die ganze Familie, zu der auch der Apostel Barnabas gehörte (Markus' älterer Cousin), schien wohlhabend gewesen zu sein. Barnabas, der eigentlich in Zypern lebte, besaß noch Ländereien in der Nähe von Jerusalem, die er verkaufte, um den Erlös an die Gemeinde weiterzugeben.

Es kämen also ein paar Klischeebedingungen zusammen, die Markus zu einem Sissy Boy, einem "Weichei" hätten machen können: womöglich ein bisschen verzärtelt aufgewachsen und von der alleinstehenden Mutter verwöhnt, kein Vater da, der ihm mal zeigte, was eben "so ein richtiger Mann" ist. Nie um seine Existenz kämpfen müssen. Anerkennung, die automatisch auf ihn übergeht. Seine Familie hat früh eine der führenden Positionen in der jungen christlichen Gemeinde - und er ist in diese Stellung mit eingeschlossen. Seine Flucht im Garten Gethsemane wird ihm niemand angekreidet haben, schließlich waren alle weggelaufen und hatten Jesus allein gelassen. Aber es kann sein, daß man sich später wieder daran erinnerte, und es dann doch von Bedeutung fand.

Teil 2: Markus, der "Drückeberger"

Markus Leben innerhalb der Jerusalemer Oberschicht bekommt eine Wende, nachdem sich sein älterer Cousin Barnabas mit Paulus zusammengetan hat. Der wurde als ehemaliger Verfolger der Christen zunächst von allen beargwöhnt und gemieden und schien inzwischen ein zurückgezogenes Leben in seiner Heimatstadt Tarsus zu führen. Barnabas aber hatte seinerzeit den Kontakt mit ihm nicht gescheut, seine Fähigkeiten wohl früh erkannt. Er gräbt ihn jetzt aus der Versenkung und gewinnt ihn als Mitarbeiter in der neu gegründeten Gemeinde von Antiochia, der ersten größeren vorwiegend heidenchristlichen Gemeinde. Als sie gemeinsam einen Besuch in Jerusalem machen, nehmen sie Markus anschließend nach Antiochia mit.

Dies war für den jungen Markus vielleicht der erste Auslandsaufenthalt, verbunden mit einem christlichen Auftrag, Paulus und Barnabas bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen, wobei er dabei vermutlich eher organisatorische Aufgaben hatte, evtl. auch so ein bisschen den Laufburschen machen musste. Ich denke zunächst nicht, daß Markus sich dafür zu fein war, sondern es eher als eine Ehre betrachtete, im Dienst zweier Männer zu stehen, deren Bedeutung unter den frühen Christen immer mehr zunahm, und deren Name vermutlich in aller Munde war. Dennoch dürfte auf den Sohn reicher Eltern, der bisher nur unter Juden in Jerusalem gelebt hatte, manches Ungewohnte zugekommen sein.

Das spitzt sich noch zu, als Barnabas und Paulus zu ihrer ersten Missionsreise ausgesandt werden und Markus als ihr Begleiter mit ihnen aufbricht nach Cypern und Kleinasien. Wir wissen nicht, ob der Impuls von den Aposteln ausging oder ob Markus selbst darum gebeten hatte. Die Formulierungen der Apostelgeschichte, "sie nahmen Johannes mit" (12,25) oder "hatten als Gehilfen bei sich" (13,5) klingen vielleicht ein wenig passiv. Das dürfte aber einfach in der Konzentration der Erzählung auf die Apostel selbst und auf das Autoritätsverständnis der damaligen Zeit zurückgehen, wo die Älteren selbstverständlich die Hauptentscheidung fällten.

Markus erlebte im Gefolge der Apostel sicher eine spannende und geistlich begeisternde Zeit während ihrer Durchquerung der Insel Zypern. Er wurde Zeuge davon, wie in zahlreichen Synagogen das Evangelium gepredigt wurde, wie Paulus einen einflussreichen Zauberer bezwang, der sich gegen die christliche Botschaft stellte, und wie ein mächtiger römischer Würdenträger zum Glauben kam. Stellt Euch das entsprechende in der Apostelgeschichte geschilderte Ereignis einmal so vor: Ihr seid dabei, als ein von Euch geschätzter Christ unserem Bundeskanzler von Christus erzählt, und ein Vertreter von Scientology versucht, ihn davon abzubringen. Darauf sagt Euer Freund zu diesem Menschen: "Du wirst für eine Woche blind sein!" Dies tritt dann sofort ein und daraufhin kommt Gerhard Schröder zum Glauben... Wenn Ihr Euch das so vorstellt, dann könnt Ihr etwa ermessen, wie spektakulär das damals war! Das mußte den Glauben des Markus unheimlich stärken.

Mußte es das? Diese geistlichen Höhepunkte waren die eine Seite. Aber es gab offensichtlich noch eine andere - irgend etwas, das Markus bereits auf dieser ersten Etappe so schwer fiel, daß er fluchtartig den Rückzug antrat. Es heißt kurz und knapp, daß im Anschluß an die Überfahrt nach Kleinasien sich Markus "von ihnen trennte und nach Jerusalem zurückkehrte" (13,13), und das wohl auch nicht im friedlichen Einvernehmen oder auf Veranlassung der Apostel, da Paulus später von "Im-Stich-lassen" sprach. Es scheint, daß Markus sein Verhalten in Gethsemane hier geradezu wiederholt: er lässt alles fahren und ergreift allein und bloß die Flucht.

Warum? Ging es ihm irgendwann doch auf die Nerven, ständig nur Befehlsempfänger zu sein, zweite Geige zu spielen, und Tätigkeiten erledigen zu sollen, für die es zuhause Knechte und Mägde gab? Oder wurde ihm alles zu strapaziös? Die gelegentlichen Schilderungen der Apostelgeschichte und der Paulusbriefe lassen uns ahnen, daß diese Missionsreisen alles andere als Luxustouren waren, sondern ziemlich anstrengend und entbehrungsreich. Weder war das Bett für die nächste Nacht sicher noch die nächste Mahlzeit, endlose Fußmärsche in Hitze und Staub, nicht überall wurde man freundlich willkommen geheißen oder verabschiedet, ständig musste man sich auf neue Bedingungen, fremde Kultur und Sprachschwierigkeiten einstellen, womöglich hatte es schon die ersten Prügel und Steinwürfe gegeben. Und Paulus war ein Mann, der hohe Ansprüche an sich selbst richtete und vermutlich auch an andere. Vielleicht wurde es für Markus, der sicher mehr Komfort und Sicherheit gewohnt war, einfach "zuviel Abenteuer". Vielleicht war er kein Marlboro-Man. Vielleicht hatte er Heimweh und vielleicht gab die Überfahrt nach Kleinasien einem seekranken Markus den letzten Rest.

Wieder muß er durch eine Flucht die Schmach einer Entblößung in Kauf nehmen. Ich versuche mir vorzustellen, wie er dann an Bord des Schiffes nach Jerusalem steht - einerseits froh, nach hause zu kommen, anderseits beschämt und enttäuscht über sich selbst. Wie er sich Worte überlegt, mit denen er den Christen in Jerusalem sein Verhalten erklären könnte, und wie er sich ausmalt, was über ihn hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden dürfte. Und wie man sich auf einmal an die Geschichte mit dem nackten Markus in Gethsemane erinnert, und die üblichen, "naja, so was haben wir uns ja damals schon gedacht"-Sätze fallen.

Immerhin steht er es durch, später sogar nach Antiochia zurück zu kehren, wo ihre Missionsreise begonnen hatte, und wo er womöglich noch mehr "unten durch" war als in Jerusalem. Das zeigt zumindest einen ganz wichtigen Gesichtspunkt: Markus hat mit seiner Flucht aus seiner Aufgabe nicht die Flucht vor Gott angetreten, und trotz seiner beschämenden Situation nicht einmal die aus der christlichen Gemeinschaft. Er bleibt an seinem Glauben dran.

Teil 3: Markus' zweiter Anlauf

Wie wichtig ihm sein Glaube und die Gemeinde sind, kann man daran ablesen, daß er vermutlich ausgerechnet wieder als Begleiter von Paulus und Barnabas nach Antiochia kam, als sie vom Apostelkonzil in Jerusalem dorthin zurückkehrten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wollte er selbst auf deren geplante nächste Reise mit und hoffte sozusagen auf die "zweite Chance".

Und dann kam die Enttäuschung seines Lebens. Paulus lehnte sein Mitkommen auf's Entschiedenste ab - so vehement, daß es zu einem Riesenkrach zwischen ihm und Barnabas kam und die beiden Elitemissionare, die bisher ein Herz und eine Seele gewesen waren, im Streit auseinander gingen. "Gemeinsame Missionsreise wegen jugendlichem Drückeberger abgeblasen" - das stelle man sich mal nebst Kommentar so als Schlagzeile bei idea vor. "Er hat uns im Stich gelassen und ist nicht mit uns ans Werk Gottes gegangen", waren die Worte des Paulus, "ich halte es nicht für richtig, so jemand mitzunehmen" (Apg. 15, 38).

"Untauglich für die Reich-Gottes-Arbeit" - so lautete das Urteil. Ausgesprochen von einer der höchsten geistlichen Autoritäten der damaligen Zeit. "Untauglich für die Reich-Gottes-Arbeit" - in Windeseile wird sich das in Antiochia herumgesprochen haben (laut genug dürfte es zwischen Paulus und Barnabas ja hergegangen sein). "Untauglich für die Reich-Gottes-Arbeit" - wie ein Stempel dürfte es Markus auf der Stirn gestanden haben. "Untauglich für die Reich-Gottes-Arbeit" - das wird er vermutlich in jedem missbilligenden - oder verlegenen- Blick seiner Mitchristen in Antiochia gelesen haben.

Endstation in der Sackgasse. Abgestempelt. Wo sollte Markus jetzt noch hin? Er war die Ursache für einen Riesenskandal. Würde er in der christlichen Welt, in der der Name des Paulus in aller Munde war, jemals etwas anderes werden können, als der, der die Apostel "im Stich gelassen hatte und vom Werk Gottes gewichen war"? Für Markus drohte es der absolute Bruch in seinem Leben zu werden.

Aber Markus hatte Glück. Es gab noch eine Autorität, die höher angesiedelt war als Paulus, und die immer noch ihre Pläne für Markus hatte. Gott schenkte dem Markus einen Menschen, der ihn nicht fallen ließ, selbst wenn er sich womöglich auch ein bisschen für ihn schämte. Einen, der zu ihm hielt und gegen allen Augenschein an ihn und an die Echtheit seiner Gottesbeziehung glaubte. Einen, der sich sein Festhalten an Markus gewaltig etwas kosten ließ. Barnabas.

Wer von Markus redet, kann von Barnabas nicht schweigen. Ironischerweise kann man ja auch von Paulus nicht reden, ohne auf Barnabas zu kommen. Barnabas gehört zu meinen Lieblingsgestalten des Neuen Testaments, darum müsst ihr Euch jetzt auch ein bisschen was zu ihm anhören. Er verkörpert für mich einen Idealtypus von einem Christen. Eigentlich hieß er ja Joseph, den Beinamen Barnabas hatten ihm die Apostel gegeben: "Sohn des Trostes" (Apg. 4,36). Vermutlich nicht von ungefähr. Barnabas hatte auch den Mut zur Unkonventionalität, und er fällte kein Urteil auf den ersten Blick, er war bereit, sich mit Menschen auseinander zu setzen - sonst hätte er den gefürchteten Außenseiter Paulus nicht in die Gemeinde gebracht. Er scheint ein versöhnlicher Mensch gewesen zu sein, der ungern Konflikte provozierte - was auch seine Schwäche war und ihn eher konflikt-scheu sein ließ, wie sich einmal in der Auseinandersetzung mit streng jüdischen Christen zeigt (Gal. 2,13). Um so schwerer mag ihm der Streit mit Paulus um Markus gefallen sein.

Er hatte ein tiefes geistliches Leben(Apg. 11,23), das trotzdem immer voller Bescheidenheit blieb. Barnabas konnte es ertragen, daß sein Name nicht überall als allererstes stehen musste. Er war es, der Paulus überhaupt erst "rausgebracht" hatte, und dem Paulus es verdankte, daß er in der christlichen Gemeinde jemals hatte Fuß fassen können. Anfangs in der Apostelgeschichte lesen wir von "Barnabas und Paulus", bald aber nur noch von "Paulus und Barnabas". Aber nie scheint es Barnabas etwas ausgemacht zu haben, daß er ins zweite Glied rückte.

Aber jetzt, wo es um seinen Cousin Markus geht, haut er mit der Faust auf den Tisch. Markus soll seine zweite Chance haben. Und so nimmt ihn Barnabas allein mit und sie segeln erneut nach Cypern. Es scheint, daß Barnabas beabsichtigte, genau die selbe Route mit Markus noch einmal abzugehen und ihm die Möglichkeit zur Bewährung zu geben. Vielleicht hat er dabei auch einen Gang langsamer und etwas weicher geschaltet als Paulus, so daß Markus einfach besser zurechtkam. An der Seite von Barnabas konnte Markus seinen eigenen Weg mit Gott und seinen Platz in der Mitarbeit finden.

Teil 4: Markus' Comeback

Jedenfalls gelang es, Markus den negativen Stempel von der Stirn zu wischen und das "Untauglich für die Reich-Gottes-Arbeit" auszulöschen. Markus wird im Neuen Testament später als offenbar bekannter Mann in der Gemeindearbeit genannt, auch wenn er keine führende Rolle gespielt zu haben schien. Aber nicht zuletzt war er mit der erste, der sich daran begab, die Zeugnisse über Jesus aufzuschreiben und der Nachwelt ein Evangelium zu hinterlassen, auf das ich nicht gerne verzichten würde.

Kein Evangelium widmet sich so sehr der persönlichen Begegnung zwischen Jesus und einzelnen Menschen, und wie Jesus in ihnen Glauben und Vertrauen weckt: wo Matthäus z.B. einfach nur von "zwei Blinden" (Matth 20,30) redet, da greift Markus einen der beiden heraus und nennt ihn mit Namen (Bartimäus, Mk. 10,46f.). Obwohl sein Evangelium das kürzeste ist, schildert er die einzelnen Episoden meist am ausführlichsten, wodurch gerade dieses Persönliche der Jesusbegegnung in den Vordergrund rückt.

Es mag die geistlich durchdrungene und gleichzeitig so menschliche Zuwendung, die er durch Barnabas erlebt hat, gewesen sein, die ihn da geprägt hat. Barnabas hat ihm Gott auf diese besondere Weise nahe gebracht, so daß Markus dies auch in seiner Jesusschilderung zum Ausdruck bringen wollte. Und darin liegt wohl die besondere Gabe des Markus - in seiner warmherzigen Schilderung Jesu, die einfach Liebe zu ihm zu wecken versteht.

Aber wäre Markus an seinem Tiefpunkt "Untauglich für das Reich Gottes" stecken geblieben- ich glaube nicht, daß wir sein Evangelium heute zu lesen hätten.

Einige Nebensätze in den Paulusbriefen an die Kolosser und an Philemon und Timotheus lassen uns einen Blick auf den vielleicht schönsten Abschluß dieser Geschichte werfen. Erstaunlicherweise ist es nicht allein Barnabas, der für seine Rehabilitierung sorgt. Paulus hatte ein vernichtendes Urteil über Markus gefällt und sich darüber so ereifert, daß er bereit war, die gemeinsame Missionsreise mit Barnabas abzublasen. Paulus war ein Mensch mit Prinzipien und nicht gerade wankelmütig. Um so wertvoller ist es, wenn ein solcher Mann bereit ist, noch einmal umzudenken. Auch wenn es zunächst so scheinen mochte, aber Paulus hatte Markus damit nicht für immer abgeschrieben. Die Situation, daß wir bei jemand, bei dem wir einmal "verschissen" haben, kein Bein mehr auf die Erde kriegen, egal, was wir tun, kennen wir nur zu gut. Paulus zeigt sich hier wohltuend anders. Er hielt nicht einfach an seinem einmal gefällten Urteil fest.

Alle drei Stellen, die Markus am Schluß seiner Briefe erwähnen, nehmen ihn als Arbeiter für Gott ernst. Gegenüber Philemon nennt er ihn bereits wieder seinen "Mitarbeiter" (24). Und nicht nur das. Er weiß ja, daß die Geschichte von dem Markus, der Paulus im Stich ließ, vermutlich in der ganzen Christenheit umging, und daß wahrscheinlich viele deshalb Zweifel an seiner Zuverlässigkeit hegen mochten. Vielleicht bezieht sich darauf der Zusatz im Kolosserbrief: "Seinetwegen habt ihr bereits Anweisungen erhalten, wenn er zu euch kommt, dann nehmt ihn auf!" (Kol. 4, 10).

Die Aufforderung, Markus auf- und damit auch für voll zu nehmen, steigert sich noch im Timotheusbrief. Dazu muß man nämlich wissen: Timotheus nahm auf der damals folgenden Reise des Paulus den Platz ein, den vorher Markus hatte. Und Timotheus war unter allen "Gehilfen", die Paulus jemals hatte, der "Kronprinz", Paulus' absoluter Lieblings- und Musterschüler, sein "echter Sohn im Glauben" (1. Tim. 1,2), geradezu eine Gegenfigur zu dem "Weichei" Markus. Wahrscheinlich hatte er dem Timotheus damals von Markus erzählt, von so einem "Softie", der zuerst dabei war, diesem Jüngelchen aus Jerusalem, das so schmählich gekniffen hatte, und auf das so gar kein Verlaß gewesen war...

Und nun schreibt Paulus an Timotheus in einer Situation, wo er ziemlich allein geblieben ist und dringend zuverlässige Leute an seiner Seite bräuchte. Er bittet also seinen Timotheus, zu ihm zu kommen, und (sieh an!): "bring Markus mit!" (2. Tim 4,11). Dann erinnert er sich womöglich daran, welches Bild von Markus er bisher bei Timotheus hinterlassen haben mag, und fügt hinzu: "Er wird mir ein guter Helfer sein". Das hier benutzte Wort eu-chrestos ist quasi die Steigerungsform von chrestos - nicht nur nützlich, brauchbar, gut, sondern eu - BESONDERS nützlich, brauchbar, gut. Paulus betont also geradezu, wie gut Markus die Aufgabe ausfüllen könnte - für die er ihm damals die Fähigkeit abgesprochen hatte! Damit hat er selbst den Markus ausdrücklich rehabilitiert.

Teil 5: Die besondere Gabe des Markus

Markus ist vermutlich nie eine Führungspersönlichkeit wie Timotheus geworden, den Paulus mit zwei Briefen voller Imperative "Kämpfe hier, kämpfe da, tu dies, regele das!" eindecken konnte, und der eine Riesengemeinde wie die von Ephesos leitete. Er war niemand, auf den oder mit dem man eine Strategie aufbauen konnte. Auch als Sohn reicher Eltern schien es ihm wie Barnabas nicht viel auszumachen, eher einen Mann der zweiten Reihe darzustellen, nach wie vor eine Art "Gehilfenfigur" zu bleiben. Und seine Eigenbeschreibung als nackt flüchtender Junge zeugt dabei nicht nur von Bescheidenheit, sondern vor allem von einer Fähigkeit zur sympathischen Selbstironie.

Auch wenn er als Mitarbeiter des Paulus erwähnt wird, war seine Hauptbezugsperson neben Barnabas eher sein geistlicher Vater Petrus, dem er wohl nach Rom folgt. Anhand vor allem der Augenzeugenberichte des Petrus über Jesus beginnt er schließlich, sein Evangelium niederzuschreiben.

Markus war dabei kein Theologe wie Paulus. Sicher hätte er niemals einen Römerbrief geschrieben, eines der bedeutendsten Werke für die Kirchengeschichte der folgenden Jahrtausende. Aber andererseits kann Paulus uns zwar viel darüber sagen, was Jesus, der Christus, für uns bedeutet. Aber wie Jesus, der Jesus von Nazareth, war, das erfahren wir nicht von ihm. Dazu waren andere, und darunter eben Markus, berufen. Auch dabei interessiert Markus weniger die theologische Seite. Kein Evangelium enthält so wenig programmatische Reden Jesu. Keine Bergpredigt, wenig Gleichnisse, kein Stammbaum, keine Ich-bin-Ausführungen.

Aber in keinem anderen Evangelium habe ich persönlich so das Gefühl, als Augenzeuge direkt mit diesem "jungen Mann im Leinentuch" dabei zu stehen, zu sehen und zu hören, wie Jesus geredet und gehandelt hat, wie er Leute ansah, wie er sie ansprach und anrührte.

Es ist Markus, der bei der Schilderung der Wahl der zwölf Apostel interessanterweise beifügt: "Er setzte zwölf ein, die er bei sich haben wollte" (3, 14). Es ist Markus, der uns immer wieder schildert, wie sehr sich die Leute um und an Jesus herandrängten (3, 10), bis den Jüngern nicht einmal mehr Zeit zum Essen blieb (6,31). Es ist Markus, bei dem ein verzweifelter Vater Jesus anruft: "Ich glaube, hilf doch meinem Unglauben!" (9,24). Es ist Markus, bei dem Jesus "tief aufseufzt" (8, 12), einen Menschen voll Liebe ansieht (10,21), oder auch "voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz" (3,5). Es ist Markus, bei dem Jesus richtig "unwillig" wird über seine Jünger, die die Mütter mit ihren Kindern schroff abweisen, und nur bei Markus lesen wir, wie er sie dann in den Arm nimmt vor dem Segen - oder wie Luther schreibt: "er herzte sie" (10,13f.) Es ist Markus, bei dem Jesus einen taubstummen Menschen beiseite von der Menge nimmt und mit seinen Fingern seine Ohren und seine Zunge berührt.

Der Jesus bei Markus ist ein so ganz lebendiger Jesus, der nächste menschliche Nähe zulässt und menschliche Wärme ausstrahlt, an dessen Emotionen wir teilhaben und der bei Menschen Vertrauen sucht und erweckt.

Neben alldem gibt es bei Markus auch eine Parallele zu Paulus. Wie dieser, der eigentlich frommer allerjüdischster Pharisäer war, entwickelte auch der Jude Markus ein Herz für die Christen aus den Heiden - obwohl er auf seiner damaligen Reise durch das Heidenland so schlecht zurecht gekommen war. Sein Evangelium ist ganz auf nichtjüdische Leser ausgerichtet. Ihnen möchte er nicht den jüdischen Messias beweisen, sondern Jesus, den Mensch aller Menschen und Sohn Gottes nahe bringen.

"Und als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn" (15, 39).

Teil 6: Ein Ende mit Rätseln

Um so merkwürdiger mutet dann der Schluß des Evangeliums an. Selbst etliche konservative Ausleger gehen davon aus, daß der letzte Abschnitt (16, 9-20), der die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus und den Missionsbefehl enthält, ein späterer Zusatz aus einer anderen Feder ist. Dann würde das eigentliche von Markus stammende Evangelium nach der Botschaft des Engels: "Er ist auferstanden!" ausgerechnet mit der Aussage schließen: "... Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon, denn sie fürchteten sich" (16, 8). So würde, glaube ich, nicht einmal ein moderner Experimentalroman enden. Geschweige denn ein Evangelium, eine frohe Botschaft eines Markus, der so herzerwärmend von Jesus erzählen wollte. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß Markus vor lauter anderen Aufgaben nicht mehr dazu kam, den Abschlußbericht über die Auferstehung fertig zu stellen und es dann eben einfach unvollständig veröffentlichte.

Es gibt keine zeitgenössischen Aussagen zu dieser Frage, lediglich außerbiblische Zeugnisse aus späteren Jahrhunderten - und viele Spekulationen. Eine Möglichkeit wäre, daß der ursprüngliche Schluß verloren ging. Es gab ja damals keine Printmedien, sondern nur seltene, kostbare Handschriften. Trotzdem würde das verwundern, gerade weil Handschriften damals als so kostbar behandelt wurden.

Die andere Möglichkeit wäre, daß Markus aus viel schwerwiegenderen Ursachen als Zeitmangel nicht mit seinem Evangelium fertig wurde. Vielleicht durch eine schwere Krankheit. Und nicht zuletzt lebte er in Rom, und das war kein sicheres Pflaster für Christen. Die wenigsten dürften damals im Bett gestorben sein, sondern irgendwann in der Arena, an einem Kreuz oder als lebende Fackel.

Wenn dem so wäre, so sagt mir sowohl das Leben das auch das Sterben des Markus eins: Nur Gott ist es, der unsere Aufgaben und unsere Berufung festlegen und bemessen kann. Kein anderer Mensch kann darüber urteilen, ob wir tauglich oder untauglich für das Reich Gottes sind, weil wir in einem Punkt nicht das erbringen, was man von uns erwartet hat. Unsere Aufgaben mögen ganz woanders liegen, und vielleicht auch erst aus Versagen ihre Tiefe gewinnen - aber letztlich genauso wertvoll sein wie die Leistung eines anderen.

Und gerade deshalb, weil all dies von ihm kommt, ist Gott aber auch nicht auf uns angewiesen. Mit uns als Einzelperson steht und fällt kein Gesamtwerk. Nicht nur die Missionsreise von Paulus und Barnabas ging auch ohne Markus weiter. Selbst das Markusevangelium ging auch ohne Markus weiter. Gott kann uns ganz leise die Feder aus der Hand nehmen und etwas, was wir begonnen haben, durch jemand anderes fortsetzen lassen - und es dennoch zu einem wunderbaren Ende bringen.

Von daher möchte ich schließen mit einem Gebet von Jochen Klepper:

In allen Ängsten unseres Handels
siegt immer noch dein ewiger Plan.
In allen Wirren unseres Wandelns
ziehst du noch immer deine Bahn.
Und was wir leiden, was wir tun,
wir können nichts als in dir ruhn.

AMEN.


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