FAMILIE, ELTERN

Mein Kind ist homosexuell – Interview mit betroffenen Eltern

Wie geht es gläubigen Eltern, wenn sie erfahren, dass ihr Kind homosexuell ist? Und was wollen sie anderen betroffenen Eltern mit auf den Weg geben?

Wenn Ihr heute ein Buch schreiben würdet über Eure Erfahrungen als Eltern, die Christen sind, und einen schwulen Sohn haben – was würdet Ihr alles reinschreiben? Was wäre Euch wichtig, was würdet Ihr anderen mitgeben wollen?

P (Vater): Ich konnte es damals, als uns unser Sohn F. sagte, er sei schwul, nicht verstehen und kann es auch heute noch nicht. Aber ich habe es von Anfang an akzeptiert, denn er ist und bleibt mein Sohn. Ich wollte ihn nicht verlieren, und nun habe ich das Glück noch einen Sohn (Schwiegersohn) dazu zu bekommen.

K (Mutter): Es klingt so einfach, aber ich möchte schon noch ein bisschen mehr dazu sagen. Als unser F. damals anrief und erklärte, dass er uns etwas mitzuteilen hätte, da hatte ich erstaunlicherweise schon eine Ahnung von dem was kommen würde, da hat irgendetwas in mir geklickt obwohl keine Veranlassung dazu da war.

P: Wir wussten beide, was auf uns zukam.

K: Ich frag mich heute manchmal noch, warum ich es damals ahnte? Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass F schwul ist. Soviel ich wusste, hatte er vorher keine Beziehung. Im ersten Moment war es trotzdem ein Schock, und ich habe nicht besonders gut reagiert, indem ich ihn fragte: "Aber heiraten in der Kirche willst doch nicht?" Mir war damals, als würde er dadurch unsere Ehe herabwürdigen, und die war mir sehr wichtig. Meine Meinung hat sich in den letzten 10 Jahren total geändert – jetzt wünschte ich, dass er dies könnte. Er hat ja nun geheiratet, aber so richtig anerkannt wird es ja immer noch nicht. Ich finde es sehr traurig, dass er sich vom Glauben abgewandt hat, allerdings ist er sehr fragend und suchend. Ganz am Anfang hatte ich Angst, er könnte in die Szene abtauchen, und dort weiß ich wie leben. Aber Freunde haben mich beruhigt und mir erklärt, dass unser Sohn sich ja nicht geändert hat, er ist der gleiche liebenswerte, anständige und verantwortungsbewusste Mensch geblieben. Außerdem hat unsere Erziehung ihn auch mit geprägt.

P: Allerdings achtet man plötzlich viel mehr auf Dinge, die mit Homosexualität im Zusammenhang stehen, z.B. Zeitungsartikel. Fernsehberichte oder ähnliches – das war ja vorher unwichtig und hatte nichts mit uns zu tun.

K: Ja, das ist komisch, man hatte so seine Vorurteile (teilweise nicht unberechtigt, die Medien trugen viel dazu bei): Aber als wir dann damals F's Freund kennen lernten, dachte ich: "im Grunde sind Schwule auch nicht anders." Leider hatte ich vorher noch nie mit jemanden zu tun, der homosexuell war. Natürlich kam die Frage: "Warum unser Sohn?" Doch im Nachhinein denke ich: Frag nicht. Es ist einfach so.

P: Es war für mich eigentlich nie ein Thema: Was sagen die Nachbarn? Was denkt die Verwandtschaft? Das war mir eigentlich egal.

K: Nun, das war nur für dich so. Vor meinen Eltern war mir das alles andere als gleichgültig. Ich habe mit meinem Vater auch nie darüber sprechen können, obwohl ich irgendwann meinte, dass er es wusste. Bei meiner Mutter weiß ich bis heute nicht, ob sie es weiß. Jedenfalls ist R. (Partner des Sohnes) bei allen Festen und Zusammenkünften der Familie dabei. Zu Beginn war das schon ein Problem für mich. Dazu kamen damals doch immer wieder Fragen in mir hoch - was habe ich verkehrt gemacht in der Erziehung? Wie kam es dazu? Was haben wir falsch gemacht? Oder: Was läuft zwischen den Beiden ab? Doch P. hat mir da sehr geholfen, indem er mir sagte, ich solle damit aufhören, es ist wie es ist und bei anderen heterosexuellen Paaren frage ich auch nicht was abläuft.
Na ja, wir haben natürlich auch sehr viel Glück gehabt. Denn R ist ein ganz lieber Mensch und für uns zu einem zusätzlichen Sohn geworden.

P: Leider herrscht schon seit längerer Zeit zwischen ihm und seinen Eltern Funkstille. Sie wissen nicht, was ihnen entgeht. Was uns freut ist, dass F und R einen guten Kontakt zu den Geschwistern und näheren Verwandten haben.

K: Da seine Eltern zurzeit nicht von R und F wissen wollen, ist seine Beziehung zu unserer Familie natürlich noch enger geworden. Ach ja, was ich schreiben würde, wäre auch, wie F. mit seinem Bruder umgegangen ist. F. hat uns damals vor vollendete Tatsachen gestellt und es dann später seinem Bruder ziemlich hart beigebracht, vielleicht, weil er auch nicht wusste, wie dieser darauf reagieren würde. Er hat es uns allen einfach zugemutet - nehmt mich, so wie ich bin. Damals war das bestimmt nicht leicht für uns alle. Ich finde es wichtig, dass Kinder ihren Eltern und ihrer Familie auch die Zeit geben, sich mit der neuen Situation anzufreunden, sie zu verdauen.
Genauso wie das eigene Coming Out Zeit braucht, so brauchen auch die Eltern Zeit, um sich von ihren Vorstellungen zu verabschieden.

Du hast vorhin angedeutet, dass F. sich vom Glauben abgewandt hat. War er denn vor seinem Outing überzeugter Christ?

K: Also, ich denke, dass er seine Konfirmation sehr bewusst erlebt hat. Erst nachher, vielleicht auch, als er gemerkt hat, dass er anders fühlt, hat er vieles hinterfragt. Ob es mit dem Sich-selbst-zu-akzeptieren, so wie man ist, zu tun hat, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat er mir erst neulich wieder erklärt, dass er nicht anders sein möchte. Er könnte es sich gar nicht vorstellen. Es ist für ihn gut so, wie es ist. Das heißt für mich, dass er sich selbst voll angenommen hat. Ob es für seinen Glauben eine Rolle spielt, kann ich nicht sagen.

Und wie geht es euch damit, dass Homosexualität im christlichen Umfeld ja eher abgelehnt wird?

K: Nun, als damals Günter von Amerika kam und Wüstenstrom ins Leben gerufen hat, da war ich über seine Meinung sehr betroffen und reagierte sehr aggressiv. Günter wusste damals allerdings nicht, dass uns das Thema Homosexualität selbst betraf. Damals hat mich seine Aussage schon verletzt.
Letztlich bin ich davon überzeugt, dass Gott weiß, was er macht. Und alles, was von Gott kommt, ist gut. Ich bin überzeugt, dass Gott für alles einen Grund hat, auch wenn er Menschen so verschieden geschaffen hat. Für F. und R. bedeutet das, dass das ihr Lebensweg, ihre Bestimmung ist, so miteinander zu leben. Und glaub mir, es ist ein guter Weg. Darum beten wir auch nicht, dass Gott sie ändert.

P: Genau, sondern wir haben gebetet, zeig F. den Weg, den er gehen soll. Das ist doch eigentlich viel wichtiger als sein Sexualleben.

K: Ja, davon bin ich auch überzeugt. Wir beten jetzt auch immer noch für die beiden, dass sie zu Gott finden, damit sie sich angenommen fühlen von Gott. Was Menschen meinen ist die eine Sache. Wichtiger ist es, in der Liebe Gottes zu leben. Am Anfang hab ich manchmal noch gedacht, dass es vielleicht anders werden könnte. Aber dann spürte man diese Liebe zwischen den beiden, diese enge Beziehung, die sie miteinander haben, und uns wurde klar, dass sie zusammenbleiben werden. Da konnte ich doch nicht beten, dass sie sich trennen, das hätte F. ja wahnsinnig weh getan. Ich wünschte mir für meinen Sohn, dass er einen Menschen zur Seite hat, den er liebt und der ihn liebt, und keinen ständigen Partnerwechsel. Ob dies ein Mann oder eine Frau ist, finde ich jetzt gar nicht mehr so wichtig. Jesus selbst hat sich ja, soviel ich weiß, nie dazu geäußert. Außerdem, wenn man alles einhalten würde, was in der Bibel vorgeschrieben wird (z.B. hat Paulus geschrieben, dass Frauen lange Haare haben sollen), dann müssten wir alle ganz anders Leben. Für uns ist das Liebesgebot Jesu ausschlaggebend.

Wie viel Kontakt habt ihr zu eurem Sohn und seinem Freund?

K: Unterschiedlich. Mal sehen wir uns ein-, zweimal in der Woche, mal erst nach 14 Tagen. Dann telefonieren wir aber miteinander.

Hättet ihr euch am Anfang irgendwas gewünscht oder was hätte euch geholfen, als ihr mit F's Coming Out konfrontiert wurdet?

K: Wir hatten Glück, denn wir haben Freunde, mit denen wir auch über diese Situation reden konnten. Sie haben uns gesagt: "Was wollt ihr denn? Euer Sohn ist schon in Ordnung. Seid froh, dass er gesund und ein guter Mensch ist." Allerdings mit Leuten, von denen wir dachten, dass sie Homosexualität verurteilen, haben wir gar nicht erst drüber gesprochen. Den Menschen, die uns wichtig sind, denen haben wir es erzählt. Bei Anderen war es uns egal.

Gibt es noch etwas, was ihr anderen Eltern mit auf den Weg geben wollt?

K: Ja, da hätte ich schon einen Rat. Wenn sich Ihr Kind vor Ihnen outet, sagen Sie nichts Unbedachtes. Ich denke, es ist wichtig, wie man in diesem Moment reagiert. Bitte nicht verurteilen oder ablehnen, sondern zuallererst daran denken: "Dies ist und bleibt mein Kind – ganz gleich, was passiert." Man muss es nicht gleich verstehen wollen, aber man kann es akzeptieren und den geliebten Mensch weiter so annehmen, wie er ist. Keine Selbstvorwürfe, keine Fragen Warum? oder Was haben wir falsch gemacht? Sondern versuchen es anzunehmen: Denn – es ist so, wie es ist. Und daran denken: Gott ist viel gnädiger als wir Menschen und wir brauchen alle seine Barmherzigkeit!

Ja, dann bedanke ich mich sehr herzlich im Namen von Zwischenraum für Eure Interviewbereitschaft und Euer Erzählen. Alles Gute und Gottes Segen weiterhin.


Geschrieben von Zwischenraum
2003

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