KIRCHEN

Mein Traum von Kirche

Eine Interpretation von 1 Kor 12 - die Gemeinde und die Rolle, die Homosexuelle in der Gemeinde haben könnten. Über ehrenhafte und unehrenhafte "Glieder

1 Korinther 12
12 Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus. 13 Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. 14 Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. 15 Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib. 16 Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib. 17 Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn? 18 Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. 19 Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? 20 So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. 21 Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. 22 Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. 23 Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand, 24 während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, 25 damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. 26 Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. 27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.

Es gibt viele Bilder für die Kirche, die Gemeinde Christi im Neuen Testament. Paulus bezeichnet sie einmal als die

Säule und das Fundament der Wahrheit

(1. Tim. 3,15). Kirche hat eine ewige Wahrheit, für die sie einstehen kann und muss, und die ihr niemand nehmen kann. Petrus spricht vom

geistigen Haus

, in das wir uns

als lebendige Steine

einbauen lassen sollen (1. Petr. 2,5). Kirche als "Baustelle Gottes", in der jeder seinen Platz und seine Aufgabe hat. Und auch das Wort Jesu von den Reben am Weinstock (Joh. 15) hat über den einzelnen Christen hinaus eine Gemeindedimension. Hier steht das Fruchtbringen und Wachsen aus der Kraft Gottes heraus im Mittelpunkt.

Jeder dieser Vergleiche hat seine eigene Bedeutungstiefe, seine eigene Botschaft. Aber nun mag das Bild von den Steinen und dem Haus zunächst recht funktional wirken und nach Vereinheitlichung klingen - Christen als Bausteine in Normgröße? Und auch die Rede vom Weinstock scheint auf den ersten Blick sehr leistungsorientiert:

Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab

(Joh. 15,2). Ist Gemeinde Christi ein Ort, wo in Reih und Glied marschiert werden muss, und das immer vorwärts und das möglichst schnell? Wo zügig alles ausgemustert wird, was diesem Anspruch, in welcher Hinsicht auch immer, nicht zu genügen vermag?

Das wäre wohl ein Missverständnis. Zum Glück gibt es schließlich auch Vergleiche wie das häufig von Jesus gebrauchte Bild der Schafherde unter dem guten Hirten. Da investiert der Hirte in einem der Gleichnisse alle Kraft und Zuwendung ausgerechnet in das eine Schaf, das von der Herde abgeirrt ist, und lässt dafür die neunundneunzig "rechtschaffenen" Schafe stehen. (Wohlgemerkt - dieses Schaf gehörte ja eigentlich schon zur Herde, es geht hier also um mehr als nur das Ereignis, dass ein Mensch aus der Gottesferne zum Glauben findet.)

Aber kein Bild strahlt für mich so viel Lebenswärme aus wie das von der Gemeinde Christi als seinem Leib und Jesus selbst als dem Haupt. Zunächst einmal spricht es von einer enormen Innigkeit der Beziehung Jesu zu seiner Gemeinde. Ein Hirte, der für die Schafe da ist, da geht es um fürsorgliche Zuwendung. Aber Gemeinde als Leib Christi - das ist mehr noch als absolute Solidarität Jesu mit uns, es ist völlige Identifikation. Bereits bei seiner Bekehrung hatte Paulus selbst erfahren, wie sehr sich Jesus mit dieser seiner Gemeinde eins macht. Bei seiner Jagd auf die ersten Christen bekam Paulus nicht die Worte zu hören: Ich bin der Herr der Gemeinde, die du verfolgst. Sondern:

Ich bin Jesus, den du verfolgst

(Apg. 9,5).

Eine größere Würde kann Gott uns fehlerhaften Menschen eigentlich gar nicht zusprechen, als die, Leib seines Sohnes sein zu dürfen. Eine unlösbarere Verbindung kann gar nicht zum Ausdruck gebracht werden, denn wer wollte sich erlauben, am Leib Christi herumzuamputieren?

Hauptthema dieses Textes ist freilich weniger die Beziehung Jesu zu uns als die Beziehung seiner Jünger untereinander. Aber auch da spricht er von großer Innigkeit. Obwohl es hier um die Funktion der einzelnen Glieder geht, ist es gerade kein funktionales, sondern im wahrsten Sinne ein ganz und gar "organisches" Gleichnis für eine Einheit untrennbar verbundener Einzelwesen.

Dies muss man vor allem vor dem Hintergrund der Besonderheiten des Korintherbriefs sehen. Langstreckig hat Paulus, vermutlich auf konkrete Anfragen der Gemeinde antwortend, immer wieder vom Trennen und Ablösen sprechen müssen: es ging um schlechte Angewohnheiten, um Sünde, um Fehlentwicklungen und Missstände. Nach elf Kapiteln scheint Paulus das Kritisieren- Müssen gründlich leid zu sein und holt zu den geistlich bedeutsamsten Kapiteln aus, die die wahrhaft positiven Kontrapunkte in diesem Brief setzen: Wir finden hier das Hohelied der Liebe - ein Text, der in seiner zeitlosen poetischen Schönheit und Aussagekraft ungebrochen bleibt und auch noch die unreligiösesten Menschen bis heute in seinen Bann zieht. Wir lesen von der großen Vision der Auferstehungshoffnung und der Entmachtung des Todes. Und eben vom Bild der Gemeinde als Leib Christi, auf das Paulus auch andernorts zurückgreift (z.B. Eph. 4), das er aber nirgends so hinreißend entfaltet wie hier.

In all den Kapiteln vorher ging es in immer neuen Variationen eigentlich stets um das gleiche Thema:

Schafft den alten Sauerteig hinaus, damit ihr ein neuer Teig seid!

(1. Kor. 5,7). Es ist ja gerade der Korintherbrief, in dem es auch um das Thema Gemeindezucht geht. Wobei gerne vergessen wird, dass dies (meines Wissens) überhaupt die einzige Gemeinde ist, bei der Paulus diese allerletzte Konsequenz, und dies in einem einzigen Fall, anmahnt, obwohl es in allen Gemeinden sicherlich genügend Kritikpunkte gegeben hat! Als fürchte Paulus, dass bei den Korinthern nun das große Aussortieren und Richten "guter Christ - besserer Christ" und "rechter Christ- schlechter Christ" losginge, schwenkt er ganz unvermittelt um und entwirft das "inklusiveste" Bild, das man sich für eine Gemeinschaft vorstellen kann. Ihm ist klar: Gemeinde ist ein Zusammenschluss der Unterschiede. Anknüpfend bei den verschiedenen Gaben und Aufgaben des Einzelnen, weitet er die Sicht aus auf unterschiedliche Herkunft, Stellung und Leistungsfähigkeit, und an anderer Stelle in einer Art Selbstzitat auch auf die Geschlechtszugehörigkeit. Alle gehören dazu:

es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr seid alle "einer" in Christus

(Gal. 3,28).

Das Bild vom lebendigen Organismus für menschliche Gemeinschaft dürfte keine originale Erfindung des Paulus sein. Aber er malt uns mit diesem Gleichnis wunderbar vor Augen, was Gemeinde im Innersten zusammenhält und was ihr Lebenspuls ist, wie sie funktionieren kann und was sie auszeichnet. Es geht um vier große Themen: um die Zugehörigkeit des einzelnen zur Gemeinde, um seine Funktion darin, um die Frage nach seiner Leistung und seinem Wert - und um die "Problemfälle" in der Gemeinde. Und in allem macht uns Paulus am Bild vom Leib klar: hier darf kein Grund für Absonderung und Ausgrenzung, für Rangfolge und Abklassifizierung liegen, oder die Gemeinde würde sich selbst zerstören.

Unterschiedlichkeit in einer Gemeinde kann ungeheure Probleme auslösen. Paulus weiß das sehr wohl: fiktiv lässt er Hand, Fuß und Auge sich gegeneinander empören. Aber er betont, dass Vielfalt in der Gemeinde nicht nur eine unabänderliche Realität ist, die man hinnehmen und bewältigen muss. Sondern es ist Gottes

Absicht

(Vers 18), mit der er Gemeinde so und nicht anders zusammengefügt hat, denn nur so kann ein lebendig funktionierender Organismus entstehen. (Ein Gebilde aus völlig gleichen Organen würden wir ja ein Monster nennen!).

Paulus führt die größtmöglichen Gegensätze seiner Gesellschaft an: (fromme) Juden und Nichtjuden, die bisher keinerlei Verkehr miteinander hatten. Freie und Sklaven - mit andern Worten solche, die andere Menschen als Eigentum besaßen und solche, die von anderen als verfügbares Eigentum besessen wurden. Sie alle aber sind jetzt miteinander verbunden, in gegenseitige Abhängigkeit und An-hängigkeit gestellt.

Es ist noch nicht so lange her, dass Rassentrennung in konservativen christlichen Gemeinden der USamerikanischen Südstaaten als gottgegeben und sogar gottgeboten angesehen wurde. Aber was dort im Brustton christlicher Überzeugung vertreten wurde, war eine Versündigung an diesem Text. Heute ist uns dies längst selbstverständlich. Paulus malt uns das Gegenteil jeglicher Apartheid (von englisch apart = beiseite, abseits, getrennt) vor Augen. Und doch hat jede Zeit und Gesellschaft ihre eigenen Formen von Apartheid, die sie womöglich auch als göttlich bestimmt verkennt. Aber: jede Form von Apartheid ist Zerstörung der

Absicht

Gottes, des Leibes Christi.

Wer gehört zum Leib Christi? Natürlich bleibt die Voraussetzung, dass jemand Christ sein muss (

ein anderes Fundament kann niemand legen

, 1. Kor. 3,11). Aber damit soll das Richten und Bewerten auch schon aufhören. Ausgerechnet der differenzierte Theologe Paulus nennt kurz zuvor ein ganz bewusst simpel gefasstes Kriterium:

Keiner kann sagen: Jesus ist Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet

(Vers 3).

Dass es unterschiedliche Glaubensrichtungen gibt, muss noch nicht unbedingt den Leib Christi zersprengen. Würden sie sich untereinander achten und respektieren, könnten sie sogar eben jene Vielfalt der Glieder widerspiegeln. Leider wird dagegen häufig viel Leidenschaft darauf verwendet, anderen das wahre Christsein abzusprechen, und das macht Leib Christi unglaubwürdig vor der Welt. Denn jemand, in dessen Leib sich Organe gegenseitig schaden, ist krank - oder geistig nicht normal.

Da beginnen z.B. in einer Gemeinde einige mit erhobenen Händen zu beten. Schon geht der Streit los. Am Schluss spaltet sich die Gemeinde in die Partei, die sich für wahrhaft inspiriert und natürlich inspirierter als die andere hält und in jene Partei, die eben diese Inspiration für dämonisch (als "von unten") erklärt. Was gab es in der Kirchengeschichte, was gibt es in der Gegenwart nicht alles für Kriterien, die angeblich wahres Christsein ausschließen und sagen lassen: "Du gehörst nicht zur Gemeinde". Schlimmer noch, wenn die Betreffenden dies bereits verinnerlicht haben und von sich selbst sagen: Ich gehöre nicht zum Leib.

Paulus führt diese Argumentationen ad absurdum. Wie könnte ein Glied nicht zum Leib gehören, nur weil es anders ist als andere Glieder - genau das ist doch die Voraussetzung für einen Organismus, nämlich aus verschiedenen Organen zusammengefügt zu sein! Du Fuß, ruft Paulus, wenn du glaubst, nicht zum Leib gehören zu dürfen, weil du nicht bist wie die Hände; laß es dir sagen: So gehört er doch zum Leib!

Oft hat sich Paulus mit Irrlehren auseinandergesetzt, die immer neue Kriterien hervorbrachten, wer richtiger Christ und wer das nicht ist - und er hat nichts gelten lassen,

als nur Christus als den Gekreuzigten

(1. Kor. 1,3). Alles, was über die Berufung auf die Versöhnungstat Christi hinausgehen wollte und zu sortieren anfing, hat er auf's Erbittertste bekämpft. Aber hier, im Bild vom Leib, beschreibt er den positiven Gegenentwurf. Wo Gemeinde es ertragen und respektieren, sogar als Bereicherung empfinden kann, dass Menschen anders beten, anders glauben, anders leben (und vielleicht auch anders lieben!) als andere, da ist Leib Christi lebendig.

Wer braucht wen im Leib Christi? Jeder braucht jeden, sagt Paulus. Niemand hat die wahre Aufgabe und Funktion für sich gepachtet und kann daraus die Norm für andere machen. Erst in der Vielfalt der Gaben, der Begabungen, der Wesenseigenschaften, der Lebensführung wird Gemeinde ein Ganzes und kann ihre genauso vielfältigen Aufgaben in der Welt wahrnehmen. Um Verschiedenartigkeit zu nutzen, bedarf es aber eben des tiefen Respektes vor der Andersartigkeit des anderen und des Vertrauens, dass gerade diese andere Art notwenig ist.

Niemand darf daher den andern für unbrauchbar erklären. Auch wenn das Auge noch so sehr denkt, die Hand sei unnütz, hat es kein Recht dazu. Selbst der Kopf, der alles lenkt, kann nicht zu den schmutzigen Füßen unten sagen: Ich brauche euch nicht. Die leidige Auseinandersetzung zu Wert und Unwert von Mission oder sozialem Engagement ist ein bekanntes Beispiel. Aber Paulus geht es um noch tiefere Zusammenhänge als nur um Arbeitsbereiche. Er weiß, wie kleinkariert das Denken der Menschen werden kann, wenn es darum geht, wer in den Augen der anderen tauglich oder untauglich für eine Funktion im Leib Christi ist. Deshalb führt er noch einmal zwei besondere Arten von Gliedern an: die schwächeren und die weniger anständigen.

Für die schwachen und geringen Glieder hat Paulus bereits im ersten Kapitel eine Lanze gebrochen. Seht doch auf eure Berufung!

Das Törichte und das Schwache und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt

(1. Kor. 1,26.28), sagt Paulus den Korinthern, die allzu sehr darauf bedacht schienen, wer die geistlich wichtigere Aufgabe und die bedeutendere Position in der Gemeinde einnehmen konnte. Da geht es um viel mehr als darum, wer auf der Kanzel steht, und wer die Toiletten putzt. Da wurde eine bestimmte Lebensführung, eine bestimmte geistliche Gabe zum Ideal erhoben, und wer dem nicht entsprach, war Christ zweiter Klasse.

Mit welchem Recht darf ein Glied des Leibes Christi vom Leben des anderen Gliedes behaupten, dies sei weniger wert als sein eigenes? Wer gibt ihm das Recht, die Art des anderen zu leben, zu glauben und Gott zu dienen, für unbrauchbar zu erklären und abzuklassifizieren? Tut ihr dies, sagt Paulus, leidet der ganze Leib. Denn Gott hat den Leib so zusammengefügt.

Die schwachen Glieder werden von ihm für wertvoll, für voll-wertig, für unentbehrlich erklärt. Die weniger Leistungsfähigen und Belastbaren, die Unscheinbaren unter den Christen, die "Sperrigen" und Seltsamen, Leute, die eine Gemeinde vielleicht auch ein wenig "mitschleppen" muss, auch sie gehören in den Leib. Denn auch sie haben ihre Gabe vor Gott, über die es keinem anderen Glied zusteht zu urteilen. Und nicht zuletzt: wenn dieser Leib Christi es nicht vorlebt, dass er seine schwachen Glieder trägt, vielleicht auch erträgt und für sie da ist, was unterscheidet ihn dann von der Welt? Woran soll diese Welt die leidenschaftliche Liebe Gottes für die Unterprivilegierten, für die Außenseiter, für die, die nichts zu bieten haben, erkennen, wenn nicht am Leib Christi?

Und schließlich geht Paulus noch darüber hinaus. Es ist ihm nicht nur um Starke und Schwache zu tun, dann hätte er jetzt vielleicht vom kleinen Finger oder von einem Zeh gesprochen. Sondern er setzt dem noch eine ganz andere Spitze auf: D

en [Gliedern], die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir um so mehr Ehre, und unseren weniger anständigen begegnen wir mit mehr Anstand

(Vers 23). Von welchen Gliedern spricht Paulus hier? Er spricht ausgerechnet von den Sexualorganen.

Dazu muss man wissen, dass die jüdische Gesellschaft ungeheuer schamhaft war, wenn es um Nacktheit und alles Sexuelle ging. Eine darstellende Phallussymbolik als Ausdruck von Stärke und Macht oder die Vergötterung der Sexualität war der jüdischen Kultur fremd und galt als typisches Kennzeichen des Heidentums. Die griechisch geprägte Verherrlichung des nackten Körpers (insbesondere die Idealisierung des nackten Männerkörpers), die sich zum Beispiel im sportlichen Training ohne Bekleidung ausdrückte, wurde von den frommen Juden als ungeheuer peinlich, unanständig und sittenwidrig empfunden. Sexualorgane ungeschminkt beim Namen zu nennen, war nicht üblich: Wir kennen die Umschreibungen aus dem Alten Testament: "Hüfte" oder "Lende", oder gleich "Blöße" oder "Scham". Paulus ist hierin ganz Kind seiner Kultur: er spricht nicht offen von Sexualorganen, sondern umschreibt dies mit

unsere weniger anständigen Glieder.

Hier möchte ich allerdings als Einschub einem naheliegenden Missverständnis vorbeugen: Diese jüdische Schamhaftigkeit beinhaltete von ihrer biblischen Grundlage her nicht unbedingt Verteufelung von Lust und Sexualität, auch wenn dies vielleicht häufig so aufgefasst wurde. Merkwürdigerweise hat unsere ach so freie Kultur sehr viele volkstümliche Ausdrücke für den Geschlechtsverkehr, von denen aber nahezu alle einen negativen, herabwürdigenden Beiklang haben (vielleicht letztlich auch nur die Überspielung eines Peinlichkeitsgefühls??). Die Umschreibungen des biblischen Sprachgebrauchs klingen dagegen durchweg positiv, lassen aber auch gleichzeitig erkennen, dass die geschlechtliche Vereinigung einen umfassenderen Sinn haben darf, als den eines flüchtigen körperlichen Akts: eingehen zu, beiwohnen und vor allem das Erkennen. Gerade weil diese Wortwahl, ganz einer patriarchalischen Kultur entspringend, sämtlich das sexuelle Handeln aus männlicher Sicht beschreibt, sollte man sich vergegenwärtigen, dass in diesen Begriffen weit mehr mitschwingt als eine bloße "Inbesitznahme", sondern eine tiefere, respektvolle Gemeinschaft.

Zurück zu unserem Text. Allzu ungeschminkt vom Sexuellen zu reden, hatte also etwas Unanständiges. Paulus kann nicht offen von "unseren Sexualorganen" sprechen. Das kommt ihm als frommem Juden seiner Zeit nicht von der Zunge. Um so erstaunlicher freilich, dass er sie überhaupt anführt. Hätte es für den geistlichen Gehalt des Bildes nicht völlig gereicht, als Beispiele Hand und Fuß, Auge und Gehör zu erwähnen? Muss Paulus noch Glieder einbauen, deren Nennung ihn selbst quasi die Überwindung eines Peinlichkeitsgefühls kosten? Ganz offensichtlich hielt er das für notwendig!

In der Gemeinde gibt es nicht nur starke und schwache Glieder. Sondern auch "anständige" und "weniger anständige". Streng im Bild bleibend, hätte Paulus jetzt sagen können: und letztere sind tunlichst abzudecken und zu verstecken. Aber nein - nun kommt das merkwürdige: diese sind mit besonderem Anstand, mit Achtung und Ehre zu behandeln. Denn: Gott hat den Leib so zusammengefügt!

Wer Paulus als Anstands- und Moralapostel zu kennen glaubt, bekommt hier von ihm schwerverdauliche Kost vorgesetzt. Paulus stört einfach die bisher so züchtige Harmonie von Auge, Hand und Fuß mit seinen weniger anständigen Gliedern.

Kirche Christi wird immer wieder mit Fragen und mit Menschen konfrontiert, die das jeweilige gemeindeübliche Verständnis von Sittlichkeit, Wohlanständigkeit und Normalität gründlich "stören" können. Wie willkommen ist in vielen unserer Gemeinden ein langmähniger Mann mit Totenkopftätowierungen an den nackten Oberarmen? Wie willkommen ist eine Punkerin mit grellfarbener Irokesenfrisur und Lippenpiercing? Wenn beide womöglich noch behaupten, Christen zu sein? Wie willkommen ist ein Homosexueller mit seinem Freund, wie willkommen eine Transsexuelle? Wenn beide womöglich noch behaupten, Christen zu sein?

Paulus entwirft das Bild einer organischen Gemeinschaft, in der es absurd wäre, wenn Auge oder Hand sich darüber Gedanken machen, ob dieses oder jene "weniger anständige" Glied zum Leib oder zu den anderen Gliedern passt und gehören darf. Dies ist nicht der Auftrag eines Einzelgliedes in einem Organismus. Gott hat ihn zusammengefügt, und das nicht nur, damit die Glieder untereinander Waffenstillstand halten. Nicht einmal nur, damit sich die Glieder untereinander ergänzen. Sondern damit alle Glieder einträchtig füreinander sorgen.

Der Auftrag der Glieder also ist es, füreinander da zu sein: einander zu begegnen, sich wahrhaft kennen zu lernen, sich um die Belange des anderen, auch die ganz menschlichen, zu kümmern, nach seinem Ergehen mit Interesse und Handlungsbereitschaft zu fragen. Wo dies stattfindet, erlischt manches richtende Denken von selbst. Einen Mensch, für den ich Sorge trage - im Denken und Beten, aber auch im Miteinander-Sprechen und im Tun - kann ich nicht mehr so leicht abstrakt betrachten und verurteilen. Einen Menschen, dessen Ergehen und Erleiden, dessen innere Beweggründe, dessen Ringen mit Gott ich mir habe zu Herzen gehen lassen, kann ich nicht mehr so schnell als Sünder abstempeln, weil ein Satz aus der Bibel oberflächlich betrachtet auf ihn zu passen scheint, und weil sein Leben mir "weniger anständig" erscheint.

Die Furcht, solche Offenheit könne dem Leib Christi schaden, widerspricht allem, was Paulus uns durch dieses Bild klarmachen möchte. Leib Christi wird am "für", am "füreinander" erkannt, nicht am "gegen", nicht daran, gegen wen oder was Gemeinde überall ihre Stimme erhebt.

Ich träume von einer Kirche, die gegenüber denen, die den Rahmen ihrer Wohlanständigkeit sprengen, sagen kann: wir begegnen ihnen mit um so mehr Ehre. Die zunächst einmal von dem Gedanken ausgeht: Vielleicht ist es ja Gott, der uns zusammengefügt hat? Müssen Hand und Auge Angst vor diesen Gliedern haben? Hört der Leib auf, Leib Christi zu sein, weil er Glieder besitzt, die man vielleicht bisher nicht wagte, offen beim Namen zu nennen? Ich träume von einer Kirche, die Vielfältigkeit und Andersartigkeit zumindest erträgt und respektiert, wo ihr womöglich noch die Freiheit zur Freude daran fehlt.

Ich träume von einer Kirche, in der diese "Körperwärme" zu spüren ist, in allen Gliedern und für alle Glieder, schwache, starke, "edle" und "weniger anständige". Denn Gott will, dass alle diese Glieder zum Leib Christi gehören. Alle diese Glieder sind der Leib Christi.


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