POLITIK

Moral values

Vor allem in Amerika sind moralische Wertvorstellungen sehr wichtig geworden. Doch sind diese Moral Values im Willen Gottes? Dieser Artikel versucht diese Frage zu beantworten.

Die amerikanischen Präsidentenwahlen haben uns ein Begriffspaar ins Gedächtnis gerufen, das schon fast aus dem modernen Sprachschatz gestrichen schien: moral values - moralische Werte.

Für einen hohen Prozentsatz der Wähler waren nicht Krieg, Wirtschaft oder schlicht Sympathie ausschlaggebend bei der Stimmabgabe, sondern moral values. Warum war der Präsident mit dem besseren Wahlergebnis für etwas mehr als die Hälfte der Amerikaner nun eher ein Garant für solche moralischen Werte? Moral values, die zur Diskussion standen, waren auch nicht Güter wie Friedensbereitschaft, Wahrheit, Menschenwürde - da könnte man hinsichtlich des geeigneteren Präsidenten nun sehr geteilter Meinung sein. Sondern im Vordergrund aller Moral stand die Sexualmoral, das große Anliegen war der Schutz von Ehe und Familie, und nicht den geringsten Angriff auf diese moral values sah man in den homosexuellen Partnerschaften.

Nun bin ich sicher nicht bekannt als Streiter für die Unmoral. Aber mir macht die Begeisterung unter vielen Christen, mit der diese Entwicklung auch für Europa ersehnt und erbetet wird, Unbehagen und Sorge. Weil ich glaube, daß hier an der falschen Front gekämpft wird - und nicht zum Nutzen der Sache Jesu Christi.

Und vielleicht sollte man sich über die beiden Begriffe, die darin stecken - Moral/moralisch und Werte erst einmal ein paar Gedanken machen.

Zwei Begegnungen und ein Kinofilm haben mich dazu in der letzten Zeit beschäftigt.

Ich hatte Miriam (Name geändert) seit Jahren nicht mehr gesprochen. Sie ist eine Christin, die mit ihrem Mann, einem Prediger, wegen brutaler Drangsalierung in einem moslemischen Land nach Deutschland gekommen war. Damals hatte ich versucht, ihm etwas Deutsch beizubringen, war meist mit einer Unmenge arabischer Köstlichkeiten vollgestopft worden und hatte die Diskussionen um die älteste Tochter mitbekommen, die an einen ihr nahezu Unbekannten verheiratet werden sollte (und das nicht wollte). Nun sprach Miriam mich auf der Straße an und wir erzählten ein bißchen. "Und - verheirate?" fragte sie. Au Backe, dachte ich, was sag ich jetzt so jemand? Egal, Flucht nach vorn: Ja, so etwa. "Ah, und Mann?" Nein, sagte ich, und Frau. "Ah, ja", Lachen - "is doch norrmal, is gutt", meinte sie (mir fiel der Unterkiefer runter). "Weiß du, ville Christe, grroß Mund" (sie machte eine charakteristische Handbewegung), "babababa. Aber, was is wichtig, is doch nur: Mensch und Herrz und liebe Gott".

So einfach ist das. Und das sagt jemand aus einem solchen Kulturkreis. Ein bißchen zu einfach klingt es mit dem "Mensch, Herz und liebe Gott". Ist das biblisch? Wo bleibt da die Moral?

Nun, Moral - dieses Wort taucht so in der Bibel nicht auf. Es kommt aus dem Lateinischen von mores: Sitten, Gebräuche. Moralisch-sittliche Richtlinien gibt es natürlich in der Bibel nicht wenige. Moral, Sitten und Gebräuche sollen das Zusammenleben der Menschen in guter Weise regeln und eine Art Leitplanke des Verhaltens vorgeben. Sie unterscheiden zwischen gutem und schlechtem Tun, manchmal auch zwischen angemessen und "unziemlich", oder einfach zwischen gewohnt und unüblich.

Moral hat drei Schwachstellen, die uns die Bibel auch klar aufzeigt.

Erstens legt Moral zunächst einmal äußeres Verhalten fest. Dadurch lässt sie sich auch fälschen und durch Scheinheiligkeit ersetzen. Jesus sagte zu Beginn der Bergpredigt: "Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten" (Matth. 5,20) - und verkündete dann eine Moral, die er bis in die Ebene der Herzen und Gedanken ausweitete.

Zweitens dient Moral dazu zu unterscheiden: zwischen gut und schlecht, zwischen richtig und falsch. Moral bewegt selten Menschen aufeinander zu. Nicht selten verführt Moral sogar dazu, Feindbilder aufzubauen und Andersartigkeit auszugrenzen (man denke an den Pharisäer im Tempel, Luk 18,9f).

Drittens ist Moral etwas Allgemeingültiges, d.h. für die Allgemeinheit Gültiges. Darum aber kennt sie keinen Einzelfall, nicht das Individuelle und Besondere und schon gar keine Ausnahmen. Der reinen Moral fehlt die Dimension der Barmherzigkeit. Jesus lebte eine andere Moral. Nicht die Moral, die aus einem Gesetzbuch stammt und eins zu eins als Meßlatte an das Leben angelegt wird. Sondern eine Moral, die aus einem Herzen kommt, das liebt. Es liegt im Wesen der Moral, Bedingungen zu stellen. Während Liebe zunächst einfach etwas Bedingungsloses ist. Nicht umsonst übte Jesus deshalb gerade auf die moralisch zweifelhaften Subjekte seiner Gesellschaft einen so ungeheuren Reiz aus.

Ich habe Moral als "Leitplanke" bezeichnet. Aber - es sind nicht die Leitplanken, die den Verlauf einer Straße festlegen dürfen. Sie können es erleichtern, auf der Straße seinen Kurs zu halten und zu finden. Aber die Richtung muß durch das Ziel des Straßenplaners vorgegeben werden, und über den Verlauf wird auch die jeweilige Landschaft bestimmen, durch die eine Straße verläuft, selbst wenn dieser kurzfristig von der Hauptrichtung abweicht. Das große Ziel Gottes ist die Beziehung zu ihm selbst, zu der er jeden Menschen in seiner besonderen Seelenlandschaft nach hause führen möchte. Eben doch "Mensch, Herrz und liebe Gott". Moralische Leitplanken sind dabei sicher eine Hilfe, aber kein Selbstzweck.

In der Geschichte gab es unendlich viele Versuche, eine bessere Gesellschaft durch eine irgendwie geartete moralische Aufrüstung zu schaffen. Aber immer, wo Moral sich von der bedingungslosen Liebe entfernte, endete sie in Zwangsherrschaft und Schrecken. Eine Gesellschaft dagegen, die "Mensch, Herrz und liebe Gott" achtet und in den Mittelpunkt stellt - wäre das nicht traumhaft? Ich bin mir freilich nicht sicher, ob die Gesellschaft der moral values das gleiche meint.

Neulich unterhielt ich mich mit einer Freundin von uns. Sie und ihr Mann sind keine Christen, aber sie leben Familie in einer Art und Weise, die ich als vorbildhaft empfinde und auch bei Christen nur selten in ähnlicher Qualität kenne. Obwohl beide berufstätig, widmen sie ihren Kindern sehr intensiv ihre Zeit, vermitteln ihnen ihre Werte und leben sie auch vor. Die Kinder sind lebhaft und alles andere als gedrillt, aber im wahrsten und besten Sinne wohl-erzogen. Man merkt ihnen an, daß sie Eltern haben, die sie lieben und fördern und für sie da sind. Es ist einfach schön, mit so einer Familie zusammen zu sein.

Irgendwie kommen wir immer wieder auf das Thema Glauben zu sprechen. Neulich versuchte ich, ihr die Angst vieler Christen um den Verfall der Werte und um Ehe und Familie zu erklären. Darauf schüttelte sie heftig den Kopf und sagte: "Aber Ehe und Familie - das sind doch keine Werte!" Ich wunderte mich erst über eine solche Aussage ausgerechnet aus ihrem Mund, aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muß ich ihr Recht geben.

Ehe und Familie sind keine Werte . Sie sind Institutionen menschlichen Zusammenlebens, durchaus wert-voll und für meine Begriffe auch gott-gewollt. Aber es sind keine Werte . Liebe, Treue, Verantwortungsbereitschaft, das sind Werte. Diese Werte müssen in Ehe und Familie gelebt werden, und dadurch werden Ehe und Familie auch erst wirklich wert-voll. Ein Rahmen kann kostbar und für ein Bild wichtig und nützlich sein - aber er ist nicht das Bild, er kann es nicht ersetzen und besitzt niemals den inneren Gehalt eines Bildes. So ist es auch mit Werten und mit dem Rahmen, in dem Werte gelebt werden.

Wenn man sich das vor Augen hält, wird eigentlich um so deutlicher: Wie könnten die wahren Werte wie Liebe und Treue in einer Ehe und Familie jemals dadurch gefährdet werden, daß in einer anderen Lebensform ebenfalls versucht wird, die Werte von Liebe und Treue zu leben? Niemals natürlich!

Die christliche Gemeinde muß für das menschliche Miteinander unbedingt zu ihren Grundwerten zurück, die Jesus und die Apostel gelehrt haben: Die Hauptsumme aller Unterweisung ist Liebe (1.�Tim. 1,5). Es ist nicht ungefährlich, andere Dinge, die eine Rahmenfunktion für diese Werte erfüllen, zu den eigentlichen Werten zu erheben. Nicht selten werden darüber nämlich die wahren Werte aus den Augen verloren - und auch nicht erkannt, wenn sie unter anderen Rahmenbedingungen auftreten als den gewohnten. Schlimmer noch, wenn Wertvorstellungen im wesentlichen dazu dienen zu definieren, was man für un-wert hält.

Zur Zeit läuft im Kino ein Film, der all diese Gedanken wunderbar in Szene setzt. Ein bißchen geglättet und märchenhaft vielleicht, aber die Botschaft geht zu Herzen: Les Choristes / Die Kinder des Monsieur Matthieu.

Der etwas dickliche Musiklehrer Matthieu ist ein völlig unspektakulärer Mensch, der nach etlichen gescheiterten Lebensträumen als Aufseher in einer Anstalt für schwererziehbare Jungen strandet. Dort herrscht seitens der Direktion das Prinzip "Aktion-Reaktion": auf Fehlverhalten der Jungen (und das gibt es reichlich) folgt eine drakonische Strafe auf dem Fuß ("Etwas anderes verstehen die nicht"). Ansonsten besteht der Sinn der Anstalt darin, den Jungen das Nötigste an Unterhalt und Bildung zu gewähren - und sie im wesentlichen aus der Gesellschaft wegzusperren.

Die Jungens machen es dem neuen "Eierkopf" nicht einfach, aber Matthieu sieht in ihnen mehr als nur widerspenstige Monster. er erkennt ihre verschütteten Bedürfnisse. Und ihr verborgenes Potential. Er investiert in sie - Vertrauen, Zuwendung. Und er wagt ein Experiment mit ihnen: aus diesen "verkommenen Subjekten" einen Chor aufzubauen. Nach anfänglichem Sträuben fangen die Jungen Feuer. Matthieu gelingt es, mit ihrem Gesang aus ihnen ungeahnte Schönheit und Freude herauszuzaubern. Wie hat er da geschafft? Indem er ihnen eine Aufgabe zutraut, weil er ihnen ihre Würde wieder gibt, selbst dem Jungen, der so abgrundfalsch singt, daß er kurzerhand lieber zum lebendigen Notenpult umbenannt wird.

Das Prinzip Aktion-Reaktion kennen wir - es ist die Konsequenz einer Moral ohne Liebe, die wohl Maßstäbe setzt (und gute Maßstäbe setzt), aber nichts für ihre Umsetzung einbringt, außer abweichendes Verhalten zu brandmarken und es zu bestrafen.

Den Wertvorstellungen der Gesellschaft von einem folgsamen Kind und intakter Familie entsprachen diese Jungen nun wirklich nicht. Daß sie nichts wert waren, wurde ihnen oft genug vermittelt. Aber weil der selbst so desillusionierte "Eierkopf" jedem von ihnen einen Wert beimaß, konnte er auch Werte unter ihnen wecken, aufbauen und in sie hineinlegen. Vertrauen, Sinn für Schönheit, Sehnsucht nach dem Guten, Zusammenhalt, Liebe - alles Dinge, die diese Jungen dort nie kennen gelernt hatten, und die dort auch niemand bei ihnen gesucht hätte, gewinnen auf einmal Gestalt.

Der einzige, der in diesem Film eine intakte Familie besitzt, ist der Direktor. Aber er besitzt keinerlei Liebe. Er hat, wie wir oben sagten, den Rahmen für den Wert, aber nicht das Bild, nicht den Wert selbst. Er repräsentiert für die Jungen die moralischen Maßstäbe, aber er besitzt keine Menschlichkeit. Darum vermittelt er den Kindern auch nichts, das sie aufbaut und fördert, sondern sieht nur das, was seinen Maßstäben nicht entspricht und reagiert darauf mit unbarmherziger Härte.

Matthieu ist am Ende der, der niemals groß als Komponist herauskommen wird, wie er sich das einmal erträumte. Dessen Liebe von der Frau, die er verehrt, gar nicht erst wahrgenommen wird. Der das Heim verlassen muß, weil er dem Direktor ein Dorn im Auge ist, und mal wieder arbeitslos dasteht. Der in Konflikt mit manchen Regeln geraten ist.

Aber er hat bei vielen Menschen eine Segenspur hinterlassen und ihr Leben verändert. Weil er eine Moral besaß, die tiefer ging als äußerliche Maßstäbe. Weil er für die wahren Werte stand: Liebe, Güte, Hingabe.

Die moral values des amerikanischen Wahlkampfes sind mir nicht geheuer, so christlich sie sich auch nennen. Die moral values des Monsieur Matthieu dagegen gehen mir zu Herzen. Ein zunächst ganz unchristlicher Film - aber in diesem kleinen, dicklichen Mann steckt sehr viel von Jesus Christus.

Solche moral values wünsche ich unserer Gesellschaft. Die moral values des Monsieur Matthieu, die würde ich uns allen gerne unter den Weihnachtsbaum legen...


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