BIBELAUSLEGUNG, ANDERE BIBELARBEITEN

Opfere Gott dein Herz, aber verbrenne es nicht zu Asche

Wenn Gottes Gnade aus dem Blickfeld gerät und sich aus frommer Motivation unbarmherzige Härte breit macht. Gedanken zu Jephtas Geschichte.

"Und was soll ich noch aufzählen? Die Zeit würde mir nicht reichen, wollte ich von Gideon reden, von Barak, Simson, Jephta 1; sie haben aufgrund des Glaubens Königreiche besiegt, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, sie sind scharfen Schwertern entgangen; sie sind stark geworden, als sie schwach waren; sie sind im Krieg zu Helden geworden und haben feindliche Heere in die Flucht geschlagen. Andere haben Spott und Schläge erduldet,sie zogen umher, Not leidend, bedrängt, misshandelt. Sie irrten umher in Wüsten und Gebirgen, in den Höhlen und Schluchten des Landes. Sie alle wurden aufgrund des Glaubens (von Gott) besonders anerkannt." (aus Hebr. 11, 32-39)

Das Buch der Antihelden

Kaum ein anderes Buch in der Bibel kann so viele Rätsel aufgeben wie das Buch der Richter. Es schildert uns fremdartige, z.T. ziemlich schreckliche Ereignisse, die auf den ersten Blick eher in das Archiv "Sex, Blood and Crime" eines Revolverblattes zu passen scheinen als in eine Heilige Schrift. Noch dazu läßt es uns ziemlich allein damit, uns auf diese Geschehnisse einen Reim zu machen. Sind sie etwa gottgewollt? Sollen Sie uns womöglich in irgendeiner Weise zum Vorbild dienen — oder doch eher als abschreckendes Beispiel?

Eins weiß man nach der Lektüre ganz gewiß: dass Gott sich nicht die geringsten Illusionen über uns Menschen macht, auch nicht über gläubige Menschen. Wie anders klingen diese Geschichten aus dem Richterbuch als die in den sogenannten Apokryphen, einer Art "Erbauungsliteratur" als Zusätze zur eigentlichen Schrift, wie Judith oder die Makkabäerbücher. Hier sind Fromme stets ungeheuer tugend- und heldenhaft und manches erinnert doch irgendwie eher an eine Oper denn an das reale Leben. Da werden in der schlimmsten Not noch ellenlange Preis- und Dankgebete gesprochen, da werden qualvollste Foltern durch die Gottlosen in edler Standhaftigkeit ertragen und den Bösen ausgiebige moralische Lehren erteilt. Dagegen bieten Israels Richter in ihrer ganzen Unvollkommenheit geradezu einen schreienden Kontrast. Nein - Erbauungsliteratur scheint uns das, was wir da lesen, nun ganz und gar nicht zu sein.

Ein Schlüsselvers aus dem Richterbuch heißt: In jenen Tagen... tat jeder, was ihm recht erschien (Ri 17, 6 / 21, 25). Tatsächlich führt uns das Buch der Richter drastisch vor Augen, wohin der Mensch kommen kann, wenn sich jeder seine Maßstäbe selbst zurechtlegt. Nun ja, dafür hat unsere Zeit eigentlich bereits genügend eigene Beispiele an himmelschreienden Unmenschlichkeiten. Braucht man da noch blutrünstige Geschichten von vor über dreitausend Jahren?

Interessant bis heute wird für mich dieses alte Buch freilich weniger da, wo es einfach darum geht, dass Menschen sich von Gott abkehren und tun, was ihnen gefällt. Sondern vielmehr dort, wo man ausgerechnet in ihrem Dienst für Gott feststellt, dass hier das, was ihnen recht erschien, eine größere Rolle zu spielen schien als das, was Gott sich darunter vorgestellt hatte. Wo Menschen kein heilloses Leben, sondern etwas demonstrieren, was ich eine "heil-lose Frömmigkeit" nennen will. Und da wird das Handeln dieser vorzeitlichen Menschen bei näherer Betrachtung auf einmal hochaktuell!

Vielleicht führt uns dies keiner so sehr vor Augen, wie eine der schwierigsten Richtergestalten dieses Buches: Jephta. Seine Geschichte erstreckt sich über die Kapitel Richter 10,6 - 12,8 und ist für meine Begriffe durchaus lesenswert. Dennoch will ich hier eine Kurzzusammenfassung geben.

"Was wollte ich reden von Jephta" - seine Geschichte

Israel hat sich, wie so oft schon, von der alleinigen Verehrung seines Gottes abgekehrt und den Götzendienst seiner Nachbarvölker übernommen. Gott zieht darauf seinen Schutz zurück und empfiehlt seinem Volk ironisch, sich doch bitte an seine neuen Götzen um Hilfe zu wenden. Kriegerische übergriffe durch das benachbarte Volk der Ammoniter machen vor allem den Israeliten ostwärts des Jordan in der Landschaft Gilead zu schaffen. (Diese hat ihren Namen von dem vorzeitlichen Helden Gilead, dem Enkel des israelitischen Patriarchen Manasse, ebenso wie der Vater Jephtas, der gleichfalls Gilead heißt.)

Götzendienst als Untreue Israels an Gott wurde von den späteren Propheten häufig als "Hurerei" bezeichnet, was eine ganz praktische Seite hatte durch die in den kanaanitischen Religionen übliche Kultprostitution, die vermutlich die "Heilige Hochzeit" mit der Gottheit symbolisierte. Prostitution selbst war in Israel verboten, während unter den umliegenden Völkern sowohl kultische, wahrscheinlich aber auch nichtreligiös motivierte Prostitution ein verbreitetes Phänomen darstellte. Vor allem in grenznahen Gebieten wie Gilead gab es womöglich auch damals schon jene ganz eigene Art von "Straßenstrich", auf dem israelitische Männer das finden konnten, was das Gesetz ihres Volkes an sich nicht gestattete.

In diesem Kontext ist Jephtas Herkunft besonders anrüchig, denn sein Vater Gilead zeugte Jephta eben mit einer solchen Hure, am ehesten also einer Nichtisraelitin. Auf jeden Fall ist Jephtas Mutter keine offizielle Ehefrau Gileads, dennoch scheint Jephta selbst von seinem Vater als Sohn anerkannt und mit den anderen Kindern in seinem Hause aufgezogen worden zu sein. Allerdings verjagen seine Halbbrüder später (vermutlich nach dem Tod Gileads) den "Bastard" aus dem Haus und Jephta wird Anführer einer Streifschar vogelfreier Männer - was wohl eigentlich als freundlichere Bezeichnung für eine Räuberbande aufgefaßt werden muß.

Die Stadtältesten erinnern sich freilich des kampfesmutigen Jephta, als die übergriffe der Ammoniter immer bedrohlicher werden, holen ihn zurück und ernennen ihn zum Anführer der israelitischen Streitmacht. Jephta, ein gläubiger Mann, wird von Gott als Richter bestätigt - der Geist des Herrn kam über Jephta. Seine Versuche, auf diplomatischem Weg mit dem König der Ammoniter noch zu einer friedlichen Lösung zu gelangen, schlagen fehl und Gileads Heer zieht mit Jephta an der Spitze in den Krieg.

Hierbei legt Jephta ein folgenschweres Gelübde ab: Sollte er siegreich zurückkehren, will er das erste, was ihm aus seinem häuslichen Anwesen entgegenkommt, Gott als Brandopfer darbringen. Tatsächlich werden die Ammoniter vernichtend geschlagen. Jephtas triumphaler Einzug in seine Heimatstadt nimmt jedoch eine katastrophale Wendung: Als erstes kommt ihm nicht ein Schaf oder ein Rind, sondern zu seinem Entsetzen seine eigene und einzige Tochter entgegen. Dennoch fühlen Jephta und übrigens auch seine Tochter sich an sein Gelübde gebunden, und er tat mit ihr, was er gelobt hatte.

Im Nachklang wird noch erzählt, wie die Angehörigen des Bruderstammes Ephraim, der westlich des Jordan lebte, Jephta angreifen, weil er versäumt habe, sie als Verbündete mitkämpfen und -siegen zu lassen. Jephta weist dies von sich und wirft vielmehr den Ephraimitern vor, ihm nicht zu Hilfe gekommen zu sein. Der Streit endet mit blutigen Kampfhandlungen, bei denen die Ephraimiter besiegt werden. Anekdotisch schildert der letzte Abschnitt, wie die ephraimitischen Flüchtlinge an den Jordanfurten an ihrer dialektbedingten speziellen Aussprache des Lautes "Sch" im hebräischen Wort "Schibbolet" erkannt - und getötet werden.

Eine blutige, eine bedrückende und eine fremdartige Erzählung. Was wollen wir anfangen mit diesem Jephta, den wir einerseits sicher bedauern, vor dessen Handeln es einem aber eher grausen mag? Wollte der Hebräerbrief, der ihn auch noch in das Pantheon der sogenannten Glaubenshelden einreiht, uns womöglich seine Opferbereitschaft zum Vorbild machen? Oder wird er in der Bibel bloß aus einer Art Nationalstolz erwähnt, weil er ein siegreicher israelitischer Feldherr war? Die Jephtageschichte dürfte schon manchen Leser veranlaßt haben, lieber hastig weiterzulesen, weil er sich einfach keinen Reim darauf machen konnte.

Mich hat der Mann und seine Geschichte gepackt. Er kann uns viel mehr über die Stärken und Schwächen unseres eigenen Glaubens verraten, als wir vielleicht zunächst wahrnehmen.

"Du bist der Sohn einer anderen" -Jephtas Ausgrenzung (Richter 10,17 - 11, 11)

Am Anfang des Richterbuches finden wir eine Art Leitmotiv für alle anschließenden Einzelgeschehnisse:

"Rasch wichen sie von dem Weg ab, den ihre Väter, den Geboten des Herrn gehorsam, gegangen waren. Sie handelten nicht so (wie ihre Väter). Wenn aber der Herr bei ihnen Richter einsetzte, dann war der Herr mit dem Richter und rettete die Israeliten aus der Gewalt ihrer Feinde, solange der Richter lebte; denn der Herr hatte Mitleid mit ihnen, wenn sie über ihre Feinde und Unterdrücker klagten. Sobald aber der Richter gestorben war, wurden sie rückfällig und trieben es noch schlimmer als ihre Väter, liefen anderen Göttern nach, dienten ihnen und warfen sich vor ihnen nieder."

Auch am Beginn der Jephtageschichte steht eine solche Situation. Wer ist der Mann, der den Kampf aufnimmt, fragen sich die Leute. Wen wird Gott sich erwählen, der Israel aus seiner selbstverschuldeten Not heraushilft und wer soll dem Abfall von Gott Einhalt gebieten? Niemand weiß es, denn kein Richter ist da, der Israel anführt, schon seit achtzehn Jahren nicht mehr.

Nun, Gileads rechtmäßige Söhne und die ältesten seiner Stadt Mizpa wissen zumindest ganz klar, wer für so etwas nicht in Frage käme: ihr Halbbruder Jephta, der Bastard, Sohn einer Hure. Ein Skandal, dass ihr Vater ihn mit seinen anderen Kindern aufwachsen ließ, ihrer Mutter wie zum Hohn. Sagte Gottes Gesetz nicht ganz klar: In die Versammlung des Herrn darf kein Bastard aufgenommen werden (Deut 23,3)!? War Prostitution nicht streng verboten und dem Herrn ein Gräuel (Deut 23, 18.19)? War nicht wegen dieser Dinge das Strafgericht über die Völker Kanaans gekommen und jetzt auch über Israel selbst, da es die Kanaaniter mit ihren abartigen Sitten nachahmte? Und da spazierte ihnen die Frucht dieser Entgleisung Gileads noch tagtäglich vor der Nase herum! Das musste ein Ende haben. Deutlich (und kaum zum ersten Mal!) ließen sie Jephta spüren, dass er nicht dazugehörte, dass seine Existenz für jeden Gottesfürchtigen eine Zumutung und dass in ihren Reihen kein Platz für ihn war: Du bist der Sohn einer anderen! - und sie jagten ihn fort wie einen Hund.

Natürlich schwangen hier (wie das meist so ist!) durchaus materielle Interessen mit. Vermutlich war Jephta ja sogar der Erstgeborene, dem an sich der doppelte Anteil am väterlichen Erbe zustand — dass womöglich dieser Hurensohn den Löwenanteil der Güter für sich beanspruchen würde, wollten seine Brüder mit aller Macht verhindern. Aber für seine Verstoßung scheint das Einverständnis der ältesten Gileads nötig gewesen zu sein, wie Jephtas rückblickende Bemerkung andeutet — und dort dürfte das geistliche Argument den Ausschlag gegeben haben: der Sohn einer kanaanitischen Hure musste verschwinden aus dem Kreis der Rechtschaffenen. Jephtas Erinnerung an sein Leben in Mizpa fasst er nachher zusammen in der äußerung: Ihr habt mich gehasst.

Jephta flieht in das Land Tob, das wahrscheinlich östlich von Gilead und nördlich von Ammon lag. Um ihn scharen sich solche, denen es ähnlich ergangen sein mag wie ihm, andere Männer, die nichts zu verlieren hatten, und die seine Führerqualitäten erkennen. Das Ganze läßt an David während der Zeit seiner Verfolgung durch König Saul denken. Auch er wurde dazu gezwungen, das Dasein eines "Freischärlers" zu führen und auch ihm schlossen sich Männer an, die unter Druck standen oder erbitterten Gemütes waren (1. Sam 22, 2).

Grund zur Erbitterung besteht für Jephta genug. Schließlich hat er sich seine Abstammung nicht ausgesucht. Die Ausgrenzung trifft ihn für etwas, wofür er gar nichts kann. Sie trifft ihn im scheinheiligen Gewand, unter dem seine Brüder Macht- und Besitzgier, Neid und Mißgunst nur mühsam verborgen hatten. Sie trifft ihn, ohne seinen ernsthaften Glauben, mit dem er gewohnt war, alle seine Angelegenheiten vor den Herrn zu bringen, anzuerkennen. Und sie trifft ihn ungeachtet seiner Fähigkeiten: er ist ein tapferer Held. So haben ihn die ältesten noch in Erinnerung, und auch in seiner Situation als Geächteter kommt seine Gabe, Menschen im Kampf anzuführen, schnell wieder zur Geltung. Doch Jephtas Person, sein Glaube, seine Kompetenz — all das zählt nicht. Er ist ein Bastard, der Sohn einer Hure, das reicht, um ihn geistlich und menschlich abzuqualifizieren.

Aber als die Bedrohung durch die Ammoniter zunimmt und Krieg droht, ist in Gilead guter Rat teuer. Der einzige, der die Fähigkeiten hat, um den bedrängten Israeliten zu helfen, scheint ausgerechnet der verjagte Jephta — und auf einmal ist er wieder gut genug, wie er selbst bitter anmerkt. Ja, auch geistliche Rechtschaffenheit kennt durchaus die Gesetze von Vorteil und Nutzen, wie oft haben die Ausgegrenzten aller Zeiten und Kulturen dies schon festgestellt. Je unentbehrlicher und "verdienter" sich jemand in der Gemeinde Jesu gemacht hat, desto eher bleiben auch seine dunkelsten Schattenseiten gerne ignoriert, während bei anderen womöglich Geringfügigkeiten an den Pranger gestellt werden.

Die Not treibt die ältesten zu der demütigenden Reise nach Tob, um Jephta um Hilfe zu bitten. Ihre Entschuldigung klingt dann ziemlich lahm: Eben drum - verzichtet aber wenigstens auf rührselige Ausflüchte. Auf diese Kehrtwendung und ihr Angebot, Oberhaupt Gileads zu werden, reagiert Jephta verständlicherweise zunächst mit Misstrauen. "Warum kommt ihr jetzt zu mir?" fragt er. Soll er die ältesten nicht lieber zum Teufel jagen, sollen sie nicht selber sehen, wie sie jetzt ihren kostbaren, ach so rechtschaffenen Hals retten? All dies mag ihm durch den Kopf geschossen sein - aber schließlich geht er auf ihre Bitten ein. Was mag ihn dabei bewegt haben?

Natürlich wird ihn die Führungsposition gelockt haben — was für eine "Karriere"! Eben noch vogelfrei und jetzt erster Mann der Nation! Und was für ein Triumph gegenüber seinen Brüdern, die sich vermutlich vor ärger auf die Lippen bissen! Wie konnte er ihnen als Oberhaupt Gileads alles Ungemach und alle Demütigung heimzahlen!

Aber — dies scheint mir gar nicht sein hauptsächlicher Beweggrund. Denn er selbst hatte in der Abmachung die angebotene Stellung an die Bedingung eines militärischen Sieges gekoppelt: Wenn ihr mich zum Kampf gegen die Ammoniter holt, und der Herr sie vor meinen Augen preisgibt. Die Erfüllung genau dieser Bedingung jedoch gefährdet er anschließend durch seine diplomatischen Friedensbemühungen. Wäre erst die Gefahr durch Verhandlungen allein abgewendet worden, hätten die ältesten die Erfüllung ihres Versprechens womöglich verweigert. Von daher sind es nicht einfach nur selbstsüchtige Motive oder Rachegelüste, die für Jephta den Ausschlag geben. Vielmehr scheint es ihm ein wirkliches Anliegen zu sein, Israel aus der Bedrängnis zu helfen, obwohl er von seinem Volk nicht gerade besonders viel Gutes erfahren hatte.

Damit wiederholt Jephta auf der menschlichen Ebene genau den Vorgang, der uns in Kapitel 10, 9-16 zwischen Israel und Gott beschrieben wird: auch mit Gott hatte man nichts mehr zu tun haben wollen, hatte sich anderen Göttern zugewandt. Plötzlich in der Bedrängnis besann man sich wieder auf den starken Gott und bat ihn um Hilfe. Auch Gott fragt zunächst wie Jephta: "Warum kommt ihr jetzt zu mir — ihr hattet mich doch verworfen. Sucht eure Hilfe woanders!" Aber auf das reumütig-flehentliche Bitten der Israeliten hin entschließt sich Gott am Ende doch, ihnen beizustehen: Da konnte er das Elend Israels nicht länger ertragen.

Wenn Jephta ein Mann des Glaubens und nach dem Hebräerbrief sogar einer der "Helden des Glaubens" war, so ist er für mich hier ein Held der Versöhnungsbereitschaft. Die Ausgrenzung hat es nicht geschafft, ihn bitter zu machen. Das ist mehr, als mancher Leidensgenosse Jephtas von sich behaupten könnte. Vielleicht hatte er nicht selten darum gebetet, dass Gott das an ihm begangene Unrecht rächen möge. Er hätte nun allen Grund gehabt, die, die ihn bitter gekränkt hatten, ihrem Schicksal, ihrer "gerechten Strafe" zu überlassen. Aber er tat es nicht. Er hätte allen Grund gehabt, dieser scheinheiligen Sippschaft kein Wort zu glauben. Aber er tat es. Es schimmert etwas von Gottes Wesen darin auf, wie Jephta den ältesten Gileads die Hand reicht. So, als ob auch ER ihr Elend nicht länger ertragen könne.

"Was haben wir gegeneinander?" - Jephtas Verhandlungen (Ri 11, 12-28)

Jephta, dieser Mann ohne Bitterkeit, sucht, als er in seine Heimatstadt Mizpa zurückkehrt, nicht den Triumph über seine Brüder, sondern bringt dort seine Angelegenheiten vor den Herrn. Er, der frischgebackene Kriegsherr, ringt vor Gott um eine Lösung ohne Blutvergießen. Dies ist merkwürdig. Sein Schicksal hat ihn zu einem Mann mit einem blutigen Handwerk gemacht. Er ist ein tapferer oder ein streitbarer Held. Aber es scheint, dass er den Kampf nicht um des Ruhmes und den Krieg nicht um des Tötens willen liebt. Vielmehr demonstriert er, dass ihm weniger am Sieg liegt, obwohl der für ihn das Sprungbrett für einen märchenhaften Aufstieg bedeuten würde, als wahrhaft am Frieden, selbst wenn dieser für ihn persönlich das Risiko beinhaltet, dass die ältesten sich ihres Versprechens ledig sehen könnten.

Es gibt Mutmaßungen, dass Jephtas Mutter eine Ammoniterin gewesen war und dass er deshalb keinen Krieg gegen dieses Volk führen wollte. Allerdings gibt uns der Text darauf keinerlei Hinweis. Eventuell bestanden zwischen Jephta, dem Streifscharführer aus dem Grenzland zu Ammon und deren König schon Abkommen aus früherer Zeit. Aber auch hierauf lässt die ansonsten so ausführliche Schilderung nicht sicher schließen. Vielleicht ist Jephta sich auch einfach unsicher geworden, ob Israel in diesem Krieg gewinnen wird. Allerdings klang er kurz zuvor noch recht zuversichtlich.

Jedenfalls versucht er, den Angriff der Ammoniter auf dem Verhandlungswege aufzuhalten und einen friedlichen Ausgang für beide Völker zu finden. Zweimal werden Boten hin und her geschickt.

Sicher war Jephta realistisch genug, sich nicht allzu große Hoffnungen zu machen. Selbstverständlich war der vom König der Ammoniter geäußerte Vorwurf, Israel habe sich widerrechtlich ihr Land angeeignet, ein Scheinargument, das nicht an der Klärung juristischer Verhältnisse interessiert war. Bemerkenswert aber, dass man auch vor dreitausend Jahren schon nach einer Rechtfertigung für einen Angriffskrieg suchte. Es sage keiner, damals habe man kein Empfinden dafür gehabt, dass es Unrecht ist, einen Krieg zu beginnen. Und es entgeht wohl auch keinem Leser, dass die Vorwände, die die Kriegsherren heute auftischen, keinen Deut origineller sind als damals...

Jephtas Versuch und seine Argumentation lassen zwei Aspekte erkennen, die typisch für Jephta zu dieser Zeit gewesen sein mögen. Beides sind Eigenschaften, die ein Ausgegrenzter als positive Frucht seiner Erfahrung mitbringen kann: seine Versöhnlichkeit und sein Gerechtigkeitsempfinden. Denn es sind genau die Dinge, die er vermissen musste, und deren Stellenwert er um so mehr zu schätzen wußte. Jephta hat Härte, Unbarmherzigkeit und Unrecht erlebt. Er hätte darüber verbittern und selbst ein harter und unversöhnlicher Mann werden können, dem nur noch an der Wahrung seiner persönlichen Rechte lag. Dann hätte er Unbarmherzigkeit und Unrecht nicht nur erlebt, sondern sie hätten quasi den Sieg über sein Leben davongetragen. Wie ein Virus, das seinem Wirt die Vervielfältigung seines Erbmaterials aufzwingt, hätten sie ihn zu jemanden gemacht, der die Krankheit von Härte und Ungerechtigkeit weiter- und weiterträgt.

Aber (noch!) ist Jephta nicht bitter. Er sucht nicht den Schlag, sondern den Handschlag: "Was haben wir gegeneinander, um Krieg zu führen?" lässt er den Ammoniterkönig fragen. Jephta weiß aus seiner Erfahrung wahrlich nur zu gut, was man gegen jemanden haben könnte. Aber er weiß auch, dass man deshalb keinen Krieg führen muß, dass man zu einer Einigung kommen kann. Er weiß auch zu gut, was es bedeutet, wenn man dessen beraubt wird, was einem nach eigener überzeugung zusteht, um über den Vorwurf des Landraubs einfach hinwegzugehen. In einer langen Argumentation versucht er dem Ammoniterkönig zu beweisen, dass ihm das Unrecht, das er Israel vorwirft, nicht geschehen ist. Nebenbei enthüllt Jephta, der Bastard, dessen rechten Glauben man nicht hatte gelten lassen wollen, eine äußerst detailgetreue Kenntnis der Geschichte Gottes mit Israel. Jedoch - alle Rechtsdarlegung der tatsächlichen Besitzverhältnisse, alle fehlgeschlagenen Angriffskriege gegen Israel, die Jephta dem Ammoniter aufzählt, nützen nichts.

Vermutlich nicht zu Jephtas überraschung schlägt der König alles, was Jephta vorgebracht hat, in den Wind, der Krieg lässt sich nicht mehr vermeiden. Mit Recht aber kann der Führer der Israeliten sagen: Ich habe dir kein Unrecht getan, aber du willst mir Böses antun, indem du den Kampf gegen mich eröffnest. Der Herr soll unser Richter sein!

"Wehe, ich habe dem Herrn ersprochen und kann nicht mehr zurück" - Jephta opfert seine Tochter (Ri 11, 29-40)

Wie gut beginnt dieser Abschnitt: Da kam der Geist des Herrn über Jephta. Etliche der Richter wurden durch Engelserscheinungen in ihr Amt berufen. Jephta, der Hurensohn, schien zunächst nur ein von Menschen bestellter Richter zu sein. Doch jeder Leser (und jeder Israelit), der bisher noch Zweifel an seiner göttlichen Berufung gehabt haben mochte, wird nun eines besseren belehrt. Gott bestätigt seine Bevollmächtigung. Jephta, der aus der Perspektive seiner Brüder nun sicherlich als letzter in Gilead hätte in Frage kommen dürfen, genau dieser ist der Erwählte Gottes.

Hervorgegangen aus einer illegitimen Beziehung mit einer vermutlich fremdländischen Kultprostituierten hatte er das Gesetz Gottes gleich zweifach gegen sich. Welche Zumutung für Rechtschaffene! Herr der Heerscharen Israels — hättest du dir unter all den Israeliten keinen aussuchen können, der weniger zweifelhafter Herkunft ist? Ist das vielleicht "schriftgemäß" - ein Bastard? Eine Frucht götzendienerischer Unzucht? Ein Vogelfreier und besserer Räuberhauptmann? Und war dies weise? Hätte das wankelmütige, zur Abgötterei neigende Volk Israel nicht ein ganz anderes Vorbild an seiner Spitze gebraucht als ausgerechnet diesen anrüchigen Jephta?

Wie wenig richtet sich Gott nach den Prinzipien, die seine Kinder zu allen Zeiten um ihn herum aufbauen! Wie oft übergeht er einfach, was Menschen in gutgemeintem Eifer für unabdingbare Notwendigkeit halten, um Gott entsprechen zu können. Gott selbst ist in seiner freien Gnadenwahl und Menschenfreundlichkeit viel unkonventioneller und freiherziger. Gott entschied sich für Jephta, trotz allem, was gegen ihn zu sprechen schien.

Durch den Geist ermutigt, zieht Jephta durch das Ostjordanland und die Menschen folgen seinem Ruf, so dass binnen kurzem ein Heer gegen die heranrückenden Ammoniter aufgestellt werden kann.

Am Beginn seines Feldzugs nun legt Jephta jenes verhängnisvolle Gelübde ab, das ihn ins Unglück stürzen soll: wenn Gott ihm den Sieg schenkt, dann will er Gott opfern, was immer mir als erstes aus der Tür meines Hauses entgegenkommt. Mit Sicherheit hatte Jephta hier an ein Tier gedacht, das Gott sich selbst erwählen sollte. Menschen und Tiere lebten damals unter einem Dach, so dass die "Tür" gleichzeitig "Stalltor" war. Auch die übersetzungsmöglichkeit WER immer mir entgegenkommt, spricht wohl nicht dafür, dass Jephta heidnisch genug beeinflusst war, um ein Menschenopfer von vornherein mit einzukalkulieren. Zu sehr hätte er dann bereits damit rechnen müssen, dass ihm ein lieber Mensch begegnen würde, sein Klageruf beim Anblick seiner Tochter klingt aber in all seinem Entsetzen völlig überrascht.

Jephtas Tochter bittet ihn lediglich, ihr eine Frist zu gewähren, in der sie ihre Jungfrauenschaft beweinen könne. Manche Ausleger interpretieren dies dahingehend, dass Jephta sie nicht tatsächlich opfern musste. Sie habe statt dessen eine lebenslange Abgeschiedenheit und Ehelosigkeit gewählt. Diese Variante ist zwar weniger unheimlich, überzeugt aber nicht ganz. Ausdrücklich heißt es ja, dass er tat, wie er gelobt hatte — und gelobt hatte er nun einmal ein Brandopfer.

Was hat es nun überhaupt mit solchen Gelübden auf sich? Diese aus vielen Religionen bekannte Praxis ist der heutigen Zeit fremd und wird allzu leicht mit einem Stoßgebet in der Not verwechselt, oder einem Versuch, Gott durch ein Versprechen quasi zu "bestechen" und seine Gunst zu erkaufen. Dieses verfremdete Verständnis entspricht jedoch nicht der ursprünglichen Bedeutung des Gelübdes. Nach der Bibel soll ein Gelübde in freier Entscheidung eines Menschen aus Dank und Erfurcht Gott gegenüber abgelegt werden, wobei der Mensch sich verpflichtet, für eine bestimmte Zeit auf eine Annehmlichkeit zu verzichten (z.B. Essen, Alkoholgenuß etc.) oder ein Opfer (ein Tier oder Feldfrüchte) zu bringen.

Die Bibel macht klar, dass Gott selbstverständlich reich genug ist, um welcher Gaben auch immer nicht zu bedürfen, sondern dass es ihm beim Gelübde auf die innere Herzenseinstellung des Menschen ankommt (vgl. Psl. 50, 7-15). Obwohl es zahlreiche Regelungen für den Fall eines Gelübdes im Gesetz gibt, ergeht dort nirgendwo eine Aufforderung, dass Gott vom Menschen überhaupt Gelübde verlange (Deut. 23, 23). Hat ein Mensch allerdings einmal etwas gelobt, wird er eindringlich davor gewarnt, dieses Gelübde nicht einzuhalten und damit zum Ausdruck zu bringen, dass er Gott nicht ausreichend ernst nimmt (vgl. Num. 30, 3; Deut. 23, 22; auch Pred. 5, 3-5). Von daher heißt es später im Buch der Sprüche wohl nicht zuletzt im Blick auf Jephtas Verhängnis:

"Es ist dem Menschen ein Fallstrick, unbedacht Gelübde zu tun und erst nach dem Geloben zu überlegen." (Spr. 20, 25)

Was hat Jephta dazu bewegt, dieses Gelübde abzulegen? Und, noch mehr, es dann auch einzuhalten, obwohl es zu so einer schrecklichen Wendung kam? Nun war das Geloben, wie gesagt, zur Zeit des Alten Testaments eine weithin geübte Praxis. Jephta wusste, dass eine große Aufgabe auf ihn wartete und dass für ihn persönlich auch einiges auf dem Spiel stand. Sein Gelübde ist von daher zunächst einmal nichts Besonderes.

Vielleicht aber hatte der Makel seiner Herkunft nicht nur seine frommen Mitmenschen, sondern auch ihn selbst dazu veranlasst, an Gottes Wohlwollen zu zweifeln. Seine Erwählung durch Gott und erst recht dann der überwältigende Sieg über die Ammoniter mag ihn einerseits mit großer Dankbarkeit erfüllt haben. Andererseits ließ sich womöglich die Angst, Gott könne ihn eigentlich nicht wirklich annehmen, oder zumindest ihn jederzeit wieder verstoßen, nie völlig abschütteln. Menschen in dieser Situation fühlen sich häufig gedrängt, Gott ihre Ergebenheit besonders beweisen zu wollen. Man denke an Martin Luther, den die angstvolle Frage nach dem gnädigen Gott ja vermutlich nicht erst als Mönch umtrieb. Vielmehr gab sie eher den Ausschlag für sein Gelübde, überhaupt ins Kloster zu gehen.

Etliche Menschen, die Ausgrenzung erlebt haben, werden (häufig viel mehr, als ihnen bewusst ist) von einer tiefen Sehnsucht "dazuzugehören" beeinflusst. Wir wissen nicht, ob Jephtas Gelübde öffentlich bekannt war und er sein Gesicht verloren hätte, wäre er der Erfüllung ausgewichen. Auf jeden Fall können wir davon ausgehen, dass nicht alle Menschen in Gilead sich willig dem neuen Richter untergeordnet hatten. Etliche dürften ihre geistlichen Vorbehalte und Zweifel an Jephtas Glaubwürdigkeit auch nach seinem Sieg nicht ganz verloren haben. Der Bruch eines Gelöbnisses wäre dann geradezu die Bestätigung, dass man nur zu recht hatte mit diesen Zweifeln.

Ist dies nicht ein Phänomen, das bis in unsere Zeit zu beobachten ist? Ein Mensch, dessen "echtes Christsein" aus irgend einem Grund in Frage gestellt wird, kann sich nicht den geringsten Fehltritt leisten, ohne dass dieser sofort als Beweis der Rechtmäßigkeit dieser Vorbehalte gesehen wird. Menschen, deren geistliche Glaubwürdigkeit angezweifelt wird, sehen sich mit einem viel größeren Perfektheitsanspruch von außen konfrontiert als andere. Mehr noch, sie verinnerlichen diesen häufig und legen selbst an sich besonders harte Maßstäbe an.

Dies sind nun vielleicht sehr modern klingende Erwägungen. Müssen wir uns nicht zunächst dies fragen: Hatte ein Mensch der Richterzeit denn überhaupt eine Wahl? Wie beängstigend selbstverständlich spricht sich seine Tochter selber das Todesurteil: Wenn du dem Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen hast, dann tu mit mir, was du versprochen hast! Auch sonst scheint niemand einen Versuch unternommen zu haben, Jephta zurückzuhalten. Konnte er überhaupt die Möglichkeit, Gott sei ein Gott der Liebe, der solche Opfer nicht wolle, ins Auge fassen? War der Gott Israels nicht doch im wesentlichen ein "Herr der Heerscharen", also der "Kriegsheere", ein Gott blutiger Opfer? Hatte er nicht schon Abraham diesen letzten Gehorsam abverlangt, seinen Sohn auf den Altar zu legen? Haben wir es nicht im 21. Jahrhundert einfach ein bisschen leicht, entsetzt den Kopf zu schütteln — oder erleichtert die Schultern fallen zu lassen, dass wir nicht mehr in einer Zeit der Menschenopfer leben?

Nun, gerade um unserer heutigen Zeit willen scheint es mir so wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, was selbst einem Jephta der Richterzeit hätte diesen Schritt ersparen können — ja, eigentlich hätte ersparen müssen.

Zunächst einmal: auch Menschen jener Zeit liebten ihre Kinder. Jephtas Tochter war sein einziges Kind, und sein schmerzhafter Weheruf lässt keinen Zweifel daran, was ihn dieses Opfer kostete. Wir kennen genügend sonstige Beispiele aus dem Alten Testament, wo die Liebe zu Kindern nicht nur größer war als fragwürdige Gelübde, sondern sich auch über unstrittige Gebote hinwegsetzte. Sei es der Erzvater Jakob, der Priester Eli, der Prophet Samuel oder der König David — ihre Liebe oder eben ihre Nachsicht gegenüber ihren Kindern übertraf zuweilen durchaus den Gehorsam gegenüber Gott oder auch nur der Vernunft. Jephta hätte also nichts Beispielloses getan, wenn er sich einfach geweigert hätte.

Aber auch einem Gott zum Gehorsam selbst-verpflichteten Jephta hätten andere Wege offen gestanden, und es bleibt rätselhaft, warum er anscheinend in den zwei Monaten Frist, die er seiner Tochter gewährt hatte, nach keinem Ausweg suchte. Zunächst einmal hätte er das Gesetz befragen können. Wir haben oben bereits von Gesetzespassagen gehört, die scharf davor warnen, ein einmal gegebenes Gelübde nicht einzuhalten. Andererseits sah das Gesetz eine ausdrückliche Regelung dafür vor, wie man einen Menschen aus einem Gelübde wieder auslösen konnte:

"Wenn jemand dem HERRN ein Gelübde getan hat, das abgelöst werden soll, und es sich um einen Menschen handelt, so soll das deine Schätzung sein: ...nach dem Gewicht des Heiligtums, ...ein Mädchen auf drei Lot Silber." (aus Lev.27,2-6)

Zudem hatte Gott die Menschenopfer der Kanaaniter eindeutig abgelehnt:

"So sollst du dem HERRN, deinem Gott, nicht dienen; denn sie haben ihren Göttern alles getan, was dem HERRN ein Greuel ist und was er haßt; denn sie haben ihren Göttern sogar ihre Söhne und Töchter mit Feuer verbrannt." (Deut 12,31)

Ein Gelübde in einer Weise zu erfüllen, die Gott ausdrücklich verurteilt, stellt bereits einen Widerspruch in sich dar (vgl. auch Deut 23, 19). Gottes Gesetz hätte Jephta also ohne Wenn und Aber aus seinem Gelübde entlassen.

Kannte Jephta vielleicht nur die Passagen, die auf das Einhalten eines Gelübdes drangen? Hielt er diese schon für so eindeutig, dass er fürchtete, im Rest der Schriften würde auch nichts anderes zu finden sein? Dass er auch keinen gesetzeskundigen Priester mehr aufsuchte, um sich aus der Schrift einen überblick, quasi einen Gesamtzusammenhang vermitteln zu lassen? Oder kannten die Priester sich womöglich auch nicht genauer aus? Waren die Menschenopfer der umliegenden Völker, die Abrahamsgeschichte mit der Opferung Isaaks und einige Gesetzesabschnitte zur Verbindlichkeit eines Gelübdes im Bewusstsein der Israeliten so unselig verquickt, dass es ihnen recht und billig erschien, dies auf Jephtas Tochter anzuwenden? Nun, eine Frömmigkeit, die völlig überzeugt ist, sich am Wort Gottes zu orientieren, sich in Wirklichkeit aber aus einer Mischung einzelner Schriftteile, zeitbedingter Auffassungen und manchmal merkwürdiger moralischer Prinzipien zusammensetzt, ist leider keine Seltenheit. Häufig finden wir dies sogar unter den besonders strikten Glaubensauffassungen.

Welch paradoxe Situation: Jephta handelte nicht gesetzlos aus mangelnder Frömmigkeit. Sondern er handelte in seiner Frömmigkeit ahnungslos am Gesetz vorbei. Es ist an sich nur natürlich, wenn Menschen in Bedrängnis beginnen, ihre bisherigen Glaubensvorstellungen in Frage zu stellen. Hätte Jephta unter dem Druck seiner Not nur den Schritt getan, sich über alle religiösen Vorstellungen hinwegzusetzen und im Wort der Schrift Gott selbst zu befragen! Genau diese Aufforderung wird schließlich im Gesetz unermüdlich an die Adresse aller Israeliten wiederholt:

"Er wird dir Gutes tun, wenn du... auf seine Gebote und Gesetze achtest, die in dieser Urkunde der Weisung einzeln aufgezeichnet sind... Versammle das Volk - die Männer und Frauen, Kinder und Greise, ... damit sie zuhören und auswendig lernen und den Herrn, euren Gott, fürchten und darauf achten, dass sie alle Bestimmungen dieser Weisung halten... Schenkt allen Bestimmungen eure Beachtung, ... das ist kein leeres Wort, das ohne Bedeutung für euch wäre, sondern es ist euer Leben." (Deut, 30,9.10 / 31,12 / 32, 46)

Vielleicht mögen manche anmerken, dass die Fünf Bücher Mose zu ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden wären, und Jephta die für ihn hilfreicheren Gesetzestexte womöglich noch gar nicht vorliegen konnten. Er habe eben in einer Zeit archaischer Kulte gelebt, in der Menschenopfer noch nicht verpönt waren wie in der späteren Tradition Israels. Nun - ich bin kein Theologe und ich glaube immer noch an eine göttliche übermittlung der Gesetze an Mose, und darin stellen die Menschenopfer der Kanaaniter bereits einen der ganz ursprünglichen Hauptgründe für ihre Vertreibung durch die Israeliten dar. Dennoch mag es sein, dass Jephta tatsächlich kein voller Gesetzestext zur Verfügung stand, den er hätte befragen können — einfach, weil es zu seiner Zeit niemand gab, der sie überhaupt gelesen hätte2. Denn die Richterzeit glänzt allgemein nicht gerade durch größte Gesetzeskenntnis. Aber musste Jephta Menschenopfer für "normal" halten?

Schließlich beweist Jephta in seiner Verhandlung mit dem König von Ammon eine sehr detaillierte Kenntnis der Geschichte Israels. Womöglich stammte sie nicht aus der Lektüre der Mosebücher, sondern aus mündlichen überlieferungen, sozusagen "Lagerfeuererzählungen", die von den Taten Gottes und denen der Gottesmänner in Israels Vergangenheit berichteten. Aber gerade in solchen Erzählungen konnte eine auf keinen Fall fehlen: die bereits erwähnte Opferung des Isaak durch den Stammvater Israels, Abraham. Da sich Israels Erwählung als Gottesvolk unter anderem aus dieser Tat herleitete, dürfte diese Geschichte bis in jede Einzelheit immer und immer wieder erzählt worden und jedem Kind in Israel bekannt gewesen sein.

Undenkbar, dass Jephta dieses Motiv und Beispiel nicht vor Augen standen in seiner Situation. Musste es ihn nun bestärken darin, seine Tochter ebenfalls auf den Opferaltar zu legen? Ich meine nicht. Ich meine sogar, es hätte ihm die ausgestreckte Hand Gottes geboten, die ihn durch alle Forderungen seiner Frömmigkeitsvorstellungen hindurch zu einem glücklicheren — und gottgewollteren — Ende hätte führen können.

Von daher möchte ich hier die Betrachtungen zu einigen Aspekten der Opferung des Isaak einschieben, insoweit sie für das Verständnis der Jephta-Geschichte unabdingbar wichtig erscheinen.

Einschub: Abraham und Isaak (Genesis 22)

Abraham dürfte wenigstens fünfhundert Jahre vor Jephta gelebt haben, stammte für diesen also ebenfalls bereits aus einer grauen und "archaischen" Vorzeit. Die Erzählung aus Genesis 22 von der Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn zu opfern, strapaziert den modernen Leser fast noch mehr als Jephtas unglückliche Geschichte. Wie immer man sie auch dreht und wendet, man kann dabei das Erschrecken vor Gottes Forderung an Abraham nicht umgehen. Vielleicht kein anderes Ereignis in der Bibel macht so deutlich, dass Gottes Erwartungen an einen Menschen sich nicht danach richten müssen, was in unseren Augen angemessen, rechtmäßig oder zumutbar erscheint. Und dennoch ist selbst dies eine Geschichte, die bei genauerem Hinsehen nicht nur den menschenfreundlichen Gott erkennen lässt, der sich dahinter verbirgt. Im Blick auf unsere Fragestellung zeigt sie vielmehr gerade in der scheinbar grenzenlosen Forderung Gottes, welche Grenze sich Gott selbst eben doch setzt.

Abraham hatte von Gott die Verheißung bekommen, Stammvater eines großen, von Gott gesegneten Volkes zu werden. Nur - Nachkommen wollten sich nicht einstellen, die diese Verheißung hätten wahrmachen können, und irgendwann waren Abraham und seine Frau Sara zu alt, um noch Kinder zu bekommen. Da geschah das Wunder — Sara wurde schwanger und gebar Isaak, dessen Name "Lacher" unter anderem ihrem späten Mutterglück Ausdruck verlieh.

Eines Tages, als Isaak noch ein Kind war, sprach Gott Abraham an, um ihn auf die Probe zu stellen, und sagte: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak — bis dahin mochte Abraham aus vollem und glücklichem Herzen zustimmen! Doch dann folgt ein schrecklicher Befehl: ...und bring ihn als Brandopfer dar! Beklemmend die schmerzbetäubte Wortlosigkeit, das fast mechanisch geschilderte Handeln, mit dem Abraham mit seinen Knechten und seinem Sohn schon am nächsten Morgen an den von Gott gewiesenen Ort zieht. Wir wissen nicht, was in Abraham auf der dreitägigen Reise vorging, ob und wie er innerlich mit Gott gerechtet hat.

Stellte sich ein Mensch jener Zeit die gleiche Frage, wie sie sich dem heutigen Leser aufdrängt: "Wie kann Gott etwas so Schreckliches verlangen?" Eine Weigerung schien ihm jedenfalls nicht in Frage zu kommen. Gott allein hatte ihm Isaak geschenkt, er hatte auch das Recht, ihn zu nehmen. Er war Gott, der Schöpfer und Richter über die ganze Erde (Gen. 18, 25) - und so gab es prinzipiell nichts, das er nicht hätte verlangen können. Die Bereitschaft, für Gott das Liebste und Beste zu opfern, oder zumindest in der Priorität hintan zu stellen, ist im übrigen ein Motiv, das sich durch die ganze Bibel zieht, und das wir auch bei Jesus finden: Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig (Matth. 10, 37).

Kindesopfer brachten die Bewohner des Landes dar, in dem sich Abraham aufhielt, wenn wohl auch nur in besonderer Not. Nun musste Abraham erfahren, dass auch sein Gott dies zu fordern schien. Abraham verehrte diesen Gott von ganzem Herzen. Aber es heißt auch, dass er ihm vertraute. Sonst hätte er es seinerzeit niemals wagen können, mit Gott um die Verschonung der Bewohner Sodoms zu verhandeln und regelrecht zu feilschen (Gen. 18,17-33) Der Hebräerbrief deutet an, dass sich Abraham in seiner Not noch an einer irrationalen Glaubenshoffnung festklammerte, dieser Gott, der für ihn schon so viele Wunder getan hatte, würde auch diesmal einen Ausweg schaffen, und sei es den, Isaak aus dem Tod zurückzuholen (Hebr. 11, 17-19).

Auch als er Isaak, der zu Recht ein mitgenommenes Opfertier vermisst, antwortet: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn, ist dies vielleicht nicht nur eine Ausrede, um dem Sohn die schreckliche Wahrheit zu verheimlichen, sondern spiegelt auch seine versteckte Hoffnung wider.

Die Bibel schweigt sich darüber aus, wie sich Isaak bei all dem verhielt. Er war ja aufgewachsen in einer Welt, in der Göttern Kinder geopfert wurden. Womöglich hatte er aus dem Fehlen eines Opfertiers längst den richtigen Schluß gezogen und ließ dies alles genauso willig geschehen wie Jahrhunderte später Jephtas Tochter: Dann tu mit mir, wie du versprochen hast! Schwer vorstellbar, dass Abraham es über's Herz gebracht hätte, seinen geliebten Sohn auch noch trotz seiner verzweifelte Gegenwehr und seines flehentliches Bitten um Verschonung auf den Altar zu legen!

Nichtsdestotrotz — irgendwann kommt der Moment, an dem Abraham tatsächlich bis zum äußersten gehen muß und das Messer nahm, um seinen Sohn zu schlachten. Doch in diesem Moment greift Gott endlich ein und verhindert die Katastrophe. Er zeigt Abraham einen Widder, den er statt seines Sohnes als Opfer darbringen soll.

Die Erzählung lässt einiges erkennen über Hingabe an Gott, sie begründet die besondere Position Israels in der Weltgeschichte, aber sie sagt uns auch einiges über das Menschenopfer und Gottes Haltung dazu.

Zunächst macht die Geschichte klar, dass Gott niemals die Absicht hatte, dieses Opfer wirklich zu verlangen. So schrecklich wir auch diese "Prüfung" empfinden mögen, die Gott Abraham in jenen drei Tagen der Ungewißheit zumutete - der Plan Gottes zielte von vornherein auf die Verschonung Isaaks hin, und gerade nicht auf seine Opferung. Wie fern dem Wesen Gottes das Opfern von Menschen liegt, können wir später aus Gottes "kopfschüttelnder" Klage gegenüber Jeremia ablesen: die Israeliten brächten ihren Götzen Kinderopfer dar, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist (Jer. 7,31).

Als Abraham das Messer zückt, heißt es, dass der Engel des Herrn ihn vom Himmel her anrief. Im doppelten Anruf: "Abraham, Abraham!" schwingt Gottes ganze dringliche Eile mit, Abraham eben noch rechtzeitig aufzuhalten. Bezeichnenderweise ist dessen Sinn dabei so verdüstert, dass er noch nicht einmal aufblickt, sondern nur dumpf: Hier bin ich antwortet. Der Engel Gottes beschränkt sich nun nicht darauf zu sagen: "Halt ein, ich bin zufrieden!". Vielmehr ruft er zwar vom Himmel her, stellt sich jedoch rhetorisch zwischen den Vater mit dem Messer und das gebundene Kind und breitet schützend seine Arme vor Isaak aus: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus! Und noch einmal: Tu ihm nichts zuleide! Kein Haar soll dem Kind gekrümmt werden.

Erst da kann Abraham aufblicken und den Widder wahrnehmen, der dort bereits in den Dornensträuchern festhängt und von Gott längst als Ersatzopfer gedacht ist.

Nach dem Opfer meldet sich die Stimme Gottes noch einmal mit einer Verheißung, die Gott mit einem Eid besiegelt. Weil du das getan hast, beginnt sie, soll Abraham und seine Nachkommenschaft für immer gesegnet sein. Weil du das getan hast... Selbst von Jesus heißt es zuweilen, dass er sich über einen Glaubensbeweis einzelner Menschen "wunderte": Weil du das gesagt hast, spricht er einmal zu einer wider alle Umstände vertrauensvoll argumentierenden Frau, und erfüllt daraufhin ihre Bitte (Mk 7, 29). Weil du das getan hast...Fast meint man hier eine Art von Erschütterung herauszuhören, als hätte Gott mit dieser Bereitschaft Abrahams kaum rechnen dürfen. O ja, Gott weiß wohl, dass das, was er von Abraham verlangt hat, haarscharf daran vorbeiging, einen menschlichen Vater am geforderten Gehorsam zerbrechen zu lassen.

Gottes Reaktion lässt erkennen, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Erwartung Gottes an einen gewöhnlichen Menschen handelt. Vielmehr richtet Gott eine besondere, geradezu beispiellose Forderung an einen ganz besonderen Menschen. Und wenn Gott Abrahams Opferbereitschaft selbst als etwas Außerordentliches darstellt, zeigt dies, dass er das Opfer eines Kindes überhaupt für außer-ordentlich, d.h. außerhalb der Ordnung stehend ansieht. Die Forderung Gottes an Abraham hat etwas Einzigartiges, das nicht mehr wiederholt werden soll.

Abraham erlebte diese einzigartige Prüfung zum einen stellvertretend einer für alle. Denn weil Abraham diese Bereitschaft gezeigt hatte, wurde der Segen ganz Israel ein für alle mal zugesprochen. Kein israelitischer Vater aus seiner Nachkommenschaft brauchte ihn auf's Neue zu erwerben. Hatte Gott nicht einmal Abrahams Kind als Opfer wirklich gewollt, dann erst recht kein anderes mehr, nachdem der Segen Israels durch Abraham bereits feststand. Abraham lebte, bevor irgendein Gesetztext der Mosebücher existierte, der die Auslösung und den Schutz des Menschenlebens regeln konnte. Er mußte diese schreckliche Prüfung somit zum zweiten als Demonstration, als lebendiges Beispiel erleiden, damit niemand sonst mehr fürchten musste, Gott verlange das Opfer eines Kindes tatsächlich.

Unweigerlich kannte Jephta diese Geschichte Wort für Wort. Hätte Jephta dies nur herausgehört, wie Gottes Engel sich zwischen das Kind und das Opfermesser gestellt hatte. Hätte er es nur wie seinerzeit Abraham in seiner Bitte für Sodom gewagt, das Wort an Gott zu richten und mit ihm zu verhandeln, ihm zweimal vorzuhalten: Das kannst du doch nicht tun! Hätte er nur begriffen, dass Gott die Abrahamsgeschichte nicht mehr wiederholen wollte:

"Abraham, Abraham, ...weil du das getan hast, und mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle, und deine Nachkommen... sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen."

Kein Nachkomme Abrahams brauchte damit für den Sieg über "das Tor der Feinde" Israels erneut das Blut seines Kind einzusetzen.

Erst recht beginnt es uns von der Perspektive des Neuen Testaments her in den Ohren zu klingen. Die heilsgeschichtliche Vor-Bedeutung des Abrahamsmotives wird in Christus, dem Sohn Gottes, erfüllt: Kein irdischer Vater soll sein Kind opfern müssen. Der einzige Vater dieser Welt, der sich dies zumuten wollte, war Gott selbst, da er die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab (Joh. 3,16). Und in diesem Opfer seines Sohnes ist ein für alle Mal der Segen der Erlösung erworben, ein weiteres Opfer ist nicht mehr nötig (vgl. Hebr. 10,10.14.18)

Jephta aber vernimmt die Botschaft der Abrahamsgeschichte so nicht. Er ist befangen in einem Glaubensgefüge, in dem Gott sich seine Hilfe mit einem furchtbaren Preis bezahlen lässt. Jephtas Gott ist ein gerechter Gott, ein mächtiger Gott, ein Gott der Hilfe, ein Gott, der Jephtas Leben verändert hat. Aber er ist auch ein fordernder Gott. Dies sind die Frömmigkeitsvorstellungen seiner Welt, aus denen er sich nicht lösen kann.

Wäre sein Opfer nicht so schrecklich, müsste man sich an Jephta ein Beispiel nehmen. Er richtet ein Gebet an Gott und erwartet sein antwortendes Handeln, dem er sich auch dann nicht entzieht, als es ihn etwas kostet. In irgend einer Weise ist Jephta ein "Held des Glaubens" - und des Glaubensgehorsams. Aber sein Gehorsam hat etwas Erstarrtes an sich. Jephta verstummt vor diesem Gott und beugt sich vor seinem (vermeintlichen) Willen, und genau damit verliert er ihn selbst aus seinen Augen.

An den wirklich großen Gestalten der Bibel entdecken wir dagegen mehr als solch einen verstummenden Glaubensgehorsam: eine Beziehung, die Gott als persönliches Gegenüber begreift, mit dem man auch ringen und rechten kann und muß. Den man überschütten darf mit Fragen und Klagen, dem man "ans Herz greifen" kann. Solch ein Mensch war letztlich auch Abraham. Solche Menschen waren Hiob, Mose, David, Jeremia und viele andere. Sie alle ragen mit diesem ihrem Glauben heraus aus den üblichen frommen Vorstellungen ihrer Zeitgenossen. Darum hat uns ihr Glaubensleben so viel mehr zu sagen, ermutigt uns, dem Gott, dem wir folgen, auch zu vertrauen.

Jephtas Geschichte dagegen ist düster geworden. Und sie soll im Missklang enden. Die Bibel schweigt sich darüber aus, was sich zwischen Jephta und seiner Tochter vor und bei der Opferung weiter abspielte. Statt dessen folgt ein in aller Grausamkeit fast kurios scheinender Anhang zum Zwist mit den Ephraimitern, dessen Sinn man an dieser Stelle zunächst vielleicht gar nicht ganz erkennen kann. Aber wie oft im Alten Testament liefert uns eine indirekte Schilderung von Folgeereignissen den Kommentar zur vorangegangenen Handlung. So macht der Umgang von Jephtas Soldaten mit den Ephraimitern erst deutlich, wie bitter Jephtas Gemüt geworden war und wie zerstörerisch sich ausgerechnet seine so fromm motivierte Tat auswirken sollte.

Das Massaker an den Ephraimitern (Ri 12, 1-7)

Jephta bleibt wenig Zeit für seinen Schmerz. Das israelitische Brudervolk von der anderen Jordanseite, die Ephraimiter, ziehen bewaffnet nach Gilead und überschütten Jephta mit wüsten Drohungen und Beleidigungen, weil er sie angeblich nicht habe mitkämpfen lassen.

Eine sehr ähnliche Begebenheit wie diese aus der Jephtageschichte lesen wir wenige Seiten zuvor im Richterbuch schon einmal. Auch dort waren es die Ephraimiter, die dem Richter Gideon den Ruhm seines Sieges über die Feinde mißgönnten und Streit mit ihm begannen. Gideon gelang es allerdings, sie mit Bescheidenheit und diplomatisch geschickten Worten zur Vernunft zu bringen und einen Kampf zu vermeiden. Zwischen Jephta und Ephraim hingegen fallen bittere Vorwürfe auf beiden Seiten, bis Jephta seine Leute zu den Waffen greifen lässt und die Ephraimiter besiegt.

Wohl war Jephta der Bruderkrieg von den streitsüchtigen Ephraimitern offenbar aufgezwungen worden. Aber nachdem sie eine verheerende Niederlage eingesteckt hatten und sich die Entronnenen sämtlich auf der Flucht befanden, hätte Jephta das genügen können. Ein Kampf gegen die eigenen Volksgenossen muß nicht zum Vernichtungskrieg ausarten. Was sich dann aber durch Jephtas Soldaten an den Jordanfurten abspielte, war letztlich unnötige, pure Grausamkeit. Sie dürfte auch keine Eigenmächtigkeit einzelner Soldaten gewesen, sondern auf Jephtas Befehl hin geschehen sein, denn die gezielte Besetzung aller Jordanübergänge setzt sein Geheiß als Feldherr voraus.

Uuml;ber den Jordan durfte nur, wer das Wort "Schibbolet" richtig aussprechen konnte. So ließen sich die Ephraimiter leicht herausfinden, da sie dialektbedingt kein "sch" aussprechen konnten. Das Wort Schibbolet bedeutet unter anderem "Wasserschwall". Vielleicht führte der Jordan zu dieser Zeit Hochwasser und das "Losungswort" nahm darauf Bezug. Für die ephraimitischen Flüchtlinge war der Rückweg in ihre Heimat auf der anderen Seite des Jordan dann also ohnehin gefährlich. Vor allem aber fanden sie die Furten durch ihre Feinde bewacht vor, denen sie sich nicht als Ephraimiter zu erkennen geben durften. Man kann sich gut vorstellen, wie es abgelaufen sein mag: Die Trupps losgelassener, verrohter Soldaten, die immer wieder neu zu den Ankömmlingen sagten: "Was, über diesen Wasserschwall, diesen Schibbolet wollt ihr jetzt? Kommt, sagt's doch mal — Schibbolet!" Wie sie sich dann schier ausschütten wollten vor Lachen, wenn die Ephraimiter "Sibbolet" statt "Schibbolet" sagten. Und wie sie sie, im Anblick ihrer sicheren Heimat am anderen Ufer, niedermachten und die Leichen johlend in den Jordan warfen: "Da habt ihr euer Sibbolet!"

Großmut gegenüber Feinden und Neidern nach gewonnenem Kampf wird uns in der Bibel von verschiedenen israelitischen Führern, nicht nur vom oben erwähnten Gideon, berichtet (1. Sam. 10, 27 + 11, 12.13 / 2. Sam. 9 / 2. Sam. 19, 17-24 / 2. Kön. 6, 18-23, etc.). Großherzigkeit zeigt uns die Bibel geradezu als eine königliche Tugend. Jephta hat sie uns anfangs gegenüber den Gileaditern selbst demonstriert. Davon spüren wir hier nun nichts mehr. Als wir Jephta das erste mal begegnen, ist er ein "streitbarer" Mann. Dennoch suchte er damals nach einer diplomatischen Lösung - sogar mit den feindlichen Ammonitern. Inzwischen ist Jephta ein harter Mann, unversöhnlich mit den eigenen Volksgenossen.

War Jephta nicht gottesfürchtig genug, dass er sich an seinen israelitischen Brüdern vergriff? Nein, es mangelte Jephta nicht an Gottesfurcht. Aber der Gott, den er fürchtete, war ein harter Gott. Der Gott, an den Jephta glaubte, hatte Grausames von ihm verlangt. Aber wessen Gott hart und grausam ist, der wird selbst hart und grausam. Wessen Gott nicht großherzig und erbarmungsvoll ist, der wird auch selbst keinen Großmut und kein Mitgefühl erweisen. Jephtas Gott war ein furchtbarer Bundesgenosse, und so wurde Jephta zu einem furchtbaren Feind. Der Mensch ist nicht nur von Gott zum Bilde Gottes gemacht. Sondern der Mensch wird auch so wie das Bild, das sich der Mensch von seinem Gott macht.

Jephta hatte bittere Ausgrenzung erlebt. Aber dies hatte ihn nicht wirklich bitter werden lassen. Er konnte die Hand zur Versöhnung reichen. Jephta war ein "Held des Glaubens" und hatte in der Kraft seines Glaubens ein feindliches Heer besiegt. Jephta glaubte auch nicht an falsche Götter. Aber er hatte ein falsches Bild von Gott. Diesem Bild von Gott hatte er das furchtbarste Opfer gebracht, das man sich vorstellen kann. Und dies erst hatte nun die bittere Wurzel in Jephtas Leben gelegt. Eine bittere Wurzel, die ihre bitteren Früchte trug, und in einem ohnehin blutigen Bruderkrieg ein Todesspur von zweiundvierzigtausend Erschlagenen nach sich zog.

Jephtas Richterzeit war kurz, kürzer als die jedes anderen Richters. Er starb früh, ohne dass uns ein Grund genannt wird. Aber der misstönende Schlußakkord des Massakers an den Ephraimitern hinterlässt beim Leser einen unguten Nachgeschmack. Womöglich war Jephtas blutiger Zorn nur der Auftakt einer tiefen Verbitterung, die den Rest seines Lebens bestimmte. Er hatte keine weiteren Nachkommen. Seine Frau, die Mutter der getöteten Tochter, wird nirgends erwähnt. Aber es steht nicht zu erwarten, dass sie ihm großen Trost zu bieten fähig oder willens gewesen wäre.

Und welchen Trost mochte Jephta bei seinem Gott finden? War dieser Gott ihm eine Zuflucht? Konnte er beten: Der Herr ist mein guter Hirte, mir wird nichts mangeln? Konnte er sagen: Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir, weil er sich bei diesem Gott wohl aufgehoben wusste? Fühlte er sich von diesem Gott beschenkt - oder nicht vielmehr aufs Bitterste beraubt?

War er darüber zu einem jener Menschen geworden, die in dem Bewusstsein leben, dass Gott ihnen jedes Opfer abfordern darf, und die darüber hart zu sich selbst, aber auch hart zu allen anderen werden? Deren Leben innerlich verkümmert ist?

Scheinbar dreht es sich in dieser Jahrtausende alten Geschichte des tragischen Glaubenshelden Jephta um eine Frage, die uns heute nicht mehr berührt: das Menschenopfer. Tatsächlich aber geht es nicht um ein überholtes Opferritual, sondern um Gottesbilder und Glaubensvorstellungen, die dahinter stehen. Und ich möchte behaupten, dass diese alle Jahrtausende überdauert haben. Von daher lohnt es sich, die wesentlichen Züge der Jephtageschichte noch einmal auf ihren zeitlosen Gehalt hin zu betrachten.

Seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume, dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte (Hebr 12,15)

Die Jephtageschichte ist über alle Zeiten hinweg eine eindrückliche Illustration dessen, was geschehen kann, wenn Gottes Gnade aus dem Blickfeld gerät, bittere Wurzeln gepflanzt werden und unbarmherzige Härte sich breit macht — und dies tragischer Weise nicht auf Grund "klassischer Sünden", sondern ausgerechnet aus frommer Motivation.

Bereits die Ausgrenzung, die Jephta erlebte, stellt ein Phänomen dar, das es zu allen Zeiten gab. Sie ist keineswegs ein Privileg des religiösen Bereiches, wird aber hier meist besonders bitter erlebt, wenn der Betroffene sich nicht nur in seinem sozialen Umfeld als Außenseiter empfinden muß, sondern ihm auch seine Gottesbeziehung streitig gemacht wird.

Nun scheinen etliche Bibelstellen Ausgrenzung ja nicht nur zu rechtfertigen, sondern regelrecht zu befehlen. Aus Verpflichtung gegenüber solchen Stellen werden unter Christen zum Teil Kontakte abgebrochen, Menschen ihrer Ämter enthoben oder auch komplette Ausschlüsse aus dem Gemeindeleben verhängt. Die Jephtageschichte sollte uns aber zu denken geben, ob solche Bibelstellen überhaupt in jedem Fall blindlings und wortwörtlich angewendet werden wollen oder müssen — oder ob sie eher eine moralische Richtschnur vorgeben sollen, aber immer das Abwägen der Konstellation im Einzelfall erfordern.

Denn sonst wäre die göttliche Erwählung ausgerechnet eines Jephta "biblisch" schlechterdings nicht haltbar gewesen. Gleich zu Anfang teilt uns der Richtertext unverblümt mit, dass Jephta ein illegitimes Kind und Sohn einer Hure war, womöglich noch einer fremdländischen Kultprostituierten. Die alttestamentlichen Aussagen allein zur ersteren Sachlage sind eindeutig genug: ein "Bastard" konnte und durfte nicht Glied der Gemeinde sein (Deut 23,33), geschweige denn noch ihr gottbestellter Führer! Man beachte, dass die biblische Beurteilung in diesem Zusammenhang nicht nach Eigen- oder Fremdverschulden fragt. Eine solche Person wurde durch das Gebot in jedem Fall abgelehnt. Und wenn Jephtas Mutter tatsächlich eine heidnische Kultprostituierte gewesen war, dann stand seine Herkunft für genau jene Angleichung an kanaanitische Sitten, die gerade erst die Ursache für Gottes Zürnen und die Plage durch die Ammoniter darstellte!

Der Richtertext lässt durchblicken, wie egoistisch die Motive der Brüder Jephtas aussahen, als sie ihn ausstießen. Rein "biblisch gesehen" waren sie freilich im Recht. Göttlich gesehen jedoch nicht. Denn Gott richtete nicht nach dem Ausschlusskriterium, das er doch selbst aufgestellt hatte, und das völlig zutraf. Sondern er sah Jephta selbst — er sah nicht, was vor Augen ist, sondern... das Herz an (1. Sam 16,7).

Die Bibel selbst mahnt uns also, ihre einzelnen Aussagen nicht um jeden Preis starr auf einen Menschen anzuwenden, so passend sie auch zu sein scheinen. Es muß immer der Raum bleiben, auf den Menschen an sich, seine Eigenschaften, seine Motive, seine Gottesbeziehung zu achten, losgelöst von einer Kategorisierung, die ihn bereits vorverurteilt.

So ging Gott mit Jephta um. Warum sollte Gott nicht heute genauso mit den "illegitimen Söhnen und Töchtern" unserer Zeit verfahren: z.B. Homosexuellen, Geschiedenen, etc.?

Die kategorische Anwendung biblischer Ausschlusskriterien in christlichen Gemeinden steht in der Gefahr, "Gottes Gnade zu versäumen" und Bitterkeit zu säen, wo sie nicht die Freiheit hat, den Einzelnen als Mensch Gottes im Vordergrund zu sehen.

Jephta war großherzig genug, um diese bittere Wurzel gegenüber seinen Volksgenossen zunächst nicht aufgehen zu lassen. Aber seine Ausgrenzung schuf nicht die günstigsten Bedingungen für eine Frömmigkeit, die vor allem einen Gott der Barmherzigkeit und Liebe vor Augen haben könnte. Menschen, die Ausgrenzung erleben, insbesondere religiös motivierte Ausgrenzung, haben es besonders schwer, ein wirklich heilsames Gottesbild zu entwickeln. Auch für Jephta war Gott vor allem ein fordernder Gott, der bedingungslose Hingabe und Opferbereitschaft erwartete. Die Berufung zum obersten Führer Israels war in Jephtas Augen wohl kein freies Gnadengeschenk Gottes. Bereits sein Gelübde lässt ahnen, dass Jephta eher glaubte, sich diese Position vor Gott erwerben zu müssen. Immerhin wird man ihm auch beigebracht haben, dass Gottes Wohlgefallen nicht einfach auf Menschen wie ihm ruhen konnte. So versteht er die Begegnung mit seiner Tochter vor der Tür seines Hauses auch als Aufforderung, Gottes Hilfe durch ein besonders schweres Opfer vergelten zu müssen. Und niemand in seiner Umgebung schien das anders zu sehen.

Ist dies wirklich so altertümlich? Zu welchen Opfern sind Christen bereit, insbesondere, wenn sie in Gott eher den strengen Erzieher als den liebenden Vater sehen, oder wenn sie glauben, vor Gott einen speziellen Makel zu besitzen, den sie ständig bestrebt sind auszugleichen. Wie viele solcher Jephta-Opfer gibt es darum gerade unter homosexuellen Christen. Sie reißen sich den ihnen liebsten Menschen aus dem Herzen. Sie verleugnen ihre innerste Identität und versuchen mit Hingabe, eine Identität anzunehmen, die nicht die ihre ist. Sie versagen sich grundsätzlich die Möglichkeit jeglicher Partnerschaft, die ihrer Orientierung entspräche. Alles, weil sie glauben - bzw. weil man sie glauben macht - dass Gott dies so wolle, und nach den biblischen Kriterien auch nicht anders wollen könne.

Nun gibt es unbestreitbar Opfer, die Gott von uns erwartet. Und keiner von uns hätte das Recht, ihm vorzuschreiben, welches Opfer er verlangen dürfe, und welches nicht. Aber es gibt genauso Opfer, die Gott eben gerade nicht von uns will, weil sie einem Menschen so existenziell den Lebensnerv abtrennen, dass er ein solches Opfer nicht bringen wird, ohne Schaden zu nehmen. Opfer, die Gott verlangt, werden in Segen und Befreiung münden (selbst wenn sie eventuell nur im Ansatz vollzogen werden, wie die Abrahamsgeschichte zeigt). Aber Opfer, die Gott gar nicht will, zementieren nur die falsche Vorstellung, die der Opfernde ohnehin schon von Gott hat, und wirken am Ende so zerstörerisch, wie wir es bei Jephta gesehen haben.

Nun mußten zu allen Zeiten Menschen schwere Schicksalsschläge hinnehmen, darunter auch Eltern, die ihre Kinder verloren. Gläubige Menschen werden dies sogar als von Gott auferlegtes Los verstanden haben. Doch besteht ein gewaltiger qualitativer Unterschied, ob man einen Verlust ohne eigenes Zutun erleidet, oder sich veranlasst sieht, diesen auch noch aus eigener Initiative "wider das eigene Herz" herbeiführen zu müssen.

Durch den Propheten Micha lässt Gott seinem Volk einmal sehr klar sagen, worauf es ihm am meisten ankommt. Er beginnt mit einer rhetorischen Frage nach dem Wert und Sinn von Opfern und stellt diesen sein wahres Anliegen gegenüber:

"Womit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten...? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen...? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott." (Mi 6,6-8)

Gott lässt hier erkennen, dass ihm an einem Aufopfern bis zur Qual nichts liegt. Er wünscht, dass ein Mensch seinen Weg an ihm orientiert, mehr noch, dass er diesen Weg mit ihm geht. Mit anderen Worten: Gott wünscht die Beziehung. Keine Beziehung aber kann auf Dauer gedeihen, in der der überlegene den Unterlegenen zwingt, etwas mit eigener Hand zu vernichten, was er aus tiefster Seele liebt und sich dabei gegen die Heiligkeit des Lebens selbst zu vergehen.

"Gott seinen Isaak opfern" ist in manchen Kreisen eine Art geistlicher Fachausdruck dafür, auch gerade das, was einem besonders lieb ist, loszulassen, insbesondere dann, wenn es eine womöglich zu große Rolle im Leben zu spielen droht: sei es Besitz, eine Person oder Personengruppe, eine berufliche Stellung etc. Doch sollte der, der in der geistlichen Beratung Opfer von anderen Menschen verlangt, sich hüten, Grenzen zu überschreiten, die selbst Gott nicht übertritt. Es ist erstaunlich, wie leichthin manche Christen Opfer von anderen verlangen, die sie für sich selbst auch nicht ansatzweise in Betracht ziehen würden. Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen, kommentierte Jesus dieses Phänomen einmal (Matth 23,4). Andere wiederum bringen tatsächlich selbst sehr hohe Opfer bis hin zur Selbstkasteiung, aber sie erwarten diese auch von anderen ohne Nachsicht. Sie sind wie der Bruder des verlorenen Sohnes, der des Vaters Großzügigkeit gegenüber dem Heimkehrer nicht ertragen konnte, da er selbst sich nie etwas gegönnt und sich wohl mehr als der Knecht denn als Sohn seines Vaters gefühlt hatte (Luk 15).

Man mag sich bei der Empfehlung höchst einschneidender Glaubens- und Lebensschritte auf Abraham berufen, der schließlich seinen eigenen Sohn auf den Opferaltar legen musste. Aber dabei sollte man ruhig einmal den Gedanken zuende spinnen, Gott hätte die Opferung Isaaks von Abraham tatsächlich verlangt: Wie Abraham seinen Sohn unter seiner Hand hätte sterben und schließlich verbrennen sehen. Wie er unter den scheuen Blicken seiner Knechte allein zurückgekehrt wäre. Wie er Isaaks Mutter hätte beibringen müssen, was er getan hat. All die Tage seines restlichen Lebens mit bitteren Erinnerungen, aus denen ohne den "Lacher" auch jedes Lachen verschwunden wäre, und in dem zwischen ihm und Sara nur noch eine Eiszeit geherrscht hätte. Nein, Glück und Segen der Abrahamsfamilie sind nur denkbar, weil Gott dieses Opfer eben nicht wirklich gewollt hatte.

Die Bereitschaft, Gott die erste Stelle in seinem Herzen und seinem Leben einzuräumen, ist die Grundlage einer echten Gottesbeziehung. Unweigerlich wird Jesus nachzufolgen auch bedeuten, sich selbst zu verleugnen und sein Kreuz auf sich zu nehmen (Matth 16,24). Es gibt zuviel bequemes Christentum, das jeglichen Gedanken an Opfer, Verzicht und Unannehmlichkeiten aus dem Glauben ausklammern möchte. Dies ist eine Art von Christentum, das letztlich fruchtlos bleibt und niemandem nützt.

Aber es gibt auch ein Christentum, das im Namen Gottes falsche, unmenschliche und unangebrachte Opfer einfordert, ohne daß Gott diese überhaupt verlangt. Und dies ist ein Christentum, das eine Saat der Härte legt und Schaden anrichtet, der meist weit über die unmittelbar Betroffenen hinausgeht.

Es wird dabei im Glauben nicht immer leicht sein zu erkennen, wo ein schwerer Weg gottgewollt und wo er selbstauferlegte Bürde ist. Und in der Rückbesinnung auf Abrahams Opfer haben wir als "Nachgeborene" zwar gleichzeitig den Vorteil, aber auch den psychologischen Zwiespalt, den Ausgang von Abrahams Probe bereits zu kennen. Denn wie entwickelt man Bereitschaft zu einem Opfer, wenn man gleichzeitig von vornherein darauf spekuliert, dass Gott einem dieses Opfer wie seinerzeit Abraham ersparen würde?

Vielleicht kommt Paulus diesem Problem am besten nahe in seinen berühmten "Als-ob-Ausführungen" im Korintherbrief, die diesen schmalen Grat zwischen Priorität der Sache Jesu im Leben und Bindung an die Dinge dieser Welt zu umschreiben versuchen: zu haben, als hätte man nicht (1. Kor. 7,29-35). Ein Herz, das ungeteilt und ohne Angst auf Gott ausgerichtet ist, kann Menschen und Dinge lieben und haben, ohne dadurch Gott aus den Augen zu verlieren. Darum scheint es mir wichtiger, den inneren Schwerpunkt auf das Anliegen zu legen, sich auf Gott als die Mitte zuzubewegen, als sich zuerst mit der Frage zu zerquälen, welche Dinge am Rand dieses Weges Gott geopfert werden müssen. So zielte auch Gottes Anliegen für Abraham letztlich nicht auf das Opfer ab, sondern auf seine innere Bindung an Gott.

Für den Christen klingt aus der Abrahams-Erzählung ohnehin noch etwas ganz anderes heraus. Weil du das getan hast, und mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten hast, sind Gottes Worte an Abraham. Sicher nicht ganz von ungefähr formulierte Paulus in seinem Loblied auf die Liebe Gottes ganz ähnlich:

"Gott, der seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat, und folgert daraus: sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?" (Röm. 8,32)

Der einzige, von dem Gott das höchste Opfer tatsächlich verlangte, ist nicht ein Mensch, sondern Gott selbst. Gott, der alles Recht dazu hätte, begegnet uns dennoch nicht in erster Linie als der fordernde, sondern als der schenkende Gott. Mehr noch - in Christus ist er der sich selbst schenkende Gott. Aber auch die Menschen des Alten Testaments haben Gott bereits so erkannt und erlebt. Nicht zuletzt Abraham hatte Gott als den erfahren, der ihm Segen zusagte mit den Worten:ICH bin dein Schild und dein sehr großer Lohn (Gen. 15,1)4.

Vermutlich vermag nur der Mensch, der dieses Gottesbild des schenkenden Vaters hat, überhaupt Opfer zu bringen, die ihm zum Segen werden können. Wer in Gott den einfordernden Machthaber sieht, wird dagegen an seinen Opfern Schaden nehmen und schließlich anderen Schaden zufügen. Und wer glaubt, durch seine schweren Opfer Gottes Wohlwollen oder Liebe erst gewinnen zu müssen, wird letztlich alles verlieren, und selbst nur noch schwer irgend jemandes Wohl wollen.

Diese Lektion erteilt uns Jephta sehr eindrücklich. Seine traurige Geschichte warnt uns vor einer mangelhaften Gotteserkenntnis, die ein verzerrtes Gottesbild produziert. Vor einem Gottesbild, das eine Frömmigkeit zur Folge hat, die einen falschen Schwerpunkt setzt. Vor einer Frömmigkeit, die zu einer selbstzerstörerischen Opfertat führt. Vor einer Opfertat, die zuletzt eine Spur der Verwüstung nach sich zieht, sei es in Jephtas Herz oder unter seinen Stammesbrüdern, die er erbarmungslos abschlachten lässt.

Um so tragischer ist dies, weil Jephta kein Ungläubiger, keine Gottesleugner, kein Abtrünniger war. Sondern einer der "Glaubenshelden" — und dennoch gerade in seinem Glaubensgehorsam anfällig für den katastrophalen Irrtum. Sein Opfer war in jeder Hinsicht ein Opfer, das Tod bedeutete.

Wie viel Heilsames geht aus vom Wissen um den schenkenden und menschenfreundlichen Gott. In diesem Wissen durch die Barmherzigkeit Gottes konnte Paulus von den lebendigen Opfern sprechen, die Gott gefallen (Röm. 12,1). Opfer, die zum Leben führen. Menschen, die ohne Angst und Druck, dieser Gott wolle ihnen alles Liebste nehmen und alles Schrecklichste von ihnen fordern, ihr ganzes Herz und Leben an Gott hängen.

Fußnoten

1) In der benutzten Einheitsübersetzung steht die Namensform Jiftach, da Jephta jedoch die allgemein bekanntere ist, habe ich diese Lesart des Namens gewählt

2) ähnliches lesen wir von der Zeit der Könige, wo das Gesetzbuch erst bei der Tempelrenovierung unter dem Gerümpel gefunden wurde und seine Worte dem König Josia völlig neu waren (2. Kön. 22, 8-13)

3) Der Gesamtzusammenhang der im Textumfeld Deut 23, 2-9 genannten Ausschlusskriterien, z.B: auch das Verbot von Freundschaftsverträgen mit bestimmten Völkern spricht für dafür, dass es sich um die religiöse Volkszugehörigkeit handelte, nicht lediglich um den Ausschluß aus der gottesdienstlichen Feier

4) Lutherübersetzung


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