ANDERE BIBELARBEITEN

Predigt zum Psalm 73

Predigt im Rahmen des Gottesdienstes der Jahrestagung 2016

Der Psalm 73 als ein typischer Klagepsalm hält am Anfang genau, was er verspricht. Der Psalmist meckert – genau wie ich eben – so richtig vor sich hin. „Wieso geht’s den Gottlosen so gut und mir nicht? Fast wäre ich geworden wie die Gottlosen, am liebsten wäre ich auch manchmal wie die, die dich nicht kennen.“ Aber mittendrin im Meckerpsalm verändert sich plötzlich die Perspektive des Psalmisten. Irgendwie kriegt er dann doch noch die Kurve. Und er kriegt die Kurve nicht, indem er fromme Floskeln aufsagt sondern indem sich etwas ganz Entscheidendes ändert. Er ändert die Sprechrichtung. Nachdem er vor sich hin lamentiert, dass es allen anderen so gut geht und ihm so schlecht, spricht er plötzlich Gott direkt an.

„Hätte ich gedacht: Ich will reden wie sie, siehe dann hätte ich das Geschlecht deiner Kinder verleugnet.“ Dieser Bruch klingt, als wäre der meckernde Psalmschreiber völlig ungeplant in dieses Heiligtum Gottes gestolpert. Beim Chef persönlich fällt ihm plötzlich alles wieder ein. Da ist ein Gott, der trösten will und der in diesem ganzen Gefühl von Ungerechtigkeit letztendlich doch noch gerecht ist.

Vielleicht kann ich mit meiner Interpretation die altorientalischen Rachevorstellungen gegenüber den Feinden in Psalm 73 heute nicht genauso mitbeten. Was ich aber gut teilen kann ist die Vorstellung eines Gottes, der nicht wegguckt, sondern tröstet und dessen Nähe richtig gut und immer für mich da ist. Sogar in meinen eigenen kleinen alltäglichen Klagepsalmen. Egal, ob gemotzt, gedankt oder getrauert wird. Aber manchmal ist es auch mehr als der Neid oder das Ärgernis über die vermeintlichen Gottlosen. Manchmal ist die Trauer richtig groß, der Verlust oder die Verletzung richtig schlimm. Dann muss der Trost in einer Nähe zu Gott ganz schön viel schaffen können.

Ich frage mich, ob das überhaupt möglich ist. Oder ob das Wissen und Reden von einem tröstenden Gott nicht nur frommes Gefloskel ist, das in schlimmen Wüstenzeiten gar nicht helfen kann.

In der Vorbereitung für den Gottesdienst ist uns als biblisches Beispiel direkt Elia eingefallen. Elia als großer Prophet des Alten Testaments, der Gottes Trost richtig praktisch erlebt. Er kündigt eine große Dürre über das Land an und wandert nach Gottes Auftrag in das Wildbachtal Krit. Was da dann passiert, ist richtig verrückt: „Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends und er trank aus dem Bach.“ (1 Kön 17,6)

Als die Dürre dann auch den Bach erreicht, sagt Gott zu Elia, dass er weiterziehen und bei einer Witwe einkehren soll. Natürlich macht Elia das genauso gewissenhaft wie vorher auch schon und natürlich wird er, genauso verrückt wie vorher auch schon, durch Gottes Segen gut versorgt. Die letzte Ration Mehl und Öl, die die Witwe für Elia zubereitet, reicht nämlich für sie, ihren Sohn und Elia „Tag um Tag“.

Elia erfährt also, wie Gott ihn ganz praktisch versorgt. Erst mal geht’s um die Grundbedürfnisse, dann um den Rest. Für mich ist der Gedanke an einen Gott, der sich auf seine eigene Art und Weise ganz praktisch um mich kümmert, sehr tröstlich. Letztes Jahr in Wiesbaden saß ich nach dem Sonntagsgottesdienst noch lange mit meiner Freundin Isa im Gottesdienstraum. Wir mussten beide weinen, weil das Jahr für uns sehr schwer gewesen ist und weil so viele Dinge passiert sind, die wir nicht verstehen konnten. Wir haben nicht geredet und auch nicht für uns beten lassen. Irgendwie wären Worte viel zu viel gewesen, und ich glaube wir hatten beide Sorge, dass auch gut gemeinte Segnungen uns verletzt hätten. Sowas wie „einen großen Trost Gottes“ habe ich da nicht deutlich gespürt. Vor einem Jahr war meine Perspektive ganz anders. Trotzdem würde ich heute sagen: Dass wir beide überhaupt weinen konnten, war für mich wie ein Geschenk. Hier in Wiesbaden beim Essen über Lebensgeschichten zu reden und über Blödsinn zu lachen, in der Disco zu tanzen und Fußball zu spielen war für uns wahrscheinlich genau der richtige Trost, auch wenn ich diese Worte damals so nicht gefunden hätte. Ich glaube, manchmal ist Gottes Trost viel praktischer aber auch viel leiser als wir ihn uns vorstellen.

Elias Geschichte geht auch noch weiter und er erlebt das später so ähnlich. Immer wieder möchte er dem Volk zeigen, dass es einen Gott gibt, der allmächtig ist und schon immer da war. Auf dem Berg Karmel kann nur der Gott JHWH ein Feuer entzünden. Nachdem auf Elias Anweisung hin dann in einer großen Schlacht die Baalspropheten tatsächlich besiegt werden, ist er richtig müde und kaputt. Er geht in die Wüste, setzt sich unter einen Wacholder, „wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser.“ (1 Kön 19,4-6)

Die Sache mit dem Essen scheint zwischen Gott und Elia ein richtig großes Ding zu sein. Immer wieder wird Elia von Gott ganz praktisch versorgt. Jetzt sitzt er da unter seinem Wacholder und sagt: Es ist genug. Er kann nicht mehr. Hat genug gekämpft, ist genug verfolgt worden. Möchte am liebsten sterben, nur noch schlafen, seine Ruhe haben. Vielleicht hat er sowas wie eine depressive Episode oder einen Burn-Out. Dann das Wunder. Er isst und trinkt – und schläft wieder ein. Der Engel weckt ihn nochmal. „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte“ (1 Kön 19, 8) Gott tröstet wieder so praktisch, dass Elia gar nicht anders kann, als weiterzuziehen. Und trotzdem: Wahrscheinlich hätte er sich das alles anders vorgestellt. Nicht schon wieder essen! Nochmal weiterziehen? Nochmal kämpfen? Ich hab doch gesagt, es ist genug! Gott tröstet also anders. Und trotzdem ist es doch irgendwie eine wunderbare Vorstellung, dass Gottes Trost einem genug Kräfte geben kann, um weiter zu machen, auch wenn man nicht an sich selbst glauben kann.

Für mich war es letztes Jahr in Wiesbaden so ähnlich. Ich hatte keine eigene Motivation, aber Gott stand wie ein anfeuernder Cheerleader am Spielfeldrand. Wie so eine lebensnahe, unverschnörkelte Aufforderung: „Steh auf und iss. Verlier nicht den Mut, du hast noch einiges vor dir, und ich mach dich stark dafür.“ Und all die Gespräche, die Geschichten, die wir hören, oder dieser Segen Gottes, den wir uns heute beim Abschluss zusagen, kann so ein Aufmuntern sein: „Ich bin da. Du musst das nicht alleine schaffen.“ Die Nähe zu Gott kann so eine Aufmunterung sein. Aber manchmal spüren wir diese Nähe noch nicht mal richtig. Vielleicht auch, weil sie eben anders ist als wir denken.

Elia darf Gott dann sehen. Und Gott zeigt sich ihm nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer, sondern im stillen, sanften Säuseln. Was für ein schönes Bild für Gottes Gegenwart und auch für seinen Trost.

Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, uns an dieses Säuseln zu erinnern. Uns an den zu wenden, den all das was angeht. Mit der Vorstellung, den Vokabeln, Worten, Ideen, die wir gebrauchen können. Ob es nun ein väterliches oder mütterliches Säuseln ist. Ich wünsche mir, dass wir über unserer Wut oder Traurigkeit nicht zu zerbrechen sondern auch mal die Sprechrichtung zu wechseln um in das Heiligtum Gottes zu stolpern. Mit diesem Stolpern können wir dann sogar 'sprachlos die Sprechrichtung wechseln' und so wie ich letztes Jahr einfach da sein. Aber bestimmt genauso wie in Psalm 73 meckern und uns beschweren. Oder wie Elia sagen: „Gott, es ist genug.“ Manchmal ist es dann ganz praktischer Trost den Gott uns schenkt. In der Segnung, im Miteinander, in der guten Versorgung, vielleicht auch im Spaziergang, Füßehochlegen und Kaffeetrinken. Manchmal ist es eben nur das leise, sanfte Säuseln, in dem er uns begegnen möchte. Und ich glaube, er kennt uns genug, um uns da zu begegnen, wo es uns gut tut.

Lasst uns die Ohren spitzen und hinhören, wo es um uns säuselt. Gottes Trost ist dann vielleicht anders als wir denken, nicht immer so spür- und greifbar wie wir es uns vorstellen, aber ich glaube, er ist da.


Geschrieben von Tabea Nolting
2016

Weiterer Beiträge