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Psalm 73

Betrachtung im Rahmen des Gottesdienstes der Jahrestagung 2016

Letztens habe ich nach 10 Jahren einen Schulfreund wiedergetroffen. Max.

Max fährt ´ne dicke Karre, trägt ´ne fette Rolex, und kommt grad aus Shanghai. In ein paar Tagen geht’s nach Dubai. Ich frag ihn nach seinem Job und er lenkt ab, ich frag ob die Ausbildung damals hingehauen hat und er lächelt mich weg. Max schiebt krumme Dinger. Irgendwas im Internet, irgendwas verticken, irgendwem was abziehen, die dicken Fische hätten´s eh nicht anders verdient. Und der dicke Max hat nicht geblickt dass er längst dazugehört. Dann zischt er ab in seinen Markenjeans. Und ich frag mich, ob ich nach über 5 Jahren Studium und BaföG-Geknauser vielleicht wenigstens ein Drittel von dem, was er hat verdient. Max ist steinreich, weil er betrügt. Und ich kann nicht mal Eier aus Käfighaltung oder Klamotten aus Billigläden kaufen ohne danach an meinem schlechten Gewissen zu verzweifeln und Max für seinen Lebensstil in Grund und Boden zu beneiden.

Gott tröstet also Israel und alle die zu ihm gehören. Die mit reinem Herz. Schön. - Max hat die Kohle, ich hab den Trost.

Was ist der Trost wert, wenn er bedeutet, dass die Fliegen, denen ich nichts zuleide tue, die einzigen sind, die davon profitieren? Wäre es nicht besser, gar keinen Trost zu brauchen? Sein wie die Gottlosen: reich und laut und niemals ängstlich, niemals alleine, niemals traurig.

Mareike aus der Uni ist so eine. Völlig sorgenfrei schlittert sie vom einen kleinen Glück ins andere, sie sagt sie kann's nicht ab, wenn andere immer so schwer und immer so kompliziert und überhaupt hat sie das mit der Frage nach dem Leid in der Theologievorlesung noch nie so richtig kapiert – ist doch gar kein Problem und gar nicht so schlimm und warum ich wegen allem immer so kritisch bin.

„Gedankentransformation“ sagt sie dazu und ich frage mich, wie viel von mir wohl transformiert werden müsste, damit ich eine Sekunde in ihrer Hippie-Kommune das gegenseitige Stirngeküsse ohne diverse Substanzen auszuhalten wüsste. Sie sagt: „Es ist wie es ist und es kommt wie es kommt“, und ich runzle die Stirn – ist das mein verfrommtes Hirn, das mir Tag für Tag die Tagesschau so präsentiert, als ob da ein Gott wäre, der sich manchmal interessiert und manchmal auch nicht? Und der viel zu selten und viel zu leise zu meiner ungeküssten und dafür sehr einsamen Runzelstirn spricht. Und Mareike? Die ist nie ganz allein. Immer wer da, nie ein Problem, immer alles cool, immer ein echter Mensch an ihr dran, immer packt wer mit an, stößt mit an.

Gott tröstet also Israel und alle, die zu ihm gehören. Die mit reinem Herz. Ist mein Herz rein? Keine Ahnung. Wahrscheinlich müsste das so sein, aber ich glaub eigentlich - nein. Naja... vielleicht ein kleines bisschen.

Was soll das überhaupt mit dem Trost? Max ist schweinereich, Mareike schweineglücklich und ich dümpele stirnrunzelnd mit vielleicht-reinem Herzen vor mich hin. Als ich später bei Aldi den 2€ Wein aus dem Regal nehme fällt es mir ein: Trost ist mehr.

Ich weiß nicht, wie ich jetzt darauf komme, aber auf jeden Fall ist er mehr. Der Gedanke ist so groß, dass er nicht mehr in den Einkaufswagen passt. Er breitet sich einfach um mich aus. Trost und Neid in Symbiose ist schräg kombiniert, aber irgendwie auch nicht mehr so schlabberig lose wie mein genervtes Gemecker über kleine Alltagsungerechtigkeit. Selbst dieses Gemotze ist Gott seinen Trost wert. Wenn ich Max beneide und werde wie Mareike, dann tue ich als wüsste ich nicht, wie groß echter Trost wirklich ist. Wie groß Gott ist. Irgendwo zwischen Klopapier und Käsepackung ist mir das verloren gegangen.

„Hätte ich gedacht: Ich will reden wie sie, siehe dann hätte ich das Geschlecht deiner Kinder verleugnet. So sann ich nach, ob ich's begreifen könnte, aber es war mir zu schwer, bis ich ging in das Heiligtum Gottes.“

Das Heiligtum Gottes? Hier im Aldi steh ich plötzlich mittendrin und mir fällt wieder ein, wer du bist. Das alles ist irgendwie schwer, aber nicht so schwer, dass ich es gar nicht halten könnte. Es gibt etwas, das mehr ist als Rolex und Stirnkuss und das besser heilt als Pflaster und Verband. Trost ist riesengroß und einfach da. Trost ist nicht mein Job, sondern deiner. Echter Trost trägt mich durch die ungreifbarste Ungerechtigkeit. Er setzt sich dann nämlich einfach neben mich und sagt: „Scheiße, ne?“ Trost bietet mir nur selten eine Lösung an und philosophiert mit mir auch nicht über Ursache und Erklärung. Echter Trost ist mehr als Naseputzen, Tränenwischen oder Hippiestirnküssen, Trost ist wirklich nicht mehr alleine sein. Heile, heile, Seele. Und ab und zu sitz ich sogar in der Mitte und wir sitzen zu dritt, weil Trost bringt dann noch Hoffnung mit.


Geschrieben von Tabea Nolting
2016

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