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Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr es nicht? – Eine Predigt zu Jesaja 43,1-21

Vorbemerkung

Diese Predigt, ausgehend von Jesaja 43,1-21 wurde am 5.8.2007 im Gottesdienst des überregionalen Treffens von „Zwischenraum“ in Wiesbaden gehalten, ist vorrangig als gesprochenes Wort zu betrachten und zu begreifen. Sie enthält auch Teile, die ich am Sonntag aus zeitlichen Gründen ad hoc ausgelassen habe.

Bitte behandelt und benutzt den Text mit Liebe und Sorgfalt.

Eine Predigt ist vorrangig als Monolog gedacht, wenn aber jemand das Bedürfnis hat, daraus ein Miteinandersprechen und Mitteilen werden zu lassen, würde mich das sehr freuen.

Axel Grau, Weinstadt; Kontakt: a@axelgrau.de oder über Zwischenraum.

Die Predigt

Wenn wir feststecken, nicht mehr weiterwissen, stehen wir wie vor einer Wand und können nicht weiter. Die Richtung, die wir eingeschlagen haben hat uns in eine Sackgasse geführt.

„Was soll das? Warum funktioniert das nicht so wie ich will? Das Leben könnte doch so schön sein, wenn die Welt und die Menschen so wären wie ich es mir wünsche und wie ich es mir in meinem Leben so schön eingerichtet habe. Warum tut Gott mir das an?“

So lautet oft, vielleicht etwas überspitzt formuliert, unsere Anklage. Günstigstenfalls haben wir dann die Einsicht, dass die Welt nun mal ist wie sie ist und die Menschen so wie sie sind.

„Schließlich bin ich auch wie ich bin und die anderen haben damit zu leben.“

Der Partner versteht einen nicht, und im Beruf steht man unter immensem Druck. Der Kontakt zur Familie ist massiv gestört, weil sie nicht mit der neuen Lebensweise ihres Zöglings zurecht kommen. Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe beherrschen einen regelmäßig.

In aller Verstricktheit, in unsere eigenen Probleme vergessen wir oft in all unserem Ärger, dass auch die anderen vor einer Wand stehen, dass sie durch uns mit einer Situation konfrontiert sind, die eine Veränderung erfordert oder, wenn diese ausbleibt, zum Stillstand führt.

Aber diese Einsichten nützen uns in unserer Situation auch nicht viel. Also stehen wir weiterhin vor der Wand, wo doch der Weg sein sollte, den wir uns so schön ausgedacht haben.

Aber womöglich ist das genau das, was Gott möchte. Gesetzt den Fall er wollte uns in eine Situation bringen in der wir nicht mehr so weitermachen können wie bisher.

Eventuell möchte er, dass wir unsere Handlungen, unser Denken, unser Sprechen neu ausrichten, überdenken und einer Prüfung unterziehen.

So wie wir gestern in der Bibelarbeit gehört haben, will Gott Neues in uns schaffen.

Gott tut das. Nicht die vielen Ich’s tun es. Aber irgendetwas müssen wir doch tun können, damit der Stillstand aufhören soll. Und auch das haben wir gestern gehört: Das Ich in uns muss weniger werden und Gott, die Welt, die Schöpfung in uns muss mehr werden.

Das ist die Tragik der Entwicklungsgeschichte des Menschen: Wertvolle Jahre des Lebens kämpfen wir darum, ein Individuum zu sein, um dann zu erkennen, dass wir dann erst davor stehen, uns wirklich zu verwirklichen: Wir lernen genauso schmerzhaft wie in der Individuation, also dass wir einerseits zwar als einzelne Personen geboren sind, andererseits aber nur in der Gemeinschaft (über)leben können. Und das heißt für uns als Christen als Individuum, in der Gemeinschaft in Gott und seinem Geist aufzugehen und dort einen Unterschied zu machen.

Die Bibel ist voll von Fällen, in denen Gott die Menschen zur Veränderung zwingen musste: Wieviele Propheten, Könige, Priester, fromme Männer, Pharisäer musste Gott nicht in ausweglose Situationen bringen, damit sie sich veränderten.

Mir kommt es oft vor, dass dies die größte Schwierigkeit der Menschheit ist: mit Veränderungen umzugehen.

Was auch geschieht, welche Zeichen wir auch erhalten, wir wollen auf Gott und die Welt nicht hören:

Wie lange wissen wir denn schon, dass wir nicht nur unserer nichtmenschlichen Umwelt Grausames antun, die Schöpfung nicht bewahren, sondern sie mehr und mehr erschöpfen und gnadenlos ausbeuten?

Lieber ein ganzes Leben im Verborgenen führen, lieber ein ganzes Leben entscheidende Schritte nicht tun, um das zu sein, was wir wirklich sind und was Gott in uns hineingelegt hat. Lieber ein Leben in der großen Masse führen und nicht auffallen.

Es könnte sich ja etwas verändern oder verschlechtern.

Mit der Angst vor Veränderung sind wir bereit, jahre- oder lebenslang furchtbar zu leiden, weil wir das nicht tun, was uns zum Ausdruck bringt.

Dieser Stillstand ist etwas, was manche Menschen in einer unglaublichen Duldsamkeit ertragen.

Eigentlich wissen wir es doch besser: Der große, schwäbische Philosoph Hegel hat es einmal so beschrieben: „Wenn eine Veränderung geschehen soll, so muss etwas verändert werden. Eine so kahle Wahrheit ist darum nötig gesagt zu werden, weil die Angst, die muss, von dem Mute, der will, dadurch sich unterscheidet, dass die Menschen, die von jener getrieben werden, zwar die Notwendigkeit einer Veränderung wohl fühlen und zugeben, aber, wenn ein Anfang gemacht werden soll, doch die Schwachheit zeigen, alles behalten zu wollen, in dessen Besitz sie sich befinden, wie ein Verschwender, der in der Notwendigkeit ist, seine Ausgaben zu beschränken, aber jeden Artikel seiner bisherigen Bedürfnisse, von dessen Beschneidung man ihm spricht, unentbehrlich findet, nichts aufgeben will, bis ihm endlich sein Unentbehrliches wie das Entbehrliche genommen wird.“ (1)

Das ist nicht nur ein Problem des individuellen Menschen: Familien, Gemeinden, Völker, sogar die ganze Menschheit, so scheint’s, müssen zur Veränderung gezwungen werden.

Wie lebensbedrohlich müssen die Szenarien eines Klimawandels noch werden, dass wir unser Handeln, Sprechen und Denken ändern? Man achte auf die Reihenfolge: Handeln, Sprechen, Denken. Nun gut, bei einigen kommt zuerst das Sprechen, was auch nicht viel besser ist, bevor sie denken oder handeln.

Vielleicht liegt es an der Reihenfolge, vielleicht sollten wir vor allem anderen denken. Geistvolles Denken, Denken im Geist, im Geist Gottes.

Doch wer möchte heute noch denken? Wer kann das bald noch?

Jüngste Medienforschungen haben prognostiziert, dass die zukünftige zentrale Form der medialen Inhaltsvermittlung nicht länger als fünf Minuten sein darf, also Videocliplänge, weil die Konzentration und das Interesse des modernen Menschen nach dieser Zeit erheblich nachlassen.

Es ist dann die Frage, wie die komplexen Beziehungsgeflechte und globalen politischen, wirtschaftlichen und ideellen Zusammenhänge, in denen wir schon längst leben überhaupt noch vermittelt werden können?

Wird das Denken im Geist nicht geübt, so verkümmert es, so wie wir eine Sprache verlernen, wenn wir sie nicht sprechen.

Dabei wäre nichts wichtiger als das Denken im Geist und damit die Einsicht, dass wir nicht alles erdenken können.

Und das schaffen wir nur wenn wir über Dinge und Menschen nachdenken, ihnen nachdenken, so manches überdenken, eingedenken und vielleicht umdenken.

Die Einsicht, dass wir begrenzt sind, dass wir nicht immer recht haben, im Gegenteil, der Regelfall ist eher, dass wir fast immer unrecht haben, sie ist für uns notwendig.

Dass andere Völker und Religionen genau dasselbe Anrecht auf Gottes Heil haben wie wir.

Dass menschliche Wahrheit nichts Absolutes ist, sondern immer abhängig, von unzählig vielen Faktoren.

Dass, wenn wir Recht haben, wir immer jemand anderes ins Unrecht setzen.

Dass, wenn wir Gottes Auserwählte sind, andere aber nicht, wir sie damit von der menschlichen Heilsgemeinschaft ausschließen.

Die einzig absolute Wahrheit ist die göttliche und die können wir nicht fassen oder besitzen, sondern nur versuchen an ihr teilzuhaben, sich ihr anzunähern. (2)

Wahrheit kann man nicht besitzen. Wahrheit ist immer abhängig.

Deshalb ist es die größte Vermessenheit von Menschen sich anzumaßen zu wissen, was Gott will.

Wir unterschätzen Gott, ständig: Ist es nicht Respektlosigkeit und maßlose Selbstüberschätzung, anzunehmen, dass Gott so denkt wie wir? Dass er unsere Moralvorstellungen hat. Dass, wenn wir uns ablehnen, er auch uns ablehnt. Dass wir uns ausgestoßen fühlen, obwohl er uns doch immer wieder so klar und deutlich seiner Liebe und Gnade versichert?

Hier kommt wieder das Ich ins Spiel: Ich bin es, der Unrecht erleidet, die Welt ist schlecht und gemein und ich bin der Arme, Gute. Damit setze ich mich ins Recht und habe die Verantwortung erfolgreich jemand anderem zugeschoben.

Vielleicht ist es Gottes Vorstellung, dass wir Menschen zusammen eine eigene Moral entstehen lassen, die es uns ermöglicht in einer Art von Gemeinschaft auf unserem Planeten zu leben.

Vielleicht lässt er den Platz auf der Welt deswegen immer kleiner werden, damit wir miteinander auskommen müssen. Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht ist es überhaupt vermessen Gott überhaupt etwas zu unterstellen was mit menschlicher Begrifflichkeit in Zusammenhang steht.

Um ein wahrhaftiges, gerechtes, christliches Leben zu leben, kann uns Menschen nicht erspart werden, mit dieser Unsicherheit auszukommen.

Wir müssen üben, uns in Gott zu einer Fähigkeit zum Urteilen zu erziehen, die eine vollziehende Gerechtigkeit, fernab jeder sturen Regelbefolgerei, zum Ziel hat. Die Fähigkeit zu urteilen.

Urteilen ist nicht, jemand zu bestrafen oder zu belohnen.

Urteilen hat etwas mit teilen zu tun: Verantwortung für uns und die Welt zu übernehmen. Teilzunehmen, sich mitzuteilen, andere Teil haben zu lassen.

Das Problem bleibt aber trotzdem: Sollen, können wir denn dann überhaupt etwas tun? Können wir denn nicht doch etwas ändern? Gibt es nicht doch irgendwas Verbindliches, nachdem wir uns richten können?

Dieses Bedürfnis nach Orientierung und Handlungsmaximen hat zu den großen Regelwerken und Dogmen der institutionalisierten Glaubensgemeinschaften geführt. Ihr Ziel war ursprünglich, den Gläubigen das richtige Handeln zu ermöglichen und hat darin resultiert, dass das Handeln bestimmt wurde.

Dies führte zu unzählig viel Schmerz, Leid und sogar Blutvergießen, weil die Befolgung der Regel mit der Zeit wichtiger wurde, als der Geist aus dem die Regel geschaffen wurde.

Dich in dieser ganzen Unsicherheit, in der wir hier in das Leben geworfen sind, haben wir ein großes Vorbild und Helfer.

Jemand, der uns von dem geschickt wurde, von dem wir uns kein Bild machen können und darum auch nicht sollen, der uns gezeigt hat wie ein Mensch Gerechtigkeit leben und verwirklichen kann.

Ich spreche natürlich von Jesus. Von Jesus haben wir gelernt, das stures Regeln befolgen nichts nützt.

Im Gegenteil: oft sind Regeln Wegbereiter des Ungerechten. Sie führen in vielen Fällen dazu, dass Ungerechtes mit Ungerechtem bestraft wird.

Bezeichnenderweise waren es in der Bibel immer die Unvollkommenen und Sünder, die bereit waren sich zu verändern und in sich zu gehen – nicht das auserwählte Volk, nicht die Gerechten, nicht die Gläubigen. Sünder zu sein bedeutet nicht, ein schlechter Mensch zu sein, sondern sich seiner selbst als Mensch bewusst zu sein, sich in seiner ganzen Einzigartigkeit, Außergewöhnlichkeit und Unvollkommenheit dankbar anzunehmen, weil wir darin auch von Gott angenommen sind.

Er hat uns so geschaffen wie wir sind und es wäre doch seltsam, wenn er nicht wollte, dass wir das, was er in uns hineingelegt hat, verwirklichten und entwickelten. Auch wenn das manchmal viel verlangt erscheint.

Die Sünder waren Jesus willkommen, denn sie waren nicht selbstgerecht, sondern gaben sich ganz der heilsamen Veränderung hin zu der Jesus ihnen verhalf.

Das zentrale Wort, das große Neue was Jesus in die Welt gebracht hat ist die Liebe Gottes und die Liebe des Menschen zu Gott: Wenn ein Mensch in Liebe zu Gott, und damit zu Gottes Geschöpfen, Menschen und Tieren, der ganzen Schöpfung, tätig ist, wird er sich wie selbstverständlich dem annähern, was die zehn Gebote aussagen wollen.

Diese wollen uns nämlich nicht das Leben schwer machen, sondern sie wollen es ermöglichen.

Diese Liebe Gottes ist nichts Romantisches, nichts Leidenschaftliches: Sie ist die Anerkennung aus ganzem Herzen, Leib, Seele und Verstand, dass wir in Gott eine untrennbare Gemeinschaft in der Welt sind und alles was existiert, ein wertvoller, unverzichtbarer Teil des Ganzen ist. Es ist unsere fundamentale, erfahrene und erfahrbare Verbundenheit in Gott.

Es tut mir leid, dass das so schwierige Worte sind, aber ich habe eine große Abneigung gegen die Tendenz der Zeit, schwierige Themen so darzustellen als wären sie einfach.

Dass wir Menschen Fehler machen gehört dazu. Selbst Jesus machte Fehler (3): Er hatte Angst, hatte Zweifel und vielleicht war er das eine oder andere Mal auch ungerecht.

Doch es geht um das Tätig-Sein des Menschen in Gott. Wir sollen ihm nahe kommen und unser Leben in der Welt, mit der Welt gestalten, im Geiste und im Herzen wachsen.

Wir dürfen üben, wir können nicht perfekt sein. Das gute Leben gelingt im Vollzug des täglichen Anwendens, das nicht immer und auf Anhieb gelingt. Aristoteles, der große Philosoph, der so viel von Gott schreibt, aber von unserem Gott eigentlich noch gar nichts wissen konnte, hat in seiner berühmten Ethik, die er für seinen Sohn Nikomachos geschrieben hat, gesagt:

„... das menschliche Gut ist der Tugend gemäße Tätigkeit der Seele. (...) Dazu muss aber noch kommen, dass dies ein volles Leben hindurch dauert; denn wie eine Schwalbe und ein Tag noch keinen Sommer macht, so macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit noch niemanden glücklich und selig.“ (4)

Also üben wir, wachsen wir, unser ganzes Leben lang: Dieses Wachsen fängt zumeist erst an, wenn manche meinen das Leben ist schon vorbei, nämlich wenn sie merken, dass sie älter werden.

Das Festklammern an der Jugend, was ja durchaus in homosexuellen Kreisen auch vorkommen soll, ist auch eine Art Weigerung, sich zu verändern.

Und dabei ist das Altern nun wirklich eine Veränderung, die wir nicht aufhalten können.

Warum sehen wir den alternden Körper nicht als Aufforderung sich vom Äußerlichen zum Innern zu bewegen, sich auf eine andere Art zu pflegen, den Körper als Haus der Seele zu respektieren und die Sensibilität für Neues zu öffnen, dass von selbst durch Gott in unser Leben tritt.

Das kann eine neuerliche Aufforderung zu gleichzeitigen Hingabe und Gestaltung eines Lebens in Gott sein, wenn wir das so wollen und vollziehen.

Oder ist der Jugend- und Schönheitskult nichts anderes als Angst vor dem Tod?

Was kann uns denn, vor allem uns als Christen eigentlich passieren?

„Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum ob wir leben oder sterben, sind wir des Herrn.“ (5)

Das Tragische ist wenn wir darauf verzichten bewusst zu altern, und das heißt: für uns, für die Welt und für Gott auf Gott hin zu reifen und zu wachsen, wenn wir das nicht tun, nehmen wir uns das Leben.

Wenn wir unendlich leben würden, dann könnten wir einem Anderen etwas Böses tun und sagen „naja, in 500 Jahren werde ich mich wieder entschuldigen“.

Dadurch dass wir sterben, wird jeder Moment unwiederholbar wichtig.

Wenn uns jemand jetzt im Moment sagen könnte, wann wir sterben, dann bin ich mir sicher, dass wir morgen schon anders leben würden, weil uns dann klar ist, das ist ein unwiederholbarer Tag weniger auf der Rechnung. Den kriege ich nie wieder.

Nun ist es aber so, dass wir alle sterben und dass der morgige Tag ein unwiederholbarer Tag weniger auf der Rechnung ist.

Wenn man das verdrängt, verpasst man im Grunde das Leben. Und selbst wenn das Leben hier auf diesem Planeten vorbei ist, was passiert dann? Erst dann sind wir reif für Gott und dürfen zu ihm eingehen. Darum ist der Tod der Punkt unseres Leben, der Prüfstein, ob der Vollzug unseres Lebens gelungen ist.

Schon die Stoiker meinten, dass ein gutes Leben zu führen darin bestünde, sterben zu lernen.

Gott kann uns vor die Wand stellen, uns in Situationen führen, uns Mut machen, Hilfestellung geben, das alles kann er machen, aber das Tun, der gelingende Vollzug, das ist etwas was wir selbst tun müssen.

Um das Leben gelingen zu lassen, dürfen wir Gott vertrauen und können so auch unsichere Situationen in unserem Leben ertragen, die mit Neuem verbunden sind. Natürlich ist das nicht einfach: Wir werden manches hinter uns lassen müssen, was wir mit der Zeit liebgewonnen haben: Menschen die unseren Schritt nicht verstehen, Orte, Gewohnheiten, bewährte Verhaltensweisen, Sicherheit.

Vielleicht sind gerade wir ein Teil des Lernprozesses für andere Menschen und diese haben die gleiche Angst vor der Veränderung wie wir.

Auch diese Enttäuschungen müssen wir annehmen, auch wenn es uns schwer fällt mit ihnen zu leben.

Wie eine Geburt ist auch dies mit Schmerzen verbunden, bis wir in der neuen Welt atmen gelernt haben, und manchmal müssen wir vielleicht vollkommen mit der alten Welt brechen. Die alte Welt! Wie sehr leiden wir in ihr, aber sie ist uns vertraut und wie sicher sind wir in ihr.

Doch vielleicht können wir uns dann doch zum Mut durchringen, die Unsicherheit des Neuen zu wagen. Endlich das verwirklichen und dem nahe kommen, was wir sein sollen und wollen: Befreite die in sich Raum geschaffen haben, ihr Leiden hinter sich lassen, um glücklich zu sein und ein Leben im Geiste Gottes zu gestalten.

Diese Sicherheit..., manchmal habe ich den Eindruck vielen von uns ist sicheres Unglück lieber als ein ungewisses Glück, auch wenn wirklich jede Veränderung Verbesserung bedeuten würde, weil dadurch in das Leben wieder Bewegung kommen würde.

Wie die Welt sich verändert, verändern wir uns, das tun wir so oder so, doch wenn wir Veränderungen aktiv angehen, können wir positiv schöpferisch mitgestalten. Wenn wir uns nicht freiwillig verändern, werden wir verändert.

Und dabei geht es nicht um Veränderung um der Veränderung willen, sondern weil es die Entwicklung, das Wachsen erfordert.

Bei Kindern ist es normal, dass sie sich verändern und wachsen, es wird sogar von ihnen erwartet. Vielleicht hat Jesus auch deshalb zu uns gesagt, dass wir sein sollen wie die Kinder: Warum laufen wir nicht jeden Tag als neuer Mensch durch die Welt, betrachten sie staunend immer von neuem, schauen hinter jeden Baum, jeden Strauch, nehmen jedes Ding erneut in die Hand, um es von einer anderen Seite her zu begreifen und stellen vielleicht fest, dass der Stein, über den wir gestern noch gestolpert und gestürzt sind, uns heute wunderbar taugt eine prima Hütte daraus zu bauen?

Diese Veränderungen dürfen wir auch anderen Menschen nicht ersparen, solange das mit Liebe und Demut geschieht.

Erkennen wir uns selbst, werden wir uns selbst, leben ein einziges ganzes Leben, kein Doppelleben mehr, kein „Second Life“ oder „Third Life“.

Vielleicht sind es gerade wir, der Stein des Anstoßes, der den entscheidenden Anstoß gibt, etwas oder jemand in die längst erforderliche Hingabe in die Veränderung zu versetzen, oder ein schon längst baufälliges, verbissen fest gefügtes Gebäude zum Einsturz zu bringen.

Das ist das Neue das Gott durch uns schafft, das wir in ihm, durch ihn schaffen können. Indem er uns mit sich, der Welt und dem Leben versöhnt, dürfen wir glücklich sein. Denn glücklich können wir nur sein, wenn wir dem Leben und der Welt als Ganzes zustimmen und an ihr teilnehmen.

Amen.

Fußnoten

1. Hegel, G.W.F.: Frühe Schriften. Werke 1. Frankfurt am Main. 2005. S. 270

2. Die größte Konfrontation zwischen menschlicher und göttlicher Wahrheit findet sich in Johannes 18,28-38, in dem Pilatus Jesus die entscheidende Frage stellt: „Was ist Wahrheit?“ Aber das ist ein Thema, dass Stoff für eine eigene Predigt, wenn nicht sogar für ein eigenes Forschungskolloquium bietet.

3. Exkurs: Dieser Satz wurde anschließend an die Predigt mit der Bemerkung „Jesus war perfekt und hat keine Fehler gemacht.“ kritisiert. Mir ist diese Feststellung etwas zu dogmatisch. Sicherlich ist es wiederum Sache einer eigenen Vorlesungs- oder Abhandlungsreihe das Wesen und den Begriffsumfang von Fehlern zu klären, vor allem hinsichtlich einer, meiner Ansicht nach sehr fragwürdigen, normativen Einordnung in christliche Zusammenhänge. Doch zumindest kurz soviel dazu:

Jesus hatte als Mensch gewordener Sohn Gottes eine göttliche und eine menschliche Seite. [Ich tendiere auch eher dazu Gott als absolut (d.h. losgelöst, das Unbedingte, keiner Rechtfertigung bedürfend) zu bezeichnen und nicht mit dem normativ vorgeprägten Begriff perfekt (vollkommen, tadellos)] Ich halte es für unseren Zusammenhang wichtig, Jesus hier in seiner Menschlichkeit zu begreifen: dadurch dass er Mensch wurde, begab er sich in menschliche Abhängigkeiten und Beziehungen und musste innerhalb dieser agieren. Dadurch war er fast zwangsläufig zu Taten und Worten gezwungen, die menschlich also auch fehlerhaft waren. Diese Menschlichkeit, die ihm oft auch keine Wahl ließ, halte ich für zentral, denn sonst wäre er nichts als ein verkleideter Gott in Menschengestalt gewesen und das würde sein Opfer, dass er für uns gestorben ist, um einiges relativieren.

4. Aristoteles: Nikomachische Ethik. Hamburg. 1985. S.12

5. Römer 14,8


Geschrieben von Axel Grau
2007

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