FAMILIE, ELTERN

Vater und Sohn

Ein Briefwechsel

Lieber Papa, wir kennen uns nun über 46 Jahre, die in ihrer ganzen Bandbreite für dich und mich eine Fülle von Höhen und Tiefen, von kleinen und großen Ereignissen, posi­tiven sowie negativen Erlebnissen und auch freudige wie zutiefst schmerzhafte Begegnungen umfassten. Hier stehe ich als dein Sohn, der nicht immer so in dieser Tiefe sein Sohnsein verstand und auch nicht verstehen konnte.

Ich sah dich in den ersten 20 Jahren als meinen Erzeuger und Ernährer, meinen Erzieher und Hilfesteller in Abschnitten; du warst zweifelsohne das Oberhaupt der Familie, ein erfolgreicher und genialer Techniker der deutschen TV-Industrie sowie ein beständig aktives und überzeugtes Vorbild in Gemeinde- und Reich-Gottes-Arbeit. Ein Mann mit Format, ein Mann mit Rückgrat, ein Mann mit Einsatz, Verstand und starkem Willen. Aber ein Vater, wie Kinder ihn sich wünschten? Ich weiß nicht… der fehlte mir, der war zu weit und zu oft weg, das war mir zu wenig, das reichte nicht. Wir entfernten uns ganz unauffällig voneinander. Was denkst du über diese Zeit und wie hast du es empfunden?

Lieber Dirk, Du beschreibst mein Leben aus Deiner Sicht (subjektiv) ziemlich genau. Zuerst mal ein „Dankeschön“ für Deine Offenheit. So kann ein guter Dialog entstehen, der zur Versöhnung führen wird, die wir ja beide wünschen. „Versöhnung“, welch ein wunderschönes Wort!!! In der Mitte steht „Sohn“. Der Vater findet zum Sohn – der Sohn zum Vater. Oft geschieht das nicht, weil die Entfernung zwischen ihnen zu groß geworden ist, der Graben zu tief. Doch einer schafft es dann doch: „Christus versöhnt“! Sehr früh merkte ich, dass ich Dein Herz nicht mehr erreichen konnte, so ab sechs Jahren. Viel später habe ich erst erkannt, was die Gründe dafür wohl gewesen sein könnten. Oft habe ich zu Mama gesagt: „Ich laufe nun bald 20 Jahre innerlich hinter unserem Sohn her und kann ihn nicht mehr erreichen“. Zu stark war Dein Vater für Dich, der du viel, viel mehr Empathie, Nähe, Verständnis gebraucht hättest. Das aber brauchte Zeit, Gespräch, gemeinsame Unternehmungen. Vor allem in den ersten sechs Jahren Deines Lebens war ich zu oft nicht für Dich da, weil das Haus für sechs Personen gebaut werden musste, man mir beruflich größere Verantwortung übertrug, es im Reich Gottes mehr und mehr Arbeit gab. Zu spät merkte ich, dass ich bei der Zeitaufteilung die Balance verloren hatte. Ich konnte nur beten, dass der Herr unsere Herzen wieder zusammenführt. Manchmal geschah das auch, besonders bei den vielen Urlauben in den Alpen, wo Skilanglaufen angesagt war. Da konntest Du mit einem Satz: „Vater, das machst Du doch nicht“ (neidisch staunend beim Abfahrts-Ski) in einer Sekunde meine Haltung ändern. Die Antwort war: „Du wirst Dich wundern“. Den Rest kennst Du. Wir erlernten als Großfamilie nach und nach den Alpinski! Später gab es einmal einen Ausflug zu zweit in die italienisch-französische Grenzregion in ca. 2000 m Höhe. Das war ein Abenteuer! Dort waren wir uns für 2–3 Tage sehr nahe, und ich erkannte „etwas“ von Deiner Gefühlswelt, die viel, viel mehr von Ängstlichkeit bestimmt war, als das „Draufgängertum“ Deines Vaters.


Doch das waren leider nur kurze Abschnitte in unseren „inneren“ Begegnungen. Ein ganz starkes Erlebnis war auch der zeitweise Verlust all meiner Papiere und des Geldes auf einer anderen Urlaubsreise nach Jugoslawien. Nie vergesse ich Deine Frage: „Papa, was machst Du, wenn Du die Tasche mit dem Geld und den Papieren nicht wiederbekommst?” Das waren Momente, in denen ich glaubte, jetzt kommt es darauf an, was „Sache“ ist. Denn meine Antwort war: „Wenn ich jetzt darüber nachdenke, vertraue ich dem Herrn nicht (der Dir, Dirk, helfen will, die Realität göttlicher Zusagen zu erleben).” Dennoch war das, was der Herr dann getan hat, eher zur Stärkung und Bestätigung des Glaubens Deines Vaters und Deiner Mutter angetan, als Deinen „Teenager-Glauben“ zu festigen. Fazit: Ich konnte nichts anderes denken und hoffen. Du warst mit Deinen 15 Jahren weder fähig, die Hoffnungen und Wünsche/Gebete Deiner Eltern zu verstehen, noch zu erfüllen. Wer kann diesen Graben nur überbrücken? „Nur Christus ist es, der versöhnt“!!!

Dirk: Mit 24 Jahren – mittlerweile war ich Student in Berlin – erzählte ich dir und Mama unter größter Not und Angst an einem einzigen Tag sehr einschneidende Dinge aus meinem Leben, die euch meiner Meinung nach zutiefst erschütterten und die euch als Christen umso ernüchternder vorkommen mussten, weil sie nicht unbedingt in eure Wünsche passten, die ihr für mich hattet. Wie habt ihr reagiert, als ich euch nachmittags auf einem langen Spaziergang erzählte, dass ich mit dem Christsein „brechen“ werde, und abends auf dem Sofa daheim, dass ich schwul bin?

Lieber Dirk, was Du uns „an einem einzigen Tag“ mitgeteilt hast, hat uns zwar nicht erschüttert, weil wir es schon lange ahnten. Es hat auch unsere Liebe zu Dir nicht versiegen lassen!!! Du bist unser Sohn! Von Gott uns anvertraut!! Was, Herr, ist für uns jetzt dran? Wir haben uns dann, vielleicht zu langsam, informiert, weil Deine Situation uns letztendlich zu neu war. Der Alltag aber ging weiter. Auch der „christliche“ Alltag! Was hielt und Bestand hatte, war, mit unseren Fragen und Nöten zu unserem Herrn zu rennen. Dabei war uns nicht die größte Not, Deine Gefühle, Neigungen, Freundschaften akzeptieren zu lernen, sondern erkennen zu müssen, dass es keine Beziehung mehr zwischen Dir und unserem Herrn Jesus gab oder noch nie wirklich gegeben hatte. Was wir theoretisch geglaubt hatten „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen”, wurde jetzt, da wir existenziell betroffen waren, zum Trost. Der Herr würde Dich rufen, und Du würdest antworten können. Aber Geduld war angesagt.

Dirk: Wie bist du fortan mit meinem Coming-out und dem Bild eines in christlichen Kreisen tabuisierten Rollenverständnisses des Vaters, der einen schwulen Sohn hat, umgegangen? Was hat dich bewegt, was leiteten deine Gedanken, wie fühltest Du dich?

Lieber Dirk, da mir die Welt homosexuell empfindender Menschen eher nicht bekannt war, habe ich mich auf vielerlei Weise informiert: durch Gespräche mit Christen (Seelsorgern), Literatur, den Angeboten von Therapeuten und den Aussagen „öffentlich“ Betroffener („Ich bin schwul, und das ist gut so“, etc.), deren in der Öffentlichkeit geführtem Leben und vielem mehr. Als Christ sagt uns nur Gott, was Gut und Böse ist. Doch eine ganz andere Frage ist es, wie wir miteinander umgehen, wenn Vater und Sohn sich auf unterschiedlichem Lebensvollzug befinden!!! Nichts wünschte ich mir mehr, als dass wir zum Kern der Dinge kommen könnten, sozusagen ans „Eingemachte“. Doch dazu ist ein großes, großes Vertrauen zwischen uns nötig. Ich muss bereit sein, auch Dir meine Erfahrungen, Kämpfe, Niederlagen und Erfahrungen auf heterosexuellem Hintergrund zu offenbaren, sonst werde ich letztlich nie erfahren, was in Dir vorgeht, was Du lebst, wie homosexuelles Leben denn aussieht und nicht, wie es in irgendwelchen Büchern und Veröffentlichungen dargestellt wird. Erst dann, wenn wir auf Augenhöhe miteinander reden, sind wir der Versöhnung nahe!

Dirk: Ich lebte die nächsten 15 Jahre so ziemlich abseits jeglichen christlichen Gedankenguts und machte auch keinen Hehl daraus, dass ich nun mein eigenes selbstbestimmtes Leben führen wollte, um endlich zu mir zu finden; zu wissen, wer, was und wie ich bin. Dabei konnte mir kein Mensch meiner „frommen Vergangenheit“ und schon gar nicht mein Vater helfen, von dem ich den Eindruck hatte, dass er nie den Einblick in meine Gedanken- und Gefühlswelt hatte. Als Kind und Teenager spielte ich freiwillig, aber unbedacht, die Rolle, die mir übertragen wurde, aber nicht die „meine“. Ich übernahm unbewusst Vorstellungen, Wünsche und Ideale meiner Eltern, Geschwister und des christlichen Dunstkreises, in dem ich stand und der nicht wegzudenken war, aber fühlte oft ein Unbehagen, dass ich nicht „Teil dieser Gemeinschaft“ bin. Das entfernte mich immer mehr von diesen Kreisen und vor allem immer mehr von meinem Vater, der ganz am anderen Ende stand, dort, wo ich meines Erachtens nie hingelangen konnte. Deshalb der bewusste Bruch und das Streben nach eigenen Wegen. Hattest du eine Vorstellung davon, was mich trieb, und wie schwer es für mich war, ohne Verständnis, Hilfestellung und Begleitung einen Weg zu gehen, den ich nicht unbedingt freiwillig ging, für den ich mich nicht entscheiden konnte, sondern als einzige Konsequenz meines Bewusstseins gehen musste, und der so weit weg schien, dass ihr unweigerlich an die Geschichte vom „verlorenen Sohn“ erinnert wurdet?

Lieber Dirk, nein, ich hatte keine volle Ahnung von dem, was Dich wirklich alles belastete, aber unser Herr Jesus zeigte mir, was ich Dir dann auch sagen konnte: „Es gibt nicht nur die Geschichte vom „Verlorenen Sohn“, wo der Vater auf seinen Sohn wartet, sondern auch die Geschichte vom „Verlorenen Vater“, der seinem Sohn entgegen läuft, in der sich beide auf halbem Wege in die Arme schließen, und die sich gegenseitig vergeben, weil beide aneinander schuldig geworden sind.”

Dirk: Papa, was du da über den verlorenen Sohn geschrieben hast, konnte ich irgendwann nachvollziehen. Ich erkannte mich gar darin wieder: Mit Ende 30 hatte ich eine große Lebenskrise: Ich war am Ende meiner eigenen Perspektiven, ich hatte mir nichts mehr zu bieten und wusste mit meinem Dasein, das oberflächlich nicht schlecht war, nichts mehr anzufangen. Ich wähnte mich nach vielen persönlichen Niederlagen, menschlichen Unfällen und auch körperlichen Leiden in einem sehr tiefen Tal, in dem ich eine leise Stimme – die Stimme Jesu – hörte und meine Eigenregie nach und nach aufgab. Ich fing an, Orte zu besuchen, Menschen zu treffen und Bücher zu lesen, wo ich IHN vermutlich finden könnte, der doch tatsächlich Jahrzehnte hinter, vor und neben mir hergelaufen war, ohne dass ich es bemerkt hatte. Es war das erste Mal, dass ich IHN wirklich hörte und dann auch erfahren durfte, ein langsamer und leiser Prozess, aber ich spürte auf einmal, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich verstand erst recht spät, was es heißt, einen Vater im Himmel zu haben. Das zu sagen, kam mir nicht leicht über die Lippen. Wie auch? Nach fast 40 Jahren, in denen mir mein leiblicher Vater so fremd und weit weg erschien, lernte ich einen “himmlischen Vater” kennen, der mich so liebte und annahm wie ich bin, so schwul und mit solch einem Lebenslauf, der nicht gerade bilderbuchmäßig verlaufen ist. Das war aber der Wendepunkt, meinem irdischen Vater eine neue Chance zu geben. Ich ging auf dich zu, Papa, und wir fingen an, miteinander zu reden. Kein leichtes Unterfangen, aber ein sehr heilsames. Das größte Wunder meines Lebens war die Begegnung mit Jesus, das zweitgrößte aber diese Hinwendung zu dir, lieber Papa, und dem, was derzeit daraus entsteht!!!

Lieber Dirk, an dieser Stelle stehen wir beide heute und sehen staunend, dass „Christus versöhnt“!!! Endlich sind Vater und Sohn auf Augenhöhe und reden offen und ehrlich miteinander. P.S. Nun wiederholt sich, was vor 45 Jahren zwischen Deinem Opa und mir geschah: In langen Nachtgesprächen, als wir auf Augenhöhe waren, wurde die Schranke niedergerissen, und Dein Großvater sagte mir intime Dinge von sich, die ansonsten tabu waren. Das hat mir damals viel, viel geholfen!!! In diesem Sinne, in dieser Hoffnung, erwarte ich zuversichtlich die Erfüllung des Gotteswortes: „ER wird die Herzen der Söhne zu den Vätern wenden und die Herzen der Väter zu den Söhnen wenden“, was in dem Motto des Christivals 2016 zusammengefasst ist: „CHRISTUS VERSÖHNT“!!!!

Dein Dich liebender Vater

 

Inhaltsübersicht zwischendrin 2016


Geschrieben von Dirk und Walter Goseberg
2016

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