KIRCHEN

Eine gute Entscheidung

Veränderungen zum Thema Homosexualität in einer EFG aus Sicht eines lesbischen Gemeindemitglieds

Ich bin 21 Jahre alt und bin Mitglied in einer Baptistengemeinde in Bonn. Wie auch in vielen anderen Kirchen wurde in den letzten Jahren in Bonn das Thema Homosexualität zu einem Diskussionsgegenstand in der Gemeinde.

Es begann im Frühjahr 2011, als ein junges lesbisches Paar in die Gemeinde kam und fragte, wie offen wir wirklich seien und ob die Möglichkeit einer Aufnahme bestünde. Die Gemeindeleitung war zunächst ratlos, da das Thema bisher nicht angesprochen worden war und es augenscheinlich auch keinen Grund dafür gegeben hatte.

Nun begann die Auseinandersetzung. Sehr schnell hat man gemerkt, dass es viele unterschiedliche Meinungen unter den Mitgliedern gab. Eine direkte Antwort auf die Frage, wie wir mit der Thematik im Allgemeinen und dem Paar im Speziellen umgehen sollten, gab es nicht.

Also wurden im folgenden Jahr zwei Referenten eingeladen, die das Thema aus biblischer Sicht auslegten und dabei unterschiedliche Positionen einnahmen. Es wurde viel diskutiert, aber eine Lösung wurde nicht gefunden.

Im Juli 2012 outete ich mich bei meiner Familie und ein paar engen Freunden. Dabei habe ich aufgepasst, wem ich was sage, da ich nicht wollte, dass mit einem Mal in der ganzen Gemeinde bekannt wird, dass ich lesbisch bin und ich damit im Zentrum der ganzen Diskussion stehe. Dafür war die Situation zu angespannt und das hätte eine Entscheidung erzwungen, zu der die Gemeinde noch nicht bereit war. 

Im September hatte ich ein Gespräch mit meinem Pastor, in dem ich ihm von mir erzählt habe. Da mein Vater mit in der Gemeindeleitung war, wusste ich, dass ein Positionspapier, das von der Gemeindeleitung verfasst worden war, demnächst in einer Gemeindestunde vorgestellt werden sollte. In dem Papier stand, dass eine Aufnahmen zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich seien. Mir war es trotzdem wichtig, dass mein Pastor und auch die Gemeindeleiterin vor dieser Gemeindestunde wussten, dass das „Problem“ auch innerhalb der Gemeinde bestand und nicht nur von außen herangetragen wird.

Unser Pastor bestätigte mir noch einmal persönlich, dass das Papier nur vorläufig sei und sich die Gemeinde in einem Prozess befinde und man nichts überstürzen solle. Von dem Gespräch ist mir vor allem der Satz, „Egal was passiert, du bleibst in der Gemeinde“, im Gedächtnis geblieben und hat mir Mut und Hoffnung für die Zukunft gemacht. Als das Papier vorgestellt wurde, kannte ich zwar die Meinung des Pastors und der Gemeindeleiterin, aber in dem Moment war diese Absage doch ernüchternd. 

Die in dem Papier vorgestellte Position sollte die offizielle Stellungnahme des bis dato aktuellen Vorstandes sein, der kurz darauf abgelöst wurde. Danach herrschte erst einmal offiziell Ruhe, da sich der neue Vorstand erst noch einspielen musste.

Immer, wenn das Thema in einer Gemeindestunde angesprochen wurde, juckte es mich in den Fingern, mich groß und vor allen zu outen, aber ich habe gespürt, dass der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen war. Auch mein Pastor und meine Eltern warnten mich vor den Verletzungen, die von der Gemeinde, oder zumindest von einzelnen Mitgliedern, ausgehen könnten.

Im Laufe des Jahres 2013 brachte der neue Vorstand ein weiteres Positionspapier heraus. Dieses wurde dann immer von einem Vorstandsmitglied in den einzelnen Hauskreisen und Gruppen der Gemeinde vorgetragen und diskutiert. In der Jahresgemeindestunde im Frühjahr 2014 wurde es dann allen noch einmal vorgestellt. In diesem Papier stand, dass die Mitgliedschaft und Mitarbeit von Homosexuellen möglich sind. Nur Trauungen seien auch weiterhin nicht machbar. Des Weiteren sollte jeder angstfrei sagen können, dass er/sie homosexuell empfindet und/oder lebt. Bei Problemen oder Diskriminierungen würde sich der Vorstand vor die betroffene Person stellen.

Bis zur Gemeindefreizeit im Mai 2014 hatte ich mich immer nur bei einzelnen Personen geoutet, wollte mich aber eigentlich nicht länger verstecken. Am letzten Tag bei der Feedback-Runde gab es dann die Möglichkeit, noch Unausgesprochenes zu kommunizieren. Da ich mich in der Runde so wohl gefühlt habe und eine sehr familiäre Atmosphäre herrschte, sah ich meine Gelegenheit gekommen. Ich stand auf und sagte, dass die Gemeinde für mich eine Familie ist und ich in meiner Familie ehrlich sein möchte. Und auch wenn es egal sein sollte, wollte ich, dass sie wissen, dass ich lesbisch bin. Ich hätte zwar keine Freundin, würde aber merken, wie ich empfinde und dass das okay für mich sei. Ich erzählte von Zwischenraum und wie sehr mir die Gruppe in dem ganzen Prozess geholfen habe.

Danach folgte Applaus und noch in der eigentlichen Feedback-Runde ein deutlicher Zuspruch von unserem Pastor und zwei anderen Mitgliedern.

Nach der Runde kamen dann einige zu mir, haben mich umarmt, mir zu meinem Mut gratuliert und mir ihre Unterstützung zugesagt. Ich habe mich wunderbar erleichtert und seitdem in der Gemeinde noch wohler gefühlt. Es kamen auch in den folgenden Wochen keine negativen Reaktionen. Eher das Gegenteil war der Fall und ich hatte das Gefühl, dass mich manche jetzt noch lieber mögen als vor dem Outing. 

Es war auf jeden Fall eine gute Entscheidung, da ich jetzt offen von mir erzählen kann und mich wirklich zu Hause fühle. Und darüber hinaus wurde der Eine oder Andere nochmal ganz neu und anders zum Nachdenken angeregt.

In den letzten vier Jahren hat sich in der Gemeinde einiges getan. Von einer anfänglichen Ablehnung von Aufnahmen von Homosexuellen hat sich die Situation so verändert, dass ich, so wie ich bin, weiterhin willkommen bin und auch andere die Möglichkeit haben, in der Gemeinde ein Zuhause zu finden.


Geschrieben von Marie Lamoth
2016

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