BIBEL UND HOMOSEXUALITÄT

Vier Irrtümer über Identität – Predigt zum Thema „Wer bin ich?“

„...Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Viele werden diese (gekürzten) Zeilen wiedererkennen, sie stammen aus dem Gedicht "Wer bin ich?" von Dietrich Bonhoeffer und gehören für mich zum Anrührendsten, was dieser Mann geschrieben hat.

"Wer bin ich?" Wir haben uns am Samstag damit beschäftigt, wer wir in Christus sind. Diese Frage ist der Angelpunkt unseres Lebens. Die Frage "Wer bin ich?" ist dann quasi der Boden unter unseren Füßen – wir sind Bürger eines himmlischen Königreiches, aber auch dieser Erde. Jeder Mensch muss und möchte auch für seine irdische Existenz klären, wer er eigentlich ist. Die Frage "Wer bin ich?" beschäftigt mich selbst immer wieder und sie taucht auch in meinen Gesprächen mit Zwischenräumlern immer wieder auf. Vielleicht ist mir deshalb viel mehr dazu eingefallen, als man in einer Sonntagspredigt unterbringen kann. Nach der Kurzfassung in Wiesbaden nun also die versprochene Langfassung. Trotzdem muss ich euch noch einmal sagen, ich habe auch damit noch kein rundes Gefühl. Ich habe versucht, das Thema von etwas ungewohnten Seiten zu beleuchten. Für mich gehören sie zur Antwortfindung unbedingt hinzu. Ich behaupte nicht, dass sie die Antwort sind. Vielleicht werde ich euch eher zum Fragen und Nachdenken "aufbringen", als euch hier ein geschlossenes Antwortpaket liefern, zumal es sich primär nun mal um eine Predigt handelt, und nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung. Sie ist geprägt von all den "Wer bin ich-s?", die mir in so vielen Gesprächen begegnet sind, und von ganz konkreten Menschen mit ihren konkreten Fragen, die mir dabei vor Augen stehen.

"Wer bin ich?" – diese Frage kann man philosophisch oder psychologisch betrachten. Und das ist bereits recht interessant. Wirklich spannend wird es freilich dann, wenn sich diese Frage existenziell stellt. Existenziell betrifft uns die Frage "Wer bin ich?" dann, wenn sie aus Selbstzweifeln oder Verzweiflung geboren wird, wenn wir sie uns in Verunsicherung stellen und auf der Suche nach uns selbst. Nun muss die Frage "Wer bin ich?" zwar nicht immer mit einer Krise einhergehen, aber eine gewisse Verunsicherung ist wohl notwendig in der Entwicklung unserer eigenen Person.

"Wer bin ich?" Diese Frage stellt sich auch für jeden anders – oder im Lauf seines Lebens in unterschiedlicher Weise. "Wer bin ich?" – das heißt: wo gehöre ich hin? Wo ist mein Platz in dieser Welt? "

"Wer bin ich?" - das heißt auch: Wer weiß überhaupt etwas von mir und wie es wirklich in mir aussieht? "Wer bin ich?", das heißt: Wer bin ich eigentlich/wer bin ich wirklich – ist mein Selbstbild von mir vielleicht nur eine Illusion? Wie beantworte ich die Frage "Wer bin ich?" nach einem kompletten Versagen, wenn ich von mir enttäuscht bin? Und enttäuscht, heißt das, vorher war alles Selbsttäuschung?

"Wer bin ich?" – das heißt auch: lebe ich nur fremdbestimmt und anderen zuliebe, versuche ich eigentlich nur, ihr Bild von mir zu erfüllen? Wer bin ich, wenn ich feststelle, dass ich anders bin als alle anderen?

Die Frage "Wer bin ich?" ist also viele Fragen in einer, aber im weitesten Sinne die Frage nach unserer Identität. Nach dem Lexikon ist Identität die "völlige Übereinstimmung einer Person oder Sache mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird ". Identität ist etwas, was uns selbst betrifft, aber auch das Bild der Umwelt, das sie von uns hat.

Ich möchte "Identität" hier bewusst möglichst weit auffassen. Identität kann zum Beispiel unsere Nationalität betreffen: Bin ich und fühle ich mich als Deutscher, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin, weil ich die deutsche Sprache spreche? Oder tue ich das nicht? Fühle ich mich als Deutscher, obwohl ich in einem anderen Land geboren worden bin, weil ich in Deutschland Schutz gefunden habe oder bessere Arbeitsbedingungen und mich der Kultur angepasst habe? Oder tue ich das nicht? Die Frage nach der Identität betrifft unsere Persönlichkeit und unseren Charakter. Oder sogar ein geistliches Amt oder einen Beruf, den wir ausüben. Denn auch hier gilt: habe ich das Gefühl, dass die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, wirklich meiner Person entspricht? Kann ich mich mit dem, was ich tue, "identifizieren"?

Die Frage nach der Identität betrifft natürlich auch unsere sexuelle Identität. Liebe ich Männer abseits der Erwartung und der Ausrichtung meiner Umwelt in der Partnerfindung? Liebe ich Frauen, "obwohl" ich eine Frau bin? Oder noch verwirrender: bin ich eine Frau und fühle ich mich als Frau, bin ich ein Mann und fühle ich mich als Mann, oder finde ich mich in diesen Kategorien nicht wirklich wieder? Oder weiß ich dies alles selbst nicht so genau, weil ich Widersprüchliches bereits erlebt habe? Und nicht zuletzt: was erwartet Gott von mir? Darf ich das sein, was ich bin - oder wofür ich mich halte? Vielleicht gehören gerade wir zu den Menschen, die die Identitätsfrage besonders existentiell stellen müssen.

Eine gelungene Identitätsfindung bedeutet quasi in Anlehnung an den Lexikonbegriff, in Übereinstimmung mit dem zu leben, was man ist, und dies auch nach außen zu vermitteln. (Und als Christ, müsste man hinzufügen, sich dabei im Einklang mit dem Willen Gottes zu sehen). Wenn Menschen versuchen, eine gelungene Identitätsfindung zu umschreiben, so sprechen sie davon, "mit sich selbst im reinen" zu sein. "Eins mit sich selber" oder "bei / in sich selbst zu Hause" zu sein. Gelungene Identitätsfindung bedeutet, auf die Frage "Wer bin ich?" eine Antwort gefunden zu haben. Oder (das glaube ich zumindest, als Vorstufe dazu) damit versöhnt zu sein, sich noch auf der Suche nach einer Antwort zu befinden.

Wenn wir wissen wollen, was uns die Bibel zum Thema "Wer bin ich?" zu sagen hat, werden wir bei oberflächlicher Betrachtung zunächst enttäuscht. Nämlich dann, wenn wir danach suchen, welche Antwort Menschen in der Bibel auf diese Frage gefunden haben. Die Frage taucht nämlich in der Bibel nicht sehr häufig auf. Manche Menschen stellten die Frage "Wer bin ich?" in Situationen mangelnden Selbstvertrauens, wenn sie von Gott mit einer großen Aufgabe betraut wurden. Mose fragt: "Wer bin ich denn, dass ich dieses große Volk führen sollte?", als Gott ihn zur Befreiung Israels aufruft (Ex 3,11). Oder ähnlich fragt auch Saul, wer er denn sei, als er zum König berufen wird (1Sam 9,21). Dies können wir sicherlich gut nachvollziehen, wenn uns eine Aufgabe eine Nummer zu groß erscheint – oder uns vielleicht das ganze Leben eine Nummer zu groß ist. Aber es hilft uns in der Frage "Wer bin ich?" eigentlich nicht weiter.

Menschen in der Bibel stellten diese Frage noch in einer weiteren Weise. Nämlich in demütiger Überraschung vor der Größe und Gnade Gottes, mit der er sich einem Menschen zuwendet. David fragt (etwas anderes formuliert) im berühmten Psalm 8: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und das Menschenkind, dass du dich seiner annimmst?" Das ist die Frage "Wer bin ich, Gott, dass du dich mir zuwendest?" Ähnlich stellt David diese Frage noch einmal, als Gott ihm und seinen Nachkommen das Königtum verspricht: "Wer bin ich, dass du mich bis hierher gebracht hast?" (2Sam 7,18).

Diese Art der Fragestellung weist uns zwar auf etwas Wichtiges hin: dass unsere Bestimmung aus der Beziehung zu Gott lebt. Aber wir meinen unsere Frage ja doch etwas anders. Wenn sie in der Bibel kaum so gestellt wird, wie wir sie heute formulieren, soll das nicht bedeuten, dass unsere Fragestellung falsch ist. Wir müssen bedenken, dass Menschen in der Antike anders gedacht haben als wir heute. So wie es problematisch ist, die neuzeitlichen Begriffe Homosexualität oder Heterosexualität in die Bibel hinein zu lesen, so sollte man berücksichtigen, dass antikes Denken viel weniger individualistisch war als heute, sondern den Menschen in einen Gesamtzusammenhang stellte und als Teil einer höheren Ordnung auffasste.

Die zunehmende Beschäftigung mit sich selbst, dass man sich als Individuum analytisch-psychologisch begreifen möchte, ist erst im Lauf der Weltgeschichte in den Vordergrund getreten. Mit allem Guten und alle Schwierigkeiten, die diese Beschäftigung mit sich bringt... Einer der wenigen, die die innere Zerrissenheit über ihre Existenz bereits damals in Worte zu fassen vermochten, war Davids Sohn Salomo, bzw. eben der Autor des Kohelet, des Buches Prediger. Und letztlich hat er keine ganz befriedigende Antwort für sich gefunden...

Wir müssen es also anders versuchen. Zunächst einmal möchte ich einen ebenfalls berühmten Ausspruch Davids zitieren, nämlich den aus Psalm 139.

Denn du hast mein Inneres geschaffen, / mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. / Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. Als ich geformt wurde im Dunkeln, / waren meine Glieder dir nicht verborgen. Deine Augen sahen, wie ich entstand, / in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, / als noch keiner von ihnen da war. Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge – / du, Herr, kennst es bereits. Du bist vertraut mit all meinen Wegen. (aus Ps 139)

Da ist nicht nur vom Körper, sondern auch vom inneren Menschen, seinen Gedanken und Worten die Rede. Die Quintessenz lautet zusammengefasst: wir sind gewollt. Wir sind geplant. Und wir sind wunderbar geschaffen, sowohl in unserem äußeren wie auch unserem inneren Sein. Wir werden uns damit beschäftigen müssen, was das heißt, bzw. auch, was das eben nicht heißt. Aber ich möchte es als Voraussetzung für die Frage "Wer bin ich?" einfach einmal stehen lassen: wir sind gewollt, wir sind geplant und wir sind wunderbar geschaffen, auch in unserem inneren Sein. Ich bin der Überzeugung, dass wir mit der Bibel in der Hand auf so ziemlich jede Frage, die uns wirklich betrifft, eine Antwort finden können. Aber ich glaube, dass es Probleme mit sich bringt, einfach zu fragen: "Was sagt die Bibel zu..." – und dann folgt Schlagwort XY. Wir wollen gern eine Schublade ziehen, darin ein paar griffige Formulierungen finden, die Schublade schließen, und fertig ist die Antwort. Ich glaube, zu einer besseren Lösung kommen wir, wenn wir die Bibel von einer ganz anderen Seite fragen: Was sagt sie uns über Gott? So muss auch die Frage des Menschen "Wer bin ich?" eigentlich bei Gott beginnen. Denn vergessen wir nicht, die Bibel fasst den Menschen als das Ebenbild Gottes auf. Und dies betrifft ja kaum unser äußeres Erscheinungsbild, sondern eben unser inneres Wesen.

Eine Schlüsselszene, in der ein Mensch danach fragt: Gott – wer bist du? finden wir im Exodus im dritten Kapitel. Mose fragt hier Gott nach seinem Namen. Mit dem Namen Gottes möchte er das Wesen Gottes erfassen, Gott irgendwie "packen": "Welchen Namen soll ich den Israeliten sagen, wenn Sie mich danach fragen?" Vermutlich erwartete Mose irgendeinen einprägsamen Namen, wie man das von den Göttern der Völker ringsum kannte, und aus dem man etwas über das Wesen des jeweiligen Gottes ablesen konnte. So wie Baal, der Herr. Oder zumindest ein Name, der das Geheimnisvolle eines Gottes beschrieb, so wie bei dem ägyptischen Gott Amon, was "der Verborgene" heißen soll.

Doch Gottes rätselhafte Antwort ist mehr als nur ein Name, sie ist eine ungeheuer vielschichtige Selbstoffenbarung. Gott sagt zu Mose: Jahwe – Ich bin, der ich bin (oder Ich bin der Ich-bin). Jahwe, der Gottesname, leitet sich vom Hebräischen Zeitwort SEIN ab. Denn Gott ist schließlich Ursprung allen Seins, ist das Sein schlechthin. Aber – so typisch deutsch-philosophisch meint Gott das hier wohl gar nicht. Welche Facetten in diesem seltsamen Ich-bin-der-Ich-bin stecken, kann man an den vielen Übersetzungsversuchen der verschiedenen Bibeln ableiten.

Ich werde sein, der ich sein werde: dies finden wir im Neuen Testament wieder – "Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit." (Hebr 13,8) "... der da ist, und der da war und der da kommt" (Offb 1,8). Gott ist ewig derselbe. Er ändert sich nicht und besteht über jede Zeit hinaus.

Eine andere Übersetzung: Ich bin der Ich-bin-da. Gott ist allgegenwärtig präsent. Und damit mir auch immer nah.

Oder: Ich bin der Ich-werde-für-euch-da-sein. Das klingt nun ziemlich mensch-bezogen, anthropozentrisch. Aber immerhin heißt auch der Name des göttlichen Messias – Immanuel: "Gott mit euch" oder "Gott für euch" (Mt 1,23). Gott ist ein Gott der Beziehung.

Ich-bin-der-Ich-bin: das ist aber auch eben diese in sich ruhende Selbst-Gewissheit, nach der wir uns sehnen. Jemand, der sich selber treu ist ("Gott kann sich selbst nicht verleugnen", so drückte es Paulus aus, 2Tim 2,13). Gott stellt sich vor als jemand, der gelungene Identität in Reinform ist. Ich-bin-der-Ich-bin. Wenn wir sagen "Ich bin halt, was ich bin", meinen wir damit: ihr müsst mich halt so nehmen, wie ich bin. Aber das hat so einen passiven Unterton, ich bin eben so ("das") geworden. Aber dieses Ich-bin-der-Ich-bin Gottes ist kraftvoll aus sich selbst, ist das Urbild von Identität.

Wir Menschen, als Ebenbilder Gottes, tragen dies zumindest als Sehnsucht und Ahnung in uns, auch sagen zu können Ich-bin-der-ich-bin. Aber wie kommt man dahin? Ich habe für das kein Patentrezept, was jeder selbst mit Gott für sich entdecken muss. Aber manchmal kann es hilfreich sein, zumindest zu sagen, was nicht ist. Deshalb möchte ich über ein paar Irrtümer über Identität sprechen. Denn wir haben eher gelernt, dem zu misstrauen als dem zu vertrauen, was man uns als gottgegebene Identität geschildert hat, wir müssen es häufig erst wieder lernen, vor Gott und mit Gott nach uns selbst zu suchen.

Es gibt zwei Irrtümer über gottgegebene Identität, die eng miteinander zusammenhängen: der Irrtum, Identität müsse etwas absolut eindeutiges sein (Eindeutigkeit hierbei als Eindimensionalität verstanden - entweder man ist dies oder man ist das). Der zweite Irrtum ist der, dass man gottgegebene Identität mit einer Art Schablonenhaftigkeit verwechselt. (Dies verspüre ich z.B. immer, wenn es um das Thema "Schöpfungsordnung" geht.) Schablonenhafte Identität, das bedeutet: Frauen sind so, und Männer sind so. Väter müssen so sein, Mütter müssen so sein. Aber auch: Christen sind so, und Nicht-Christen sind so. Oder auch: ein christlicher Leiter muss so und so sein, usw., usw... Dabei ist Identität eben gerade nicht Uniformität!

Es gibt auch Irrtümer über gelungene Identität. Der Irrtum, gelungene Identität bedeute, keine Konflikte mehr zu haben. Oder der Irrtum, wenn ich meine wahre Identität gefunden habe, dann ist das meine Wunsch-Identität. Dabei bin ich nicht immer das, der, oder die ich in meinen Wünschen wäre - und auch dazu muss sich ein Ja finden.

Ich will mich diesen Irrtümern etwas ausführlicher widmen.

1. Irrtum: Eindeutigkeit

Zunächst einmal – jeder Tatort-Fan weiß, dass "Identität feststellen" natürlich etwas mit Eindeutigkeit zu tun hat. Auch beim Lesen der Bibel kommt man nicht umhin: Eindeutigkeit ist eine biblische Tugend. Doppeldeutigkeit und Mehrdeutigkeit haben hingegen meistens einen negativen Beigeschmack. Dafür gibt es hunderte von Beispielen, quer durch die Bibel: angefangen von dem uns seltsam anmutenden Verbot, zweierlei Samen auf seinen Acker zu säen oder Mischgewebe zu tragen. Wir finden die Aufforderung zur Eindeutigkeit in Elias Ausruf: "Wie lange wollt ihr noch auf beiden Seiten hinken?" Oder bei Jesus und Jakobus: "Euer Ja sei ein Ja, und euer Nein ein Nein". Jakobus warnt davor, ein Mensch mit zwei Seelen zu sein. In der Offenbarung ist es besser, geistlich heiß oder sogar kalt, nur nicht lau zu werden. Eindeutigkeit ist eine biblische Tugend. (Lev 3,19; 1Kön 18,21; Mt 5,37; Jak 5,12+1,8; Offb 3,15+16).

Aber letztlich steht hinter all diesen Aufforderungen immer die Frage: stehe ich mit meinem ganzen Herzen zu Gott oder ist er doch nicht der einzige für mich? Vertraue ich mit ganzem Herzen auf diesen Gott oder habe ich lieber auch noch andere Eisen im Feuer? Hierbei gilt es auf jeden Fall, eindeutig und nicht mehrdeutig zu sein. Ich bezweifle aber, dass es bedeutet, dass unser Wesen eindimensional sein muss. Dass es bedeuten muss, wenn ich da aus den üblichen, klaren Kategorien heraus falle, dann stimmt etwas nicht.

Aber wir wollten ja bei Gott anfangen. Und da ist es nun einfach einmal interessant, darüber nachzudenken: wie eindeutig ist eigentlich Gottes Identität und seine Auffassung von Identität? Wer ist der Ich-bin-der-Ich-bin?

Gott hätte sich doch immer nur als "Jahwe, der eine Gott" vorstellen können, aber er mutet uns gleich mehrere Identitäts-Unfassbarkeiten zu. Er ist der drei-einige Gott, Vater, Sohn, und Heiliger Geist. Generationen von Theologen haben sich darüber die Köpfe zerbrochen. Und dann ist Gott, der Sohn, auch noch "wahrer Mensch und wahrer Gott" zugleich. Kirche hat sich darüber zerspalten. Oder – uns vielleicht näherliegend und das leichtere Kapitel: ist Gott eigentlich männlich oder weiblich? Die Götter der Antike waren eindeutig männlich oder weiblich, oder vereinten ausdrücklich beide Geschlechtsmerkmale in sich. Aber immer waren sie sexuell zuzuordnen: sie hatten erotische Abenteuer, zeugten und gebaren ganze göttliche Kinderscharen, symbolisierten sexuelle Stärke und Fruchtbarkeit. Hier passt der gestaltlose Gott der Bibel gar nicht hinein.

Vieles in der Bildsprache der Bibel ist erotisch gefärbt, um die Liebe Gottes zum Menschen greifbarer zu machen. Aber letztlich bleibt Gott ein Wesen, das über "männlich" und "weiblich" steht. Natürlich, die Begriffe, mit denen Gott in der Bibel belegt wird, sind überwiegend männlich. Die meisten wissen, dass ich auch kein Freund von "Mutter unser im Himmel" oder der "Heiligen Geistin" bin. Aber Gott wird bereits im Alten Testament sowohl als Vater für sein Volk, als auch als Mutter beschrieben (Jes 63,16 und 66,13). Ein ganz beliebtes Bild der sog. Weisheitsliteratur im Alten Testament benutzt eben die "Weisheit" quasi gleichbedeutend mit Gott selbst. Ja, viele Ausleger sehen in manchen der Weisheitslieder sogar das alttestamentliche Bild für Christus. Die Weisheit ist aber nicht nur im Deutschen weiblich, sondern auch im Hebräischen, und wird richtig personifiziert als "Frau Weisheit" beschrieben (s. Spr 8-9). Jesus sagt: "ich wollte euch wie eine Mutterhenne ihre Küken unter meinen Flügeln sammeln" (Mt 23,37). Kein Jupiter hätte das wohl gesagt! Gott entzieht sich sexueller Eindeutigkeit, er steht weit darüber, ein geschlechtsspezifisch männlicher Gott oder eine geschlechtsspezifisch weibliche Göttin zu sein.

Nebenbei bemerkt, die gelegentlich geäußerte Meinung, der Mensch könne nur in der Polarität von Mann und Frau und in der ehelichen Gemeinschaft von Mann und Frau Gottes Ebenbild widerspiegeln ("Ehe als Ikone Gottes"), geht m.E. völlig an dem vorbei, was die Bibel im Schöpfungsentwurf zu Gott und Mensch sagt. Der Mensch ist Ebenbild Gottes in seiner Fähigkeit zur liebenden Beziehung, nicht in der geschlechtlichen Dualität. Sonst wären womöglich ein Affenmännchen und ein Affenweibchen dem Ebenbild Gottes näher als ein einzelner Mensch. Die Paarbildung und der Segen "Seid fruchtbar und mehret euch", den bereits die Tiere empfangen, unterscheidet den Menschen aber gerade nicht von seinen Mitgeschöpfen. Jesus übrigens maß der Unterscheidung von Mann und Frau sogar einen ziemlich nebensächlichen, vorläufigen Wert zu. Dem Ebenbild Gottes werden wir am meisten entsprechen, wenn wir in der neuen Welt Gottes bei ihm sein werden ("wir werden ihm gleich sein, wenn er offenbar wird, denn wir werden ihn sehen wie er ist", 1Joh 3,2). Aber gerade dann ist es mit unserer Geschlechtlichkeit vorbei: "Die Gott für würdig hält, an der Auferstehung teilzuhaben, werden nicht mehr heiraten" können oder wollen, sondern "sein wie die Engel im Himmel" (Mt 22,30 und Lk 20,35).

Doch zurück zu Gott, dem "Urbild der Identität". Dieser Gott, der von sich sagt Ich-bin-der-Ich-bin, ist in seiner Identität alles andere als eindeutig. Natürlich ist Gott Gott, und wir sind Menschen, natürlich steht Gott himmelweit über unserer Dimension. Dennoch - zum Bilde Gottes sind wir geschaffen (und zwar jeder Mensch für sich), und ich frage mich, ob es dann richtig ist zu erwarten, dass menschliche Identität eindimensional sein soll, wenn Gottes Identität so unbegreifbar vielschichtig ist.

2. Irrtum: Schablonenhaftigkeit:

Wir alle kennen das Schlagwort "Gott ist ein Gott der Ordnung" (dies wird ja auch und gerade im Zusammenhang mit der sogenannten Schöpfungsordnung betont).

Es gibt einen Cartoon von den Peanuts, den ich sehr liebe. Man sieht Lucy und Linus, wie sie miteinander streiten (nichts Ungewöhnliches also). Es geht um die Buntstifte. Von der Seite kommt eine Sprechblase: Lucy, gib deinem Bruder etwas von den Buntstiften ab! Wir sehen dann Lucy mit ihrem unvergleichlich perfiden Lächeln drei Buntstifte abzählen. Im letzten Bild sitzt Linus an seinem Malbuch mit seinen drei Buntstiften und seufzt: Schwarz, Weiß und Grau.

Stellen wir uns das nicht manchmal so vor: Gott ist ein Gott der Ordnung, und diese Ordnung für unser Leben bedeutet: es gibt die Kategorien Schwarz, Weiß, oder allenfalls noch ein Grauton dazwischen?

Dabei berichtet uns die Bibel von etwas ganz anderem. Gottes Ordnung ist Freude und Lust an Vielfalt und Überfluss.

Beginnen wir doch gerade mit der Schöpfungserzählung: sie berichtet, wie Gott Ordnung im Chaos schafft. Er teilt ein: in Land und Wasser, in Licht und Finsternis und die Lebewesen "jedes nach seiner Art". Das ist Ordnung und Zuordnung, keine Frage. Aber wie sieht es nun innerhalb dieser Ordnung aus?

Da sind die Lichter, die Gott macht, um den Tag und die Nacht daran zu unterscheiden, Sonne, Mond – und Sterne. Die Sterne sind dabei eigentlich eine Zugabe. Natürlich, wir wissen, das sind einfach Himmelskörper im riesigen Weltall. Trotzdem kann sich auch der grösste Materialist kaum der Faszination entziehen, an einem dunklen Ort in ein sternenübersätes Firmament zu blicken. Und diese Sterne, diese Instrumente der göttlichen Ordnung, sind gleichzeitig in der Bibel das Bild für eine unfassbar große und für den Menschen unmöglich zu überschauende Menge. Nur ein einziger kann sie überblicken, und sogar jeden mit seinem ganz eigenen, besonderen Namen rufen, Gott (Jes 40,26). Denn Gottes Ordnung bedeutet Lust und Freude an Vielfalt und Überfluss.

Es geht weiter mit der Schöpfung. Gott schafft die Tiere, und da heißt es von den Tieren im Meer, dass sie dort "wimmelten". Wimmeln, auch das ist der Ausdruck für etwas, über das der Überblick unmöglich ist. Wimmeln ist ein Wort, das in der Bibel nicht häufig vorkommt. Wir finden es noch einmal in Exodus: das Volk Israel vermehrt sich so stark, dass das Land von ihnen "wimmelte". Und bezeichnenderweise heißt es kurz darauf, dass den Ägyptern vor ihnen "graute" (Ex 1,7+12). Wimmeln – das ist diese Mischung aus Faszination und Gänsehaut, die uns überkommt, wenn wir in einen aufgestörten Ameisenhaufen blicken. Wimmeln, das ist eine solche Vielfalt, dass Sie uns schon unheimlich wird. Gott überblickt diese unheimliche, wimmelnde Vielfalt. Denn Gottes Ordnung ist Freude und Lust an Vielfalt und Überfluss.

Und dann weiter in der Schöpfung: mitten in die noch im Werden begriffene Pflanzenwelt setzt Gott einen Garten, den der Mensch bebauen und bewahren soll. Auch hier Ordnung und Auftrag zum Ordnen. Und was wächst in diesem Garten? Gott ließ in diesem Garten "allerlei" (also modern ausgedrückt: viele verschiedene) Bäume wachsen, und allesamt sind sie "köstlich und verlockend anzusehen" (Gen 2,9). Und von allen (außer einem, wie wir wissen) durfte der Mensch essen. Hier kommt also auch noch das Moment der Lust und des Genusses dazu. Denn Gottes Ordnung ist Freude und Lust an Vielfalt und Überfluss.

Gott selbst singt im Buch Hiob (Kapitel 38-41) ein Loblied seiner Schöpfung in der Tierwelt, um Hiob seine Größe vor Augen zu führen. Merkwürdigerweise hat diese Schilderung aber durchaus etwas Verspieltes, etwas Extravagantes, hat Lust am Ausgefallenen. Nicht einfach besonders schöne, wertvolle, nützliche oder prächtig gestaltete Tiere werden hier geschildert, sondern unter anderem z.B. der Wildesel, in der Bibel ein Bild für ungebärdiges Verhalten und übrigens auch für sexuelle Lust. Die Straußenhenne, die achtlos davonrennt und sich nicht um ihre Eier kümmert. Zwei schreckliche, sagenhafte Ungeheuer wie der drachenähnliche Leviathan, von dem es trotzdem in einem Psalm heißt, dass Gott ihn schuf, um "mit ihm zu spielen" (Ps 104,26). Gottes Ordnung ist Freude und Lust an Vielfalt und Überfluss und auch am Kuriosen.

Oder nehmen wir im Neuen Testament das Bild für die Gemeinde. Bezeichnenderweise wird hier nicht eine gut gedrillte Armee beschworen, sondern das Bild vom Leib Christi (1Kor 12). Dieser Leib funktioniert in der Vielfalt ganz verschiedener Glieder, die sich dennoch unbedingt untereinander achten sollen. Diese Glieder haben nicht nur einfach verschiedene Funktionen, sondern werden ausdrücklich eingeteilt in starke und schwache, ja sogar in anständige und weniger anständige. Und doch gehören sie alle zum Leib. Gottes Ordnung ist Freude und Lust an Vielfalt und Überfluss, sie schließt das Schwache und auch das "weniger Anständige" mit ein.

All dies passt wirklich nicht in eine Vorstellung einer möglichst überschaubaren und zwanghaft festgefügten Ordnung. Gottes Ordnung ist Freude und Lust an Vielfalt und Überfluss. Frauen, Männer, Väter, Mütter, Christen, christliche Leiter – sie alle sind nicht einfach "so". Sondern dürfen entdecken, wie Gottes Ordnung für sie aussieht.

Und nur mal nebenbei: "Gott ist ein Gott der Ordnung" ist gerade kein korrektes Zitat aus der Bibel. Sondern die (falsche) Ergänzung eines Bibelwortes, das sich auf den von vielen Menschen gestalteten Gottesdienstablauf bezieht: "Gott ist kein Gott der Unordnung, sondern..." (1Kor 14,33). Das Gegenteil von Unordnung ist hier aber nicht Ordnung, sondern – Frieden. "Gott ist kein Gott der Unordnung, sondern des Friedens". Gott ist kein Gott der Gottesdienst-Ordnung, sondern des Menschen-Friedens im Gottes-Dienst.

Ich bekomme oft die Frage gestellt, ob ich glaube, dass Homo-, Bi- oder Transsexualität im Schöpfungsplan enthalten waren, oder ob sie Folgeerscheinung einer gefallenen Schöpfung sind. Ich muss sagen: das weiß ich auch nicht. Aber ich weiß auch nicht, ob wir mit dieser Frage eigentlich weiterkommen. Denn wer wollte uns das beweisbar beantworten? Ob wir nicht uns lieber fragen sollten: wie geht ein Gott, dessen Lust die Vielfalt und die Ausgefallenheit sind, dessen Auge sich auf Außenseiter und Verachtete richtet, wie geht dieser Gott mit einer Erscheinung, wie sie nun einmal jetzt da ist, um?

3.Irrtum: Konfliktlosigkeit

Denken wir noch mal an das Gedicht von Bonhoeffer zurück. Bonhoeffer war einer der großen deutschen Christen, ein bewundernswerter Mann. Und er steckte im tiefen Konflikt – "Wer bin ich?" Wir bleiben unvollkommene, oft gebrochene Menschen. Und selbst wenn wir uns sagen könnten: ich-weiß-wer-ich-bin, erinnern wir uns: Identität besteht aus der Selbsteinschätzung, aber auch aus der Einschätzung der anderen. Und da der Mensch ein soziales Wesen ist, werden wir nie völlig unabhängig davon sein. Menschen können ungeheuer hilfreich sein in der Findung der eigenen Identität, sie können uns aber auch furchtbar im Wege stehen dabei. Was wir selbst und spätestens was andere über uns denken, wird stets eine Quelle der Beunruhigung in unserem Leben bleiben.

Beunruhigung in zweierlei Hinsicht: Bonhoeffer zweifelte an der äußeren Einschätzung und fragte: "Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was sich selbst von mir weiß?" So betete ein vor sich selbst elender Häftling, den andere für einen Helden hielten. Beunruhigung kann aber auch voller Selbstzweifel heißen: "Bin ich überhaupt das, was ich selbst von mir denke? Oder bin ich doch das, was andere von mir zu wissen glauben?" So betet vielleicht jemand bei seinem Coming-out, wenn er ExGay-Literatur liest.

Für den einen ist die Beunruhigung eine Last, weil er auf fehlende Akzeptanz und Herabsetzung stößt. Für Bonhoeffer war die Beunruhigung die schmerzhaft empfundene Diskrepanz, die nicht nur aus der Herabsetzung, sondern auch aus der Überbewertung kommen kann. Beunruhigung kann aber auch zu einer positiven Infragestellung werden. Im Nachhinein merken wir oft, dass eine Beunruhigung von außen nötig war, damit eine innere Reifung stattfinden konnte, damit wir innere Klarheit über uns selbst gewinnen konnten. Mir sind Menschen unheimlich, die allzu sicher, allzu zufrieden mit sich sind. Erinnern wir uns an Fabians Witz letztes Jahr. Sagt ein frommer Bruder: Ich stehe schon seit 20 Jahren fest im Glauben. Kommentar: Na wunderbar, seit 20 Jahren keinen Schritt vorwärts gekommen.

4. Irrtum: Identität und Wunschbild

Bedeutet eine gelungene Identitätsfindung, das zu sein, was wir uns zu sein wünschen? Ist es nicht vielmehr oft so: entweder wünschen wir uns ständig, etwas oder jemand zu sein, der wir nicht sind und auch niemals werden können. Oder wir konstruieren uns gern ein Bild von uns selbst, das unseren Wünschen entspricht, und machen uns vor, auch tatsächlich so zu sein. Beides geht am wahren Leben und wahrer Identität vorbei. Unsere Wunschbilder sind in den seltensten Fällen das, was wir tatsächlich sind - und wohl auch nicht das, was Gott sich für uns gedacht hat. Denken wir noch einmal an den Psalm Davids:

Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. (Ps 139,14)

Gott unterlief bei meiner Entstehung keine Panne, er hat sich etwas Wunderbares dabei gedacht. Der dies betete – David – war kein makelloser geistlicher Supermann. Er war durchaus jemand, der Grund dafür hatte, sich zu wünschen, jemand anders zu sein, als er tatsächlich war. David, ein Mensch, der klein vor sich sein konnte, der demütig sein wollte vor Gott, und der sich auch von anderen (auch unter ihm stehenden) Menschen etwas sagen lassen konnte – denken wir an Abigail oder Nathan (1Sam 25 und 2Sam 12). Aber er konnte sich dann auch schlecht durchsetzen gegen Menschen, die selbstverständlich nur sich selbst zum Maß und Mittelpunkt ihrer Entscheidungen machten, selbst wenn sie nach der Hierarchie seine Befehlsempfänger waren. Von seinem Feldhauptmann Joab, einem Mann, der keine Skrupel kannte, ließ er sich immer wieder auf der Nase herumtanzen ("sie sind mir zu stark", 2Sam 3,39). Ebenso von seinen egozentrischen Söhnen.

David war ein emotional tiefgängiger Mensch. Das machte ihn nicht nur zum Krieger, sondern auch zum Dichter- und Sängerkönig, machte ihn fähig zu einer tiefen Freundschaft mit Jonathan, machte ihn fähig zum Mitleid mit Schwachen. Machte ihn aber auch versuchbar gegenüber Menschen und Situationen, die ihn emotional ansprachen, und es gab manche Angelegenheit, in der ein kühler Kopf und mehr Sachlichkeit hilfreicher gewesen wären.

Unsere Stärken sind in der Regel gleichzeitig auch unsere Schwächen. Unsere guten Eigenschaften haben auf der Rückseite die dunkle Seite. Wir können nicht die eine Seite haben ohne die andere, und wir müssen die Demut haben, unsere schwachen Seiten auch wahrzunehmen, statt sie zu verleugnen. Eine Antwort auf die Frage "Wer bin ich?" zu finden, bedeutet, uns dabei von Gottes Geist bei einem Balanceakt führen zu lassen. Einem Balanceakt zwischen dem Mut zur Entwicklung und Veränderung und der Versöhnung mit unseren Grenzen und Begrenztheiten.

Es gilt auch nicht, einfach das zu werden, was wir gerade wollen, sondern das, was Gott sich für uns gedacht hat. Aber was bedeutet das?

Deine Augen sahen, wie ich entstand,
in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet,
als noch keiner von ihnen da war.

Wörtlich heißt es in Vers 16:
mein Ungeformtes sahen deine Augen.

David beginnt mit dem ungeformten Zustand und begreift Gottes Formen als bis in seine Gegenwart hineinwirkend. Die spannende Frage für mich ist dabei: hört dieses Formen Gottes irgendwann auf, z.B. mit der Geburt, und danach geht alles nur noch einen weltlich beeinflussten Gang? Die Bibel begreift ja die Schöpfung in ihrer Gesamtheit nicht einfach als etwas nach den berühmten sieben Tagen Abgeschlossenes. Sie sieht Gott als Schöpfer immer noch tagtäglich am Werk (vgl. Ps 104! – "du erneuerst das Antlitz der Erde" mit jedem neuen Leben) "Mein Vater ist immer noch am Werk", sagte Jesus, als die Pharisäer die auf den Schöpfungsabschluss am 7. Tag zurückgehende Sabbatruhe einklagten (Joh 5,17).

Von daher frage ich mich, ob das, was für die Schöpfung gilt, nicht auch im Leben jedes einzelnen Menschen stattfindet. Ob die Gegebenheiten, die ich in und an mir vorfinde, etwas Endgültiges sind, oder ob ich mich mit Gott, meinem Schöpfer, nicht noch auf die Suche machen darf, wer ich eigentlich bin. Ich nehme einmal absichtlich das vielleicht extremste Beispiel einer Identitäts-Neu-Findung: das der Geschlechtsumwandlung. Darf ein Christ das? Signalisiert der umgangssprachliche Begriff "Umoperieren" nicht schon, dass da irgendwas am Gottgegebenen "herumgepfuscht" wird?

Oder – findet das "Formen" Gottes auch da statt, wo es in Menschenhände gelegt ist (wie übrigens bei jeder Operation)? Ist eine solche "Wandlung" möglicherweise ebenfalls etwas, was "in Gottes Buch schon verzeichnet und als Plan für unsere Tage gebildet" sein kann? Kann es sein, dass wir unsere von Gott entworfene Identität vielleicht nur auf Umwegen erreichen, weil Gott uns zumutet, einen einsamen, scheinbar sehr unvollkommenen Weg zu gehen? (Denn auch nach so einer Operation z.B. werden ja Wünsche unerfüllt bleiben.)

Unser Standesbeamter erzählte uns von einem für ihn herausfordernden Trauungsfall: standesrechtlich handelte es sich um eine Eheschließung, keine Verpartnerung. Die Frau dabei war allerdings ein früherer Mann. Als Mann war sie (gestenreich untermalt) "so ein Schrank von einem Kerl" gewesen – groß, breitschultrig und muskulös. Und als Frau eben immer noch. Sie hat vor dem Gesetz zu der Identität gefunden, der sie sich zugehörig fühlt. Aber als unauffällige, normale Frau unter Frauen zu leben, wird ihr wohl verwehrt bleiben. Sie wird immer mit dem Getuschel hinter dem Rücken leben lernen müssen.

Aber kann es sein, dass irgendwo, abseits von schablonenhaften Rollenvorgaben und doch mit Wünschen, die offen bleiben und auch schmerzhaft offen bleiben, Gott unsere Identität bereithält als "staunenswertes Werk"; einen Platz, wo Gott sagt: hier soll deine Person vor Anker gehen, denn hier ist der Platz, den du in meiner Schöpfung ausfüllst, hier will ich dich brauchen, und hier sollst du Frieden finden? "Wer bin ich?" Ich habe euch nicht viele Antworten, sondern viele Fragen versprochen, das habe ich wohl gehalten.

Wir alle tragen die Sehnsucht in uns, eine Ahnung von Gottes Ich-bin-der-Ich-bin auch für uns sagen zu können.

Und allen, die dabei fürchten, Gottes Identitätsentwurf für ihr Leben sei ein enges Gefängnis, möchte ich Mut machen, zu entdecken: Gottes Ordnung bedeutet Lust und Freude an Vielfalt und Überfluss.

Allen, die auf der Suche nach ihrer Identität sind, aber nicht wissen, ob sie das finden dürfen, was sie suchen, möchte ich eins meiner Lieblingsgebete empfehlen: die letzten Verse unseres 139. Psalms. "Erforsche mich Gott und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine, und sieh, ob ich auf einem bösen Wege bin und leite mich auf ewigem Wege!" Ich glaube, wer dies von Herzen betet, hat die bestmögliche Garantie, nicht auf einem Abweg zu enden.

Allen, die hadern mit den Gegebenheiten ihrer Existenz, möchte ich sagen: Gott hat deine Identität wunderbar gewollt, geplant und geschaffen. Aber vielleicht ist sein Formen an dir noch nicht fertig, oder vielleicht entdeckst du den Sinn erst noch. Allen, die zerrissen sind in sich selbst und unglücklich über sich selbst, die noch nicht wissen, wo sie hingehören, kann ich nichts Besseres bieten als Bonhoeffer:

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

AMEN.


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