PARTNERSCHAFT

Vom ICH zum WIR – Schwulsein in Partnerschaft verantwortlich leben

Gott hat die Sexualität des Menschen auf ein Du hin angelegt darum, braucht sie zu ihrer Entfaltung immer eine personale Beziehung.

Ich bin zutiefst überzeugt, dass Gott die Sexualität des Menschen auf ein Du hin angelegt hat. Sexualität braucht zu ihrer Entfaltung immer eine personale Beziehung. Für mich ist eine in Verantwortung vor Gott gelebte Partnerschaft der Rahmen, in dem Sexualität zur Erfüllung kommen kann.

Körperbilder, Ideale und echte Liebe

Warum favorisiere ich dieses "alte Modell" der festen Zweierbeziehung Hierbei habe ich nicht jene makellose Idealbeziehung im Blickfeld: endlich den Märchenprinzen gefunden, der ein Inbegriff von Schönheit, Klugheit und Potenz ist und der ein Leben ohne Sorgen und Probleme garantiert. Nein, echte Liebe kann diese Vorstellungen ganz schön relativieren. Mein Partner entspricht vom Körperbild her nicht den Männern, die für mich früher die Erfüllung meiner schwulen Männerträume waren. Durch die Liebe zu ihm habe ich aber immer mehr gelernt, die Schönheit seines Körpers und die Stimmigkeit zwischen Geist, Seele und Körper zu entdecken.

Er ist für mich inzwischen der schönste Mann, den es gibt, und ich finde es wunderbar, seinen Körper zu spüren und zu berühren. Ich musste mich nicht dazu zwingen, mein ideales Körperbild für einen Partner loszulassen, der mir Zuneigung und Vertrauen schenkt. Er ermöglichte mir, Neues zuzulassen und vorgefasste Bilder loszulassen, so dass Raum für ein neues Erleben entstehen konnte. Ich denke, dass es viel mehr erfüllende Beziehungen zwischen schwulen Männern geben könnte, wenn die körperliche Fixierung aufgegeben und diese hohe Hürde des Körperideals nicht als alleinige Einlasspforte zu schwuler Zweisamkeit bestehen würde.

Um nicht missverstanden zu werden, möchte ich betonen, dass es natürlich eine Grundzuneigung und eine gewisse Attraktion zum anderen braucht. Aber was versäume ich, wenn ich gar nicht erst in Erwägung ziehe, dass ein Körper, der nicht meinen Idealvorstellungen entspricht, dennoch von mir erkannt und in seiner Schönheit entdeckt werden kann. Dazu ist allerdings meine Bereitschaft vonnöten, diesem Entdecken auch eine Chance zu geben.

Hingabe auf allen Ebenen

Eine Beziehung nur um der Beziehung willen ist wie ein Rahmen ohne Bild. Beziehung braucht das beidseitige Engagement, um Gestalt anzunehmen und zu einer intimen Beziehung zu werden. Intime Beziehung wird in unserem umgangsprachlichen Verständnis immer gleichgesetzt mit körperlich – sexueller Beziehung. Ich möchte Intimität eher in seinem erweiterten Verständnis sehen: letztlich als ein anderes Wort für Liebe. Und damit meine ich die ganzheitliche Hingabe eines Menschen an einen anderen. Die beiden Menschen begegnen sich auf den Ebenen Körper, Seele und Geist, die untrennbar miteinander verbunden sind. Konkret bedeutet dies, dass wenn zwei Menschen Sex miteinander haben, dieses immer auch seelische und geistlich-spirituelle Aspekte hat, also ebenfalls eine Begegnung auf diesen Ebenen stattfindet.

Körperliches Sichöffnen heißt auch immer, sich in der Seele verletzbar zu machen, denn ich bin nackt, habe nichts zu verbergen. Ich brauche Vertrauen, dass meine Offenheit nicht missbraucht oder ich selbst als Spielzeug benutzt werde. Ich benötige den Respekt meines Gegenübers. Sexualität ist also eine Gabe, die des verantwortlichen Umgangs bedarf, gleichzeitig aber auch Raum haben muss für Aspekte von Lust und Ekstase.

Gerade weil es so ein intimes Geschehen ist, braucht es einen besonderen Schutzraum. Natürlich muss nun die Frage kommen, ob mit dieser ideellen Überhöhung der "natürliche" Charakter der Sexualität nicht verloren geht. Ist mit jemand Sex zu haben nicht mehr oder weniger, wie mit jemand gut zu essen?

Sich nicht auf Sexualität reduzieren

Meine Überzeugung soll andere nicht moralisch verurteilen. Jedoch entspricht es häufiger Erfahrungen, dass Menschen, die Sexualität instrumentalisieren, eine persönliche Erfüllung weder bei sich noch bei anderen finden und deshalb ständig auf der Suche sind. Dies ist kein speziell homosexuelles Problem, sondern ein grundlegend (zwischen-)menschliches Problem. Auch heterosexuelle Freunde auf Partnerschaftssuche bestätigen mir, dass sie immer mehr Abstriche machen im Sinne von "Wenn schon nicht Liebe und Anerkennung, dann wenigstens ein schöner "One night Stand". Und so reduzieren sie sich auf ihre Sexualität, ohne dies überhaupt bewusst wahrzunehmen.

Ein anderes Wort, Intimität zu beschreiben ist Nähe. Ich kann bei meinem Partner Nähe zulassen, kann mich auch in den Bereichen öffnen, die mit Angst oder Scham besetzt sind. Intimität meint also einen Prozess, der mich persönlich befähigt, auf die Bedürfnisse meines Partners einzugehen, während ich aber gleichzeitig unsere gegenseitigen Unterschiede akzeptiere und achte. Und dies ist ein lebenslanger Lernprozess, den ich von meiner Seite her nicht mehr missen möchte.


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