ANDERE BIBELARBEITEN

Von Babylon nach Zion – Ein Vortrag zu Jesaja 43,19

Prophezeiungen in der Bibel sind vielschichtig. So steht dieser Vers im Kontext einer Prophezeiung von Jesaja, in der er davon spricht, dass Gott das Volk Israel in die Gefangenschaft nach Babylonien führen würde aber dass er sie, nach einer Zeit wieder zurückführen würde nach Zion. Jeremia sagt uns die Zeitspanne der Gefangenschaft in Babylon: 70 Jahre (Jer 25,12). In diesem Vers geht es um die Rückführung.

Die Rückführung aus Babylon erinnert an die andere Rückführung des Volkes, viele Jahrhunderte davor: der Auszug der Kinder Israel aus Ägypten. Aber diese Rückführung ist anders. Ägypten war für Israel ein Land des Asyls gewesen, auch wenn sie später in Ägypten versklavt wurden. Babylon dagegen war ein Land des Gerichts. Israel ist durch seine Schuld dort hingebracht worden. Darum ist die Erlösung aus der babylonischen Gefangenschaft eine tiefere als der Auszug aus Ägypten unter Moses.

So sagt Jeremia dann auch:

„Darum siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da wird man nicht mehr sagen: So wahr der HERR lebt, der die Söhne Israel aus dem Land Ägypten herauf geführt hat! - sondern: so wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herauf geführt hat aus dem Land des Nordens und aus all den Ländern, wohin ich sie vertrieben hatte! Und sie sollen in ihrem Land wohnen.“ (Jer 23,7+8; vgl. Jer 16,15+15))

Gott versprach, dass er größeres tun wird als in der Vergangenheit, so dass man nicht mehr wie Gideon fragen würde:

„Und wo sind all seine Wunder, von denen uns unsere Väter erzählt haben, wenn sie sagten: Hat der HERR uns nicht aus Ägypten heraufkommen lassen?“ (Ri 6,13)

Die Frage ist nun: Was hat diese Rückführung eines Volkes aus babylonischer Gefangenschaft vor tausenden von Jahren heute mit uns zu tun? Warum sollen wir uns mit diesem Text überhaupt beschäftigen? Kann er uns persönlich etwas sagen?

Wie ich schon sagte: Prophezeiungen in der Bibel sind vielschichtig. Sie können durchaus von einem ganz konkreten Event wie die Rückführung der babylonischen Gefangenen handeln. Aber sie gilt nicht nur für diesen Event. Sie gilt darüber hinaus auch für andere Geschehnisse, für die Fürsorge Gottes für sein Volk, für das Kommen Jesus in diese Welt und für die Gnade des Evangeliums, dass auch für die Nicht-Juden gilt. Darum gilt es auch für uns, die wir in Europa im 21. Jahrhundert leben.

Wenn das so ist, wenn dies auch eine Prophezeiung für uns ist und nicht nur für ein Volk, dass vor tausenden von Jahren in Babylon befreit wurde, was bedeutet das? Das bedeutet, dass Gott auch uns aus einer Gefangenschaft befreit hat, dass er für uns Neues hat, dass er auch für uns und in uns Neues wirken wird und dass dieses Neue so groß und so wunderbar ist, dass man es gar nicht mit der Vergangenheit vergleichen kann, ja, dass man im Vergleich damit die Vergangenheit vergessen kann.

Ich werde nicht von der Gefangennahme, dem Aufenthalt in Babylon und die Befreiung aus der Gefangenschaft sprechen. Hier soll es um die Rückkehr nach Zion gehen. Aber bevor es an die Reise geht, erst noch etwas zu den ersten beiden Wörtern des Verses.

„Siehe, ICH“

Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht? Ja, ich lege durch die Wüste einen Weg, Ströme durch die Einöde.“ (Jes 43,19)

Unser Vers fängt mit zwei ganz wichtigen Worten an: „Siehe, ich...“

Gott sagt: „Ich“ und nicht „du“. ER ist es, der die Änderung hervorbringt. Er sagt nicht: du musst dich ändern, sondern er sagt: ich wirke Neues.

„Siehe, ich... Erkennt ihr es nicht?“

Mit diesen Worten öffnet Gott die Augen für sich selbst. GOTT ändert, nicht wir. ER verändert uns, nicht wir. Es sind nicht wir die wir Anstrengungen unternehmen müssen uns zu verändern oder zu verbessern. GOTT macht es.

Wir sind geneigt, auf uns zu schauen, anstatt auf Gott, auf unsere Fehler und Fähigkeiten, auf unsere Mängel und Möglichkeiten. Wir stellen uns als Christen Fragen wie

  • Wie werde ICH ein besserer Mensch?
  • Wie werde ICH ein besserer Christ?
  • Wie werde ICH ein besserer Beter?
  • Wie kann ICH aufhören zu sündigen?
  • Wie kann ICH die Sünde besiegen?

 

ICH, ICH, ICH. Immer nur ICH. Das ist noch ein Erbe des alten Menschen, des Menschen, der selbst Gott sein will, selbst perfekt und heilig und ohne Makel, der sich selbst in den Mittelpunkt stellen möchte und dabei Gott schon mal als Mittel zur Perfektion benutzt.

Gott sagt uns aber: „Siehe, ICH.“ Schau nicht auf dich selber, sondern auf mich.

Das Leben als Christ ist eine BEZIEHUNG zu Gott, nicht ein Selbsthilfeprogramm zur Verbesserung des Selbst.

Es erinnert an den Vers in Hebräer:

„Hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens...“ (Hebr 12,2)

Wie können wir stärker glauben? Indem wir hinschauen auf Jesus. Das bedeutet, indem wir wegschauen von uns selbst.

Ähnliche Gedanken lesen wir in Jesu Aufforderung zur Nachfolge.

„Dann sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach.“ (Mt 16,24)

Jesus selbst rief immer wieder zur Selbstverleugnung auf, nicht weil wir nichts wert sind – wir sind ihm unendlich viel wert! – nicht, weil wir zu verachtende Geschöpfe sind, sondern weil es etwas Bessere, Höheres gibt, um unseren Blick von uns selbst wegzunehmen und auf ihn zu schauen. So werden wir umgewandelt. Nicht im eigenen Bestreben, in unseren eigenen Aktionen und Plänen, in unseren eigenen Selbstverbesserungsversuchen – sondern indem wir auf ihn schauen.

Was heißt es, sich selbst zu verleugnen? Was tat Petrus, als er Jesus verleugnete? Er sagte:

„Ich kenne den Menschen nicht!“ (Mt 26,72)

Jesus nachzufolgen heißt, nicht mehr uns selbst zu kennen, sondern den Blick auf Jesus zu richten und zuzulassen, dass er uns wann und wie er es will umwandelt.

Johannes der Täufer drückte diese Änderung anders aus. Er sagte über Jesus:

„Er muss wachsen, ich aber abnehmen.“ (Joh 3,30)

JETZT sprießt es auf. Dieses Wort „jetzt“ weist darauf hin, dass es Gottes Zeitplan ist. ER bestimmt das Wann, das Wie und das Wer. Das Wachsen und Gedeihen liegt in SEINER Hand.

In der Bibel wird von Dingen, die in einem großen Zeitabstand liegen oft von „Jetzt“ gesprochen. Dies soll uns zeigen, dass Zeit und all die zeitlichen Dinge nichts sind im Vergleich zu Gott und den ewigen Dingen. So heißt es auch, dass tausend Jahre für Gott wie ein Tag sind. (Ps 90,4). Aber diese Aussage bedeutet nun auch wieder nichts, dass in der Gegenwart nichts passiert. JETZT sprosst es auf, genauso wie es vor tausenden von Jahren aufgesprosst ist. Diese Aussage ist immer Gegenwart.

Die Wüste

„Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht? Ja, ich lege durch die Wüste einen Weg, Ströme durch die Einöde.“ (Jes 43,19)

Der Weg zurück von Babylon zum Land Israel führt durch eine Wüste. Es ist von dieser Wüste, von der hier geredet wird und so möchte ich als erstes über Wüsten sprechen. Ich glaube, ich kann es mit einiger Autorität tun, denn ich bin in einem Wüstenland aufgewachsen und habe inzwischen Jahre meines Lebens in der Wüste verbracht. Ich kenne Sandwüsten mit den höchsten Dünen der Welt, Schotterwüsten mit ihren riesigen ausgedehnten Ebenen und die erstarrten Granitfelsen der Steinwüste. Ich weiß, wie es ist bei 70 Grad im Schatten ohne Schatten zu sein, ich war auch schon mal einen halben Tag ohne Wasser und kenne den intensiven Schmerz von echten Durst. Einer der schlimmsten Todesarten, die ich mir vorstellen kann, wäre das Verdursten. Ich habe viele, viele Nächte unter dem Sternhimmel verbracht und den atemberaubenden südlichen Sternhimmel bestaunt. Ich habe Halbedelsteine im Sand gefunden, und Pflanzen dort, wo man meint, dass nichts mehr leben kann. Ich habe die wunderschönen Oryxantilopen gesehen, Springböcke, Hyänen und Schakale. Ich kenne das komplizierte Muster auf dem Schuppenkleid einer Puffotter, habe das warnende Zischen einer schwarzen Mamba gehört und nehme Steine oder Holzstücke immer vorsichtig hoch, weil ich weiß, dass sich darunter ein Skorpion verbergen kann.

Nun fragt ihr euch vielleicht, was haben meine Erfahrungen in einer Wüste, die viele tausend Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Erde liegt mit uns hier in Wiesbaden zu tun? Nun, ich glaube, dass die Wüste, von der wir hier in Jesaja lesen ein Symbol ist für einen Zustand, den wir Christen, egal ob wir in der Namib oder in Wiesbaden sind, alle kennen, aber von dem wir vielleicht nicht als „Wüste“ denken. Ich hoffe, dass ich durch das Sprechen von der Wüste euch vielleicht einen Eindruck von dem Überleben dieser, unserer Wüste geben kann.

Von Wüsten wird oft sehr negativ gesprochen. Sie werden mit Tod und Verdammnis in Verbindung gebracht, mit Durst und Hitze, mit Luftgaukeleien und Verirrung. Ein Wort, woran man oft denkt, wenn man an Tod in der Wüste denkt, ist „Verrecken“. Mir aber fällt es sehr schwer, die Wüste so negativ zu sehen. Ja, es gibt Durst und Hitze. Die Wüste kann ein grausamer Ort sein, wo der Tod schnell kommt. Aber die Wüste ist viel, viel mehr.

Sie ist ein Ort der unendlichen Weiten, ein Ort, wo man sich klein und verloren vorkommen kann – oder der Ort, wo man sich bewusst wird, wie groß man wirklich ist. Es ist ein Ort der wirklich absoluten Stille. Es gibt bizarre Felsformationen und manchmal fast erotisch anmutende Dünen. Es ist ein Ort des Todes, aber auch ein Ort in der, wenn man genau hinschaut, erstaunlich viel Leben zu finden ist.

In keinem anderen Ort auf der Welt fühle ich mich Gott so nah wie in der Wüste. Die Weite, die Größe, die Stille, die Sterne, die der Schöpfer wie Diamanten auf schwarzen Samt geworfen hat, das Leben – all diese Dinge machen die Wüste für mich zu einer Kathedrale, ein Ort wo man Gott anbeten möchte, ein Ort, wo alle Hetze und Kakophonie des Alltags ausgeblendet wird und man sich auf Gott ausrichten kann.

Man kann das, was ich in der Wüste erlebe vielleicht vergleichen mit etwas, was einige, vor allem die Schweizer unter uns, bereits kennen: wenn man auf einem stillen Gipfel eines Berges steht und über Bergkämme und Bergkämme hinweg in die Ewigkeit schauen kann. Dann werden auch die Berge eine Kathedrale, ein Ort, wo man Gott ganz nahe ist und man ihn anbeten möchte. So ist es in der Wüste und es ist das, was mich immer wieder dazu bringt, in die Wüste zurückzukehren.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand, der die Wüste kennt, ein Atheist sein kann. Drei große Weltreligionen, nämlich das Judentum, das Christentum und der Islam entstanden in der Wüste. Wir lesen in der Bibel, dass Moses, Christus und Paulus Zeit in der Wüste verbrachten bevor sie ihre von Gott gegebene Aufgabe angingen. Elia wurde in einer Phase des Burnouts von Gott in die Wüste gebracht, gestärkt und neu ausgerüstet.

Zu schnell sehen wir die Wüste als Symbol von Tod und Verdammnis. Aber das ist sie nicht. Es ist ein Ort, in dem man leben kann und Gott nahe kommen kann.

Für mich ist die Wüste ein Symbol unseres christlichen Lebens, ein Symbol der Beziehung zu Gott. Und deshalb sage ich auch, dass wenn ich von der Wüste spreche, ich von etwas spreche, dass ihr, die ihr Christen seid, alle kennt.

„Moment mal!“ mag da der eine oder andere sagen. „Als man damals, vor unserer Bekehrung über unser christliches Leben sprach, hat man von Leben in Fülle gesprochen! Und jetzt sprichst du von Wüste, von Kargheit und Durst?“

Ja, ich spreche von Wüste. Seien wir ehrlich. Das geistliche Leben ist nicht immer ein Leben voller überschäumender Fülle, in der alles immer besser, schöner und stärker wird. Meine Erfahrung ist, dass die Beziehung zu Gott eine schwierige ist, dass das christliche Leben von Trockenheit und Härte gekennzeichnet wird. Meine Beziehung zu Gott ist eine andere, als meine Beziehung zu meiner Frau. Das liegt daran, dass Gott unsichtbar ist und daran, dass er so anders, so viel größer, mächtiger, wissender ist, als ich. Die Beziehung zu Gott spielt sich nicht auf dem körperlichen oder emotionalen oder verstandesmäßigen ab. Sie spielt sich auf der Ebene des Glaubens ab. Nehmen wir das Gebet: es fällt mir sehr viel schwerer zu beten als mit irgendjemanden zu sprechen, obwohl Gebet auch ein Gespräch ist. Das liegt daran, dass ich Gott nicht sehen kann und schon gar nicht immer verstehen kann, weil die Beziehung zu Gott auf der Ebene des Glaubens liegt.

Ja, es gibt im Leben als Christ Augenblicke der überfließenden Fülle – genauso wie es Oasen in der Wüste gibt. Aber wenn wir meinen, dass es immer so sein müsste und dass irgendwas falsch läuft, wenn es nicht so ist und so unter Druck geraten – dann haben wir etwas nicht verstanden: das der Weg durch die Wüste die Oase auch wieder verlässt und durch eine trockene, schattenlose Welt führt.

Wenn ich vom christlichen Leben als Wüstenerfahrung spreche, meine ich damit nicht, dass es ein zweitklassiges Leben ist. Es ist ein anderes Leben als in Babylon, aber es ist ein sehr echtes, wahres Leben, ein Leben, dass einem viel Frieden und Freude geben kann. Es ist qualitativ ein sehr hochwertiges Leben. Die Wüste ist niemals langweilig. Sie ist voller Geheimnisse, voller erstaunlicher Entdeckungen. Nirgendwo sonst habe ich so oft „Wow!“ oder „Boah!“ gesagt, wie in der Wüste.

In dem Kontext des Verses ist die Wüste ist kein Symbol für die Welt. Das, was die Bibel „die Welt“ nennt ist Babylon. Davon wurden wir befreit. Nun leben wir unser Leben in einer Beziehung mit Gott und sind auf dem Weg nach Zion. Dieser Weg führt durch die Wüste. Wenn wir diesen Weg gehen, lassen wir Babylon hinter uns.

Fürchtet euch nicht! Man kann in der Wüste überleben! Wüste bedeutet nicht automatisch Tod! Wenn man genug Wasser dabei hat und sich vor den sengenden Strahlen der Sonne schützen kann, kann man in der Wüste leben und wunderbare Dinge erleben und vor allem: Gott näher kommen.

Über dieses Überleben in der Wüste möchte ich mit euch sprechen, wenn ich über Jesaja 43,19 spreche.

Von Kameldornakazien
„Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht? Ja, ich lege durch die Wüste einen Weg, Ströme durch die Einöde.“ (Jes 43,19)

In der Wüste Namib wächst die Kameldornakazie. Es ist ein relativ großer Baum mit tiefen Wurzeln, der Schatten und Nahrung spendet. Wir lesen in der Bibel, dass auch in der syrischen Wüste Akazien wachsen und so will ich diesen Baum einfach als Metapher benutzen. Gott benutzt schließlich auch die Metapher des Wachsens einer Pflanze.

Das Neue, das Gott schafft, sprießt auf. Das bedeutet, dass es langsam, aber kontinuierlich wächst. Man sieht das Wachstum nicht wenn man den Baum ohne Unterlass beobachtet, aber wenn man nach einer längeren Zeit wieder hinschaut, sieht man, dass sich tatsächlich etwas geändert hat.

Wir wollen gern sofortige Veränderung. Wir meinen oft, dass Gott möchte, dass wir sofort völlig anders werden. Aber wenn wir das Bild des aufsprießenden Baumes vor Augen haben, dann sehen wir, dass nicht sofort geändert wird. Der Keimling sieht dem erwachsenen Baum überhaupt nicht ähnlich, und die Bäume, die in der Wüste wachsen, wachsen sehr, sehr langsam. Das, was die Akazien wie die Kameldornakazie zuerst entwickeln sind die langen Wurzeln Ein Keimling, der 5 cm groß ist, hat schon eine Wurzel, die einen Meter lang ist. Diese Wurzel ist unterirdisch, d.h. sie ist nicht sichtbar, aber ohne diese Wurzel kann der Baum nicht in der Wüste überleben.

Jesus gebrauchte auch das Bild des Wachstums einer Pflanze:

„Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so. wie wenn ein Mensch den Samen auf das Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag, und der Same sprießt hervor und wächst, er weiß selbst nicht, wie. Die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst Gras, dann eine Ähre, dann vollen Weizen in der Ähre.“ (Mk 4,26-28)

Wachstum ist nicht etwas, was in unserer Macht steht, sondern etwas, was Gott wirkt. Also: erwartet, dass etwas Neues gewirkt wird, aber rechnet nicht mit einer schlagartigen Änderung, sondern mit einem langsamen, kontinuierlichen, nachhaltigen Wachstum, das aus einem Keimling einen großen, mächtigen Baum macht.

Wüstensurvival
„Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprießt es auf. Erkennt ihr es nicht? Ja, ich lege durch die Wüste einen Weg, Ströme durch die Einöde.“ (Jes 43,19)

Gott führt uns von Babylon in das gelobte Land durch eine Wüste. Hier, in diesem Vers, verspricht er uns, dass er uns alles gibt, was wir zum Überleben in der Wüste brauchen. Er sagt, dass er durch die Wüste einen Weg legt, der uns eine Richtung gibt, der zu einem Ziel führt. Und dass er durch die Einöde Ströme legt und uns so mit Wasser, Nahrung und Schatten versorgt. Unsere Reise durch die Wüste ist keine einfache, aber es ist eine, die wir überleben können, denn wir haben einen Weg und Wasser.

Wie die Wüste sind „Weg“ und „Strom“ auch wieder Symbole für etwas in unserem täglichen Leben als Christen hier in Deutschland. Was wird damit gemeint? Was ist der Weg? Was ist der Strom?

Ein Weg in der Wüste – Die Nützlichkeit eines Weges
Ein Weg ist etwas, was Orientierung gibt. Er zeigt uns, aus welcher Richtung wir kommen und in welche Richtung wir gehen. Ein Weg ist auch eine Abgrenzung von dem Nicht-Weg. Und ein Weg macht das Weiterkommen einfacher, weil Hindernisse entfernt wurden und Brücken über Abgründe gebaut wurden.

Der Weg ist ein für uns neuer Weg. So heißt es im Kapitel 42:

„Und ich will die Blinden auf einem Weg gehen lassen, den sie nicht kennen, auf Pfaden, die sie nicht kennen will ich sie schreiten lassen. Die Finsternis vor ihnen will ich zum Licht machen und das Holperige zur Ebene. Das sind die Dinge, die ich tun werde und von denen ich nicht ablassen werde.“ (Jes 42,16)

Wir erkennen den Weg nicht, sind blind für den Weg. Deshalb ruft Gott ja auch: „Erkennt ihr es nicht?“ Vielleicht erkennen wir es nicht, weil es ein neuer Weg ist, den wir noch nicht gegangen sind, ein Pfad, den wir nicht kennen, ein Weg, der vielleicht in eine andere Richtung führt als wir dachten. Aber Gott sagt nicht nur, dass er uns einen neuen Weg gibt, sondern auch, dass er die Blindheit, die wir für den Weg haben, wegnehmen wird. Wir werden den Weg, den Gott für uns hat, erkennen! Er macht es.

Der Weg: Jesus
In der Bibel wird „Weg“ symbolhaft für verschiedene Dinge benutzt. So heißt die christliche Kirche „der Weg“. Ich möchte mich auf einer dieser Bedeutungen beschränken.

In Johannes 14,6 sagt Jesus:

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich.“

Um zum Bild des sprießenden Keimlings zurück zu kommen: „Spross“ ist nach Römer 15,12 ein messianischer Titel, der auf Jesus hinweist, dessen Anfänge auch erbärmlich waren, zaghaft, zart und zerbrechlich.

Und wieder sagt Jesaja: „Es wird sein die Wurzel Isais, und der das aufsteht, über die Nationen zu herrschen – auf den werden die Nationen hoffen.“ (Rö 15,12)

Jesaja erwähnt diesen Spross an mehreren anderen Stellen:

„Und ein Spross wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen.“ (Jes 11,1)

„Er ist wie ein Trieb vor ihm aufgeschossen und wie ein Wurzelspross aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und keine Pracht. Und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten.“ (Jes 53,2)

Ströme in der Einöde – Die Wichtigkeit des Wassers
In der Wüste gibt es hin und wieder Quellen und Wasserstellen. Aber oft ist das Wasser wegen der hohen Verdunstung salzig und damit ungenießbar.

Deshalb ist ein Fluss mit Wasser (es gibt auch viele Flüsse ohne Wasser in der Wüste) für das Überleben von allergrößter Bedeutung. Nicht nur gibt er Wasser zu trinken. An seinem Ufer wachsen Pflanzen, die Schatten und Schutz bieten. Und dort, wo es Wasser und Pflanzen gibt, gibt es auch Tiere, d.h. für Nahrung ist gesorgt. Außerdem ermöglicht Wasser, dass man sich waschen, dass man Schmutz abwaschen kann.

Zwei Kapitel vor unserem Vers heißt es bei Jesaja:

„Die Elenden und die Armen suchen nach Wasser, und es gibt keins, ihre Zunge vertrocknet vor Durst. Ich, der HERR, werde sie erhören, ich, der Gott Israels, werde sie nicht verlassen. Ich werde Ströme öffnen auf den kahlen Höhen und Quellen mitten in den Talebenen. Ich werde die Wüste zum Wasserteich machen und das dürre Land zu Wasserquellen. Ich werde Zedern in die Wüste setzen, Akazien, Myrten und Olivenbäume, werde Wacholderbäume in die Steppe pflanzen, Platanen und Zypressen miteinander, damit sie sehen und erkennen, es merken und verstehen allesamt, dass die Hand des HERRN dies getan und der Heilige Israels es geschaffen hat.“ (Jes 41,17-20)

Wieder sehen wir: Gott ist es, der wirkt, er ist es, der es schafft. Und wieder sehen wir, dass Gott Dinge anders macht als wir es tun würden. Wir kennen Quellen in der Höhe und Ströme in den Tälern. Gott aber wird auf den kahlen Höhen Ströme fließen lassen – auch wenn wir sagen: „Das ist unmöglich!“ – und Quellen in den Talebenen entspringen lassen.

Der Strom: Der Heilige Geist
Auch für Wasser und Ströme gibt es in der Bibel symbolhafte Bedeutungen. Aber hier möchte ich mich wieder auf eine dieser Bedeutungen beschränken: Der Heilige Geist als Ströme lebendigen Wassers. So sagte Jesus:

„An dem letzten, dem großen Tag des Festes aber stand Jesus und rief und sprach: Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Dies aber sagte er von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war.“ (Joh 7,37-39)

Es heißt bei Jeremia 17,13 dass Gott die Quelle des lebendigen Wassers ist. Nicht das salzige Wasser, das ungenießbar ist, sondern des lebendigen Wassers, des Wassers, das Leben bringt. Und in Jesaja heißt es:

„Denn ich werde Wasser gießen auf das durstige und Bäche auf das trockene Land. Ich werde meinen Geist ausgießen auf deine Nachkommen und meinen Segen auf deine Sprösslinge. Und sie werden aufsprossen wie Schilf zwischen Wassern, wie Pappeln an Wasserläufen. Dieser wird sagen: Ich gehöre dem HERRN! Und jener wird sich mit dem Namen Jakob nennen. Und jener wird auf seine Hand schreiben: Dem HERRN eigen! und wird mit dem Namen Israel genannt werden.“ (Jes 44,3-5)

Ich könnte jetzt noch viel über Jesus als Weg oder über den Heiligen Geist als Ströme lebendigen Wassers sagen, aber ich belasse es einfach bei diesen Feststellungen: Unser Christliches Leben ist wie eine Pilgerschaft durch eine Wüste. Alles wird für unser Überleben gegeben: einen Weg und Ströme mit Wasser. Jesus ist der Weg und der Heilige Geist die Ströme. Zusammen ermöglichen sie es uns durch die Wüste zu gehen und gemeinsam sind sie die Agenten Gottes, die das Neue wirken. Wenn wir gleich über das Neue reden, dann achtet mal darauf, wie viel Jesus Christus und der Heilige Geist mit diesem Neuen zu tun haben. Nämlich Alles.

Das Neue
„Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht? Ja, ich lege durch die Wüste einen Weg, Ströme durch die Einöde.“ (Jes 43,19)

In der Bibel werden wir immer wieder aufgefordert, an Gottes frühere Heilstaten zu denken. Aber hier ist es anders. Hier scheint die Erinnerung an das Vergangene den Weg für das Neue, das Gott schenken möchte, zu blockieren.

Vergangenheit kann gute Erinnerung sein: „die gute alte Zeit“ sagen wir. Wir können in der Gefahr sein, dieser Vergangenheit nachzutrauern, sie zu verklären und in den Erinnerungen zu schwelgen. Auch das Volk Israel in Babylon war in der Gefahr: „Damals, als Gott das Volk aus Ägypten führte...“ oder „Das goldene Zeitalter unter David und Salomo“.

Aber Vergangenheit kann auch schlechte Erinnerung sein. Vielleicht können wir nicht vergessen, wie uns Furchtbares widerfuhr oder wie wir verletzt wurden. Das Volk in Babylonien wusste, warum es in Gefangenschaft geraten war. Die Propheten hatten es in den Jahren vor der Wegführung immer wieder gesagt: wenn das Volk nicht zu seinem Gott umkehren würde, würde ein Gericht über das Volk kommen. Sie wussten auch, dass Furchtbares in Jerusalem passiert war: Sanherib hatte den Tempel zerstört.

Nun, hier in diesem Vers und in dem Text davor und danach sagt Gott, dass das Volk nicht in die Vergangenheit zurückschauen sollte. Er würde Neues schaffen und sie sollten sich darauf einlassen und darauf schauen. Erkennt ihr es nicht, das Neue? fragt Gott. Vergesst das Alte! In Jesaja 40 sagt Gott dem Volk Israel, dass die Strafe abgegolten ist:

„Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet zu Herzen Jerusalems und ruft ihm zu, dass sein Frondienst vollendet, dass seine Schuld abgetragen ist! Denn es hat von der Hand des HERRN das Doppelte empfangen für all seine Sünden.“ (Jes 40,1+2)

Die schlimme Vergangenheit ist vorbei, der Schuld ist gesühnt, die Strafe ist abgesessen. Das Volk ist aus der babylonischen Gefangenschaft befreit. Nun möchte Gott etwas Neues schenken, etwas, was das Volk bis jetzt nicht kannte.

Gott sagt, dass er Neues wirkt. Was aber ist das Neue, von dem Gott spricht? Was wird gewirkt? Ich möchte mich auf zwei Dinge beschränken, die ich meine in diesem Vers zu finden.

Der neue Bund
In Vers 18 sagt Gott, dass wir nicht mehr an das Frühere denken sollen. Es geht hier um die Rückführung eines Volkes in das Land Israel. Unweigerlich werden die Israeliten an die vorige Rückführung des Volkes gedacht haben, nämlich die Rückführung aus dem Exil in Ägypten, auch durch die Wüste. Gott sagt hier: Denkt nicht an das frühere. Ich schaffe neues. Was geschah auf der Rückführung aus Ägypten? Das wichtigste Ereignis war: Gott schloss am Sinai einen Bund mit dem Volk Israel.

Ein Bund ist ein Vertrag zwischen zwei Parteien, der Rechte und Pflichten festlegt. Grund für solche Verträge war oft, um Frieden zwischen den Parteien festzuschreiben. Es gibt in der Bibel Berichte über viele Bündnisse, z.B. politische wie zwischen Salomo und Hiram von Tyrus oder zwischen Israel und den Gibeonitern.

Im Alten Testament lesen wir auch, dass Gott einige Bündnisse mit Menschen schloss. Eines dieser Bündnisse war der Bund am Sinai während des Auszugs der Kinder Israel aus Ägypten. Die Juden in Babylon würden an die Parallele ihrer Situation zu der Zeit der Israeliten am Sinai gedacht haben. Es war also naheliegend, zu denken, dass Gott mit den Rückkehrern wieder mit einen Bund schließen will. Ein Neuer Bund wurde im ganzen Alten Testament immer wieder verheißen. Schon nach dem Sündenfall versprach Gott, dass ein Nachkomme von Eva den Kopf der Schlange zertreten würde. Dies ist ein erster Hinweis auf den so genannten Bund der Verheißung. Es folgte ein Bund mit Noah. Ganz stark wird dieser Bund der Verheißung bei Abraham betont. Die Propheten führten diesen Gedanken fort und auch Jesaja wies immer wieder darauf hin. Man könnte also sagen, dass Gott hier sagt: vergesst diesen Alten Bund. Ich mache mit euch einen Neuen Bund.

Man könnte eine ganze Vortragsreihe über die Bündnisse in der Bibel halten, deshalb will ich hier nur kurz etwas zu dem Neuen Bund und seinen Vorzügen über dem Alten Bund sagen.

Der Neue Bund trat mit Jesus in Kraft. Jesus, der Weg, ist der Mittler des Neuen Bundes, weil er für uns gestorben ist. Ein Testament (Bund) wird erst mit dem Tod dessen, der es gemacht hat, gültig.

„Und darum ist er Mittler eines neuen Bundes, damit, da der Tod geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen die Verheißung des ewigen Erbes empfangen. - Denn wo ein Testament ist, da muss notwendig der Tod dessen eintreten, der das Testament gemacht hat. Denn ein Testament ist gültig, wenn der Tod eingetreten ist, weil es niemals Kraft hat, solange der lebt, der das Testament gemacht hat.“ (Hebr 9,15-17)
Der alte Bund vom Sinai wurde für überholt und nichtig erklärt. Indem er von einem „neuen“ Bund spricht, hat er den ersten für veraltet erklärt; was aber veraltet und sich überlebt, ist dem Verschwinden nahe. (Hebr 8,13)

Das bedeutet, dass für uns Christen der Neue Bund mit Gott gilt. Und deshalb sollten wir unseren Blick auf den Neuen Bund und nicht mehr auf den Alten richten. Es ist ein völlig neuer Bund.

Der Neue Bund ist ein besserer Bund. Im Hebräerbrief 7,1 bis 10,18 lesen wir, dass Jesu Priestertum dem levitischen, das nach dem Gesetz vollzogen wird, weit überlegen ist. Jesus Christus ist größer als ein Priester aus der Linie Aarons und sein Amt ist vorzüglicher. Er ist ein Mittler eines besseren Bundes geworden und zwar auf Grund seines besseren Opfers.

„So ist Jesus auch eines besseren Bundes Bürge geworden.“ (Hebr 7,22)

Der Bund am Sinai war mit seinen Gesetzen zwar

„heilig und gerecht und gut“ (Rö 7,12),

aber auch schwach und nutzlos, weil er nichts vollenden konnte.

Denn aufgehoben wird zwar das vorhergehende Gebot seiner Schwachheit und Nutzlosigkeit wegen – denn das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht – eingeführt aber eine bessere Hoffnung, durch die wir uns Gott nahen. (Hebr 7,18+19)

Der Alte Bund wird aufgehoben und es wird eine bessere Hoffnung, den Neuen Bund eingeführt, durch den wir uns Gott nahen können.

So sagt auch Paulus:
„Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde und die Sünde im Fleisch verurteilte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt wird in uns, die wir nicht nach dem Fleisch sondern nach dem Geist wandeln.“ (Rö 8,3+4)

Hier sind sie wieder: der Weg – Jesus – und der Strom – der Heilige Geist, die in uns wirken und uns so umwandeln, dass wir so leben, wie es Gott gefällt.

Merkmale des Neuen Bundes – Vergebung der Sünden durch Jesu Tod am Kreuz
Der Neue Bund bedeutet, dass unsere Sünden dadurch weggenommen werden, indem Jesus sich zum Opferlamm Gottes macht. So sagt Johannes der Täufer über Jesus:

„Am folgenden Tag sieht er Jesus zu sich kommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt weg nimmt!“ (Joh 1,29)

Jesus setzte das Abendmahl ein, damit wir das nicht vergessen und an diesen neuen Bund den wir mit Gott haben, denken:

„Während sie aber aßen, nahm Jesus Brot und segnete, brach und gab es den Jüngern und sprach: Nehmt, esst, dies ist mein Leib. Und er nahm einen Kelch und dankte und gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus! Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,26-28)

Wenn wir morgen im Gottesdienst das Abendmahl feiern werden, dann denken wir daran, dass wir unter einem Neuen Bund leben, ein Bund, in dem unsere Sünden vergeben wurden, weil Jesus für uns seinen Leib brechen ließ und sein Blut vergossen hat.

Der Neue Bund ist erfüllbar
Nach Jeremia unterscheidet sich der neue Bund wesentlich vom alten. Während der Alte Bund vom Volk Israel nicht erfüllt werden konnte, so können die Bundteilhaber des Neuen Bundes diesen erfüllen. Jeremia gibt auch den Grund dafür:

„Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der HERR: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder einer seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den HERRN! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der HERR.“ (Jer 31,33-34)

Gott ist es, der hier wirkt! Er ermöglicht es, dass wir ihn erkennen, d.h. in einer innigen Beziehung zu ihm leben können.

Dies kann man kaum noch als ein Bund bezeichnen, denn Israel, oder wir Christen, tun weder etwas zum Vertragsabschluss noch gehen wir eine Verpflichtung ein. Der Bund ist ein reines Gnadengeschenk Gottes. Gott tut es. Er sagt zu uns: „Siehe ICH“.

Der Neue Bund ist inklusiv
Der Alte Bund war ein Bund der Exklusivität; er wurde mit einem einzelnen Volk geschlossen, mit dem Volk Israel.

„Und nun, wenn ihr willig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, dann sollt ihr aus allen Völkern mein Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde.“ (Ex 19,5)

Der neue Bund ist ein Bund der Inklusivität. Er wird ausgeweitet zu Menschengruppen, die im alten Bund ausgeschlossen wurden.

  • auf die Nicht-Juden, d.h. auf uns „Heiden“
  • Es gab im Alten Bund Menschen, die auch ohne Sünde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden. Jesus hatte kein Problem mit ihnen umzugehen. Z.B. durfte nach dem Gesetz keine menstruierende Frau in das Heiligtum kommen. Bei Jesus wurde eine Frau von ihren Menstruationsbeschwerden geheilt, indem sie die Quaste seines Gewandes (Symbol für das Gesetz!) berührte. (Lk 8,43-48) Ein anderes Beispiel ist Jesu Umgang mit Aussätzigen. Ja, er fasste diese „unreinen“ Menschen an! (Lk 5,12-14)
  • Wegen der strengen Gesetzlichkeit, die eine Auswirkung des Alten Bundes war, wurden Sünder verachtet und kein „guter“ Mensch wollte in ihrer Gesellschaft gesehen werden. Bei Jesus war es anders. Er wurde beschuldigt, Freund der Zöllner und Sünder zu sein (Mt 11,19). Es war völlig unerhört!
  • Im Alten Bund wurden Männer Priester. Das führte dazu, das Frauen aus vielen Bereichen des religiösen Lebens ausgegrenzt wurden. Jesus hingegen hatte kein Problem damit, mit Frauen umzugehen und Frauen saßen ihm als Schülerinnen zu Füßen (Lk 10,39).

 

Alle Ausgrenzung, die auf Grund des Alten Bundes geschah, wird im Neuen Bund aufgehoben.

„Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28)

„Da ist weder Grieche noch Jude, Beschneidung noch Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen.“ (Kol 3,11)

Freiheit
Der erste Bund ist ein Bund der Sklaverei, der Neue Bund einer der Freiheit.

„Dies hat einen bildlichen Sinn; denn diese beiden Frauen bedeuten zwei Bündnisse: eines vom Berg Sinai, das ist in die Sklaverei hinein gebiert, das ist Hagar. Denn Hagar ist der Berg Sinai in Arabien, entspricht aber dem jetzigen Jerusalem, denn es ist mit seinen Kindern in Sklaverei. Das Jerusalem droben aber ist frei, und das ist unsere Mutter.“ (Gal 4,24-26) Freiheit von der Sünde. Der Neue Bund nimmt die Sünden weg:

„Und so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: ‚Es wird aus Zion der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden; und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.’“ (Rö 11,26+27)

Aber die Betonung in Jesaja 43,19 liegt nicht so sehr auf dem Neuen Bund – auch wenn dieser ein Thema bei Jesaja ist, sondern es geht ganz konkret um etwas anderes:

Die neue Schöpfung Gott sagt, Ich wirke Neues. Er spricht von einer neuen Schöpfung.

Die Neue Schöpfung bei Jesaja

 

  • In der zweiten Hälfte des Jesaja-Buches wird immer wieder von einer neuen Schöpfung gesprochen.

 

Der Prophet erklärt, dass Gott etwas Neues schaffen möchte. Außer in Kapitel 43,18+19 finden wir auch Hinweise bei:

„Das Frühere, siehe, es ist eingetroffen, und Neues verkündige ich. Bevor es aufsprosst, lasse ich es euch hören.“ (Jes 42,9)
„Du hast es gehört, betrachte es nun alles! Und ihr, wollt ihr es nicht verkünden? Von nun an lasse ich dich Neues hören und Verborgenes, das du nicht kanntest. Jetzt ist es geschaffen und nicht schon früher und vor dem heutigen Tag. Und du hast nicht davon gehört, damit du nicht sagst: Siehe, ich habe es gewusst.“ (Jes 48,6+7)

  • In den beiden letzten Kapiteln lesen wir dann, dass es Gottes Plan ist, einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.

 

„Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und an das Frühere wird man nicht mehr denken, und es wird nicht mehr in den Sinn kommen. Vielmehr freut euch und jauchzt allezeit über das, was ich schaffe! Denn siehe, ich schaffe Jerusalem zum Frohlocken und sein Volk zur Freude. Und ich werde über Jerusalem jubeln und über mein Volk mich freuen. Und die Stimme des Weinens und die Stimme des Wehgeschreis wird darin nicht mehr gehört werden. Und es wird dort keinen Säugling mehr geben, der nur wenige Tage alt wird, und keinen Greis, der seine Tage nicht erfüllte. Denn der Jüngste wird im Alter von hundert Jahren sterben, und wer das Alter von hundert Jahren nicht erreicht, wird als verflucht gelten. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, und Weinberge pflanzen und ihre Frucht essen. Sie werden nicht bauen und ein anderer bewohnt, sie werden nicht pflanzen, und ein anderer isst. Denn wie die Lebenszeit des Baumes wird die Lebenszeit meines Volkes sein, und meine Auserwählten werden das Werk ihrer Hände genießen. Nicht vergeblich werden sie sich mühen, und nicht zum jähen Tod werden sie zeugen. Denn sie sind die Nachkommen der Gesegneten des HERRN, und ihre Sprösslinge werden bei ihnen sein. Und es wird geschehen: Ehe sie rufen, werde ich antworten; während sie noch reden, werde ich hören. Wolf und Lamm werden zusammen weiden; und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind; und die Schlange: Staub wird ihre Nahrung sein. Man wird nichts Böses und nichts Schlechtes tun auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht der HERR.“ (Jes 65,17-25)

Dieses Neue bedeutet also eine völlige Neuordnung des Lebens. Alle Gefahren des Lebens werden entfernt. Der Gott, der so weit entfernt vor kam, wird jetzt nahe sein.

Diese Verheißungen des Neuen in Jesaja gaben Hoffnung dem Volk, dessen Sünde die Hoffnung in Gott fast vernichtet hatte. Die Strafe des Exils sollte ersetzt werden durch das Versprechen der Erneuerung des Bundes und durch das Kommen des Königreichs Gottes auf die Erde.

Das neue Jerusalem
Auch die junge Gemeinde glaubte an eine völlige Neuordnung und Neuschöpfung der Himmel und der Erde am Ende dieses Zeitalters.

„Wir erwarten aber nach seiner Verheißung neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2Petr 3,13)

und

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel von Gott herab kommen, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein: denn das Erste ist vergangen. Und der, welcher auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. Und er spricht: Schreibe! Denn diese Worte sind gewiss und wahrhaftig.“ (Off 21,1-5)

So sagt auch Paulus, dass die ganze Schöpfung sich nach dieser Neuordnung sehnt:

„Denn das sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden – nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat – auf Hoffnung hin, dass auch selbst die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit freigemacht werden wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung zusammen seufzt und zusammen in Geburtswehen liegt bis jetzt.“ (Rö 8,19-22)

Mit dieser Hintergrundinformation über eine neue Schöpfung können wir uns nun andere Texte in den paulinischen Briefen, die von einer neuen Schöpfung sprechen, anschauen. Sie lehren uns, das wir, jeder von uns, eine neue Schöpfung wird.

Der Neue Mensch
„Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2Kor 5,17)

Wie geschieht diese neue Schöpfung? Ein paar Verse früher heißt es:

„Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir zu diesem Urteil gekommen sind, dass einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind.“ (2Kor 5,14)

Jesus ist für alle gestorben. Darum sind alle, die an ihn glauben, gestorben. Die Taufe symbolisiert das Begräbnis und die Auferstehung:

„So sind wir nun mit ihm begraben worden durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln.“ (Rö 6,4)

Gottes neue Schöpfung wird also durch das Sterben Christi am Kreuz und seiner Auferstehung in dieser Welt etabliert. Die Taufe stellt das symbolisch da.

Durch die Taufe haben wir also quasi einen neuen „Leib“ bekommen, sind neu geboren worden:

„Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, ihr habt Christus angezogen.“ (Gal 3,27)

Aber dieser Leib ist nicht ein neuer Körper, sondern wir werden auf geistlicher Ebene erneuert. Es ist eine neue Schöpfung des Geistes und des Herzens:

„Und ich werde ihnen ein Herz geben und werde einen neuen Geist in ihr Inneres geben, und ich werde das steinerne Herz aus ihrem Fleisch entfernen und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Ordnungen leben und meine Rechtsbestimmungen bewahren und befolgen Und sie werden mir zum Volk, und ich werde ihnen zum Gott sein.“ (Hes 11,19+20)

Diese Erneuerung ermöglicht es uns, in Gerechtigkeit und Heiligkeit zu leben. Ich wiederhole: es ist nicht unser Bemühen, besser und heiliger zu werden. Gott bewirkt dies alles.

„... dass ihr, was den früheren Lebenswandel angeht, den alten Menschen abgelegt habt, der sich durch die betrügerischen Begierden zugrunde richtet, dagegen erneuert werdet in dem Geist eurer Gesinnung und den neuen Menschen angezogen habt, der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ (Eph 4,22-24)

Wozu geschieht das?

„Und für alle ist er gestorben, damit die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist.“ (2Kor 5,15)

Hier ist es wieder: damit wir nicht mehr uns selbst leben, auf uns selbst schauen, sondern für den, der für uns gestorben und auferweckt worden ist. Diese Neugeburt geschieht, damit wir auf Jesus hin fokussieren können.

So kann Paulus dann auch sagen – und wir mit ihm:

„Denn ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben, und zwar im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ (Gal 1,19b+20)

Durch den Glauben an Jesus und den Glauben daran, dass Jesus für uns gestorben ist, werden wir zu neuen Menschen.

Der alte Mensch ist tot. Unser Leben ist allein aus Gott heraus und zu Gott hin. Deshalb sollte es nicht auf uns fokussiert sein. Wir sollen hinschauen zu Jesus. Gott sagt: „Siehe, ICH“

Auch im Galaterbrief wird das Alte (der Alte Bund und die Gesetzlichkeit die Folge davon war) mit der neuen Schöpfung verglichen. Das Fazit ist:

„Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittensein gilt etwas, sondern eine neue Schöpfung.“ (Gal 6,15)

Paulus schreibt den Galatern, die auf dem falschen Weg waren, dass das echte Christentum das der neuen Schöpfung ist. Die alte Schöpfung wird durch ein Leben im Fleisch gekennzeichnet (Gal 1,1; Gal 1,10-12, und Gal 2,16). Das neue Leben wird durch all das, was die Teilnahme am Tod Christi bedeutet, gekennzeichnet:

  • neues Leben aus dem Tod (Gal 2,19+20)
  • Leben in Christus (Gal 3,26-28)
  • zu Christus gehören (Gal 3,29 + Gal 5,24)
  • den Heiligen Geist (Gal 5,16-18 + Gal 5,25 + Gal 6,8)
  • die Früchte des Heiligen Geistes (Gal 5,19+20)

 

 

Dies sind die Bilder, die die neue Schöpfung kennzeichnen. Nach Paulus fängt die neue Schöpfung jetzt statt. Sie bricht jetzt in die alte Schöpfung hinein. Sie beginnt im Herzen und im Leben derer, die dem Evangelium glauben. Das bedeutet, dass Christen das Leben im Geist erleben können. Dieses Leben wird durch die Früchte des Geistes in den gegenwärtigen Situationen des Lebens gekennzeichnet. (Gal 5,22+23)

Diese neue Schöpfung, dieser neue Mensch in uns wächst langsam, fast unbemerkbar Wie gesagt, die neue Schöpfung bricht hinein in die alte Schöpfung. Das heißt, das Alte wird nicht mit einem Schlag weggenommen sondern das Neue wächst im Untergrund, kaum sichtbar, aber stetig.

Dieser Kameldornbaum wächst sehr langsam. Manchmal sagen wir: „Ich sehe aber noch nichts von diesem neuen Menschen!“ Es ist eben keine Änderung, die mit einem Schlag alles anders macht. Wir werden nicht automatisch von Babylon nach Zion versetzt, sondern müssen diesen Weg durch die Wüste gehen, ein Weg, der in uns einen neuen Menschen schafft. Dazu gehört, dass wir immer wieder vom Wasser des Stromes trinken, aber dazu gehört auch, dass wir Strecken der Trockenheit gehen.

Schluss

Vielleicht haben einige es bemerkt: Ich habe während des ganzen Vortrags nichts zur Homosexualität gesagt. Der Grund dafür ist, dass Homosexualität nicht das Thema ist. Es hat nichts mit diesem Vers, mit dem Neuen, das Gott wirkt, zu tun. Die Änderung befindet sich nicht im Körper, sondern im Geist. Nicht die Sexualität wird verändert, sondern das Herz.

Ich habe nun oft gesagt, dass Gott das Neue in uns wirkt. Heißt das, dass wir passiv warten? Nein, so läuft das nicht. Wir werden auch zur Aktivität aufgerufen: Der Weg nach Zion ist weit. Wir werden nicht durch einen magischen Akt von Babylon nach Jerusalem versetzt. Wir müssen den Weg aktiv gehen und aus den Strömen trinken. Wir werden in Oasen rasten, aber wir dürfen nicht in den Oasen bleiben, sondern müssen weiter durch die Wüste gehen. Gott verändert uns, aber das geschieht nicht, indem wir nach Veränderung in uns streben, sondern indem wir von uns weg und hin auf Jesus schauen, und den Weg durch die Wüste gehen.

Das Ziel ist nicht die Wüste. Das Ziel ist Zion, das neue, himmlische Jerusalem. Aber die Reise durch die Wüste ändert uns, schafft Neues aus uns, unmerklich, aber stetig. Lasst uns den Weg gehen und aus den Strömen trinken und Gott vertrauen, dass er Neues schafft, etwas, was uns gar nicht in den Sinn kommen würde.


Geschrieben von Anette Seiler
2007

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