KIRCHEN

"Was sollen wir tun?" – Denk-Anstöße für Gemeinden

Das Thema Homosexualität stößt in Gemeinden häufig zunächst auf große Hilflosigkeit, Angst und Abwehr. Nicht selten sind die Gemeinden um Lösungen verlegen, die sowohl homosexuellen Menschen wie auch der biblischen Botschaft gerecht werden. Diverse Ansätze wirken griffig, sind aber häufig in ihrer Konsequenz für die Betreffenden nicht zu Ende gedacht. Zu welchen typischen Lösungen wird gegriffen? Und wie schlüssig sind sie?

1. "Lebe deine Homosexualität nicht, sondern lebe zölibatär!"

Diese Anweisung richtet sich zunächst grundsätzlich an alle homosexuell empfindenden Menschen, ob sie nun an ihren homosexuellen Gefühlen und Sehnsüchten leiden oder nicht. Ihre Neigung, ihre homosexuellen Gefühle werden ihnen nicht vorgeworfen, jedoch werden sie unter Angabe der bekannten einschlägigen Bibelstellen angewiesen, ihre Liebe und Sexualität nicht zu leben.
Diese Empfehlung lässt unbeantwortet, was diejenigen tun sollen, deren Gabe und Charisma es nicht ist, ledig zu bleiben und zölibatär zu leben. Wie sollen diejenigen leben, die ein starkes sexuelles Verlangen haben oder eine große Sehnsucht nach einem Menschen, den sie lieben dürfen und von dem sie sich geliebt erleben? Paulus selbst trägt dieser menschlichen Eigenschaft Rechnung: er ermutigt diejenigen, die "nicht enthaltsam leben können" bzw. "sich in Begierde verzehren"(1Kor 7,9) explizit zur verbindlichen Partnerschaft. Warum? Weil es etlichen Menschen unmöglich ist, ihre Begierde zu unterdrücken, was entweder zu unverbindlichen Sexualkontakten ("Hurerei") führen mag mit der Folge eines Teufelskreises von Versagen, Buße, Schuldgefühlen und erneutem Versagen, oder dazu, dass man zwar standhaft bleibt, aber an seiner unerfüllten Sehnsucht zu vergehen droht.

2. "Lebe nicht homosexuell, sondern heirate!"

Wohl obigem Pauluswort eingedenk wird homosexuellen Menschen empfohlen, Sexualität im Rahmen einer heterosexuellen Beziehung/Ehe zu leben. Heilungskurse sollen den Übergang erleichtern oder ermöglichen.

Offen bleibt dabei, wie die Vielzahl der Betroffenen, deren Verlangen sich trotz Heilungswunsches nicht in die heterosexuelle Richtung verschiebt, ihr Bedürfnis nach Partnerschaft, Liebe und Sexualität leben soll.

Besonders aber bleibt unbeantwortet, wie viel Nicht-Leidenschaft und Nicht-Liebe seitens des noch oder ehemals homosexuell empfindenden Partners eine Ehe bzw. der heterosexuell begehrende Partner verträgt.

Offen bleibt auch, ob der ehemals oder noch homosexuell empfindende Partner seinem Gatten wirklich an Liebe, Wärme, Begehren, innerer Treue und sexueller Befriedigung "leisten" kann, was er diesem "schuldig ist" (1Kor 7,3). Wie viel Schuldigbleiben ertragen beide Ehepartner? Und wie viel Schuldgefühl über gelegentliches oder permanentes Begehren eines anderen (gleichgeschlechtlichen) Menschen (Mt 5,28), der eben nicht der Ehepartner ist, ist ertragbar? Wieviel anhaltender innerer Konflikt zwischen schuldig sein und schuldig bleiben ist aushaltbar, ohne den Preis körperlicher oder seelischer Gesundheit? Wie lange erträgt eine Ehe diese Spannung?

Nicht selten führt diese Anweisung zu einem späten Zerbruch der Ehe/Familie oder zu einem Doppelleben (in Form von kurzen anonymen sexuellen Kontakten oder einer stabilen Seitenbeziehung). Dieses wird entweder ohne Wissen des Partners geführt, um diesen nicht zu verletzen, oder mit Wissen und Einverständnis des Ehepartners, um den Schein der Normalität nach außen zu wahren, aus Loyalität gegenüber dem Ehepartner und Eheversprechen oder um den Kindern eine "heile" Familie zu bewahren.

3. "Lebe es, aber verrate es niemandem!"

Bei dieser so genannten "seelsorgerlichen" Anweisung wird homosexuelle Partnerschaft nach eingehender Prüfung im Einzelfall erlaubt, besonders dann, wenn langfristige sexuelle Entsagung oder die Einbettung der Sexualität in eine heterosexuelle Ehe nicht machbar erscheinen. Häufig wird die Ausnahmegenehmigung zum Leben der homosexuellen Neigung innerhalb einer monogamen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft verbunden mit der Bitte, möglichst nicht die Partnerschaft öffentlich zu machen: zum Schutz der Jugendlichen, damit sie sich nicht an "falschen" Vorbildern orientieren, zum Schutz der Familie und Gemeinde - aus Sorge, dass aus einer Ausnahmegenehmigung eine Art Freibrief für alle Sünden entstünde - und zum Schutz der "reinen" theologischen Lehre.
Dieser Vorschlag führt bei den Betroffenen einerseits zu einer Entlastung und einer realistischen Möglichkeit, Partnerschaft, Liebe und Sexualität zu leben, andererseits aber auch zu Heimlichtuerei, Lüge, Einsamkeit: ein wesentlicher Bereich des eigenen Lebens und Liebens wird versteckt, indem man nach außen Single zu sein scheint, faktisch jedoch in einer Liebesbeziehung lebt.

4. "Lebe es, aber ohne uns als Gemeinde!"

Diese Botschaft richtet sich an diejenigen, die ihre homosexuelle Neigung und ihre Liebe und Sexualität offen mit einem Menschen gleichen Geschlechts leben wollen. Mit dieser Lösung wird beabsichtigt, den Aufforderungen der Bibel nachzukommen. Die Gemeinde soll unbeschadet und rein bleiben von Unmoral. Sexualität bleibt allein der heterosexuellen Ehe vorbehalten. Wer anders lebt, darf dies nicht innerhalb der Gemeinde tun. "Entweder Gemeinde oder homosexuelle Partnerschaft" lautet die klare Botschaft mit Verweis auf entsprechende Bibelstellen, die die Gemeinde als Ort ausweisen, in der keine Sünde gepflegt werden darf.

Dies führt dazu, dass Menschen aus Angst vor Verstoßung oder Verlust der Bindungen in der Gemeinde versuchen, zu entsagen oder zölibatär zu leben (siehe 1.). Häufig aber ist dies langfristig nicht durchzuhalten. Wer dennoch die Gemeinde nicht aufgeben mag oder kann, lebt nicht selten ein Doppelleben bis hin zur Eheschließung (siehe 2.) mit dem Preis des Verlustes von Selbstachtung und Authentizität. Offen bleibt bei dieser Lösung zum einen, was mit den Menschen zu tun ist, die ihr homosexuelles Fühlen als vollkommen stimmig und natürlich erleben und sich nach Gemeinde sehnen. In der Homosexuellenszene finden sich erschreckend viele Christen, die von ihren Gemeinden vor die oben genannte Wahl gestellt wurden, sich nicht verstellen oder verbiegen wollten und konsequenterweise gingen. Sie sind nicht selten traurig und enttäuscht, fühlen sich heimatlos und entwurzelt. Der afrikanische Bischof Tutu schreibt über diesen Umgang mit Lesben und Schwulen:

"Wir lehnen sie ab, behandeln sie wie Ausgestoßene, sperren sie aus unseren Gemeinden aus, und damit verneinen wir die Folgen ihrer und unserer Taufe. Wir lassen sie daran zweifeln, dass sie Kinder Gottes sind, und dies muss man beinahe die größte Gotteslästerung nennen."

Offen bleibt zum anderen – vorausgesetzt, man sieht Homosexualität als sexuelle Sünde –, wieso Gemeinden sich unter allen Sünden so sehr auf sexuelle Sünden spezialisieren. Sie führen zum Gemeindeausschluss oder zumindest zu scharfen Verweisen bis hin zur Ämterenthebung. Der Verweis, es handele sich bei gelebter Homosexualität schriftgemäß um Sünde, erscheint jedoch nicht ausreichend erklärend: Die Kirche kennt außer sexueller Wollust noch sechs weitere Todsünden, nämlich Zorn, Völlerei, Habsucht, Neid, Trägheit, Stolz. Wieso kommt es bei diesen Haltungssünden nicht zu Gemeindezucht und Ämterenthebung? Wer dürfte zur Gemeinde gehören, würde man gegen alle Sünden so radikal vorgehen? Und wie kommt es zu der besonderen Betonung der Sündhaftigkeit von Sexualität und besonders Homosexualität, ja geradezu zu einer massiven Feindseligkeit?
Insgesamt sind die bisherigen Konzepte/Lösungsansätze nicht wirklich antwortgebend und bleiben unbefriedigend. Sie werden weder allen homosexuellen Menschen noch dem Anliegen Christi letztlich gerecht. Der Franziskanerpater Richard Rohr, Gründer der Kommunität New Jerusalem, bemerkt zur bisherigen von Vernunft und Biblizismus geprägten Herangehensweise an das Thema Homosexualität kritisch anhand eines Beispiels:

"Deine Mutter stirbt, und der junge Priester kommt ins Krankenzimmer und sagt: "Ach, sorgen Sie sich nicht, Ihre Mutter ist jetzt im Himmel." Das ist absoluter Geist (vernünftig-objektives Denken, d.A.). Theoretisch ist das ja sicherlich richtig: die Mutter ist im Himmel. Aber menschlich ist es falsch. Er weigert sich, mit in die Trauer zu gehen. Er weigert sich, auf diesem menschlichen Weg mitzugehen, den Jesus freiwillig gegangen ist. Das ist die Sünde der Kirche, dass sie den Menschen diese einfachen, schnellen Antworten gibt, damit sie den Weg nicht mehr gehen muss, dass sie dir zu schnell deine Ängste und deine Einsamkeit nimmt, damit du das nicht erleiden musst, was Jesus freiwillig erlitten hat: Einsamkeit, Dunkelheit, Betrug (...). Nehmen wir z.B. das Thema der Homosexualität. Der reine Geist (der pur geistlich-vernünftige Ansatz, d.A.) wird nie in der Lage sein, mit der Ausnahme, mit den Ausgestoßenen überhaupt umzugehen."

Welche Alternativen gibt es?

Was könnten Gemeinden denn nun anstelle der bisherigen Ansätze tun? Es wäre viel gewonnen, wenn Gemeinden sich erlauben könnten, die Spannung zwischen ihren Idealen und der nicht selten so schmerzlich anderen Realität auszuhalten, so wie sie es beispielsweise auch beim Thema Ehescheidung allmählich handhaben: das Ideal der lebenslangen Ehe weiterhin zu vertreten, Menschen zur Eheschließung zu ermutigen, aber eben auch das Scheitern von Ehen traurig mitzutragen und die Betroffenen hindurchzubegleiten, ihnen den Start in eine spätere neue Ehe zu ermöglichen.

Für das Thema Homosexualität würde das bedeuten, sich als Gemeinde selbstverständlich zu wünschen, dass alle Menschen heterosexuelle Beziehungen eingehen können, aber eben auch die menschliche Begrenztheit zu akzeptieren und die vor Gott und Menschen getroffene Wahl eines homosexuellen Menschen zur Gestaltung seines Lebens auszuhalten – eventuell unter großen Schmerzen und vielleicht ohne diese Wahl selber von Herzen bejahen zu können – und sie mitzutragen, ohne den "ersten Stein" zu werfen, und homosexuell lebenden Menschen die Teilhabe am Gemeindeleben zu ermöglichen, und zwar in dem Wissen, dass es sich bei Gemeinde stets um eine Gemeinschaft von Sündern handelt und allein Gott obliegt, zu urteilen.

Meine persönliche Vision ist, dass eines Tages in Gemeinden sowohl Menschen leben, die eine Veränderung ihrer homosexuellen Neigung erlebt haben, wie auch Menschen, die homosexuell leben, und dass beide Seiten Respekt vor dem jeweiligen Geworden-Sein zeigen, sich im Dialog miteinander befinden, und man sich durch den gemeinsamen Wunsch, Gotteskindschaft zu leben, verbunden weiß, auch wenn die Lebensentwürfe sich unterscheiden.


Geschrieben von G.F.
2005

Weiterer Beiträge