FAMILIE, ELTERN

Wie Gott Lebenskrisen weglacht

Wenn ich mir einer Sache in meinem Leben sicher war, dann war das mein Glaube an Gott und Jesus Christus. Bis zum Outing unserer Tochter.

Es war eigentlich keine besondere Überraschung für uns. Und es war auch niemals eine Option, dass die Offenbarung ihrer Homosexualität unsere Liebe, Wertschätzung und Annahme ihr gegenüber irgendwie verändern könnte. Tabea ist eine wunderbare Gottesfrau, die seit vielen Jahren im Glauben wächst und Jesus ganz fest im Herzen trägt. Da ist er: dieser leicht „schmalzige“ letzte Satz, so richtig evangelikales, fundamentalistisches Christendeutsch. 

Es kommt einfach so aus mir heraus, denn seit meiner Bekehrung mit 13 Jahren bin ich von solchen Christen beeinflusst und geprägt worden. In diesem Glauben gibt es ganz einfache Grundsätze, klare Regeln und ein Schwarz-Weiß-Denken, das immer weiß, was richtig und falsch ist, was Gottes Wille ist, was sein Denken ist, was man darf und nicht darf. Keinen Sex vor der Ehe zum Beispiel und natürlich nicht zu viel Alkohol trinken und schwul oder lesbisch sind nur Menschen, die Jesus nicht kennen. Das geht ja gar nicht, Christ sein und homosexuell. So wurde ich es gelehrt und das habe ich geglaubt. Die Bibel ernst und beim Wort nehmen – das war selbstverständlich.

Nicht selten habe ich bis heute den Eindruck, dass die Bibel in der Wahrnehmung vieler Christen höher steht als Jesus selbst. „Die Bibel sagt aber...“, „Gottes Wort gibt aber die Anweisung...“. 

Doch bereits mit Anfang 20 habe ich gemerkt, dass ich wohl Kompromisse machen muss. Die ersten Freunde ließen sich scheiden und heirateten wieder. Alle Auseinandersetzungen und Gespräche mit meinen evangelikalen Geschwistern haben mich dennoch nie aus der Fassung gebracht. Aus der umfassenden Liebe und Überzeugung von Gott selbst. Ja, ich weiß und bin ganz sicher, dass Gott mich berufen hat, zu leiten, zu lehren und seine Liebe so bunt und fröhlich in die Welt zu tragen, wie es eben geht. Aber dieses feste Fundament wurde durch ein schlimmes Beben erschüttert und mein Haus auf Felsengrund nützte mir am Ende gar nichts, denn es stürzte trotzdem ein. 

Auf einmal war ich als Mutter einer lesbischen Tochter Angriffen auf meinen Glauben ausgesetzt, die ich nie erwartet hätte.  Ich persönlich war mir von Anfang an ganz sicher, dass Tabea nicht „bewusst den Weg der Sünde wählt“ oder „gegen die Schöpfungsordnung verstößt“ oder gar „vom Glauben abgefallen ist“. Und ich wusste, dass Gott uns immer liebt – egal, was wir tun und egal, wen wir lieben.

Aber nun sagten ALLE anderen, ALLE Christen, die ich kannte: „Sie darf nicht so sein, sie ist nicht richtig, sie lebt in Sünde, Gott will das nicht.“, und zeigten mir die betreffenden Bibelstellen. 

So wusste in diesen Kreisen auch jeder, dass die Mutter einer lesbischen Frau an deren Homosexualität Schuld hat, weil sie ihrer Tochter nie Liebe gezeigt hat und diese die Liebe nun bei einer anderen Frau sucht. Was? Stimmte das etwa? „Ach, Mama, ich hab alle Fragen dazu aus diesen Scheißbüchern und Tests durch – das ist es nicht!“ So richtig erleichterten mich die Aussagen meiner Tochter jedoch nicht, denn nun wurde mir klar, was viele Menschen über mich dachten. 

Außerdem gab es scheinbar keine homosexuellen Christen in den freien Gemeinden, bzw. unter den Christen, die überzeugt mit Gott lebten. Die kamen nicht vor, die waren nicht da, also ging das wohl nicht: Christ sein und gleichzeitig schwul oder lesbisch sein.

Wochenendbesuch von „meinen Töchtern“ – bin ich denn auch im Gottesdienst gern gesehen, wenn ich mit meiner Schwiegertochter in spe und Tabea komme? Den Eindruck hatte ich nach einem Gespräch mit einem Leitungskreismitglied überhaupt nicht. Das schwerste für mich war auch oft, dass ich früher selbst so negativ gegen Homosexualität geredet hatte. Es tut mir sehr leid. Ich war verwirrt. Ich war beschämt und betroffen, denn jahrelang hatte ich ja dasselbe gedacht und geredet. Und nun kannte ich homosexuelle Christen und alles hatte sich verändert. Was für ein Gefühls- und Gedankenchaos! Das Thema überrollte mich.

Aber was denkt Gott und was ist die Wahrheit?

In den vielen Wochen und Monaten seit Tabeas Coming Out bin ich oft so verletzt worden, dass es einen Punkt gab, an dem ich alles hinschmeißen wollte und das innerlich auch getan habe. Mein Jahr 2014 war geprägt von einer Mischung zwischen Burnout und Depression – das sage ich in aller Offenheit. Mein lieber Papa Gott weiß, dass ich den Glauben an seine Liebe und an ihn fast verloren hätte. Ja, ich hatte wirklich schon kleine Wunder erlebt; ich war ganz sicher, dass Gott existiert und dass wir ihm hier wichtig sind. Dass er einen Auftrag für mich hat und besondere Gaben, die ich oft erleben durfte. Aber ich wollte nicht an einen Gott glauben, der so ist, wie mir meine Geschwister das vermitteln wollten. 

Ich wollte die Bibel nicht mit dieser Brille lesen. Den Schmerz hielt ich dann nicht aus. Das passte doch nicht zusammen mit Gottes Wesen, das Liebe ist! Dann wollte ich lieber gar nicht mehr glauben. Aber wer bin ich noch, wenn ich nicht mehr glaube? 

Ich habe meinen Beruf als Lehrerin aufgegeben, um größtenteils ehrenamtlich SEIN Werk zu gründen und zu leiten – das Begegnungszentrum Giraffenland. Ich bin nicht mehr ich, wenn ich keinen Glauben habe. Das war richtig schlimm. Ich war traurig und einsam.

Dann durfte ich zum Zwischenraum-Jahrestreffen nach Wiesbaden mitfahren. Das war die Wende. Es war wie auf einer Gemeindefreizeit von früher! Wir hatten so einen Spaß, so viel gute Gemeinschaft und Gottes Liebe war gegenwärtig.

Im Abschlussgottesdienst hat mich ein Liebesstrom erfasst, dass ich nun ganz sicher war, ER ist unverändert der, der uns liebt und annimmt, der uns gewollt hat, wie wir sind – der kompromisslos liebende Vater. Irgendwann betete ich: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Auch wenn die anderen Christen anders glauben und denken; ich bin eine bunte Regenbogenfrau. Wenn du das falsch findest, müssen wir das im Gericht klären, hier auf der Erde muss ich so glauben, reden und handeln!“ Innerlich glaubte ich dann Gott lachen zu hören: 

„Na, endlich hast du‘s kapiert!"


Geschrieben von Constanze Nolting
2015

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