ANDERE BIBELARBEITEN

Wie wir Gott näher kommen – Gedanken zur Lebensgeschichte von Abraham

Das Spannungsfeld zu erleben, als Christ schwul oder lesbisch zu sein, wird uns sicherlich noch erhalten bleiben, solange es Menschen gibt, die als Christen Homosexualität ablehnen, aus welchen Gründen auch immer.

Uns, wie jedem Christen, stellt sich die Frage: Wie kann ich meine Beziehung zu Gott leben und darin wachsen, sie vertiefen und festigen? Freilich müssen wir auf diese Frage unsere Antwort anders suchen, als man es als Christ gewohnt ist, da uns das üblicherweise vorhandene Umfeld dazu, das Gemeindeleben sowie die Gemeinschaft darin, genommen wird. Denn dort wird uns lediglich die Unmöglichkeit vor Augen gehalten, unseren Glauben mit unserer Sexualität zu vereinen.

Ist es dennoch möglich, Schritte vorwärts in Richtung auf Gott zu tun, statt darin zu resignieren? Ist es möglich, eine Glaubensstabilität zu erlangen, die es nicht erlaubt, immer wieder hin und her gerissen zu werden? Wir brauchen einen gefestigten Glauben, um vor falschen Idealen und Vorstellungen vom Glück geschützt zu werden. Können wir von Gott lernen, dass wir nicht weniger zählen als andere? Wir sollten uns darauf besinnen, dass Gott es ist, der uns zu sich zieht und von dem wir auf diesem Weg abhängig sind, und nicht Menschen, auf die wir gerne unsere Blicke richten.

Betrachten wir Abrahams Leben, dann sehen wir ein gutes Beispiel dafür, wie Gott einen Menschen in die Beziehung zu sich zieht – von der Position "Gott, ich kenne dich kaum" zu "Gott, ich kenne nur dich". Abraham geht einen Weg mit verschiedenen Stationen und vielen Prozessen. Sein Leben, in dem anfangs nicht viel von Gott zu sehen ist, beginnt sich zu verändern und wir werden sehen, dass er im wahrsten Sinne des Wortes vom Hören-Sagen zum Gott-Sehen gelangt. Seine Beziehung zu Gott gewinnt eine Tiefe, wie es sie nur in wenigen Beispielen der Bibel gibt. Allein die Tatsache, dass es bei Abraham möglich war, eine tiefe Beziehung zu Gott zu haben, sollte uns motivieren, das Gleiche in unserem Leben anzustreben.

Abraham ein Mensch, wie Du und ich – Genesis 11,27-32
Und das ist die Geschlechterfolge Terachs: Terach zeugte Abram, Nahor und Haran; und Haran zeugte Lot. Haran aber starb zu Lebzeiten seines Vaters Terach im Land seiner Verwandtschaft, in Ur, der Stadt der Chaldäer. Und Abram und Nahor nahmen sich Frauen; der Name von Abrams Frau war Sarai, und der Name von Nahors Frau war Milka, die Tochter Harans, des Vaters der Milka und des Vaters der Jiska. Sarai aber war unfruchtbar, sie hatte kein Kind. Und Terach nahm seinen Sohn Abram und Lot, den Sohn Harans, seines Sohnes Sohn, und Sarai, seine Schwiegertochter, die Frau seines Sohnes Abram; und sie zogen miteinander aus Ur, der Stadt der Chaldäer, um in das Land Kanaan zu gehen; und sie kamen nach Haran und wohnten dort. Und die Tage Terachs betrugen 205 Jahre, und Terach starb in Haran.

Die Bibel stellt uns Abraham als einen einfachen, ganz normalen Menschen vor. Ein Mann, der seinen Alltag lebt, seine Familie um sich hat und dabei ist, seinen Plänen nachzugehen. Gott wird dabei gar nicht erwähnt. Auch nicht, ob Abraham in einem gläubigen Umfeld aufwächst. Selbst seine Probleme sind uns nicht fremd. Im Gegenteil, es sind die gleichen, die wir aus unserer heutigen Zeit kennen: Eine Familie um die Ohren, wobei es mit dem eigenen Nachwuchs nicht so klappt. Tante, Onkel, Nichten, Neffen und so weiter, klettern auf und klettern ab auf der Nervenleiter...

1. Säule meiner Beziehung zu Gott: Miteinander reden – Genesis 12,1-3 (vgl.15,1 und 17,1)

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Und ich will dich zu einer großen Nation machen, und ich will dich segnen, und ich will deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein! Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!

Beziehung ohne Kommunikation ist unmöglich. Wir sehen an vielen Stellen der Bibel, dass Gott oft den ersten Schritt tut, um mit dem Menschen in eine Beziehung zu treten. So ging Er nach dem Sündenfall auf Adam zu und sprach mit ihm. Gott begegnete Mose im Dornenbusch und Samuel empfing seine Berufung durch Gottes Reden in der Nacht. Die Reihe der Beispiele ist lang. Genauso bei Abraham (Gen 15,1): Gott sprach ganz undramatisch, fast unauffällig. An dieser Stelle ist es nicht besonders wichtig, in welcher Weise das Wort zu Abraham geschah, ob laut hörbar oder auf eine andere Art. Wichtig ist, dass Abraham etwas empfing, nämlich Worte, die in sein Leben traten und die er vorher nicht hatte.

Dieses Prinzip hat sich bis heute nicht geändert: Gottes Wort steht am Anfang eines Weges mit ihm. Und dass Gott zu Abraham als Einzelperson sprach und ihm Seinen (Lebens-)Plan offenbart, zeigt nur, dass Gott für jeden von uns Anliegen in sich trägt, die es zu erfahren gilt. Egal wie dies geschieht, die Grundlage bildet immer die Bibel. Darin ist alles gesagt, was wir wissen müssen und was wir brauchen. Abraham hatte diese Bibel noch nicht, daher wird Gottes Wort unmissverständlich auf einem anderen Weg zu ihm gekommen sein. Doch wenn Gott etwas beginnt (z. B. eine Beziehung zum Menschen), dann spricht er. So war es in der Schöpfung: Gott sprach... und es wurde. Selbst das Johannes-Evangelium beginnt mit "Am Anfang war das Wort".

Im Verlauf der weiteren Kapitel nimmt die verbale Kommunikation zwischen Gott und Abraham immer mehr zu. So sind z. B. die Kapitel 15 und 18 vom Dialog zwischen den beiden geprägt. Je mehr sich Abraham dem Herrn annähert um so intensiver und ausgedehnter werden auch die Gespräche (oder sollte man besser 'Gebete' sagen?). Kapitel 18 ist dabei etwas Besonderes. In diesem Kapitel ist es eher Abraham, der auf Gott zugeht und zu ihm redet. Abrahams Bitte für Sodom (18,16ff) ist von einer Kühnheit geprägt, wie an sonst keiner Stelle in Abrahams Leben.

Sprüche 29,13+14

Und sucht ihr mich, so werdet ihr mich finden, ja, fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, so werde ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.

2. Säule meiner Beziehung zu Gott: Zuhören können – Genesis 12,4-7

Und Abram ging hin, wie der HERR zu ihm geredet hatte, und Lot ging mit ihm. Abram aber war 75 Jahre alt, als er aus Haran zog. Und Abram nahm seine Frau Sarai und Lot, den Sohn seines Bruders, und all ihre Habe, die sie erworben, und die Leute, die sie in Haran gewonnen hatten, und sie zogen aus, um in das Land Kanaan zu gehen; und sie kamen in das Land Kanaan. Und Abram durchzog das Land bis zur Stätte von Sichem, bis zur Terebinthe More. Damals waren die Kanaaniter im Land. Und der HERR erschien dem Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dieses Land geben.

Immer wieder frage ich mich an dieser Stelle: Wie hätte ich auf Gottes Reden reagiert? Es sieht so einfach aus und es klingt so selbstverständlich: "Abraham ging hin, wie der HERR zu ihm geredet hatte". Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob ich es genauso gemacht hätte. Erfahrungsgemäß würde ich es mir aufschreiben, damit ich es nicht vergesse, und es dann erst einmal zur Seite legen, und alles würde so weiter gehen wie vorher. Mittlerweile sehe ich dieses Verhalten als eines der größten Fallen in unserem Leben an und als einen Grund dafür, dass wir in unserem Glaubensleben oft hängen bleiben oder sogar scheitern. Jesus hat in Lukas 9,57ff ganz klare Stellung zu dieser Haltung bezogen und kommt in Vers 62 zu dem Schluss:

Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.

Diesem für uns so normalen Verhalten steht das Verhalten Abrahams und so vieler anderer Vorbilder der Bibel entgegen. Was sie auszeichnete war, dass sie Gott zuhören konnten. Das liegt schon in den Begriffen "Gehorsam" und "Ungehorsam". Sie machen eigentlich nichts anderes deutlich als "zuhören können" und "nicht zuhören können". Dieses Zuhören meint nicht nur die Achtsamkeit gegenüber den Worten oder den Respekt der Person gegenüber. Nein, es meint auch das praktische Ernstnehmen und das Eingehen auf das Gesagte. Dies ist auf beiden Seiten wichtig. Gott nahm Abraham ernst und ging auf sein Flehen ein, als es um Sodom ging (Gen 18). Vgl. auch Genesis 15,6.

In Abrahams Leben können wir sehen, dass es Turbulenzen, Streit und Schwierigkeiten zur Folge hatte, wenn er von Gottes Worten abwich. So nahm er Lot mit sich (Gen 13,1), obwohl Gott ganz klar sagte, dass er "seine Verwandtschaft und das Haus seines Vaters verlassen" sollte (Gen 12,1). Das Ergebnis war Streit unter den Hirten. Letztendlich haben sie sich doch getrennt (Gen 13). Als Abraham seine Frau als Schwester ausgab, hat es nur Konflikte im Haus des Pharaos und bei Abimelech gegeben (Gen 12,10-20 und Gen 20). Dass diese Art von Problemen grundsätzlich in Ungehorsam begründet sind, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber eines schon, dass Kompromisse in der Beziehung zu Gott nie gut gehen, sondern garantiert innere und/oder äußere Spannungen hervorbringen.

Das Zuhören können vertiefte Abrahams Beziehung zu Gott. Man bekommt das Gefühl, als würde von zwei "dicken" Freunden die Rede sein, die bei sich ein und ausgehen. Am eindrucksvollsten finde ich immer noch die Stelle in Kapitel 18,17: "Der Herr aber sprach bei sich: Sollte ich vor Abraham verbergen, was ich tun will?" Nicht nur, dass sich beide begegneten. Es wird darüber hinaus erwähnt, was Gott für sich über Abraham abwägt. Enger kann eine Beziehung nicht mehr dargestellt werden, wenn sogar die intimsten Bewegungen erwähnt werden.

3. Säule meiner Beziehung zu Gott: Ausdrucksweisen, die über Worte hinausgehen – Genesis 12,7-9 (vgl. 13,18)

Und er baute dort dem HERRN, der ihm erschienen war, einen Altar. Und er brach von dort auf zu dem Gebirge östlich von Bethel und schlug sein Zelt auf, Bethel im Westen und Ai im Osten; und er baute dort dem HERRN einen Altar und rief den Namen des HERRN an. Dann brach Abram auf und zog immer weiter nach Süden.

Gleich zweimal baute Abraham dem HERRN in diesen Versen einen Altar. Für Abraham war es ein Ort, an dem er "den Namen des HERRN anrief" (Gen 13,4). Durch seine intensiven Begegnungen mit Gott suchte er nach weiteren Möglichkeiten, dieser Beziehung Ausdruck zu verleihen. Ich denke, es ist ein typisch menschliches Verlangen. Besonders, wenn wir erleben dürfen, wie Gott unser Leben bewegt. Je tiefer wir davon beeindruckt sind, umso stärker ist der Wunsch "vor Freude zu platzen". Jedenfalls kommen wir an den Punkt, dass uns Worte nicht mehr reichen, um etwas auszudrücken. Wir suchen andere Wege. Genauso geht es uns, wenn wir uns verlieben und die berühmten "Schmetterlinge" spüren. Meistens fühlen wir uns hilflos, weil nichts ausdrücken kann, was wir empfinden.

In der Beziehung zu Gott ist es genauso. Je näher wir Ihm kommen und je mehr wir von Ihm kennen, um so stärker wird das Bedürfnis, Ihm immer wieder und immer wieder begegnen zu wollen und diesem eine besondere Ausdrucksweise zu geben – z. B. durch Anbetung. Die Altäre in Abrahams Leben drücken dies aus.

4. Säule meiner Beziehung zu Gott: Veränderung – Genesis 12,10-13

Es entstand aber eine Hungersnot im Land; da zog Abram nach Ägypten hinab, um dort als Fremder zu leben, denn die Hungersnot lag schwer auf dem Land. Und es geschah, als er nahe daran war, nach Ägypten hineinzukommen, sagte er zu seiner Frau Sarai: Siehe doch, ich weiß, dass du eine Frau von schönem Aussehen bist; und es wird geschehen, wenn die Ägypter dich sehen, werden sie sagen: Sie ist seine Frau. Dann werden sie mich erschlagen und dich leben lassen. Sage doch, du seist meine Schwester, damit es mir gut geht um deinetwillen und meine Seele deinetwegen am Leben bleibt!

Niemand von uns ist vollkommen. Wenn wir unseren Weg mit Gott beginnen, haben wir Fehler und Schwächen. Abraham erging es nicht anders. Er und seine Frau konnten keine Nachkommen bekommen, er versuchte Kompromisse mit dem Wort Gottes zu schließen und behielt Lot bei sich, obwohl er sich von der Verwandtschaft trennen sollte, er war in seinem Leben seelisch orientiert und auf das eigene Wohl bedacht (Gen 12,13), um nur einiges zu nennen. Anders ausgedrückt: Er war unreif! Obwohl er großartige Begegnungen mit Gott und sein Leben eine neue Richtung bekommen hatte, macht es deutlich, dass wir trotzdem noch selber das Zentrum des Lebens sein können. Abrahams Leben wurde Stück für Stück verändert.

Ich habe den Eindruck, dass wir uns oft nicht bewusst sind, wie wichtig diese Veränderungen durch Gott in unserem Leben sind. Wir weichen Gott lieber aus, weil wir diese Veränderungsprozesse als sehr unangenehm empfinden können. Wir erkennen nicht, dass es sich um Schwachpunkte in unserem Leben handelt, die Gott verändern muss, wenn wir stabil und fest sein wollen. Eine Kette ist immer nur so stark wie das schwächste Glied. Genauso ist es in unserem Leben. Wir können nur so stark sein, wie der schwächste Punkt in unserem Leben. Würde Gott diese Dinge nicht verändern, könnte es verheerende Folgen haben. Diese Folgen verheimlicht uns die Bibel nicht: Abraham konnte mit seiner Frau keine Nachkommen bekommen – sie war unfruchtbar (Gen 11,30). Über diesen Punkt sprach Gott wieder und wieder. Abrahams ganzes Leben drehte sich um diese Sache. Und trotzdem versuchte er seinen eigenen Weg zu gehen, indem er die Erfüllung der Verheißung durch Hagar, die Magd Sarais, zu erreichen versuchte. Die Folgen waren Streit, Demütigungen und Vertreibung. Schließlich ging es soweit, dass das Leben des Kindes Ismael bedroht war (Gen 21,16). Auch das Eingreifen Gottes und Sein Aufruf zur Versöhnung in Kapitel 16 änderten nichts an den Folgen. Die Geschichte mit Hagar blieb ein wunder Punkt in Abrahams Leben. Die Ursachen waren Kompromisse mit dem Wort Gottes und das Erreichenwollen aus eigener Kraft. Abraham gab seine Frau als seine Schwester aus. Diesen Fehler beging er gleich zweimal (Gen 12 und Gen 20). Der Grund: "...damit es mir gut geht..." (Gen 12,13). Die Folgen: Es gab reichlich Unruhe in der Umgebung. Aber Abraham lernte an diesen Stellen. So erfuhr er Korrektur von Gott in Bezug auf seine Nachkommen (Gen 15,4) und er lernte Gottes Wort genauer zu befolgen (z.B. Gen 15,6ff). Mit jedem Fehltritt wuchs gleichzeitig auch sein Vertrauen zu Gott. Abraham machte nicht einfach weiter wie vorher. Er nahm es ernst, wenn Gott zu ihm sprach. Dieses Vertrauen und der Glaube wuchsen so weit, dass Abraham sogar bereit war, seinen Sohn zu opfern (Gen 22).

Der Segen einer Beziehung zu Gott
In einem solchen Artikel kann man das Leben Abrahams nur anreißen. Um es tiefer zu ergründen, müsste man sich ausführlicher damit befassen. Doch was es ganz klar zeigt ist, dass ein entscheidender Faktor für unerschütterlichen Glauben eine gefestigte Beziehung zu Gott und das daraus wachsende Gottesbewusstsein ist. Nur darin erlangen wir die Stärke und die innere Überzeugung, die wir brauchen, um in Gemeinden standzuhalten, die uns in unserer Homosexualität ablehnen. Dort brauchen wir Gott, um nicht uns selbst und unsere inneren Werte aufzugeben und letztendlich im Glauben zu scheitern, weil wir unsere Bedürfnisse mit Gott nicht in Einklang bekommen. Genauso, wenn wir alleine dastehen und keine Gemeinde oder keinen Anschluss an geeignete christliche Gruppen finden. Dann können wir uns bewusst sein, dass auch Abraham diese Einsamkeit kannte und seine Erfüllung in Gott selbst fand.


Geschrieben von Achim Rubner
2004

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