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Bin ich homosexuell?Mel White's Gedanken zur sexuellen IdentitätEine der bewegendsten Schilderungen eines Kampfes um seine homosexuelle Identität steht für mich in Mel White's Buch "Stranger at the Gate – to be Gay and Christian in America". Leider ist es bisher nur auf Englisch erschienen (z.B. bei amazon bestellbar). Wer in einer streng evangelikalen Umgebung aufgewachsen ist, wird viele seiner Nöte gut nachvollziehen können. Für andere mag es etwas mühsam sein, ihm als Leser immer wieder neu in spirituelle Sackgassen zu folgen in seinem jahrzehntelangen Kampf gegen seine homosexuelle Orientierung. Mel White ist ein engagierter und prominenter Christ, der zeitweise als Ghostwriter für konservative Christen wie Jerry Falwell oder Pat Robertson arbeitete. Und – was keiner wissen darf – er ist schwul. Seelsorgerliche Gespräche, innig-verzweifelte Gebete und Therapien wechseln sich ab – nichts ändert sich. Erst sehr spät gesteht er sich ein, dass seine Kämpfe gegen seine Homosexualität vergeblich sind und bleiben, und dass er die Ehe mit seiner Frau Lyla nicht retten kann. Dennoch vergeht noch einmal sehr viel Zeit, bis er sich selbst eine echte Beziehung zugestehen kann. Paradoxerweise ist es seine fromme Verwurzelung, die dazu führt, dass er entweder von einer flüchtigen Beziehung zur nächsten stolpert oder längerfristige Freunde durch sein Hinundhergerissensein vergrault. Immer wieder stehen ihm seine Gewissensnöte, aber natürlich auch seine Angst davor, sich in seinem christlichen Umfeld als homosexuell zu outen, bei jeder Beziehung im Weg. Bis er auf Gary Nixon trifft. Einen Mann, der aussieht wie Robert Redford und der in seinem Leben – nach Christus –die Hauptrolle bekommen soll. (Die er nach inzwischen 15 Jahren immer noch spielt). Die Zweifel an seinen homosexuellen Gefühlen und an der Richtigkeit seiner homosexuellen Gefühle machen endlich einem inneren Frieden Platz. Mel White und Gary gründen die Soulforce-Bewegung, die sich für eine Akzeptanz Homosexueller im christlich-konservativen Umfeld engagiert. Das Vorwort zu "Stranger at the Gate" schrieb bemerkenswerterweise seine Ex-Frau Lyla, die nach wie vor fest zu ihm und seinem Weg steht und ihn unterstützt. Was Mel über seine Beziehung zu Gary schreibt und seine Antwort auf seine quälenden Identitätsfragen gehören für mich zu den anrührendsten Plädoyers für homosexuelle Liebe. Die Übersetzung des entsprechenden Abschnitts stammt von mir und erhebt keinen Anspruch auf hohe Kunst. Sie ist auch nicht immer ganz wörtlich, um eher dem deutschen Sprachgebrauch zu entsprechen. Valeria Hinck Wenn es schwere Entscheidungen zu treffen galt,..., oder wenn Gary sehen konnte, dass ich verwirrt war oder ängstlich oder unter Druck stand, dann setzte er sich kurz vor dem abendlichen Lichtausmachen auf's Bett, rückte die Kissen zurecht, klopfte leicht auf das Laken und sagte leise: "Komm her!" Dann saß ich zwischen seinen Knieen und lehnte mich mit dem Rücken gegen ihn. "Erzähle", flüsterte er dann, und während ich alles an Fragen und Möglichkeiten erläuterte, massierte er meinen Nacken und meine Schultern, fragte die richtigen Fragen und ließ mich durch meine Gedanken schweifen, bis die Entscheidung klar war, der Konflikt gelöst, oder ich einfach in seinen Armen einschlief. Diese Momente des Zusammenseins mit Gary taten mir ohne Frage zutiefst gut. Aber sie erwiesen sich über die Jahre als weit mehr denn nur eine Quelle des Wohlgefühls. Sie wurden für mich viel mehr zu einer Quelle der Wahrheit. Meine sexuelle Orientierung zu akzeptieren und eine liebevolle homosexuelle Lebensbeziehung einzugehen, bestätigte mir endgültig, dass meine Homosexualität eine der Gaben Gottes an mich war. Viele meiner alten Freunde und Berater unter den konservativen Christen hatten mir gesagt, dass Homosexualität eine Sünde sei, und dass Gott mich verlassen würde, wenn ich dieser Sünde nachgäbe. Andere hielten mich schlichtweg für verrückt oder irre geleitet. "Du befindest Dich irgendwo auf der Mitte der Freud'schen Skala für sexuelle Identität" (1), informierte mich einer meiner Seelsorger. "Du bist eindeutig bisexuell", äußerte ein anderer. "Du bist so'ne Art Wechselstrom ", sagte einer meiner Freunde mit verschmitztem Grinsen, "bei dir geht's in beiden Richtungen." "Du bist nur verwirrt", verkündete mir ein Unterstützer der Ex-Gay-Bewegung einmal salbungsvoll: "Du hattest nie ein wirkliches männliches Vorbild, deshalb bist du nie richtig herangereift." Dann, bevor er für mich ein letztes Mal betete, fügte er noch hinzu: "Du leidest an einer Art steckengebliebener Mannesreife, aber Gott wird dir helfen, dies mit der Zeit zu überwinden." Seit meiner Kindheit war ich diesen widersprüchlichen Botschaften ausgeliefert. In ihrer lärmenden Wolke von Fehlinformationen und Verurteilung hatte ich meine sexuelle Orientierung angezweifelt, gefürchtet und in Frage gestellt. In Gary's Armen war dieser schmerzhafte Widerstreit endlich vorbei. Den eigentlichen Test für meine wahre sexuelle Orientierung stellte für mich nicht die Leidenschaft dar, sondern die Zeit.... Tatsächlich auf dem Prüfstand stand die Wahrheit meiner sexuellen Orientierung dann, als die romantischen Gefühle nachließen, als dieses erste Feuer der sexuellen Leidenschaft nach Monaten und Jahren herunterbrannte zu einer warmen Glut (oder auch zuweilen ganz erlosch). Als es kein so brennendes Begehren mehr gab, dass man sich, wie ein junger Freund es neulich ausdrückte, "sofort unter die Pelle sprang". Als wir damit zufrieden waren, nebeneinander im Bett zu liegen, dabei zu lesen, Fernsehen zu schauen, uns zu unterhalten, Hände zu halten, oder wenn wir einfach nur Seite an Seite schliefen. Worauf sich unser leidenschaftliches Begehren richtet, ist ein Prüfstein der sexuellen Orientierung, keine Frage. Es war wichtig gewesen für mich zu fragen, wer in meinen sexuellen Fantasien die Hauptrolle spielte, eine Frau oder ein Mann? War es am Strand oder im Schwimmbad ein männlicher Körper, der mich erregte und meine Aufmerksamkeit auf sich zog, oder war es ein weiblicher Körper, der mich "anmachte"? Wenn ich diese großformatigen Reklameseiten für eng sitzende Jeans oder Unterwäsche in Zeitschriften und Magazinen durchblätterte, war es dann das männliche oder das weibliche Model, dass meinen Blick auf sich zog? Ich hatte viel zu lange versucht, diese unwillkürlichen, physiologischen Reaktionen zu verleugnen, statt sie zu beachten und ihnen zu vertrauen. Aber es gab, als die Leidenschaften abkühlten, auch noch andere Hinweise auf meine sexuelle Orientierung, die ich für genauso vertrauenswürdig erfand. War es ein Mann, zu dem ich nach Hause kommen wollte nach einem schweren Arbeitstag, oder wünschte ich mir eine Frau, die mich an der Tür mit einem Lächeln und einer Umarmung begrüßte? War es ein Mann, dessen bloße Gegenwart mir ein Wohlgefühl vermittelte - in der Küche, im Wohnzimmer am Kamin, im Schlafzimmer? Oder war es die Gesellschaft einer Frau, die mir das Gefühl von Sicherheit gar, von Wohlbefinden und letztlich von "zu Hause sein"? War es ein Mann, neben dem ich sitzen wollte - in der Kirche, im Cafe, im Kino? Oder war es eine Frau, die ich mir bei Kerzenschein in einem Restaurant auf der anderen Seite des Tisches wünschte? In den ersten Jahren unserer Beziehung zog mich die Leidenschaft zu Gary wie eine Biene zum Honig. Aber nach fast 10 Jahren (in denen es das Aufflammen der Leidenschaften durchaus noch gibt) stellte ich fest, dass es noch ganz andere, ebenso mächtige Kräfte gab, die mich zu ihm hinzogen. Endlich, nach so vielen Jahren, war es meine Beziehung zu Gary, die mich wissen ließ: ich war ein homosexueller Mann und homosexueller Christ in einer Lebensbeziehung mit einem anderen homosexuellen Mann und homosexuellen Christen. Mit welchem Recht würdigte man meine Beziehung zu Gary herab und erklärte sie für weniger wert, für sündhaft und abscheulich..., nur weil es eine homosexuelle und keine heterosexuelle Beziehung ist? "Stranger at the Gate ", Penguin Books, New York 1994, S. 260-261 Fußnoten1. Gemeint ist wohl die Skala von Kinsey. © 2006 Mel White, Valeria Hinck
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