Bi+-sexuelle Christ:innen erleben oft eine Lebensstil-Migration. Ihr bisheriger, erlernter Lebensstil passt nicht (mehr) und bevor sie daran zugrunde gehen, machen sie sich auf den Weg.
So habe auch ich es getan. Auf diesem Weg wurde mir bewusst, dass es für mich nicht nur um meine sexuelle Orientierung geht, sondern auch um meine Art zu glauben. Ich bin dabei meine Bi-Kultur, die Ausdrucksform meiner sexuellen und religiösen Identität, neu zu gestalten.
Migration und Exil – Fremdheitserfahrungen
Als mir meine sexuelle Orientierung und meine Art zu glauben bewusst geworden sind, habe ich gespürt, dass ich nun nicht mehr zu einer bestimmten Gruppe gehöre. Ich bin heterosexuell und bibeltreu sozialisiert und habe entsprechend gelebt, war also Teil dieser Kultur, kann mich jedoch damit nicht (mehr) identifizieren. Wenn ich nicht heterosexuell bin, zu welcher Gruppe fühle ich mich dann zugehörig? Wenn ich nicht dem sogenannten fundamentalen bibeltreuen Glauben anhänge, zu welcher Glaubensgemeinschaft gehöre ich dann? Wo passe ich hin?
In meiner Glaubensidentität geht es um soziale Kontakte im Hinblick auf ein großes Ganzes. Ich bin ein Kind Gottes, gehöre zu seiner Familie, bin Teil des großen Ganzen. Das ist meine Heimat. Und nun wird meine Zugehörigkeit von außen in Frage gestellt. Es gibt Glaubensgemeinschaften, die sprechen mir generell meine Zugehörigkeit zur Familie Gottes ab, weil das Ausleben meiner sexuellen Identität nicht ihren Werten, ihrem Wissen und ihren „unumstößlichen“ biblischen Wahrheiten entspricht. Sie schließen mich aus. Damit bin ich nicht mehr Teil der Gruppe von Glaubenden, zu der ich gehört habe, solange ich einen heterosexuellen Lebensstil gelebt habe. Selbst, wenn es noch einige gemeinsam Werte gibt, gelte ich als unpassend und fühle mich fremd.
In einer queeren Community, in der ich meinen Glaubensstil zeige, werde ich ebenfalls als fremd empfunden, denn auch hier decken sich die Werte oder das Verhalten nicht vollständig. Hier begegnet mir das Vorurteil: „Die Kirche an sich kann nichts Gutes sein, da sie so viele queere Menschen ausgrenzt!“, mein Verhalten wird abgelehnt oder zumindest hinterfragt: „Wie kannst du noch in einen Gottesdienst gehen?“. Auch in dieser Community mag ich nur vorübergehend bleiben.
Unabhängig davon, ob ich aktiv ausgeschlossen werde oder selbst die Entscheidung getroffen habe, diese Kultur zu verlassen, gehe ich ins Exil. Ich gehe also in eine andere Kultur, in der ich nicht aufgewachsen und sozialisiert bin und nehme dennoch einen Teil meiner Kultur mit. Vielen ist das bekannt als Migration – Menschen verlassen ihre Heimat oder werden gezwungen, diese zu verlassen, und suchen woanders nach besseren Lebensbedingungen. Letztlich geht niemand
freiwillig, denn wenn die Lebensbedingungen gut sind, geht kein Mensch.
Es gibt andere Kirchen und Gemeinden, die anders sind als mein bisheriges Gemeindezuhause. Und es gibt unterschiedliche queere Communities. Wo finde ich wohltuend Bekanntes? Wo kann ich das, was mich aus meiner alten Heimat vertrieben hat, verarbeiten? Wo finde ich Glaubensüberzeugungen und Werte, die anders gelebt werden? Wo werde ich gesehen und anerkannt? Das bisher fraglos Gegebene muss ich neu ordnen. Das bringt Unsicherheit, Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen mit sich. Vieles ist und wird mir fremd, z. B. ein Lobpreis, der sich überwiegend auf Sündenvergebung bezieht oder queere Menschen, die Gott kategorisch ablehnen. Ich suche und finde, lasse mich auf Fremdes ein und lerne es kennen. Ich bewahre das, was mir Halt gibt. Ich erlebe, dass auch meine Art zu glauben und zu lieben auf andere fremd wirken und dennoch eine Bereicherung sein kann. Ich exploriere, ertaste, probiere aus, verwerfe, lerne andere Menschen kennen, lehne ab, lasse mich ein, mal auf die eine, mal auf die andere Community und Glaubensart. Das kostet Kraft, bringt mich jedoch auch „an neue Ufer“, in eine Glaubens- und Lebenswelt, die bekannt und fremd zugleich ist, vielfältiger und in der ich sein kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gott mitgeht, vielmehr schon überall ist und dass dort auch andere Menschen sind, die Glaubensgemeinschaften bilden, die mich in meiner Art anerkennen. Ich bin nicht allein und nehme mich selbst überall hin mit.
Auf dem Weg entdecke ich mich und Gott
Ein Leben im Exil ist ein Leben außerhalb der Mehrheitsgemeinschaft. Auch wenn ich lange in einer heterosexuellen Ehe gelebt habe, bin ich nicht heterosexuell. Ich gehöre nicht der Mehrheitsgemeinschaft von Heterosexuellen an. Ich passe auch teilweise nicht mehr in eine monosexuelle Kultur. Viele denken, „Sie lebt mit einer Frau, also ist sie homosexuell!“. Andere denken, „Sie lebte mit einem Mann und nun mit einer Frau, also ist sie bisexuell!“. Ich denke, „Ich kann Menschen lieben – womöglich passt das Label pansexuell noch besser?“. Und ich spüre, dass ich mich in all den Kategorien und Zuordnungen nicht ganz wohlfühle, so wie ich mich in anderen Kategorien, die z. B. meinen Beruf betreffen, auch nicht 100%ig wiederfinde. Muss ich auch nicht. Diese Ambivalenzen kann ich gut aushalten. Wenn es Menschen hilft, mit mir in Kontakt zu kommen, sind Kategorien gut. Genauso wie es Menschen hilft, mit Gott in Kontakt zu kommen, wenn sie menschliche Kategorien für Gott verwenden. Es muss nicht alles durchdefiniert sein. Es ist gut, wenn mich jemand bei meinem Namen nennt und mich sieht oder eben das, was durch diese Person von mir gesehen wird. Meine Vorstellung von mir selbst hat sich im Laufe meines Lebens verändert. Ich erzähle mich heute anders. Einiges, wie z. B. mein Name, ist bei mir beständig, anderes ist in Bewegung.
Für mich war und ist es gut, dass mein Bild von mir sich wandeln durfte und Anteile zum Vorschein kamen und wahrscheinlich noch kommen werden, die mir vorher nicht bewusst waren. Ich bin mir heute unsicherer, ich bin offener, ich bin gnädiger und liebevoller – auch mit mir selbst. Alle Anteile waren und sind schon immer da, werden mir nach und nach bewusst.
Genauso ist es mit meinem Gottesbild: Ich entdecke neue Facetten, Anteile – Gott ist und war und bleibt immer gleich – doch meine Sicht auf Gott, das, was ich erkennen kann, ändert sich. Meine Gottesvorstellung hat sich gewandelt vom patriarchal, eurozentrisch gedachten weißen Vater und Sohn und einem geheimnisvollen Geist eines westlichen Christentums hin zu ganz anders als anders. Ich entwickele eine Kultur der Vielfalt und Offenheit. Mir fällt auf, wie vielfältig Gott ist, in welcher Offenheit Menschen ihn wahrnehmen können. Und dann fällt mir auf, wie vielfältig und verschieden wir Menschen sind. Wir sind Gottes Ebenbild, also sind wir Vielfalt. Sobald ich Gott in eine menschliche Kategorie fasse, ist es nicht Gott, sondern ein Versuch, Gott in unserer Welt erlebbar zu machen. Auch das brauchen wir. Gott ist jedoch mehr als personal, mehr als menschliche Kategorien, Beschreibungen, Bilder. Gott hat kein Geschlecht. Gott selbst übersteigt die Welt und sehnt sich zugleich nach allen Menschen – wenn es also bei Gott auch eine Attraktion gibt, dann gilt sie allen Menschen, unabhängig von Geschlecht, Orientierung und vielen anderen Kategorien.
„Gott ist Vielfalt und kann mir so zur Heimat werden“ — Mirjam
Und dennoch spielen Geschlecht und sexuelle Identität als Teil der Kultur unserer Gesellschaft eine bedeutende Rolle. Das ist allen bewusst. Ich kann nicht einfach so tun, als wären sie nicht wichtig, gerade weil ich einer Minderheit angehöre. Ich lebe außerhalb der Norm, bin marginalisiert. Wer sich mit Jesus beschäftigt, wird feststellen, dass ihm marginalisierte Menschen wichtig sind. Jesus stellt gesellschaftliche Normen auf den Kopf. Einmal auf der Gottesbildseite, denn Jesus war und ist Gott und Mensch zugleich – unvorstellbar. Und auf der Menschenseite macht Jesus ebenfalls darauf aufmerksam: Ein „barmherziger Samariter“ war zu Jesu Zeiten genauso unvorstellbar wie teilweise heute ein*e „queere*r Christ*in“.
Ich bin im Werden. Noch nicht in meiner Heimat. Manchmal empfinde ich Einsamkeit, spüre mein Exildasein. Ich befinde mich in einem Zwischenraum. Gott ist Vielfalt und kann mir so zur Heimat werden. Jesus ist mein Vorbild und weist mir den Weg.


