BI+ UND GLAUBE – Vorwort

Text von Dr. Carol A. Joyner (Shepherd), August 2024

Bisexualität und Christentum sind ein ungleiches Gespann. Ersteres wird (fälschlicherweise) mit Promiskuität gleichgesetzt, Letzteres (manchmal ebenso fälschlich) mit Keuschheit.

Ich hatte dieses Jahr das Privileg, auf dem Edinburgh Fringe, dem weltweit größten Kunstfestival, aufzutreten. Mein Programm hieß Binocchio, the Bisexual Liar (Binocchio, der bisexuelle Lügner), inspiriert von der oft an bisexuelle Menschen gerichteten Anschuldigung. Es gibt den weit verbreiteten Irrtum, Bisexuelle seien heimlich homosexuell, woraus im Englischen der Slogan Bi Now Gay Later (Jetzt bi, später homosexuell/ schwul) entstanden ist – eine humoristische Anspielung auf den Werbespruch Buy Now Pay Later (Kaufe jetzt, bezahle später). Entsprechend diesem Vorurteil sollen bisexuelle Personen Feiglinge sein, die von ihren heterosexuellen Privilegien profitieren, während sie sich nebenbei an verbotenen gleichgeschlechtlichen Aktivitäten versuchen.

Obwohl „Sextourismus“ in der westlichen Welt nicht länger ein Tabu ist, sind es plurisexuelle 1 Identitäten und Orientierungen in der christlich en Kirche sehr wohl. Ich habe dieses Thema für meine 2018 erschienene Monographie „Bisexuality in the Western Christian Church: The damage of silence“ untersucht. Meine Forschung im Vereinigten Königreich und in den USA hat nicht nur ein schockierendes Ausmaß an psychischer Belastung ergeben (knapp unter 90% der bisexuellen Christ*innen gaben an, eine schlechte geistige Gesundheit zu haben – von generalisierten Angststörungen bis hin zu Suizidgedanken), sondern ebenso erschreckendes Unwissen über Bisexualität auf Seiten der Kirchenvertreter*innen. Diese Ergebnisse konnten für meine 2020 erschienene Publikation „Bi the Way: Pastoring bisexual Christians in Europe“ bestätigt werden, für die ich eine europaweite Untersuchung über die Erfahrungen von gläubigen bisexuellen Menschen in der Kirche durchführte.

Ich habe solche Ignoranz auch bei von mir geleiteten bisexuellen Workshops im Vereinigten Königreich und Deutschland erlebt. Dort waren die Annahmen, bisexuelle Personen würden promiskuitiv leben, seien ihren Partner*innen gegenüber illoyal und damit auch illoyal gegenüber Gott. (Meine persönlichen Fakten: Ich bin 53 Jahre alt. Ich identifiziere mich als bisexuell und christlich und habe in meinem Leben nur mit einer Handvoll Leuten geschlafen – und nicht mit allen gleichzeitig!). Unabhängig davon kommen einvernehmliche Nicht-Monogamie oder außereheliche Affären keinesfalls nur bei bisexu ellen Menschen vor.

Während ich überzeugt bin, dass es Menschen gibt, die mit beiden Beinen fest an einem der äußeren Ränder der Kinsey-Skala stehen, beweisen uns die Geschichte und sexologische Studien, dass es ebenso Menschen gibt – und schon immer gegeben hat – deren sexuelle Vorlieben irgendwo entlang des Spektrums liegen, oder deren Orientierung über ihre gesamte Lebensdauer fließend ist. Trotz großer Anstrengungen der evangelikalen Rechten sowie der römisch-katholischen und orthodoxen Kirchen, queere Menschen zum Schweigen zu bringen, zeigen aktuelle Ergebnisse des Global Sex Survey (Globale Sex-Umfrage, finanziert von Durex anlässlich ihres 95-jährigen Jubiläums), dass 44 % der 18 bis 24-Jährigen sich nicht als „komplett heterosexuell“ bezeichnen. Ein großer Anteil davon würde sich wahrscheinlich als bi- oder plurisexuell bezeichnen, denn Bisexualität ist immer noch die dominierende Orientierung innerhalb der LGBT 2-Bevölkerung (mehr als 50 % von LGBTPersonen ordnen sich selbst als bisexuell ein, doppelt so viele Menschen wie diejenigen, die sich als lesbisch oder schwul bezeichnen – diverse Quellen). Diese Statistiken sollten als Weckruf für alle dienen, die Bisexualität ignorieren und sich weigern, sich darüber zu informieren.

„Gott erschuf und wertschätzt jede*n bisexuelle*n Christen*in“ — CAROL

Viel dringender ist hier jedoch das Thema, wie christliche Glaubensgemeinschaften mit gläubigen bisexuellen Menschen umgehen. Enorme Anstrengungen zu unternehmen, um junge Menschen für Kirchen und Jugendgruppen zu gewinnen, ist vergeblich, ohne die Anerkennung und ohne das eigenständige Bemühen um Verständnis der gesamten Vielfalt der (sexuellen) Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die diese jung en Menschen als tatsächlich existierend erleben.

Meine Erfahrung sowohl als Akademikerin als auch als Laienpredigerin ist, dass Schweigen und Ignoranz der Grund sind, weshalb Menschen sich von der Kirche abwenden – viel mehr als barsche Worte von der Kanzel. Die Folgen von Sünden durch Unterlassung sind genauso gravierend wie die von Sünden durch Begehen (im Englischen: Sins of Omission versus Sins of Commission). Manchmal sind sie sogar noch schwerwiegender, weil sie die Lebensrealität einer Person leugnen.

Informieren Sie sich also mit offener Seele und offenem Herzen in dieser maßgeschneiderten Broschüre zum Thema Bisexualität im Glaubenskontext. Gott macht keine Fehler; er/sie erschuf und wertschätzt jede*n bisexuelle*n Christen*in ebenso wie monosexuelle Gläubige.