Christ, bisexuell, verheiratet, geoutet, authentisch, willkommen

Text von José

Ich bin in einer evangelikalen Familie aufgewachsen und habe schon als Kind gemerkt, dass nicht nur weibliche Körper interessant sind, sondern auch männliche. Und ich wusste, dass ich das verstecken musste.

Als Jugendlicher wurde mir klar: Ich bin bisexuell. Ich erlebte das als Trennung von Gott, als inneren Kampf mit Körper und Gefühlen, als versteckten Konflikt mit Gemeinde und Familie.

Mit 18 habe ich eine tolle Frau kennengelernt, mit der ich über alles reden konnte. Auch darüber, dass ich eigentlich bisexuell bin. Sie wurde eine Freundin, dann meine Freundin, dann meine Frau. Sie ist mein Lieblingsmensch auf der Welt.

Wir haben viel zusammen erlebt: Arbeit, Umzüge, Kinder, Gemeinden, Stress… Irgendwie musste die Ehe funktionieren, auch wenn wir wenig Zeit und Energie dafür hatten. Diese Herausforderungen führten uns nach sieben Jahren Ehe fast zur Trennung.

Aber dann haben wir unserer Ehe Priorität gegeben. Wir haben uns mit unserer Beziehung auseinandergesetzt. Auch mit dem, was wir in den Freikirchen über Sexualität gelernt hatten. Einige alte und neue evangelikale Bestseller über Sex und Beziehungen sind zutiefst verletzend, sexistisch und unehrlich. Beispiele dafür sind Bücher wie Wie schön ist es mit dir von Tim und Beverly LaHaye (auf Englisch The Act of Marriage) oder Liebe & Respekt von Emerson Eggerichs. Anderseits haben
einige Bücher wie Pure uns geholfen, unsere Traumata zu erkennen (siehe Literaturhinweise am Ende des Textes).Wir haben festgestellt: Freikirchen haben keine Autorität über Sex.

Aber was erzählen wir dann unseren Kindern über Sexualität? Über Queerness, Solo-Sex, Ehe, Pornografie, Orgasmen, Prostitution, Zärtlichkeit? Das Buch Just Love und das Hohelied aus der Bibel haben uns geholfen, unseren Kompass zu finden: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, auch im Bereich der Sexualität. So einfach, so befreiend, so beschützend, so liebevoll.

Später haben mir das Buch Queersensible Seelsorge und der Podcast Karte und Gebiet geholfen zu erkennen: Gott hat mich queer gemacht, daran ist nichts falsch.

Ich wollte meine Wunden heilen und mit meinen queeren Gaben anderen helfen. Mit anderen Worten: Selbstliebe und Nächstenliebe praktizieren. Nicht mehr mitschuldig sein an der Ablehnung von queeren Menschen durch (Frei-)Kirchen.

Ich wollte bisexuelles Salz sein.

Irgendwann wollte ich mich outen. Durch meine sichere Arbeit in der Wissenschaft und die Unterstützung meiner Frau hatte ich das Privileg, vor meinem Coming-Out keine ernsthaften emotionalen oder wirtschaftlichen Existenzsorgen zu haben. Aber wann, wie, vor wem sollte ich mich outen?

Und dann hat Gott mir ein Zeichen gegeben: Im Jahr 2023 führten die Freien evangelischen Gemeinden (FeGs) einen Prozess zu Homosexualität durch, ohne die Beteiligung von Homosexuellen oder queeren Personen. Inakzeptabel. Deswegen habe ich mich bei der Gemeindeleitung der lokalen Gemeinde geoutet, die wir seit Jahren besuchen. „Leute, hier gibt es queere Menschen, die mitreden wollen“. Nach einigen Gesprächen wurde mir mitgeteilt, dass der Prozess zu Homosexualität ohne die Beteiligung queerer Menschen abgeschlossen werden soll und dass ich bei Veranstaltungen zum Thema nicht willkommen sei.

Das war überraschend und überraschend verletzend.

Seit meinem Coming-out haben viele Evangelikale eine Zeit lang nicht mehr mit mir gesprochen, manche sprechen gar nicht mehr mit mir. Ich bin Teil der Realität geworden, die sie bewusst ignorieren.

Als Mann, der mit einer Frau verheiratet ist, ist mein Coming-Out als bisexuell immer noch außergewöhnlich, nicht nur unter Christ*innen. Für viele wäre mein Coming-Out nur verständlich, wenn ich eine offene Ehe führen wollte, um Sex mit Männern zu haben. Aber darum geht es nicht.

Bei meinem Coming-Out geht es um Selbst- und Nächstenliebe:
1. Selbstliebe, weil ich mein Queersein nicht mehr verstecken will. Ich fühle mich freier, selbstbewusster, authentischer und glaubwürdiger
2. Nächstenliebe, damit andere Queers sich ein bisschen weniger allein fühlen. Um Queerness und Bisexualität zu normalisieren und sichtbarer zu machen.

Seit meinem Coming-Out engagiere ich mich gerne in queeren Kreisen. Wenn ich sage: „Ich bin queer, ich bin Christ und das ist gut so“, erlebe ich in Freikirchen deutlich mehr Ablehnung als in queeren Kreisen.

Unsere Ehe ist stärker geworden, jetzt als mixed-orientation Ehe, d.h. eine Ehe, in der die Personen unterschiedliche sexuelle Orientierungen haben (in unserem Fall heterosexuell und bisexuell). Vor vielen Jahren hatten wir unserer Ehe Priorität gegeben. Jetzt sprechen wir offener: Gibt es Praktiken, die nicht typisch-heterosexuell sind, die wir gemeinsam ausprobieren wollen? Welche? Wie können wir darüber sprechen und Entscheidungen treffen? Und dann müssen wir weitere Tabus brechen: Als Gesellschaft sprechen wir (auch bi Männer, auch Christ*innen) lockerer über offene Ehen als über die Freuden, die Gott uns mit der Prostata geschenkt hat.

In Kirchen müssen wir davon ausgehen, dass es viele nicht geoutete Bisexuelle gibt. Viele können das für sich nicht akzeptieren. Viele Bisexuelle haben es ihrer Partner*in nicht gesagt und wissen nicht, wie sie es ihr/ihm sagen sollten. Manche sind in verantwortungsvollen Positionen und haben Sorgen vor negativen Reaktionen in Gemeinden und Familien. Für sie wäre es einfacher, wenn sich mehr Menschen outen würden. Wenn wir es uns emotional und beruflich leisten können, warum dann nicht?

„Ich wollte bisexuelles Salz sein“ — José

Doch viele haben dieses Privileg nicht. Es ist legitim, sich nicht zu outen. Selbstliebe gehört zu unserem Auftrag als Christ*innen. Mein Coming-Out hat vieles in meinem sozialen Umfeld durcheinandergebracht. Es war und ist emotional anstrengend.

Aber Gott hat uns neue Freunde geschenkt und die Türen der evangelischen Landeskirche für unsere Familie geöffnet. Als ich mich bei der Pastorin der Landeskirche im Dorf outete, sagte sie zu mir: „Wenn du in der Kirche von anderen diskriminiert
wirst, komm zu mir, dann kläre ich das mit dieser Person“. Diesen Schutz durch eine Hirtin (aus lat.: Pastor) sollte jeder queere Mensch mindestens einmal im Leben erfahren. Ich bin willkommen, ich bin geschützt. Ohne Aber.

Wir Queers brauchen dringend Schutzräume, Orte der Entspannung. Und es gibt nicht überall Zwischenraum-Gruppen, zum Beispiel nicht, wo ich wohne. Eine Gemeinde darf für uns kein ständiger und endloser Konflikt sein. Wir müssen regelmäßig hören, dass Gott uns queere Menschen liebt. Dass wir queere Menschen in Kirchen willkommen und geschützt sind. Ohne Aber.