Erst war ich „normal“, dann war ich lesbisch. Und jetzt bin ich bi?

Text von Petra

Es ist eng in Schubladen. Definitiv. Und es braucht starke Muskeln und Klimmzüge, um über die Schubladenkante und den Tellerrand schauen zu können.

Wenn die Grenzen des Denkbaren eng gezogen werden, ist alles Fremde eine Bedrohung. Und auch wenn wir immer wieder von einem liebenden Gott sprechen, der Gutes mit seinen Menschen vorhat, ist die Bibel und gerade das Alte Testament voll von Berichten von Menschen, die enge Vorstellungen über die Möglichkeiten ihres Lebens haben. Ja, klar, ich bin Soziologin, ich weiß, dass das den Strukturen der „alten“ Gesellschaftsformen geschuldet ist … aber was wäre, wenn alles ganz anders wäre?

„Ich habe Sehnsucht nach Freiheit“ — Petra

Das ist einer der Gründe, warum ich so gerne Science-Fiction lese und mir wünsche, ich hätte die gedankliche Freiheit, auch solche Geschichten erfinden zu können. Dort, in diesen Erzählungen, kann alles anders sein. Personen leben mit wechselnden Geschlechtsidentitäten, delegieren die Erziehung von Kindern selbstverständlich an professionalisierte andere Wesen und unendlich vieles mehr.

Kennst du die Wayfarer-Romane von Becky Chambers? Dort wird in keiner Weise die ideale Gesellschaft beschrieben. Sie sind dennoch sehr spannend, weil die Autorin so viel Phantasie besitzt und über eine große gedankliche Freiheit verfügt. Wenn wir uns diese Vielfalt nur auch erlauben würden.

Ich habe Sehnsucht nach Freiheit, Sehnsucht danach, lieben zu können, wen und wie ich möchte, ohne dafür von der Gesellschaft, von den Menschen um mich herum verurteilt zu werden.

Ich lebte fast 25 Jahre in einer heteronormativen Beziehung. Die Gemeinde, zu der wir gehörten und in die wir uns sehr eingebracht haben, ist – harmlos formuliert – fromm, ehrlicher formuliert, fundamental. Der Vorwurf der Sekte stand immer wieder im Raum.

Dann starb mein Mann „plötzlich und unerwartet“ bei einem Unfall. Was das für mich und unsere fast erwachsenen Kinder bedeutete, und heute noch bedeutet, ist eine andere Geschichte.

Was hier erzählt werden soll, ist, dass ich mich danach in eine Frau verliebte.

War ich mein Leben lang schon lesbisch und habe ich das nicht sehen können oder wollen, weil mein Leben in der frommen Gemeinde dann zerbrochen wäre? Weil die Enge, in der ich mich eingerichtet hatte, mich blind für das Offensichtliche machte? So muss es wohl gewesen sein. Man hört ja so viele Geschichten von queeren Menschen, die sich in der Gemeinde anpassen, um sich in die Gemeinschaft einzupassen. Zugehörigkeit ist ein hohes Gut.

Aber stimmte das wirklich? Mein Mann war eine Liebe meines Lebens und die Beziehung zu ihm kein Fehler. Wir haben uns geliebt. Und nun liebe ich eine Frau. Und sie liebt mich. Und wir leben das.

Als Konsequenz führte das zu dem Verlust der Gemeindezugehörigkeit und es zog auch den Verlust unserer Jobs im frommen Umfeld nach sich.

„Wenn ich zurück auf mein Leben schaue, ist meine Freiheit gewachsen. Ich kann lieben, wen ich will und ohne eine Hälfte der Menschheit automatisch davon auszuschließen“— Petra

Über Bisexualität wusste ich nicht genauer Bescheid. Das wirkte auch so unentschieden auf mich. Es ist doch immer besser, wenn man „richtig“ in einer Gruppe dazugehört. Man gehört doch zu Gottes Volk oder nicht? Zu seinen Auserwählten
oder nicht. Man wählt den schmalen oder den breiten Weg. Dazwischen gibt es nichts. Oder?

Das Thema triggerte mich. Ich lernte zu unterscheiden zwischen sexueller Orientierung und sexueller Attraktion. Und näherte mich langsam der Komplexität des Menschen in diesem Themenfeld an. Statt schwarz und weiß konnte ich immer mehr die mindestens „50 shades of grey“ sehen. Und es wurden immer mehr Farbabstufungen. Da war ein ganzer Regenbogen! Eines meiner Kinder outete sich als nonbinär und pansexuell.

Und Gott? Als ich Kind war, hatten meine Großeltern die Hefte der Zeugen Jehovas zuhause und ich mochte die farbenfrohen Illustrationen und die großartigen Heldengeschichten darin. Ich mochte allerdings auch die Prinz Eisenherz- und Lucky Luke-Comics meines großen Bruders. Und meine Märchensammlung der Brüder Grimm. Das alles war einerseits gute Unterhaltung und gab zugleich Botschaften für mein Leben, was gut und richtig ist. Dann mit Anfang Zwanzig hatte ich das Gefühl, dass Gott, Jesus oder etwas aus einer anderen Dimension in mein Leben spricht und mich hinterfragt. Bis hierher war ich manchen Fragen ausgewichen und hatte mich bewusst davor gedrückt, in manchen Dingen Position zu beziehen. Diesen Freiraum füllte meine Gemeinde schnell und zuverlässig aus. Da wusste ich dann genau, was gut, richtig und gottgefällig ist. Und wie wir alle zu leben haben, um errettet zu werden.

Die Situation nach dem Verlust der Gemeinde überforderte mich. Wie sollte ich ohne einen „Erklär-Bär“ für die Bibel Orientierung für mein Leben erhalten? Immer häufiger empfand ich Bibellesen als eine Beschäftigung mit Geschichten
von alten, mehr oder weniger weißen Männern.

Wenn ich darüber nachdenke, war es ein bisschen so, als wenn ich mein Navigationsgerät verloren hatte. Ich hatte mich so lange an die Anweisungen „links“, „rechts“, „biege hier ab“ gehalten, dass ich schon lange nicht mehr selbst aus dem Fenster und auf den Weg geschaut hatte. Wie sollte ich mich zurechtfinden? So suchte ich nach einer anderen Gemeinde, in der wir als gleichgeschlechtliches Paar willkommen waren.

Unsere neue Gemeinde hatte viele Fragen und viel weniger Antworten und wenn, dann waren sie nicht unanfechtbar. Plötzlich gab es Raum zum Selberdenken. Zum Hinhören und Hinspüren. Das fühlte sich an, als wenn frische Luft durchs Zimmer weht, als wenn nach langer Zeit endlich gelüftet wird. Selbst wenn man vielleicht vorher gar nicht unbedingt gemerkt hat, wie stickig es ist: Die Erleichterung ist dann umso größer.

Gott war kein alter weißer Mann mehr. Vielleicht eine Energie? Vielleicht die Liebe? Es ist fragwürdig, ob unser Pastor diese Gedanken in uns auslösen wollte. Es war plötzlich Freiheit im Denken möglich.

Und Jesus? Gottessohn und diese ganzen Wunder? Vielleicht war er ein Radikaler, der es zur Unsterblichkeit brachte? Auf manche Fragen gibt es keine gewissen Antworten. Die braucht es auch gar nicht. Ich stelle fest: Es lebt sich auch so gut. Denn mein Navi ist tatsächlich in mir eingebaut. Ich brauche kein zusätzliches externes Device.

Hier und heute liebe ich eine Frau. Ich lebe sehr gerne und monogam mit ihr. Vielleicht ist das eines Tages nicht mehr möglich. Wen ich dann lieben kann, weiß ich nicht. Ich lege mich auf die Gattung „Mensch“ fest. Und deshalb könnte „bisexuell“ dann auch schon ein bisschen zu kurz gegriffen sein.

Wenn ich zurück auf mein Leben schaue, ist meine Freiheit gewachsen. Ich kann lieben, wen ich will und ohne eine Hälfte der Menschheit automatisch davon auszuschließen. Ich kann beruhigt an eine höhere Macht glauben, die alles irgendwie zusammenhält und die völlig unabhängig davon ist, ob und wie ich sie anbete.

Und durch all das versinkt mein Leben nicht im Chaos, sondern ist reich und wunderbar. Amen.