Es ist nicht so einfach – Ich bin: Bi, nonbinär, an Gott glaubend

Anonymer Text

Ich bin eine non-binäre, bisexuelle Person Mitte-Ende zwanzig. Ich bin Christ. Alle diese drei Labels fühlen sich oft wie etwas an, für das man sich outen muss, wenn man neue Leute trifft. In meinem Leben gibt es daher zwei Arten von Menschen: Die, die mich als „queer“ kennengelernt haben und die, die mich als „Christ“ kennengelernt haben.

Die, die „queer“ kennen, sind oft sehr überrascht, wenn ich mich als christlich oute. Die, die mich als „Christ“ kennen, sind häufig nicht wirklich überrascht.

In unserer Welt wissen viele Menschen nicht, was es bedeutet, bi zu sein. Selbst wenn sie Homosexualität gegenüber offen sind, wissen sie häufig nicht, oder denken nicht daran, dass noch irgendwas anderes existiert. Wenn du also eine Person des anderen Geschlechts datest, bist du hetero und wenn du eine desselben Geschlechts datest, bist du schwul oder lesbisch. Das führt dazu, dass Leute annehmen, dass man sich zwischen Hetero- und Homosexualität „entscheiden“ könne und als bisexuelle Person dann „Heterosexualität“ wählen könnte und so ein „normales“ Leben führen kann. Dabei geht es weder um das eine, noch um das andere, sondern um Bisexualität. Bisexuelle Menschen sind 100% der Zeit 100% bi, egal, mit wem sie zusammen sind. Ich bin nicht ein bisschen hetero und ein bisschen homo, ich bin bi.

Für mich bedeutet das, dass ich die Freiheit habe, nicht das Geschlecht von jemandem wissen zu müssen, um die Person attraktiv zu finden. Ich finde Menschen attraktiv. Dabei ist für mich meine Sexualität eine verschiebbare Skala. Manchmal finde ich „sich feminin präsentierende“ Menschen schön, manchmal „sich maskulin präsentierende“ Menschen. Die meiste Zeit irgendwas dazwischen. Die Sache ist: Es sind die Menschen, nicht das Geschlecht, die ich sexuell und emotional anziehend finde.

Wie kam es
Ich hatte nie die stereotype Phase der Verwirrung. Ich war weder verwirrt, als mir meine Bisexualität, noch als mir meine Enby-Identität klar geworden ist und auch nicht als ich angefangen habe, an Gott zu glauben. Ich habe mich nie gefragt,
ob ich das sein könnte. Ich bin das einfach.

Als ich vierzehn war, hatte ich eine Freundschaft mit einem Mädchen und rückblickend war ich definitiv in sie verliebt. Damals wusste ich allerdings nicht, dass das geht. Queere Menschen waren in meiner damaligen Lebenserfahrung nicht enthalten. Niemand hatte mir je erzählt, dass es sie gibt. Ich war auf einer katholischen Privatschule. Ich kannte niemanden, der sich nicht cishetero benahm. Diese Freundin und ich haben eines Tages zusammen einen Song von Katy Perry gehört: „I kissed a girl and I liked it. I hope my boyfriend don’t mind it.” Und ich habe mich zu der Freundin umgedreht, die Augen weit aufgerissen und die gefragt: „Moment, das geht?“ Woraufhin sie mich sehr lange und sehr verdient auslachte und mir dann das Konzept „Bisexualität“ erklärt hat. Alles, was ich dachte, war: „Ohhhhh, das macht Sinn.“

„Wie mein Gender und meine Sexualität, war es für mich keine Entscheidung zu glauben, dass Gott real ist“

Vorurteile
Es gibt das Vorurteil, dass bisexuelle Menschen häufiger fremdgehen, weil sie in jeder Beziehung etwas vermissen, oder dass wir einfach auf alle Menschen stehen. Das stimmt nicht.

Ich kann mir natürlich nicht sicher sein, aber von dem, was ich von befreundeten Personen mitbekomme, finde ich nicht mehr Menschen attraktiv als hetero- oder homosexuelle Menschen. Überlegt mal: Wenn ihr auf ein bestimmtes Geschlecht steht, findet ihr dann alle Menschen dieses Geschlechts attraktiv? Und wenn du mit jemandem zusammen bist, gehst du dann automatisch fremd, wenn du jemanden anderen attraktiv findest?

Auswirkungen auf Beziehungen
Oft fühle ich mich sehr hingezogen zu anderen Bi-Personen oder Enbys. Ich spreche hier nicht nur von einer romantischen Ebene, sondern vor allem von einer rein sozial-platonischen Ebene. Ich glaube, das liegt daran, dass ich hier mit höherer Wahrscheinlichkeit Menschen finde, mit denen ich mich verbunden fühle. Weil andere Bis und/oder Enbys diejenigen sind, die verstehen, wie ich die Welt erlebe. Sie urteilen nicht über mich und sie betrachten mich nicht mit Misstrauen.

Weil es viel Misstrauen und Unverständnis gibt. Sowohl von der „Cis-hetero“-Seite als auch von der queeren Community. Dieses Misstrauen ist nicht immer offen oder sichtbar. Es kann z.B. die Mutter eines Freundes sein, die wegen meiner Sexualität froh war, dass ich ihn nicht gedatet habe. Oder es sind die dauernden Gerüchte „Moment, ich dachte er/sie wäre hetero-/homosexuell“, die jedes Mal auftauchen, sobald ich an irgendwem Interesse zeige. Oder es ist das „Naja, ich hab ja noch nie gesehen, dass du dich homo verhältst, also glaube ich dir einfach nicht.“, während ich mich in einer heterosexuell gelesenen Beziehung befand. Oder, dass ich mich zu queeren Debatten nicht äußern durfte, solange ich mich nicht gerechtfertigt und bewiesen hatte. Ich halte Menschen auf Abstand, damit sie mich nicht verletzen können.

Auswirkungen auf den Glauben
Ich bin nicht religiös aufgewachsen, obwohl ich auf eine katholische Schule ging. Und dann kam Gott. Also, Gott war vermutlich die ganze Zeit schon da, aber das war das erste Mal, dass ich ihn bemerkte. Und wie ich ihn bemerkte. Innerhalb weniger Sekunden vollzog sich in diesem Augenblick eine 180° Wende meiner religiösen Ansichten.

Wie mein Gender und meine Sexualität, war es für mich keine Entscheidung zu glauben, dass Gott real ist. Es war ein Fakt, der mir plötzlich und unmissverständlich klar wurde. Ein Fakt, den ich wahrscheinlich hätte vergraben und ignorieren können, aber ein Fakt, den ich seit diesem Moment nie wieder nicht wissen kann. Es war allerdings auch ein Fakt, von dem mir bewusst war, dass die Mehrheit der anderen anders über ihn denkt bzw. nichts damit anfangen kann.

Ich war zu diesem Zeitpunkt im Dunstkreis einer, wie ich heute weiß, sehr konservativen Freikirche, und lernte u.a. von ihnen:
1. Es gibt Männer und Frauen und Frauen dürfen in der Kirche nicht leiten.
2. Wir lieben Homosexuelle, aber sie müssen sich ändern.
3. Bisexuelle wollen sich nicht entscheiden oder wollen nicht zugeben, dass sie homosexuell sind.
4. So wie du bist, kommst du in die Hölle. Benimm dich cis-hetero.

Ich verstand das nicht. Diese Leute sagten mir auf der einen Seite, dass ich mit dem, wie ich bin, falsch war, während sie auf der anderen Seite sagten, dass Gott mich liebt und so geschaffen hat, wie ich bin. Für mich war das sehr verwirrend und verletzend. Menschen predigen über Nächstenliebe und machen mir mit ihrer Lehre Angst. Die falschen Lehren dieser Menschen haben mich so einsam gemacht. Sie haben mein Leben um ein Vielfaches erschwert.

Da ich zu diesem Zeitpunkt in einer heteropassing Beziehung war, rettete ich mich in die Verdrängung. Als ich wenig später umzog, wechselte ich in eine andere Gemeinde. Eine andere Freikirche, die etwas weniger konservativ war. Diese Gemeinde hatte einen hervorragenden Pastor, den ich bis heute sehr schätze.

„Ich träume davon, dass meine Sexualität im öffentlichen Raum irgendwann keine Rolle mehr spielt“

Hier lernte ich vor allem eins: Es ist nicht so einfach.
Es ist nicht so einfach, die Bibel zu verstehen. Es ist nicht so einfach, an Gott zu glauben. Es ist nicht so einfach, Leute zu beurteilen. Es ist nicht so einfach, du selbst zu sein. Es ist nicht so einfach, zu versuchen jemand anderes zu sein. Es ist
nicht so einfach, ein Leben zu leben.

Sowohl meine Geschlechtsidentität, als auch sexuelle Orientierung als auch mein Glauben sind für die Mehrheit nicht so einfach und diese Mehrheit macht es auch mir damit nicht so einfach.

Schwierigkeiten in Gemeinde: Ich habe immer noch Angst
Ich studierte Theologie. Hierfür zog ich erneut um, nicht nur, aber auch um einigen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, die mit meiner Sexualität zu tun hatten. An diesem Punkt wusste ich schon, dass ich eines Tages wahrscheinlich in der ein oder anderen Kirche in einer Position sein würde, die dazu führen würde, dass Leute auf mich schauen. Eine Position, die mich zur Zielscheibe machen würde. Es machte mir eine unendliche Angst. Als ich anfing diesen Weg zu gehen, kannte ich niemanden wie mich. Ich habe seitdem ein paar Bi-Christ*innen getroffen und homosexuelle Christ*innen. Ich weiß von anderen queeren Christ*innen, die als Hauptamtliche tätig sind.

Seit dem Anfang meines Studiums ist fast ein Jahrzehnt vergangen und ich bin jetzt in dieser Position in einer Freikirche. Ich bin komplett als bi geoutet. Ich bin teilweise als nicht-binär geoutet. Ich habe immer noch Angst.

Mich gegenüber einer größeren Gruppe meiner Gemeinde zum ersten Mal zu outen, war nervenaufreibend. Ich habe es nur getan, weil der Pastor und die Gemeindeleitung sich offen für queere Menschen ausgesprochen haben. Das hat es mir so viel einfacher gemacht. Dann herauszufinden, dass auch andere Menschen meiner Gemeinde queer sind, hat mir alles bedeutet.

Als ich dann einige Jahre später gebeten wurde, meine Gemeinde gelegentlich zu repräsentieren, war das ein unglaubliches Erlebnis. Es hat mir gezeigt, dass es nicht nur Gerede war, sondern das ich hier tatsächlich gleichberechtigt bin. Dennoch habe ich Schwierigkeiten mit meinen Glaubensgeschwistern.

Als es um meine Anstellung ging, wurde an manchen Stellen statt über meine Qualifikation, über meine Sexualität gesprochen wurde. Das war schwer, auch wenn es sich in Grenzen gehalten hat. Die Dinge haben sich verändert, seit ich mich vor einigen Jahren geoutet habe und daher musste ich bisher hier keine beabsichtigten Angriffe auf meine Identität erleben. Ich fühle mich hier in meiner Gemeinde sicher, jedoch nicht mit anderen Geschwistern.

Für mich ist es schwer, Menschen aus anderen Gemeinden zu treffen, weil ich nie weiß, wie sie ticken. Es gibt Menschen anderer Gemeinden, mit denen ich zusammenarbeite, die mit solchem Hass sprechen, ohne zu wissen, dass sie über mich sprechen. Vielleicht interessiert es sie auch nicht.

Mein Wunsch an die Mehrheit
Die dauerhafte Beurteilung, das Verlangen nach Beweisen, die Seitenblicke führen dazu, dass ich immer auf der Hut sein muss. Das ist so, so ermüdend. Also versuche ich sichtbar zu sein. Ich versuche mich Menschen verständlich zu machen, damit wir alle eines Tages einfach nicht mehr über das Thema reden müssen und einfach wir selbst sein können. Ohne Verurteilung. Ohne Misstrauen. Ohne Seitenblicke. Ich träume davon, dass meine Sexualität im öffentlichen Raum irgendwann keine Rolle mehr spielt.

Selbst wenn ihr als meine Geschwister*, der Meinung seid, dass Gender und Sexualität keine Rolle spielen sollte, so wie ich mir das wünsche, ist es noch ein Weg dahin. Denn aktuell schaut ihr auf dieses Thema aus der privilegierten Sicht von Nicht-Betroffenen. Das ist leicht, denn für euch spielt es ja keine Rolle. Doch ihr seid nicht diejenigen, die angefeindet werden, über die gesprochen wird. Ihr seid nicht diejenigen, die in der Minderheit und angreifbar sind, die Angst haben. Ihr seid nicht diejenigen, die sich immer fragen müssen, ob diese neue Person eventuell eure gesamte Existenz, euren Glauben in Frage stellen wird.

Stellt euch vor, dass jedes Verliebtsein getrübt wird von der Angst vor Diskriminierung. Stellt euch vor, dass ihr versucht eine Beziehung zu bauen und befürchten müsst, dass die Person, die ihr liebt, emotionalen, vielleicht sogar körperlichen, Schaden erleiden wird, weil sie mit euch zusammen ist. Stellt euch vor, dass eure Beziehung ständigen Blicken und Gerede und Rechtfertigung ausgesetzt ist. Stellt euch vor sie scheitert daran.

„Ich bin mehr als meine Labels“

Stellt euch vor, eure Berufung bedeutet auch ein Leben, in dem ihr damit rechnen müsst, immer wieder Diskriminierung ausgesetzt zu sein, weil es Menschen gibt, die euch aufgrund eures Geschlechtes oder eurer Sexualität nicht in dieser Position wie sie z.B. ein Pastor hat, sehen wollen. Stellt euch die Verantwortung vor, die ihr als Hauptamtliche*r für Menschen habt, die wie ihr sind und die, wenn sie durch die Türen eurer Gemeinde treten, mit derselben Angst zu kämpfen haben. Es ist eben noch nicht alles gut und deswegen müssen wir noch darüber reden. Das ist meine Realität.

Ich bin non-binär, bisexuell, Mitte-Ende 20. Ich habe Geschwister, Freunde, Bekannte. Es gibt Dinge, die ich gerne tue und die ich nicht mag. Ich habe Meinungen, Erfahrungen, Fehler, Gefühle. Ich erlebe Gutes und Schlechtes und alles dazwischen. Ich bin mehr als meine Labels. Ich bin außerdem Christ. Gotteskind. Mensch. Ich weiß, ich bin geliebt so wie ich bin. Ich sehne mich nach einem sicheren Ort.