Bisexualität hat vor allem mit der Offenheit dafür zu tun, sich emotional intensiv auf einen anderen Menschen einzulassen. Sich zu verlieben, zu schwärmen und ja dann auch sexuelle Anziehung zu empfinden, unabhängig davon, welchem Geschlecht das Gegenüber angehört.
Das kann in enge und intensive Freundschaften münden oder auch in sexuelle Beziehungen. Nicht anders als bei Hetero- oder Homosexuellen, nur mit ein bisschen mehr Möglichkeiten. Das macht es natürlich manchmal auch komplizierter.
Dazu kommt noch, dass die Anziehung zu Menschen der verschiedenen Geschlechter in ihrer Intensität schwanken kann, sowohl in Bezug auf Lebensphasen, als auch in kürzeren Intervallen. Und was heißt das jetzt konkret für Partnerschaften und Beziehungen?
„Inzwischen weiß ich, dass ich nicht allein bin.“ — Christian
In der öffentlichen Wahrnehmung bleiben Bisexuelle vor allem in gleich- und gemischtgeschlechtlichen Ehen und Lebenspartnerschaften unsichtbar. Ob solche Paare nun monogam, in offener Beziehung oder polyamor mit weiteren Menschen leben, bleibt meist privat, denn darüber reden wir Bisexuellen nicht gern – schon gar nicht im kirchlichen Kontext. Und es ist ja auch gerade für gemischtgeschlechtlich verheiratete bisexuelle Menschen mit Kindern tatsächlich sehr einfach, „undercover“ zu leben. Und doch bleibt der „andere Anteil“ immer Bestandteil unserer sexuellen Identität.
Inzwischen weiß ich, dass ich nicht allein bin, habe in Foren und im Zwischenraum Christ*innen mit ganz verschiedenen Lebens- und Partnerschaftsmodellen kennengelernt. Da gibt es junge Bisexuelle auf der Suche nach Orientierung bei der Frage „wer bin ich“, die Menschen verschiedener Geschlechter daten. Männer, die nach einer schwulen Phase jetzt mit einer heterosexuellen Frau verheiratet sind und mit Kindern monogam auf dem Land leben. Frauen, die nach einer klassischen Ehe mit einem Mann nun mit ihren Kindern mit einer lesbischen Frau zusammenleben. Ältere Ehepaare, die für einander die Lebensmenschen sind, keinen Sex mehr miteinander möchten, sich aber gegenseitig erlauben, dieses Bedürfnis außerhalb der Beziehung zu erfüllen.
Als bisexuelle*r Christ*in heißt Partnerschaft leben aus meiner Sicht vor allem, offen mit den eigenen Bedürfnissen umzugehen und mit Lebenspartner*innen zu klären, welche Konstellationen für alle Beteiligten gut lebbar sind. Das betrifft
auch – aber eben nicht nur – den Bereich Sexualität.
Insbesondere bei Konstellationen mit Kindern haben deren Bedürfnisse nach Stabilität und Sicherheit nach meiner Überzeugung Vorrang, wobei es hier um verbindliche und verlässliche Beziehungen jeder Art geht, nicht um die klassische „Vater-Mutter-Kind-Konstellation“.
Erster Schritt ist dabei für alle immer, zuerst die eigene Identität zu erkennen und zu akzeptieren – das ist schon schwierig genug. Im nächsten Schritt muss jede*r die eigenen Bedürfnisse erforschen
und – je nach Zeitpunkt des inneren Outings – mit dem/der Partner*in besprechen. Das ist nicht leicht und erfordert viel Mut, aber es lohnt sich!


