Dass man als Mensch in manchen Situationen ein bisschen ratlos ist – das kommt schon mal vor, oder? In meinem Leben gab es aber Phasen, da war ich nicht nur ein bisschen ratlos, sondern ziemlich ratlos.
Zum Beispiel fühlte ich mich an den Stellen in der Predigt, in denen es um Männer ging, die Männer lieben, unangenehm berührt. Einerseits empfand ich Mitleid, andererseits hoffte ich, nicht damit gemeint zu sein.
Es gibt Menschen, die mir sagten, die Bibel genau gelesen zu haben, und die waren der Meinung, Männer, die Männer lieben, seien ein Problem. In der Gemeinde, in der ich aufwuchs, war es auch ein Problem, wenn Jungs und Mädchen zu früh miteinander ausgingen. Da gab es immer freundliche Gespräche mit besorgt aussehenden Erwachsenen. Jungs mit Mädchen war aber grundsätzlich kein Problem, nur wenn man sich zu früh aufeinander einließ. Also gut. Ich hatte für mein junges Leben eine kleine Orientierung. Ich wusste, was passt und was nicht passt, und ich wusste, dass Jesus mich liebt, aber gleichzeitig musste man sich eben vor gleichgeschlechtlicher Liebe hüten. Ich bekam jedes Mal einen gehörigen Schrecken, wenn ich mich dabei ertappte, verträumt einem jungen Kerl hinterherzuschauen. Dann aber kam die ein oder andere Verliebtheit in ein Mädchen und ich konnte mir innerlich den Schweiß von der Stirn wischen. Puuh, gerade noch gut gegangen. Jesus kann mich weiterhin zu seinen treuen Nachfolgern zählen.
Naja. Aber die Verliebtheit Jungs gegenüber war ab und zu auch da. Für mich war das der Grund für viele Gebetsnächte und panische Geständnisse gegenüber manchmal mehr und manchmal weniger vertrauenswürdigen Menschen. Meine Familie sollte aber nichts davon mitbekommen. Das war eine Phase, in der ich oft ziemlich ratlos war.
Diese „ziemlich ratlos“- und die „Stirn-wischen“-Momente wechselten sich immer häufiger ab. Ich wollte es genau wissen und vertiefte mich in Fragestellungen zu Homosexualität und Glaube. Sensationell war ein Moment von meinen spätabendlichen Recherche-Runden im langsamen Internet der Nullerjahre: Endlich hatte ich ein Video gefunden, in dem eine homosexuell empfindende Person von einem christlichen Journalisten interviewt wurde. Ich klickte das Video an, es musste erst geladen werden und dann ging es los. Aber: Der Ton war viel zu laut. Erschrocken versuchte ich den Vorgang abzubrechen und was auch immer ich versucht hatte – es kam schlimmer: das Programm blieb hängen und wiederholte immer wieder ein einzelnes Wort in beeindruckender Lautstärke: HOMOSEXUELL. Bis ich endlich den Stecker gezogen hatte, war das Wort HOMOSEXUELL vier- bis fünfmal durchs Haus geschallt. Schweißgebadet und mit dem Netzstecker in der Hand saß ich aufrecht auf meinem Stuhl und horchte in die Stille. Hoffentlich hatte es niemand gehört.
Die Recherche-Runden führten mich weit. Christliche Quellen hatten zwar viel, aber eigentlich nicht wirklich viel Neues zu sagen. Der Raum für Gnade war wohl sehr eng. Deshalb suchte ich weiter. Ich kam zu keinem befriedigenden Ergebnis bei meiner Suche. Dabei hatte ich auch im Gebet um Unterstützung gebeten. Die Stelle von Paulus in zweiten Korintherbrief 12, in dem er über den Stachel im Fleisch spricht, von dem er nicht befreit wird, nahm ich als tröstende Stellvertreter-Erklärung für meinen Umstand.
Sehr verunsichernd fand ich die Berichte über Ex-Gay-Menschen. Denn so wie sie – da war ich mir sicher – wollte ich nicht „enden“.
In meiner Ausbildungszeit kam eine Phase mit mehr Freiheit und mit Kontakten zu Menschen außerhalb meiner gewohnten christlichen Freundeskreise. Einer meiner neuen Freunde hatte es mir besonders angetan. Nachdem ich mir sicher war, dass er von dem Thema Ahnung hatte, nahm ich meinen Mut zusammen und sagte ihm: Ich mag Jungs. Er fand es großartig und gemeinsam machten wir uns auf, lernten Menschen kennen, gingen auf Veranstaltungen und schauten uns um. Was mir manchmal aber ziemlich ratlose Momente bescherte, war, dass Regenbogen-Veranstaltungen und die Veranstaltungen meiner konservativen Gemeinde in Paralleluniversen stattfanden. Trotzdem besuchte ich in einer an Selbstgeißlung
grenzenden Treue die Veranstaltungen beider Universen. Wöchentlich ging es am selben Abend erst zum Hauskreis und dann zum Regenbogen-Stammtisch. Beide Welten waren Teil von mir. Oft kam es in mir zu hitzigen Auseinandersetzungen,
zu Tränen, weil es nie zu einer friedlichen Lösung kam, wenn die Reste meines Glaubens und meine neuen Erfahrungen sich an einen Tisch setzten. Es gab Überzeugungen in mir, dass so etwas eigentlich unvereinbar ist.
„Ich konnte den Konflikt nicht in mir selbst lösen“ — Rio
Ich konnte den Konflikt nicht in mir selbst lösen. Genauso wenig konnte das meine Herkunftsgemeinde (durch unterstützendes Gebet) oder meine kirchenfernen Freunde (mit klugen Argumentationen). Die Auflösung wurde mir geschenkt. War es auf dem Weg zu einer Party? Ich weiß es nicht mehr. Ich war unterwegs. Und unterwegs dachte ich nach. Wie so ein Lichtstrahl kam die Erkenntnis und der für mich gültige Zuspruch von Gott: Ich bin da. Ich bin bei dir, egal
wo du bist, egal wie es dir geht. Das war der Moment, an dem mein Kampf am Jabbok zu einem Ende kam und ich mich nicht mehr als kämpfenden Betrüger sehen musste, sondern als Gesegneten an Gottes Seite.
Seitdem ist nicht alles Ponyhof und Glitzerstaub. Mein weiterer Weg war steinig. Es ging auf und ab. Aber wenn ich jetzt auf mein Leben sehe, bin ich sehr zufrieden und sehe sowohl meine Bisexualität als auch meinen Glauben als Teile meiner Identität.


