Ich bin Laura, 30 Jahre alt, cis Frau und seit drei Jahren glücklich mit einem cis Mann verheiratet. Klingt so klassisch, oder? Tja, genau das ist die Herausforderung. Ich bin nicht heterosexuell.
Man sieht natürlich keinem Menschen an der Nasenspitze an, welche sexuelle Orientierung jemand hat. Ich werde aber immer in dieselbe Schublade gesteckt: „Die ist mit einem Mann verheiratet, also ist sie hetero.“ Dass das auf mich nicht zutrifft, weiß kaum jemand. Wenig überraschend fragt auch niemand nach. Das macht man ja auch nicht.
Ich bin Pastorin. Die Gemeindeglieder wissen es nicht. Ich oute mich nicht vor jedem Menschen, den ich kennenlerne. Ich trage ein „WWJD“-Armband in Regenbogenfarben am Handgelenk und gendere im Gottesdienst. Ich rede von Gott in anderen Worten als „HERR“ oder „Vater“. Aber das ist eigentlich alles, was ich zur Sichtbarkeit von Vielfalt beitrage. Ich bin keine Leuchtfigur, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht und die Message, dass es mehr gibt als cis-hetero, in die Welt hinausposaunt. Ich bin kein gutes Beispiel dafür, wie offen man Bisexualität leben könnte.
Ich frage mich oft, ob und wenn ja wie ich es in der Gemeinde fallen lassen sollte, dass ich bisexuell oder gar polyamor bin. Ich finde nämlich, dass es niemanden etwas angeht, wen ich liebe. Meine Idealvorstellung ist, dass es keine Rolle spielt und einfach normal ist. Aber ich weiß selbst, dass die Gesellschaft noch nicht so weit ist. Und natürlich habe ich auch Angst, angefeindet zu werden. Das ist mir zum Glück noch nie selbst passiert.
Aber ich habe ja auch noch nie offen gezeigt, wer ich wirklich bin. Das empfinde ich oft als belastend und ich bewundere Menschen, die ganz offen ihre sexuelle Orientierung zeigen und leben. Das habe ich bisher nicht geschafft.
Zudem ist bei mir die Situation auch noch so, dass ich Pastorin einer Landeskirche bin. Homosexualität ist dort seit Jahren auch in den Pfarrhäusern akzeptiert. Zumindest nehme ich es so wahr. Doch Bisexualität oder gar Polyamorie sind unsichtbar. Und ich möchte keine Symbolfigur einer Kirche werden, die sich vielfältiger nach außen zeigen möchte.
Meine engsten Freund:innen wissen, dass ich bisexuell bin. Mein Vater weiß es nicht.
Als ich mich mit 17 Jahren in eine Freundin verliebte, war das für mich überraschend, aber nichts, worüber ich mir viele Gedanken gemacht habe. Es ist einfach passiert. Ich hatte mich ja nicht bewusst dafür entschieden. Ich hatte seit zwei Jahren einen Freund. In diesen war ich auch verliebt. Wir waren zu dritt in einer Beziehung. Das war schön und kompliziert. Denn nach außen zeigten wir das nicht.
Was war ich nun also? Heute kenne ich die schönen Worte dafür: „bisexuell“ und „polyamor“. Damals kannte ich sie nicht. Ich habe sie aber auch nicht vermisst.
Als das vorbei war und ich mich in einen anderen Mann verliebt hatte, spielte es lange für mich keine Rolle mehr. Bis ich mich mit 27 Jahren zur gleichen Zeit in eine nicht-binäre Person verliebte. Das war wieder einmal ziemlich überraschend für mich, war ich doch glücklich verheiratet mit eben jenem Mann. Fehlte mir etwa irgendetwas? Nein, ich kann einfach mehr als einen Menschen romantisch lieben.
„So hat Gott mich gewollt und so bin ich Gottes Ebenbild“ — Laura
Ich glaube, dass Gott mich in Liebe geschaffen hat. Und wenn das der Fall ist, dann hat Gott mich so geschaffen, wie ich bin. Queer, bisexuell und polyamor. So hat Gott mich gewollt und so bin ich Gottes Ebenbild. Wo ich das offen zeigen kann – in meinem Freund:innenkreis – fühle ich mich sehr wohl. Wo ich glaube, dass ich mich verstecken muss, geht es mir nicht gut. Dann zweifle ich oft an mir selbst und daran, ob ich wirklich bin, was ich denke.
Ich habe in meinem Leben schon Männer geliebt und liebe auch jetzt einen. Ich bin dankbar, dass dieser mich so liebt, wie ich bin, mich unterstützt und wertschätzt. Ich war aber auch schon in eine Frau verliebt und in eine nicht-binäre Person.
Tja, und jetzt stelle ich mir wieder einmal die Frage, welche Bezeichnung für meine sexuelle Orientierung eigentlich die passende wäre: „bi+“ oder „pan“ oder etwas ganz anderes?
„Queer“ ist mir ein Lieblingswort geworden. Es ist für mich leichter zu sagen, dass ich queer bin. Denn in diesem schönen Sammelbegriff fühle ich mich gut aufgehoben.


