Das zu sagen ist, als würde man sagen, dass die Luxemburger*innen 50% Franzosen und 50% Deutsche sind. Nein, Luxemburger*innen sind nicht 50% Deutsche, 50% Franzosen, sie sind 100% Luxemburger*innen.
Es stimmt, dass Luxemburger*innen Gemeinsamkeiten mit beiden Kulturen teilen, zum Beispiel die Sprachen: in der Regel können sie Deutsch und Französisch sprechen und dementsprechend ist es für sie leichter, mit beiden Gruppen ins Gespräch zu kommen. Aber sie können nicht nur Deutsch und Französisch, sie können auch eine andere Sprache, oft ihre Muttersprache, nämlich Luxemburgisch. Eine Sprache, die weder von Deutschen noch von Franzosen gut verstanden wird. Die Luxemburger*innen bilden ihre Kultur nicht aus Resten anderer Länder, sie bilden ihre eigene, eigenständige Kultur. Ähnlich werden bisexuelle Menschen wahrgenommen. Sie sind halb homosexuell und halb heterosexuell.
Dieses 50%-50%-Vorurteil ist ein weiteres Beispiel für Bi-Erasure und steht in engem Zusammenhang mit anderen Vorurteilen – zum Beispiel, dass Bisexuelle in monogamen Beziehungen nicht glücklich sein können. Bedeutet dieses Vorurteil, dass ich meine homosexuelle Seite durch Sex mit Männern und meine heterosexuelle Seite durch Sex mit Frauen befriedigen muss? Blödsinn. Das ist genauso blöd, wie zu sagen, dass ein heterosexueller Mensch nur halb bisexuell ist.
Ähnlich wie bei den Luxemburger*innen ist es mit den Bisexuellen. Bisexuelle Menschen sind nicht 50% heterosexuell, 50% homosexuell. Wir sind zu 100% bisexuell. Es stimmt, dass wir mit beiden Gruppen Gemeinsamkeiten haben. Zum Beispiel: Wenn wir in einer Frau-Mann- Beziehung sind, teilen wir viele Dinge mit anderen Heterosexuellen. Aber wir teilen auch viele Erfahrungen von Ablehnung, Hass, Outing, Selbstfindung und Stolz mit anderen queeren Personen. Dementsprechend kann es für uns leichter sein, mit beiden Gruppen gemeinsame Erfahrungen zu finden.
Anders gesagt, wenn ich ein paar neue Wörter erfinden kann, können bisexuelle Menschen Heterosexuellisch UND Homosexuellisch bzw. Queerisch sprechen. Aber die Bisexuellen, wie die Luxemburger*innen, haben auch eine andere Sprache, unsere Muttersprache, nämlich Bisexuellisch. Eine Sprache, die weder von Heteros noch von Homos gut verstanden wird. Wir als Bisexuelle bilden unsere Orientierung nicht aus Resten anderer Orientierungen, wir bilden unsere eigene, eigenständige Orientierung.
Weil bisexuelle Menschen so viele Gemeinsamkeiten mit anderen Gruppen haben, können wir eine Art soziale und emotionale Diplomat*innen sein. Wir haben besonders gute Voraussetzungen, Brücken zu bauen.


