Bi+-sexuelle Menschen sehen sich seit jeher zahlreichen Vorurteilen und Diskriminierungen ausgesetzt, gerade auch im christlichen Milieu. Hier eine Einordnung gängiger Vorurteile.
„Wenn du bisexuell bist (und ich gestehe dir zu, dass du dir deine sexuelle Orientierung nicht ausgesucht hast), dann ordne dich Gottes Ordnung unter: Ein Mann und eine Frau sollen eine Ehe eingehen oder sie sollen unverheiratet bleiben und enthaltsam leben. Wenn du als bisexuell empfindender Mensch Jesus nachfolgen möchtest, dann enthalte dich oder gehe eine monogame heterosexuelle Ehe ein“, so wird in christlichen Kreise lei der oftmals noch argumentiert.
Laut diesem Gedankengang darf ich mich als bisexuelle Christin für diese beide Beziehungsvarianten entscheiden, also heterosexuell oder zölibatär, für eine homosexuelle Beziehung jedoch nicht.
Das kann dazu führen, dass sich bisexuelle Personen der christlich sozial erwünschten Vari ante zuwenden und ihre homosexuelle Seite nicht beachten. Alles, was nicht beachtet wird, wird sich irgendwann doch einen Weg bahnen und sich bemerkbar machen, was dann nicht immer hilfreich für die Beziehung ist. Die Anerkennung, dass jemand bisexuell empfindet und ein offener Umgang mit Bisexualität im Spiegel biblischer Hinweise, was eine gute Beziehung ausmacht, können hier Abhilfe schaffen.
„Ich möchte so sein wie ich bin und mich nicht entscheiden müssen“ — CHRISTIAN
„Sie sind schwul und trauen sich wegen Ihres religiösen Hintergrundes nur nicht, das zuzugeben” hat mein Psychotherapeut zu mir gesagt. Ich war extra bis in die nächste Großstadt gefahren, um einen passenden Therapeuten zu finden. Die Homepage versprach Unterstützung in der Selbstfindung und Selbstakzeptanz der eigenen sexuellen Identität.
Bestandteil der Therapie war auch die Reflexion des Umgangs mit den eigenen Normen und Ängsten. „Machen Sie doch mal was Kreatives in einem queeren Bildungszentrum, damit Sie konkret erleben, wie schwule Männer so sind.” Habe ich gemacht – und mich erstmal sehr frei und unbeobachtet gefühlt. Endlich nicht überlegen, ob das, was ich anziehe, „männlich genug“ ist, reden über alles, was mich interessiert und nicht filtern.
Aber dann merke ich, dass ich wieder einen Teil von mir verstecke. Es fällt mir hier nun schwer von meinen Kindern zu erzählen und davon, dass ich grundsätzlich auch Frauen anziehend f inde. Genauso und doch anders als Männer – so wie schon mein ganzes Leben lang. Und irgendwann wird mir klar – ich möchte so sein, wie ich bin und mich nicht entscheiden müssen. Geht auch – nennt sich bisexuell.
„Bisexuelle Frauen brechen einem das Herz und wenn es eng wird, gehen sie zurück in ihre kuschelige Ehe“, hat eine lesbische Kollegin zu einem Freund von mir gesagt und offensichtlich mit ihrer persönlichen Einzelerfahrung das verbreitete Vorurteil gegenüber bisexuellen Menschen bestätigt, sie seien unentschlossen oder unsicher über ihre sexuelle Orientierung.
Mein Leben zeigt etwas Anderes. Ich lebte lange in einer Ehe mit einem Mann und als wir beschlossen, nicht mehr im selben Haushalt zu leben, überlegten wir gemeinsam, welche Anteile unseres Eheversprechens wir weiterhin halten können und wollen und was wir als nicht mehr lebbar an Gott zurückgeben und um Vergebung bitten müssen. Wir trauerten gemeinsam, blieben verheiratet, leben seither getrennt und ich verliebte mich in eine Frau. Nun lebe ich schon lange mit dieser Frau zusammen – und bin immer noch mit meinem Mann verheiratet. Wir sprachen darüber, mit welcher Art von Beziehungsgestaltung wir die Liebe Gottes widerspiegeln können. Ich liebe beide – aber unterschiedlich. Die Liebe zu meinem Mann hat sich gewandelt, sie hat nichts (mehr) mit Attraktion zu tun. Die Liebe zu meiner Partnerin ist umfänglicher.
Diese Vorstellung, dass ich mich entscheiden muss, beruht auf der Annahme, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: heterosexuell oder homosexuell. Sexuelle Orientierung kann als auf einem Kontinuum liegend verstanden werden. Die Anziehungskraft zu beiden Geschlechtern ist eine echte und gültige Ausdrucksform von Identität. Zudem kommt die Annahme, dass sich Liebe ausschließlich auf Attraktion bezieht und dass bei Gott der Bezug zu ausschließlich einer Person gesegnet sein kann. Bisexuelle Menschen sind in der Lage, sowohl Männer als auch Frauen attraktiv zu finden und sich sowohl an eine Frau und einen Mann emotional binden zu können und sich dabei als gläubige Menschen an Gottes Liebesgebot zu halten. Die Vorstellung, dass Bisexualität eine vorübergehende Phase ist oder dass bisexuelle Menschen sich nicht festlegen können oder gar unfähig sind, Gottes Gebote zu halten, ist eine falsche Annahme, die zu Stigmatisierung und Unverständnis führen kann.
„Wieso sagst du, dass du bisexuell bist, wenn du brav heterosexuell verheiratet und monogam bist – das kann doch gar nicht stimmen!“ oder „Warum ist dir das wichtig, dich als bisexuell zu outen. Also das interessiert doch niemanden. Du lebst in einer normalen (sprich heteronormativen) Beziehung, äh alles andere ist keine Realität oder dein Privatvergnügen.“ – so oder ähnlich höre ich Antworten auf mein „Übrigens bin ich bi“. Und das sowohl von queeren Menschen als auch von Menschen in heteronormativen „Vater-Mutter- Kind“-Verhältnissen.
Die Annahme, dass sie promiskuitiv oder untreu seien, ist ein weit verbreitetes Vorurteil gegenüber bisexuellen Menschen. Fakt ist, dass es so viele Beziehungsformen wie Bisexuelle gibt und dass das Thema Untreue genauso häufig ist wie in Beziehungsformen mit monosexuellen Partner:innen.
Trotzdem gibt es das Bild, dass Bisexualität mit sexueller Ausschweifung und dem Unvermögen, sich auf eine Person festzulegen, zusammenhängt. Während der Aidskrise wurden bisexuelle Männer dafür verantwortlich gemacht AIDS in die heterosexuelle Welt einzuführen. Schon da gab es die Erzählung, dass es sich bei Bisexuellen um untreue Personen handelt.
Bisexuelle Menschen haben genauso die Fähigkeit, in monogamen, liebevollen Beziehungen zu leben, wie jeder andere Mensch, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Der Unterschied: Sie können dies mit Männern, Frauen und nonbinären Menschen. Die Vorstellung, dass Bisexualität automatisch zu Untreue führt, ist unfair und unwahr.
Ich habe nach ersten heterosexuellen Beziehungen zunächst auch mit einem Mann eine monogame Partnerschaft gelebt und bin nun seit Jahren glücklich verheirateter Familienvater in einer nach außen „klassischen Familie“ – und doch bleibe ich ein bisexueller Mann.
„Was, Du bist bisexuell – ach das sind gerade doch alle, Du willst doch nur cool sein …“ – gerade jungen bisexuellen Menschen wird nach ihrem Outing die Selbstbezeichnung oft als unecht oder als „aufmerksamkeitsheischend“ abgetan. Dieses Vorurteil basiert auf dem Konzept der Monosexualität, das die Existenz von Bisexualität als Abweichung von der klaren Zweiteilung in homo- oder heterosexuell betrachtet.
Bisexuelle Menschen können sowohl von Schwulen und Lesben wie auch von Heterosexuellen mit Ablehnung konfrontiert werden, wenn sie ihre sexuelle Orientierung offenbaren, da manche Menschen ihnen nicht glauben oder denken, dass sie es nur sagen, um Aufmerksamkeit zu erregen – oder sich ein „Hintertürchen offen zu lassen“.
Gerade im christlich-frommen Kontext fürchten sich Bisexuelle in diesem Zusammenhang davor, dass Eltern und Freunde immer hoffen, dass „der oder die Richtige“ schon noch vorbeikommen und alles doch noch heteronormativ zu einer „ordentlichen Ehe und Familie“ führen wird.
„Die Anziehungskraft zu beiden Geschlechtern ist eine echte und gültige Ausdrucksform von Identität“ — Mirjam
„Ein weiterer Vorwurf ist, dass bisexuelle Menschen nicht in der Lage seien, sich für eine Seite zu entscheiden. Dieses Vorurteil beruht auf der fehlerhaften Annahme, dass sexuelle Orientierung eine bewusste Entscheidung ist. In Wirklichkeit ist sexuelle Orientierung ein tief verwurzelter Teil der Persönlichkeit und ist keine Frage des Willens oder der Wahl.
Viele erfolglose Konversionstherapien sind hier sehr eindeutige Belege dafür, dass selbst brachiale psychologische Methoden nur in Ausnahmefällen zu Änderungen der sexuellen Orientierung führen können. Bei bisexuellen Menschen besteht allerdings immer die Möglichkeit, der sozial erwünschten Seite stärkere Beachtung zu geben und diese zu zeigen.
Allerdings führt diese Verleugnung der Bisexualität überdurchschnittlich häufig zu erheblichen psychischen Problemen und zerrütteten Ehen. Bisexuelle Menschen können monogame Beziehungen mit heterosexuellen oder homosexuellen Personen führen – am stabilsten allerdings, wenn beiden Partnern bewusst ist, dass es sich um eine „mixed orientated“ Partnerschaft handelt – und eine Person bisexuell ist und bleibt.
Insgesamt müssen wir uns bewusst machen, dass Vorurteile gegenüber bisexuellen Menschen schädlich sind und ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität beeinträchtigen können. Wir sollten uns für eine Welt einsetzen, in der Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung frei von Vorurteilen leben können. Indem wir aufklären, Sensibilität entwickeln und die individuellen Erfahrungen von bisexuellen Menschen wertschätzen, können wir zu einer inklusiveren Gesellschaft beitragen, in der jeder Mensch akzeptiert wird, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung.


