Christsein und LSBT

Offenbarung: das Outing meines Vaters

Es war ein früher Abend, irgendwann im Sommer, als meine Mutter uns Kinder zusammenrief, um etwas Wichtiges mit uns zu besprechen. Wir setzten uns um den Esstisch und es war offensichtlich, dass ihr das bevorstehende Gespräch schwerfiel. In der letzten Zeit hatte sich in unserer Familie eine spannungsgeladene Atmosphäre aufgebaut, mein Vater hatte sich ganz anders verhalten, nicht so, wie man es sich wünscht. Ich hatte das auf eine Midlife-Crisis geschoben. Einige Wochen zuvor hatte ich meinen Realschulabschluss geschrieben und plante, auf die Fachoberschule zu gehen, da konnte ich keine familiären Probleme gebrauchen. Alles, was ich wollte, war, dass sich die Welt um mich herum in der gewohnten, normalen Weise weiterdrehte.

Durch meine christliche Erziehung und meinen Freundeskreis in der Kirche war ich wie in einer Seifenblase aufgewachsen. Ich engagierte mich gerne in der Gemeinde und traf mich so fast nur mit meinen christlichen Freunden. Dadurch waren meine Vorstellungen teilweise sehr verschoben – man konnte auch sagen, etwas weltfern. Ich selbst befand mich gerade in einer Umbruchphase: Ich entdeckte, dass die Welt außerhalb der Gemeinde ganz anders war, als die, die ich bisher kennengelernt hatte. Plötzlich gab es eine Reihe guter Freundinnen aus der Schule, mit denen ich auch in meiner Freizeit viel Zeit verbrachte.

Und mitten in dieser spannenden Phase saßen wir dann eines Abends am Esstisch und wussten, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Meiner Mutter, mit ernstem Gesicht, fiel das Reden sichtlich schwer und ich spürte, dass sie uns etwas Unschönes mitteilen wurde. Damals vermutete ich, dass meine Eltern sich scheiden lassen wurden, mit etwas anderem rechnete ich nicht. Ich wusste, ich wurde darüber sehr traurig sein, aber ich wurde auch schnell wieder in mein gewohntes Leben zurückfinden. Mental versuchte ich also, mich auf die schlechten Nachrichten einzustellen und machte schon Plane, wie ich meiner Mutter durch die schwere Zeit helfen wollte.

Zuerst hörte ich gar nicht, was sie wirklich sagte: „Euer Vater denkt seit einiger Zeit, dass er schwul ist.“ Ich verstand nicht richtig, was das bedeuten sollte. An die Stunden nach dem Gespräch erinnere ich mich kaum, ich fühlte mich wie in einer Schneekugel. In den Wochen danach ging ich äußerlich meinem Alltag und allen Sachen wie gewohnt nach und wusste nicht recht, was ich mit dieser Neuigkeit anfangen sollte, aber innerlich war die Zeit sehr schwierig für mich. Natürlich dachte ich als Allererstes darüber nach, was das für Konsequenzen in der Gemeinde haben wurde. Es hatte schon viele Diskussionen über das Thema „schwul“ und „lesbisch“ gegeben. Einige Meinungen dazu waren ganz deutlich: „Ich weiß, dass es eine Sünde ist, man merkt doch, dass das einfach falsch ist.“ oder „Das ist unnatürlich, so hat sich Gott das nicht gedacht“. Doch die meisten Meinungen zu dem Thema waren nicht ganz so klar definiert. Viele hielten sich raus, denn das Thema war irgendwie unangenehm und wäre jetzt plötzlich ein schwules oder lesbisches Paar in der Gemeinde aufgetaucht, hatte keiner wirklich gewusst, wie man damit umgehen soll.

All dies machte es unheimlich hart für mich, weiterhin unbeschwert in die Gemeinde zu gehen. Ich musste immer daran denken, was die Leute wohl sagen oder wie sie sich verhalten wurden, wenn sie wussten, dass mein Vater schwul ist. Ihm schien es seit der Aussprache aber besser zu gehen. Er stand vor sich selbst und vor uns zu seinen Gefühlen und fühlte sich nun endlich wie angekommen. Jahrzehntelang hatte er versucht, sich zu ändern, war in die Seelsorge und in die christliche Therapie gegangen. Nichts hatte geholfen. Er blieb, wie er schon immer gewesen war und Gott nahm das „Schwulsein“ nicht weg. Dafür wirkte Gott aber woanders. Im Nachhinein fällt mir auf, dass mein Vater in vielen Bereichen eine Kehrtwendung erlebt hat. Der Druck, der jahrelang auf meinem Papa gelastet hatte, war weg. Er wurde beispielsweise viel ausgeglichener. Er erzählte mir, dass seine Beziehung zu Gott sich verändert hatte, er fühlte sich hundertprozentig angenommen und geliebt.

Für mich persönlich hatte das alles natürlich Konsequenzen. Ich fing an, über meine eigene Sexualität nachzudenken. Ich war gerade mitten im Erwachsenwerden und plötzlich hatte ich Angst, dass ich auch „so“ bin. Jedes Mal, wenn ich ein Mädchen einfach nur hübsch fand oder mich zu einem Mädchen hingezogen fühlte – auch wenn das immer nur freundschaftlich war – bekam ich einen Schreck. Mir wurde bewusst, dass ich nicht in meiner Gemeinde bleiben konnte, wenn ich so empfinden würde. Ich wurde zwar schon irgendwie akzeptiert, aber ich konnte nicht mit einer festen Freundin auftauchen. Diese Gedanken setzten sich in meinem Kopf fest und ließen sich nicht vertreiben. Ich fing an, „Rettungsplane“ für mich zu schmieden, falls ich auch so empfinden wurde.

Der einzige Ausweg, der mir einfiel, war, aus der Gemeinde auszutreten und einen neuen Freundeskreis aufzubauen, mein altes Leben hinter mir zu lassen. Diese Gedankenspirale drehte sich etwa ein halbes Jahr lang in meinem Kopf. Ich konnte oft nicht mehr mit in die Gemeinde gehen. Jedes Mal, wenn ich durch die Tür ging, überkam mich die Vorstellung, dass ich auch so empfinde.

Es ging mir nicht gut in dieser Zeit. In der Schule bekam ich schlechte Noten und ich begann zu kiffen und zu trinken, um so wenig wie möglich zu fühlen. Ich traf mich mit Jungs, um mir zu beweisen, dass ich nicht auf Mädchen stehe. Eines Morgens wachte ich auf und wusste, dass ich nicht lesbisch bin. Das Traurige ist, dass ich darüber unheimlich erleichtert war. Ich war „normal“. Ab da dachte ich allgemein viel über das Thema nach. Ist es richtig, dass wir Christen uns oft so verhalten, dass ein Mädchen mit 17 Jahren völlig aus der Bahn geworfen wird, weil sie Angst hat, so zu empfinden? Musste sie dann wirklich für immer alleine bleiben und auf die Liebe von einem anderen Menschen verzichten, damit sie nicht sündigt?