Familie und Eltern

Bruder und Schwester im Gespräch

Hallo! Schön, dass du dich für dieses Gespräch bereiterklärt hast! Magst du dich kurz vorstellen?

Hallo, ja – sehr gerne!

Mein Name ist Caroline und ich bin 18 Jahre alt. Von meiner Familie bin ich die Jüngste. Meine Eltern haben mich christlich erzogen, dafür bin ich sehr dankbar. Wir haben lange Zeit als Missionarsfamilie im Ausland gelebt.

Wenn ich es richtig weiß, hat sich dein großer Bruder vor etwas mehr als einem Jahr bei dir geoutet. Wie hast du ihn bis dahin erlebt; was für ein Mensch war er für dich?

Mein Bruder ist der tollste Bruder, den man sich vorstellen kann! Er ist immer für mich da. Wir können viel Quatsch machen und gemeinsam lachen. Auch wenn er ein paar Seiten an sich hat, die ich nicht so sehr mag, liebe ich ihn trotzdem sehr; also Geschwisterliebe! - Aber zu deiner Frage: Er ist genauso, wie davor auch, nur, dass er zu sexuellen Themen um einiges offener geworden ist. Ich finde dies aber nicht schlimm, da ich offene Menschen mag.

Wie ging es dir bis zu diesem Tag mit dem Thema Homosexualität?

Ich habe mich davor nie damit befasst; warum denn auch? Für mich war Homosexualität ganz weit weg und uninteressant. Ich hatte dazu noch keine richtige Meinung. Früher habe ich immer gedacht, dass die Menschen, die homosexuell sind, sich das aussuchen; so nach dem Motto: „Ach, mit einer Frau hat es jetzt nicht so geklappt, dann versuche ich es halt mit einem Mann.“ Und da ich so dachte, war ich gegen Homosexualität.

Wie war es für dich persönlich, als er dir erzählt hat, dass er Männer liebt?

Mein Bruder hat es mir am Telefon erzählt. Ich habe es ihm auch erst nicht geglaubt. Ich dachte, er spielt mir einen Streich. Es hat ein wenig gedauert, bis ich ihm geglaubt habe. Während des Telefonats ging es mir so lala – ich war halt geschockt! Es hat auch einige Wochen gedauert, bis ich mich mit dem Gedanken, dass mein Bruder homosexuell ist, abgefunden habe. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Am schlimmsten fand ich, dass mein Bruder vor seinem Outing ein Jahr lang eine Freundin hatte und eigentlich vorhatte, sie zu heiraten. Die Beziehung hat er dann aber abgebrochen, weil er feststellen musste, dass er sie nicht so lieben konnte, wie sie es als Frau verdient. Da habe ich mich extrem in sie hineingefühlt. Aber mein Bruder weiß auch, dass er da echt Mist gebaut hat!

Wie hast du die Zeit danach erlebt?

Mein Bruder hat meiner Familie und auch mir eine Predigt über Homosexualität geschickt. Ich muss ehrlich zugeben: Die Predigt war mir zu viel. Der Prediger redete über Homosexualität, als würde er sich aufgrund seiner Meinung für etwas Besseres halten und alle, die es anders sehen, keinen Plan von der Bibel haben. Er hat genauso versucht, „seine“ Wahrheit zu Homosexualität zu sagen, wie seine „Gegner“. Solche Christen mag ich generell nicht!

Ansonsten hatte ich dazu jedoch viele gute Gespräche mit meinem Bruder.

Hat sich etwas für dich persönlich geändert?

Ich habe mich mehr damit befasst und habe mir meine eigene Meinung darüber gebildet. Ansonsten hat sich nichts bei mir geändert. Mein Bruder ist ja immer noch derselbe Mensch. Ich finde es außerdem ziemlich interessant, wie sich die Meinungen meiner Familie geändert haben.

Wie haben sich denn die Meinungen der anderen Familienmitglieder geändert?

Durch das Outing meines Bruders musste sich meine komplette Familie – gezwungenermaßen – mit dem Thema Homosexualität auseinander setzen. Wir alle lieben meinen Bruder sehr - so, wie er nun mal ist. Vor allem unseren Eltern fällt die Auseinandersetzung schwer, doch sie geben sich die größte Mühe und investieren viel Zeit dafür.

Wie denkst du heute über Homosexualität und Glaube?

Ich finde dieses Thema schwer. Ich denke, es ist nicht gut, wenn man sagt, dass Homosexuelle extreme Sünder sind. In der Bibel steht, dass alle Sünder bei Gott gleich sind; sprich: Es ist völlig egal, ob man lügt oder ob man homosexuell ist – das ist vor Gott dasselbe! Deshalb verurteile ich sie auch nicht. Ich mache genügend Fehler und anstatt mich darüber aufzuregen, was andere falsch machen, kümmere ich mich lieber um meine eigenen Fehler!

Das heißt, für dich ist Homosexualität Sünde?

Ich weiß es nicht. Ich bin gerade noch dabei, mir eine Meinung zu bilden. Grundsätzlich sagen viele Christen, dass es nicht in Ordnung sei, homosexuell zu sein und die Homosexualität auszuleben, aber es ist ja jedem selbst überlassen, wie man damit umgeht. Ich persönlich finde homosexuell zu sein nicht schlimm. Ich respektiere es und verurteile diese Menschen nicht! Es gibt genügend Christen, die diese Menschen verurteilen.

Würdest du dir etwas wünschen?

Ich wünsche mir nur, dass mein Bruder glücklich ist; mehr nicht. Es ist sein Leben, da weiß er doch am besten, was gut für ihn ist! Ich freue mich mit ihm mit.

Ich würde mir aber wünschen, dass Christen, die sehr streng zu homosexuellen Menschen sind, lockerer werden!

Hey, cool – vielen Dank für deine Offenheit! Schön, dass du uns hast teilhaben lassen an deinen Gedanken!

Klar, gerne. :-)