Kirchen

Gemeinde im Umbruch - ein nicht ganz einfacher Prozess

Im Jahr 2014 durften wir als freikirchliche Gemeinde „Mosaik Düsseldorf“ die Hochzeit von zwei wunderbaren Frauen ausrichten. Wir haben dieses Ereignis auch ganz bewusst als Hochzeit bezeichnet und nicht bloß als „Segnung einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft“, schließlich glauben wir an Gottes vollen Segen für die beiden als Ehepaar.

 Leider tut sich gerade die freikirchliche Christenheit sehr schwer bei Menschen mit einer nicht heterosexuellen Orientierung oder anderen geschlechtlichen Identitäten. Auch bei Mosaik liegt ein Prozess hinter uns, der sich über einen längeren Zeitraum von fast zwei Jahren hingezogen hat. Durch verschiedene Auslöser sprachen wir im Freundeskreis immer wieder darüber, inwiefern uns Gott als Gesellschaft auch heute noch weiterführen und verändern möchte. Wir beschäftigten uns in Predigtserien damit, wie die Kirche zur Zeit der Apartheid mit der Bibel argumentiert hatte, um andere zu unterdrücken. Das Recht auf Sklavenhaltung war auch einer der Hauptauslöser für die Gründung der Southern Baptists in den USA, mit denen wir durch unsere Muttergemeinde verbunden waren. Es hat uns tief betroffen gemacht, dass weite Teile der Kirche auf der falschen Seite der Geschichte gestanden hatten. Immer wieder bewegten wir in unseren Gesprächen Themen, die mit Menschenrechten, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit zusammenhängen – und dazu gehörte auch der Umgang mit Homosexuellen.

 Und dann besuchte eines Sonntags ein lesbisches Paar unseren Gottesdienst. Ich muss dazu sagen, dass wir schon seit unserer Gründung vor 10 Jahren eigentlich für Homosexuelle „offen“ waren – sie durften Teil der Gemeinschaft sein, ausgelebte Homosexualität werteten wir allerdings als Sünde, so dass Homosexuelle bei uns weder predigen noch leiten durften.

 Das Gespräch über Gottes Wirken in der Gesellschaft und insbesondere die Frage nach Gottes Sicht auf Homosexualität hatte durch den Besuch der beiden Frauen konkrete Gesichter bekommen. Als Leitungsgruppe nahmen wir uns mehrere Monate Zeit, um diesen Fragen theologisch auf den Grund zu gehen und ganz bewusst Gott um Antworten zu bitten. Im Laufe dieses nicht ganz einfachen Prozesses bekamen wir alle die Gewissheit, dass Gott uns dazu beruft, für die Gleichberechtigung Homosexueller einzutreten.

 Jetzt lag die Aufgabe vor uns, die Gemeinde in diesen Prozess miteinzubeziehen. Diese Herausforderung ist uns ganz sicher nicht optimal gelungen. Es kam zu Missverständnissen und Verletzungen, Freundschaften zerbrachen und viele verließen die Gemeinde. Einige verließen uns, weil sie den Weg nicht mitgehen konnten, andere infolge der miesen Stimmung, die sich allgemein breitmachte. Schließlich konnte die Miete nicht mehr bezahlt werden und wir mussten unsere Gottesdienste wieder in Wohnzimmern feiern. Wir verloren die Verbindung zu unserer Muttergemeinde und waren an einem Tiefpunkt angekommen.

 

Worauf wir leider überhaupt nicht vorbereitet waren, war die sich anschließende Kräfte raubende Phase, in der nun nicht mehr die Gemeindeleitung, sondern die Gemeindemitglieder in ihrem Umfeld damit zu kämpfen hatten, den Weg von Mosaik zu rechtfertigen. Diese Dynamik erwies sich vor allem für diejenigen schwierig, die zwar die Gemeinde nicht verlassen wollten, aber theologisch nicht hinter unserer Entscheidung standen.

 Dieser Prozess dauerte, doch wir haben uns davon erholt. Mit der Zeit fanden wir neue Kraft, neue Räume und neue Menschen, die sich uns angeschlossen haben. Wir sind immer noch eine kleine Truppe von vielleicht 30-40 Leuten, aber es tragen viele Dinge Früchte, vielleicht noch mehr als vorher. Beispielsweise konnten wir mit einer größeren Summe für Hilfskonvois Flüchtlingen helfen. Das war eine erstaunliche Erfahrung, zumal wir kurz vorher nicht einmal die Miete zahlen konnten.

 In der Geschichte unserer Gemeinde haben wir versucht, dem treu zu sein, was wir von Gott gehört haben. Bei allen Turbulenzen haben wir die Gewissheit verspürt, dass wir wirklich Gottes Auftrag für uns gefolgt sind. Gute Freunde ziehen zu lassen, ist uns dennoch sehr schwer gefallen.

 Parallel zu den Ereignissen beschäftigte uns die Frage, warum so viele Christen, insbesondere in den Freikirchen, eine Sicht vertreten, die sich so sehr von der unseren unterscheidet. Dabei gibt es nicht wenige, die in ihrer persönlichen theologischen Beurteilung zu den gleichen Schlüssen kommen wie wir. Vielleicht ist es an der Zeit, dass mehr von ihnen aus ihrer Deckung kommen. Große Leitfiguren wie Rob Bell (USA) oder Steve Chalke (GB) haben sich bereits ganz klar in der Öffentlichkeit positioniert und für die Gleichberechtigung ausgesprochen. Man kann gar nicht genug betonen, wie wichtig das ist. Eines kann Mut machen: Die Christen vergangener Jahre, die Menschenrechte missachtet haben, konnten noch nie den Lauf der Geschichte nachhaltig verändern, denn sie stellten sich gegen den Geist Gottes. Es liegt an uns, dass wir es heute anders machen.