Kirchen

War Luther ein Fürsprecher homosexueller Beziehungen?

Die Antwort ist recht einfach: Sicher nicht.

Luther Rose mit Kreuz in der Mitte.

War Luther ein Fürsprecher homosexueller Beziehungen? Die Antwort ist recht einfach: Sicher nicht. Falsche Fragen führen aber leider auch oft zu falschen Antworten. Denn die Fragestellung, was Luther (und auch Paulus?!) zu romantischen, treuen Beziehungen gleichberechtigter PartnerInnen des gleichen Geschlechts meinte, ist genauso verfehlt wie die Frage, was Luther zu Elektromobilität dachte. Beides war ihm unbekannt, denn eine Beziehung basierte – ganz anders als heute – nicht auf romantischer Liebe. Luther heiratete Katharina vor allem deshalb, weil sowohl ihre als auch seine erste Partnerwahl nicht zustande gekommen waren. Während die Fixierung auf die historische Person Martin Luther hier (wie auch im Hinblick auf Juden, Frauen, Menschen mit Behinderung u.v.m.) nicht zu verantwortungsvollen, evangelischen Positionen führt, ist für mich die folgende Frage essentiell: „Was bedeutet die reformatorische Erkenntnis für mich als schwulen Mann im Kern?“

Die grundlegende Erkenntnis ist: Es genügt, auf das Wort der Zusage (solo verbo) der bedingungslosen Annahme allein durch Gnade (sola gratia) in Christus (solus Christus) zu vertrauen (sola fide)!

Das habe ich von klein auf geglaubt. Aber mit dem Bewusstsein, dass ich wohl nicht hetero bin, kamen auch die Zweifel: Hasst Gott nicht den Teil an mir, durch den ich mich zu Männern hingezogen fühle? Ja, ich muss wohl diese schwulen Gedanken verdrängen und kann höchstens Gott in größter Scham um Vergebung dafür bitten. Also bin nicht ich, wie ich wirklich bin, angenommen, sondern ich, wie ich sein soll? Klar, ich weiß, dass ich als Mensch immer fehlerhaft bleiben werde, aber hier geht es nicht um „böse“ Taten, sondern um meine gesamte Identität, die scheinbar nicht dem entspricht, was Gott von einem Mann erwartet. Wenn ich also nur fest genug glaube, wenn ich für Gott ein Jahr in die Mission gehe, wenn ich im Gehorsam vor Gott eine Beziehung mit einem Mädel anfange, dann wird Gott mich so umgestalten, dass er mich annehmen kann. Aber trotz aller Bemühungen: An meinen Gefühlen änderte sich nichts. Ich drehte mich immer mehr um mich und mein „Problem“, ich fühlte mich „incurvatus in me“, in mich verkrümmt.

Echte Annahme muss bedeuten, mit allem, was mich ausmacht – inklusive meiner Sexualität – geliebt zu sein. Deshalb: Ich bin als schwuler Mann mit meinem ganzen Ich durch Gnade in Christus angenommen und alleine darauf will ich vertrauen! Und in diesem Vertrauen bin ich „gerecht, wahrhaftig, befriedet, fromm [und] von allen Dingen frei“[1]. Und diese Freiheit wiederum führt mich (und niemanden sonst!) vor Gott in die Verantwortung, zu fragen: Kann ein Leben, das ich in Treue, Liebe und gegenseitiger Unterstützung mit einem Mann führe, ein Leben sein, in dem „aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott, und aus der Liebe ein freies, bereitwilliges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen“[2] fließt?

Man mag jetzt einwenden:

„Aber die Reformation sagt doch, dass nur die Bibel gilt und die sagt nun einmal eindeutig...“ Bedeutet ein solches Verständnis der Bibel jedoch nicht gerade, aus dem „Evangelium ein Gesetz oder Buch der Lehre“[3] zu machen, den Buchstaben also über die Liebe zu stellen? Die Reformatoren wollen die Bibel doch von ihrer Mitte – der Liebe Christi – her verstehen, so dass Luther sogar beurteilt, „welches die rechten und edelsten Bücher des Neuen Testaments sind“[4]. Will das „sola scriptura“ die Bibel nicht gerade vom Anspruch der Kirche auf die Deutungshoheit befreien und dadurch das lebendige Wort Gottes – das Evangelium der bedingungslosen Gnade – für jeden Einzelnen zum Tönen bringen?

„Aber Luther war doch ein Verteidiger der christlichen Ehe!“, mag mancher einwenden. Betonte er aber nicht auch gerade, dass die Ehe kein geistlich verklärtes Sakrament[5], sondern ein „weltlich Ding“ ist, um uns einen guten Rahmen für die Sexualität zu geben?[6]Es ist doch eine reformatorische Befreiung, unsere Sexualität als ein gutes, „göttliches Werk“ zu sehen, „das zu verhindern und zu unterlassen nicht bei uns steht“[7]. Folgt nicht genau aus diesen Überlegungen für uns heute die Verantwortung, homosexuellen Christen einen Rahmen für einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Sehnsucht nach intimer Partnerschaft zu schaffen?

Ich jedenfalls stehe aus reformatorischer Überzeugung hier und sage: Ich will es wagen, im Vertrauen auf Gottes bedingungslose Annahme und in Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen mein Leben mit einem Mann zu teilen. Ich hoffe und bete, dafür von meinen Glaubensgeschwistern nicht aus der Gnade ausgeschlossen zu werden, sondern von ihnen begleitet und unterstützt zu werden.


[1] Luther, Martin: Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), These 6.
[2] Luther, Martin: Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), These 27.
[3] Luther, Martin: Vorrede zum Neuen Testament (1522).
[4] Luther, Martin: Vorrede zum Neuen Testament (1522).
[5] Luther, Martin: Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche (1520), Art. 6.
[6] Augsburger Bekenntnis, Art. 23.
[7] Luther, Martin: Vom ehelichen Leben (1522), Art. 1.