Persönlich

Andacht beim Arbeitstreffen 2020

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen.

Apg 17, 26a

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Gal 3, 28

 

„Und so stehen wir alle hier zusammen. Ohne Hass. Denn bei uns sind Menschen einfach Menschen. Alle sind wir gleich. So läuft das hier. So läuft das hier.“

Liedtext der Karnevalsband „Arsch huh“

 

Immer wenn ich mir die Mühe mache und eine Andacht extra für einen Anlass wie das Arbeitstreffen schreibe, dann schaffe ich es nicht, auszuklammern, was mich selbst sehr beschäftigt. Das heißt für mich, dass es sehr viel einfacher ist, weil ich nichts neues erfinden muss, sondern nur meine Gedanken mit euch teile. Das heißt für euch allerdings, dass ihr jetzt keine theologisch gut ausgearbeitete, tiefgründige und passende Zwischenraum-Predigt am Sonntagmorgen hört, sondern dazu genötigt werdet, heute 8 Minuten lang ein ganz heikles und vielleicht ein bisschen flaches Thema von mir präsentiert zu bekommen, über das ich aber so leidenschaftlich bin, dass es die 5-Minuten Regel ganz leicht sprengt. 

Und zwar... Karneval.

 

Die Geister scheiden sich bei diesem Thema, oder es ist ihnen einfach egal.

Ich weiß nicht, wie ihr dazu steht – vielleicht ist es euch egal, vielleicht habt ihr schlimme Erfahrungen gemacht, vielleicht wart ihr noch nie dabei, vielleicht verabscheut ihr den Gedanken von betrunkenen Verkleideten. All das kann ich gut verstehen. Es gibt tausend gute Gründe, um Veranstaltungen wie diese furchtbar zu finden.

Ganz besonders als Christen und Christinnen, als Menschen, denen es vielleicht eher wichtig ist, Gottes Willen zu tun und sich für eine gute Sache einzusetzen.

Und Karneval kann nun wirklich keine gute Sache sein da wird Untreue bagatellisiert und Alkohol glorifiziert.

Das ist so.

Hätte Jesus Karneval gefeiert? Ich weiß es nicht.

Und wer nicht aus dem Rheinland kommt oder in den Gegenden wohnt, in denen das Fasching heißt, denen ist diese Zeit meistens sowieso einfach egal.

Mir ist diese Zeit allerdings gar nicht egal.

In Köln war gerade Karneval.

Und ich wohne in Köln.

Und ich liebe Karneval.

Und ich weiß das mit der Untreue und dem Alkohol.

Und ich weiß, dass da ne Menge schief geht in diesen Tagen.

Aber nicht nur.

Wer niemals in einer Kneipe von einer fremden Oma oder einem fremden Opa herzlich und einvernehmlich auf die Wange geküsst wird, wer nie Süßigkeiten mit Kindern am Rosenmontagszug in der ersten Reihe fängt und teilt, wer nie schunkelt, und dabei Karnevalslieder über Andersartigkeit und Zusammenhalt singt und wer nie die Tränen in den Augen einer verkleideten 80-Jährigen auf dem Rollator sieht: „Da kütt der Sunnesching. Su isset jedes Johr in Wieverfastelovend der leeve Herjott is ene Kölsche.“ Das heißt übersetzt: „Da kommt der Sonnenschein. So ist es jedes Jahr an Weiberfastnacht. Der liebe Herrgott ist ein Kölner.“

Wer das alles nicht getan hat, der kennt Karneval nicht.

Und ich glaube eigentlich nicht, dass der liebe Herrgott ein Kölner ist. Und ich weiß immer noch nicht, ob Jesus Karneval feiern würde. In manchen Momenten der Karnevalstage habe ich aber tatsächlich so einen leisen Anflug davon, dass es da neben der Untreue und dem Alkohol und allem was Sünde und schlimm ist auch Momente gibt, die Gott vielleicht sogar ganz gut findet.

Oder – und jetzt wird’s ganz verrückt – dass es Momente im Karneval gibt, in denen Menschen Gott begegnen. Weil ich Gott nämlich im Karneval begegne.

Karneval verbindet irgendwie die Menschen und macht was mit der ganzen Stadt und mit allen, die sich darauf einlassen können. Der Bänker geht als Biene und umarmt plötzlich den Arbeitslosen, weil der geht als Blume. Meine Erfahrung ist: Im Straßenkarneval lassen die Leute ihren Stolz und auch irgendwie ihre Angst fallen, es geht wirklich nicht darum, wo du herkommst und was du hast oder bist.

Das ist meine weichgespülte und romantische Einstellung zu Karneval.

Und in diesem Jahr... am Abend vorm größten Karnevalstag- vor Weiberfastnacht ... schießt ein Mann in Hanau 9 Menschen mit Migrationshintergund tot.

Und auf einmal frage ich mich, mit welchem Recht ich kurz danach als beleuchtetes Zirkuszelt verkleidet in einer ersten Klasse einer Brennpunktschule Stopptanz spiele.

An dieser Schule gibt es wahnsinnig viele Nationalitäten. Es gibt Kinder, die sprechen Sprachen, von denen habe ich vorher nie gehört. Beim Stopptanz denke ich- ich glaube in dieser Klasse sind zwei Schüler, bei denen ich sagen kann: sie und ihre Eltern sind in Deutschland geboren. Habe ich vorher nie so richtig drüber nachgedacht. Den Kindern ist ihre Hautfarbe und Herkunft egal. Manchen anderen Menschen ist das nicht egal. 

Später in der Turnhalle singen wir mit der ganzen Schule das kölsche Karnevalslied, das wir vorher eingeübt haben. Ich muss ein bisschen schlucken, weil es mich so bewegt.

Es heißt „Su läuf dat he“ „So läuft das hier“ und das ist der übersetzte Text:

„Und so stehen wir alle hier zusammen. Ohne Hass. Denn bei uns sind Menschen einfach Menschen. Alle sind wir gleich. So läuft das hier. So läuft das hier.“

Eine Kollegin guckt danach beim Bier im Lehrerzimmer auf ihr Handy und sagt: „Scheiße, das war rassistisch motiviert, ich glaub ich geh morgen auf die Demo.“ Der erste Wagen im Rosenmontagszug zeigt einen weinenden Dom mit der Aufschrift: „Unser Herz schlägt für Hanau“. Ich diskutiere in der Kneipe als Vogelscheuche mit einem fremden Supermario über Rassismus und was wir dagegen tun können und erlebe an einem anderen Tag verkleidet als Flamingo auf einer Karnevalssitzung erst betroffenes Schweigen und dann tosenden Applaus bei den Worten des Sitzungsleiters: „An Karneval und in unserer Stadt darfst du immer bunt sein. Aber wir dulden nicht, wenn deine Einstellung braun ist.“

Das alles verändert nichts an dem, was da passiert ist. Es ist so schwer, auszuhalten, dass so etwas überhaupt passieren kann. Auszuhalten, dass Menschen andere Menschen ausgrenzen.

Dass wir einander wehtun, dass es möglich ist, dass ein Mensch das Leben eines anderen nimmt. Darüber bin ich sprachlos. Und ich bin dankbar, dass ich Gott kenne.

Weil ich hab keine Lösung. Und ich verstehe mal wieder gar nichts.

In Köln wird auch ausgegrenzt. Im Karneval wird ausgegrenzt. Und auch ich- srenge mich an und trotzdem passiert es mir immer wieder. Ich grenze aus, habe Vorurteile, mache Unterschiede zwischen Menschen. Das ist mir alles sehr klar.

Und trotzdem glaube ich, dass Rosenmontagswagen und Schweigeminuten und Kneipendiskussionen einen Unterschied machen können. Dass wir als Christen und Christinnen einen Unterschied machen können. Egal wo wir sind. Vielleicht gerade dann, wenn wir selbst eine leise Ahnung vom gefühl der Ausgrenzung haben.

Und auch wenn ich nicht weiß, ob Jesus mitfeiern würde oder ob der liebe Hergott ein Kölner ist – wenn sich einer für die eingesetzt hat, die anders waren – dann war es wohl Jesus. Einer, der keinen Unterschied gemacht hat zwischen Herkunft, Geschlecht, Beruf...

Einer, der die heilt, die einsam sind, ausgestoßen, fremd und anders.

Einer, der uns heilt. Und der uns erinnert, ausgeschlossene einzuschließen.

Keinen Unterschied zu machen.

Das hier passt darum nicht nur zu Karneval sondern auch zu Zwischenraum und vielleicht würde er das letzte Karnevalslied sogar mitsingen.  

 

„Und so stehen wir alle hier zusammen. Ohne Hass. Denn bei uns sind Menschen einfach Menschen. Alle sind wir gleich. So läuft das hier. So läuft das hier.“

Liedtext der Karnevalsband „Arsch huh“

 

Apg 17, 26a

Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen.

 Gal 3, 28

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.