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Das Leben in der Mitte neu entwerfenIch bin Andreas und 42 Jahre alt. Erst seit gut einem halben Jahr ist schwul und Christ zu sein für mich kein Widerspruch mehr. Bis ich zu dieser Erkenntnis kam, war es ein weiter und auch sehr schmerzhafter Weg - wie bei vielen meiner Generation. Erzogen und geprägt wurde ich von einer extrem streng gläubigen Mutter - und diesen evangelikalen Raum habe ich bis vor drei Jahren nicht verlassen. Früh wusste ich um meine Neigung, Männer zu lieben, und das hatte einen harten Kampf zur Folge. Als Christ wurde mir ein keuscher , heterosexueller Weg gepredigt. Darauf vertrauend, begab ich mich immer wieder in Seelsorge, christliche Psychotherapie, die Hände motivierter Freunde. „Berufene“ Männer und Frauen beteten mich „frei“. Ein Erfolg, wenn ich ein paar Tage lang nicht das Bedürfnis hatte, den nächsten gut aussehenden Kerl zu vernaschen. Grundsätzlich wurde ich nicht frei! War ich bockig? War Gott einfach nicht an mir interessiert - oder gar angewidert? Es gab Zeiten, in denen ich am liebsten meinem Dasein ein Ende bereitet hätte. Ein Gedanke blieb: Es muss doch „Heilung“ geben. „Gute Freundschaften“ mit lieben Brüdern mussten mir die versagte Liebe zu einem Mann ersetzen. Wie oft war ich unglückl ich verliebt und musste mich permanent unter Kontrolle halten. Bloß keinen falschen Eindruck erwecken. Versuche, Frauen zu Partnerinnen werden zu lassen, ließ ich immer wieder scheitern. Dann entdeckte ich Living Waters - geheilte Sexualität war das Ziel. Ein Jahr lang investierte ich Zeit, Geld, Kilometer und eine riesige Hoffnung, endlich „frei“ zu werden. Und: Bloß keinen privaten Kontakt zu den anderen Kursteilnehmern, sie könnten mich doch wieder auf den falschen Weg bringen. Fazit nach zwölf Monaten: Außer Spesen nichts gewesen - und eine unendliche Enttäuschung. War ich nur nicht willig genug? Nichts hatte sich geändert. Dafür entwickelte sich das Doppelleben. Anonyme Sexkontakte mussten herhalten. Ich brach mein Theologiestudium wegen eines Nervenzusammenbruchs ab. Noch nicht genug Einsatz, um Gott zu veranlassen, mich zu verändern? Freunde wollten helfen: "Wir stehen zu dir!“ Aber schwul leben, nein, das darfst du nicht. Als ich aussprach, es doch zu wollen, trennten sich unsere Wege. Das heißt, ich trennte mich von ihnen. Was für eine Bilanz: 40 Jahre alt und nur gekämpft? Für was? Warum? Ich lebte die Erwartung der Frommen und dachte, es sei Jesus, dem ich folge. Tief in mir trug ich jedoch die Ahnung, dass Gott eigentlich anders sein müsste, als alle behaupteten. In der Zeit nahm ich wieder Kontakt zu Frank auf, der mit mir zusammen beim Living Waters-Kurs war. Er hatte seinen Weg als schwuler Christ gefunden. Den Kontakt zu ihm hatte ich wegen meiner frommen Freunde abgebrochen. Sie fürchteten seinen Einfluss auf mich. Jetzt wollte ich wissen, was aus ihm geworden war. Was ich hörte, begeisterte mich. Er lebte mit Gott und seinem Schwulsein. Und es gab noch mehr Männer und Frauen, die schwules Leben und Christsein nicht mehr als „Widerspruch“ akzeptierten. So kam ich in den Hauskreis, der mich durchatmen ließ und mir half, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Inzwischen wissen auch meine Eltern und meine Schwester um mein Schwulsein. Gute, fromme Freunde zeigten sich liebevoll und ermutigend. Ich habe das Gefühl: Mein Leben fängt jetzt erst an. Gott ist gut zu mir, so wie ich bin. Es geht nicht um die theologische Rechtfertigung meiner Homosexualität. Sondern darum, dass ich sagen kann: Ich bin gerne schwul und ich bin von Gott so angenommen, wie ich bin. Diese evangelische Wahrheit erfasst mich nun umfassend. InfoWüstenstrom / Living Waters Ziel ist es, die sexuelle Orientierung von Homosexuellen zu verändern. Wüstenstrom sieht HS als Fehlentwicklung in der Reifung sexueller Identität an. Nach Angaben des Vereins werden „Angebote" für Menschen gemacht, die mit ihrer Identität als Frau und Mann oder mit ihrer sexuellen Orientierung Probleme haben.“ © 2006 Andreas Linden
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