Was mir am Herzen liegt...

„Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ (Joh 21,17) Nichts traf mich in meinem ganzen Christsein so schmerzhaft wie der immer wiederkehrende Vorwurf, homosexuell zu leben, bedeute offensichtlich, Jesus nicht zu lieben. Lange genug hatte ich das ja selbst geglaubt.

Dass ich homosexuell bin, stand für mich fest, seitdem ich siebzehn war. Allerdings brachte ich die nächsten siebzehn Jahre mit dem Versuch zu, anders zu werden und anders zu leben. Das schien mir und allen, mit denen ich darüber sprach, der einzige Weg, den man als ernsthafter Christ gehen konnte.

Es änderte sich nur eben nichts, allem Kämpfen, Beten und Glauben zum Trotz... Die Spannung, nicht als der Mensch leben zu können, der ich doch nun mal war, wurde für mich immer unerträglicher, und als ich meine jetzige Lebenspartnerin kennen lernte, war ich mit meinem "Latein" ohnehin bereits am Ende.

Der Schritt, meine Homosexualität auch zu leben, fand unter langen inneren Kämpfen statt, voller Zaghaftigkeit und Zerrissenheit, warf er doch das, was ich bisher als Leitlinie meines Lebens geglaubt hatte, über den Haufen. Der Druck durch Mitchristen, die natürlich alle nur mein Bestes wollten, tat sein Übriges, so dass ich mich häufig wie ein in die Ecke getriebenes Tier fühlte, dem man keinen Ausweg lassen wollte.

Was man mir nicht alles prophezeite – ich würde Gottes Segen verlieren, mich zwangsläufig immer mehr vom Glauben entfernen, schließlich von Jesus abfallen, mich und meine Partnerin ins Unglück stürzen, usw., usw. Die kleinlaute Aussage des Petrus, Jesus wisse doch, dass er ihn liebe, wurde zu meinem stehenden Gebet. Denn eins wollte ich mir auf keinen Fall wegnehmen lassen - meine Beziehung zu Gott.

Beim Lesen der Evangelien entdeckte ich, wie oft eigentlich Menschen von Jesus fern gehalten oder weggeschickt werden sollten. Der blinde Bettler Bartimäus, die Sünderin mit dem Salböl, die kleinen Kinder, der Zöllner Zachäus, die blutflüssige Frau, die Mutter mit dem kranken Kind, die hungrigen Fünftausend, die Freunde des Gelähmten... Sie alle sollten daran gehindert werden, zu Jesus zu gelangen oder bei ihm zu bleiben - weil die sogenannten guten Sitten es verboten oder das Gesetz, weil man es ihnen nicht gönnte, weil sie peinlich waren, weil man solche nicht bei sich haben wollte, weil es Mühe machte, usw. Und leider sind es meistens die Jünger, die dabei die unrühmliche Rolle spielten und sich dazwischen stellten.

Ich würde so gerne jedem auf diesem Weg Mut machen, sich bloß nicht von Jesus wegbringen zu lassen !!!

Denn all diese Jesus-Sucher hatten etwas Besonderes - sie ließen sich einfach nicht davon abbringen, zu Jesus zu kommen! Sie haben sich durchgeschrieen, durchgedrängt, durchgeschlichen, durchgeklettert, durchgewartet - so lange, bis sie bei Jesus angelangt waren, egal, wer und was sich in den Weg stellte. Und - sie waren bei Jesus willkommen - ohne Vorurteile, ohne Vorhaltungen, ohne Berührungsängste. Für ihn zählte nicht, was seine Jünger über diese Menschen dachten. Er sah ihnen allen ins Herz.

GOTT SEI DANK – ich habe es ihnen "einfach" nachgemacht. Und nichts von dem, was man mir vorhergesagt hat, ist eingetroffen. Meine Beziehung zu Jesus ist tiefer (und befreiter) geworden. Ja, meine Partnerin kam sogar zum Glauben.

Aber es ist manchmal auch ein schmerzhafter Weg. In konservativen Gemeinden stehe ich natürlich seitdem am Rande. Nicht wenige christliche Freunde habe ich auch verloren.

Umso dankbarer bin ich für den Kontakt zu den Zwischenräumlern, selbst wenn hauptsächlich nur per em@il - es tut gut zu wissen, dass man gar nicht so einsam ist, wie man lange dachte! Es ist schön, sich gemeinsam nach diesem Jesus auszustrecken – ohne sich vor anderen verteidigen oder rechtfertigen, ohne etwas geheim halten zu müssen.

Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.

© 2004 Valeria