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Verliebt - verpartnert - geschieden?Was ist von den Scheidungszahlen in Skandinavien zu halten?Vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung wurde im Juni 2004 eine Studie<1> veröffentlicht, die über die Scheidungsrate homosexueller Lebenspartnerschaften im Vergleich zu heterosexuellen Ehen berichtet. Ausgewertet werden dabei Zahlen aus zwei Ländern, in denen eheähnliche staatliche Regelungen homosexueller Partnerschaften schon länger existieren: Norwegen (seit 1993) und Schweden (seit 1995). Längst kann man einige Zahlen daraus natürlich in der konservativen Presse nachlesen, die sich nur darin bestätigt sieht, daß Homosexuelle beziehungsunfähiger seien als Heterosexuelle. Kurz gesagt, lag das Scheidungsrisiko für männliche Partnerschaften um 50% höher als bei heterosexuellen Ehen, das Risiko für Frauenpartnerschaften war dabei noch einmal doppelt so hoch wie das der Männer. Haben die Gegner homosexueller Partnerschaften also doch Recht? Kann man gegen solche "knallharten Zahlen", noch dazu von einem renommierten Institut vorgelegt, überhaupt etwas einwenden? Der Rückschluß, Homosexuelle müssten beziehungsunfähiger sein, ist der der schnellen Logik. Aber gerade solche Studien zeigen, wie wichtig es ist, sich Zahlen genauer anzuschauen und differenziert zu werten. Was macht dann schnelle Logik z.B. aus den knallharten Zahlen zu den Scheidungsraten in den USA (Ergebnis einer Untersuchung der Barna Research Group, einer gewiss nicht anti-evangelikal eingestellten Organisation)? Sie lag 1999 bei Christen (24%) höher als bei Nichtchristen (21%), dabei unter denen, die sich als "born again" bezeichneten, noch höher (27%), und unter denen, die keiner offiziellen Denomination angehörten (das sind zumeist sehr konservative christliche Gruppierungen) am höchsten (30%)<2>. Offensichtlich kann christlicher Glaube dann ja nur schädlich für die Ehe sein, und offenbar macht ernst genommener Glaube dann um so beziehungsunfähiger? Eine solch platte Schlußfolgerung würde ich nicht akzeptieren. Aber ich erwarte dann auch zu anderen Studien, auch wenn sie noch so sehr ins Konzept passen, etwas mehr Differenziertheit! Bevor ich auf die skandinavischen Zahlen zurückkomme, noch etwas zum Begriff "Scheidungsrate". Meist wird darunter einfach das Verhältnis aller geschlossenen zu allen geschiedenen Ehen eines Landes in einem bestimmten Zeitraum, meist innerhalb eines speziellen Jahres, verstanden. In Deutschland lag die Scheidungsrate z.B. 2003 bei 52% (Eheschließungen 391.963 - Ehescheidungen 204.214). Ganz ähnliche Zahlen um 50% werden aus Schweden und Norwegen berichtet<3>. übrigens auch aus den USA<4>. Warum die obengenannten Zahlen deutlich darunter lagen, wird gleich deutlich. In manchen Untersuchungen wird nämlich eine ausgewählte, also eine "geschlossene" Gruppe Verheirateter untersucht und ihre konkrete Scheidungsrate über einen bestimmten Zeitraum hinweg erfaßt - so in den meisten Barna-Untersuchungen und eben auch in der vorliegenden Studie aus Skandinavien. Dabei fallen die Ergebnisse natürlich geringer aus, da zukünftige Scheidungen der konkreten Paare noch nicht erfasst, und der aktuellen Ehe vorangegangene Scheidungen nicht berechnet werden. Auch diese Rate nimmt aber mit der Länge des überblickten Zeitraums zu, und würde die absolute Scheidungsrate irgendwann erreichen. Wichtig ist, daß man diese Zahlen jedoch nicht verwechselt oder wahllos miteinander vergleicht. Wie fielen die skandinavischen Ergebnisse aus? Erfaßt wurden die geschlossenen Partnerschaften in Schweden von 1995-2002 und Norwegen von 1993-2001 sowie geschlossene Ehen in Schweden von 1993-1999 und miteinander verglichen. Einige der Ergebnisse sehen tabellarisch zusammengefaßt folgendermaßen aus:
Mehrere Dinge fallen auf, die ich kurz beleuchten möchte:
1) Geringe AnzahlWer sich über die kleine Zahl von 1293 Partnerschaften in Norwegen und 1526 in Schweden (insgesamt 2879) wundert, die wir in Deutschland längst überboten haben, sollte bedenken, daß Norwegen (4,5 Mio) und Schweden (8,8 Mio) zusammen nicht mal ein Fünftel der Einwohner Deutschlands besitzen. Die geringe Anzahl führt allerdings dazu, daß die statistische Bedeutsamkeit (Signifikanz) dieser Daten nicht sehr hoch ist. Man bedenke: in Norwegen haben sich innerhalb von 8 Jahren 56 Frauenpaare wieder geschieden, das macht durchschnittlich gerade einmal sieben Paare pro Jahr für ein ganzes Land! Solche Minimalzahlen öffnen natürlich Zufallseinflüssen Tor und Tür. Bei nur zwei Scheidungen pro Jahr mehr oder weniger, würde dies die Scheidungsrate bei den norwegischen Frauen bereits drastisch verändern: von 11,3% auf 14,5% bzw. auf 8% - letzteres wäre zur Ehescheidungsrate identisch. Bei einer Gesamtzahl von 222000 wie bei den Ehen gleichen sich zufällige Einflüsse in der Regel aus, bei kleinen Gruppen dagegen treten fast zwangsläufig Verzerrungseffekte auf. Wie "störanfällig" kleine Zahlen sind, zeigt bereits die hohe Streuung der Einzelquoten z.B. im Ländervergleich. 2) StreubreiteVergleicht man die norwegischen mit den schwedischen Zahlen, ergeben sich extreme Schwankungen, die fast einer Verdoppelung entsprechen. Es kann natürlich sein, daß der schwedische Mensch doppelt so scheidungsfreudig ist wie der norwegische? Leider liegen keine entsprechenden Zahlen für vergleichbare norwegische Ehen dieses Zeitraums vor, aber die absoluten Scheidungsraten unterscheiden sich für die heterosexuellen Ehen in Norwegen und Schweden kaum. Vermutlich ist also hier der Zufall am Werk, der aber die Datenlage fragwürdig erscheinen läßt. Möchte man den Zufall in Abrede stellen, so höre und staune man, was uns diese Zahlen dann beweisen würden: Norwegische Schwule sind nach harten Daten die besten Eheleute von allen! Glückwunsch an die norwegischen Männer, Eure Scheidungsrate unterbietet die heterosexuellen Schweden! Diese Zahl findet man natürlich in der konservativen Presse nicht. 3) Geschlechtsspezifische UnterschiedeAuffällig ist die Streubreite vor allem im Geschlechtervergleich: 7,8% norwegischer Männer- zu 20% schwedischer Frauenpaare haben sich scheiden lassen, länderspezifisch liegt das Verhältnis Männer zu Frauen jeweils bei 1:1,4. Ein entsprechender Trend besteht in Dänemark (1:1,6)<5>, so daß hier wahrscheinlich nicht nur der Zufall Pate steht. Frauen, ich sage es ungern - aber Frauen sind heutzutage scheidungswilliger, und zwar nicht nur die homosexuellen (vielleicht stellen Frauen höhere Ansprüche an eine Beziehung?). Verschiedenen Datenquellen aus Norwegen, Deutschland oder den USA zufolge, gehen Ehescheidungen bei Heterosexuellen in mindestens zwei Drittel der Fälle von den Ehefrauen aus<6>, d.h. zweimal so viel Frauen wie Männer (2:1) initiieren die Scheidung. Damit liegen die homosexuellen Frauen, obwohl sie doch im Doppel aufeinandertreffen, anscheinend noch auf einer etwas duldsameren Ebene?! 4) Ungleicher ZeitraumWie ich oben erklärt habe, nimmt (zumindest in einer Gesellschaft mit steigender Scheidungsquote) die Zahl der Scheidungen bei geschlossenen Gruppen zu mit der Dauer des Beobachtungszeitraums, da sich mit der Zeit immer mehr der bereits vorhandenen Paare scheiden lassen. Nun werden aber 8 bzw. 9 Jahre für die homosexuellen Partnerschaften mit 7 Jahren für die Ehepaare verglichen. Das hat mit der speziellen Datenverfügbarkeit für die Autoren zu tun und sicher nichts mit antihomosexueller Voreingenommenheit Aber es beinhaltet natürlich schon eine gewisse Verfälschung, denn in den fehlenden Jahren hätten sich ja weitere Ehepaare geschieden, die jetzt aus der Statistik einfach herausfallen. Zwar wurden in dieser Zeit auch neue Ehen geschlossen, dies hätte einen Anstieg aber nicht verhindert. Denn die fehlenden Jahre entsprechen den "moderneren", also denen mit den zunehmenden Scheidungszahlen: für die Ehen endet der Beobachtungszeitraum 1999, für die homosexuellen Partnerschaften 2001 (Norwegen) bzw. 2002 (Schweden). Als Veranschaulichung liegen mir leider nur deutsche Zahlen vor<7> (wie gesagt, die Scheidungsraten liegen für Norwegen und Schweden aber ähnlich). 1999 betrug die Scheidungsrate in Deutschland 44%. In den 5 Jahren zuvor hatte sie "nur" um 4,6% zugenommen: von 39,4% im Jahr 1995 auf 44%. In den 5 folgenden Jahren von 44% bis zu den oben erwähnten 52% im Jahr 2003 aber um 8%. D.h. der Anstieg der Scheidungsrate unterliegt einer Beschleunigung, je mehr wir uns der Gegenwart nähern. Hätte man also noch die Jahre 2000 und 2001 für die schwedischen Ehen in unserer Studie hinzugerechnet, würde sich das Verhältnis weiter angleichen. Und die norwegischen schwulen Paare wären die noch klareren Gewinner des skandinavischen Haltbarkeitswettbewerbs... 5) Binationale EhenNach den Autoren scheint der Abschluß einer homosexuellen Partnerschaft staatlicherseits ein auf den reinen Verwaltungsakt beschränktes Verfahren vor einem Notar oder Juristen ohne feierlichen Rahmen zu sein. Die Kirchen bleiben ohnehin verschlossen. Sowohl Ehe als auch Partnerschaft sind in Skandinavien mit geringeren Pflichten verbunden als in Deutschland<8>. Betrachtet man den außergewöhnlich hohen Anteil der gemischtnationalen Partnerschaften, liegt natürlich schon der Verdacht nahe (letztlich bleibt dies Spekulation), daß hier ein "green-card-Phänomen" auftrat, d.h. ein Teil der Registrierungen eher als juristisches Mittel zur Einbürgerung genutzt wurde. Allerdings muß auch hier wieder ein zufälliger Verzerrungseffekt einkalkuliert werden, denn erstaunlicherweise liegen wiederum die norwegischen Frauen noch hinter den schwedischen Ehepaaren. Der Beobachtungszeitraum überblickt die "Pionierjahre" der homosexuellen Partnerschaften in beiden Ländern gegenüber der längst etablierten Einrichtung Ehe. Evtl. könnte hier der Neuheitseffekt einer Möglichkeit, die Einbürgerung zu erreichen, eine Rolle spielen. Irgendwann wird es sich auch bei Homosexuellen herumsprechen, daß das Eingehen einer reinen Green-card-Beziehung eine persönlich recht belastende Art der Ausländerfreundlichkeit ist<9>. Uuml;brigens steigt in allen untersuchten Partnerschaftsgruppen, ob männlich oder weiblich, ob homosexuell oder heterosexuell, die Scheidungsrate mit der Ausprägung der nationalen Verschiedenheit deutlich an (unterschieden wird in "nordisch", "europäisch", "nicht-europäisch"), so daß hier für die überrepräsentativ vertretenen binationalen homosexuellen Partnerschaften auch ein besonderer Belastungsfaktor bestand. 6) Vorangegangene ScheidungenGrundsätzlich kann man davon ausgehen, daß die in der Statistik erfaßten Personen, ob homosexuell oder heterosexuell, den bindungswilligeren Teil der Gesellschaft widerspiegeln. Uuml;blicherweise werden bei der Scheidungsrate einer konkreten Population die der aktuellen Ehe vorangegangenen Scheidungen nicht in die Statistik einbezogen. Soziologisch gesehen sind für das Kriterium "vorangegangene heterosexuelle Ehe" natürlich Homosexuelle und Heterosexuelle auch kaum vergleichbar<10>. In der Regel wird die Frage von christlicher Seite aber quasi vom moralischen Standpunkt aus gestellt: Wie beziehungsfähig sind überhaupt die abnormalen Homosexuellen gegenüber der Norm der Heterosexuellen? Dann kann man freilich den Punkt vorangegangener Ehen nicht außer Acht lassen. Denn was die Willigkeit, eine Beziehung aufrechtzuerhalten, betrifft, bringen die schwedischen Eheleute eben eine erhebliche Altlast mit: bei mehr als einem Viertel der Paare (27% bezogen auf mindestens einen der beiden Partner) handelte es sich bereits um die zweite Ehe. Diese Gruppe hat insgesamt also wesentlich mehr Scheidungen hinter sich gebracht, als es die innerhalb der sieben Jahre erhobenen 8% wiedergeben! Für eine Ehescheidung können individuell völlig nachvollziehbare, wahrhaft not-wendige Gründe vorliegen. Statistisch gesehen ist bei einer hohen Zahl beobachteter Personen die Scheidungsrate aber tatsächlich der Ausdruck einer rückläufigen Bindungswilligkeit, wenn eine Beziehung nicht mehr den gehegten Vorstellungen entspricht. Bei Homosexuellen liegt die Situation noch einmal anders. Die immerhin auch recht hohe Rate vorangegangener heterosexueller Ehen von durchschnittlich 21%, vor allem bei den Frauen, weist auf einen besonderen Sachverhalt hin: Nicht wenige Homosexuelle gehen eine Ehe ein, weil ihr soziokulturelles Umfeld gar keinen anderen Lebensentwurf als den heterosexuellen kennt oder zuläßt. (Soo liberal sind nämlich auch die skandinavischen Länder nicht. Meines Wissens gibt es dort auch nach langen Jahren Partnerschaft noch kein Pendant zu der in manchen deutschen evangelischen Kirchen möglichen Segnung.) Wenn der Versuch, der Norm durch eine Ehe zu entsprechen, dann aufgrund der eigentlichen sexuellen Orientierung mißlingt, ist das nicht unbedingt der Ausdruck einer Beziehungsunfähigkeit an sich. 7) "Ehemoral"Auffällig ist, wie viele heterosexuelle Paare bereits gemeinsame Kinder vor der Eheschließung hatten (selbst wenn man annehmen wollte, daß die 27% der bereits vorher schon einmal Verheirateten alle Kinder aus erster Ehe mitgebracht hätten). Auch umgerechnet auf die niedrigere Bevölkerungszahl gehen verhältnismäßig wesentlich weniger Schweden eine Ehe ein als in Deutschland. Offenbar hat Ehe keine Hochkonjunktur in Schweden, ein Tatbestand, der häufig für die skandinavischen Länder beklagt wird. Aber die Ursache erfährt der geneigte Leser auch bald, wenn er nur an richtiger Stelle sucht: die homosexuellen Partnerschaften sind schuld. Ihrem unheilvollen Einfluß ist es zu verdanken - Originalton Kath.net (katholisches Internetportal): "Europäische Studien zeigen: Homo-,Ehe' schwächt Ehe und Familie... Weniger Eheschließungen, mehr außereheliche Geburten, eine hohe Scheidungsrate: Das ist die Realität in Schweden, Dänemark und Norwegen seit Legalisierung der Homosexuellen-"Ehe"."<11> Und von Focus on the Family aus Amerika kommen natürlich ganz ähnliche Töne:" The legalization of homosexual marriage will quickly destroy the traditional family... We've already seen evidence from the Scandinavian countries".<12> Diese Art statistischer Beweisführung erinnert doch stark an die kausale Verknüpfung der sinkenden Geburtenrate mit der rückläufigen Klapperstorchpopulation! Da dürfte wenn, die Liberalität (mit all ihren positiven wie negativen Seiten) doch wohl eher die Henne, und die Einführung staatlich anerkannter Lebenspartnerschaften außerhalb der traditionellen Ehe das Ei gewesen sein... Und wie merkwürdig - die Scheidungszahlen in Dänemark und Norwegen sind langsam wieder rückläufig<13>. Sind daran nun auch wieder die Homosexuellen schuld - mit ihrem penetranten weltweiten Eintreten für eine staatliche Absicherung verbindlicher Partnerschaften zum Beispiel? Die neuesten Barna-Zahlen<14> sind geradezu good news für die USA: die Scheidungsrate in der Umfrage 2004 liegt unter den Befragten zwar nicht mehr nur um 21-30%, sondern inzwischen bei 33%, aber dafür sind jetzt Born-again's und Nichtchristen wieder gleichauf. Haben vielleicht unter den von Januar bis September 2004 Befragten manche Christen in letzter Sekunde vor der Scheidung zurückgeschreckt, weil sie die Schlangen heiratswilliger Schwuler und Lesben in San Francisco so beschämt haben? Scherz beiseite. Aber wie Kath.net oder Focus on the Family mit ein paar Statistik-Zahlen Kausalitätsspielchen zu betreiben im Sinne der eigenen Meinung, wurde schon zu oft in der Geschichte benutzt, um Leichtgläubige zu beeinflussen - um so trauriger, wenn in diesem Fall die Leichtgläubigen die Gläubigen sind! Nun finde ich es tatsächlich gar nicht verwunderlich, wenn homosexuelle Partnerschaften womöglich etwas höhere Scheidungszahlen aufweisen als heterosexuelle Ehen - obwohl ich davon überzeugt bin, daß Homosexuelle nicht per se beziehungsunfähiger sind als Heterosexuelle. Sie unterliegen aber ganz anderen Belastungen und Herausforderungen. Die Lebenspartnerschaft für Homosexuelle ist eine junge Einrichtung. Anders als die Ehe hat sie keine Tradition, keine gewachsenen Strukturen, geringere gesellschaftliche Akzeptanz und noch kaum positive Rollenvorbilder. Was wäre wohl, wenn die Ehe erst vor 10 Jahren "erfunden" worden wäre, und Heterosexuelle als geächtete Minderheit bis dahin vor allem ins Rotlichtmilieu abgedrängt worden wären? Homosexuelle haben nach wie vor seltener familiären Rückhalt als Heterosexuelle, sehr viele Partnerschaften müssen mit der teils massiven Ablehnung mindestens eines Elternteils leben. Dort, wo Ehepaare die meiste Verstärkung erfahren, erleben Homosexuelle in der Regel den schärfsten Gegenwind. Welches homosexuelle Paar könnte wohl in einer Beziehungskrise auf eine die Partnerschaft stützende Seelsorge in einer evangelikalen Gemeinde hoffen? Homosexuelle haben sich verständlicherweise häufig von allem Bürgerlichen abgekehrt, sei es im Lebensstil oder in ihrer politischen überzeugung und Gesellschaftsauffassung. Die Maximen der sexuellen Revolution hatten für viele Homosexuelle nicht nur den Wert einer politischen Meinung, sondern boten die Möglichkeit, eine eigene, identitätsstärkende Gegenkultur aufzubauen. Interessanterweise verliert dies wohl immer mehr an Bedeutung, sobald Homosexuelle als ganz normaler und vollwertiger Bestandteil einer Gesellschaft akzeptiert werden. Christlichem Glauben und biblischen Werten steht die Mehrzahl Homosexueller entfremdet gegenüber. Ist das ihre Schuld? Ist es nicht vielmehr die Kirche, die darin die Frucht ihres Versäumnisses erntet, für Homosexuelle ein positives christliches Lebens- und Beziehungskonzept zu entwerfen (das ja nicht jeder bejahen muß!)? Ich bin sehr gespannt und eigentlich voller Zuversicht, daß homosexuelle Lebenspartnerschaften ihre Kritiker auf Dauer noch das Wundern lehren werden. Darum sollten plakativ aufbereitete "harte Zahlen" zur Scheidung auf skandinavisch niemand entmutigen. Ich bin alles andere als ein Statistikgenie (und lasse mich gerne berichtigen bei meinen Berechnungen). Aber um zu anderen Ergebnissen zu kommen, als einem simplen "hohe Scheidungszahlen bei Homo-Ehen", braucht man nur ein wenig Verstand zum Hinschauen und Nachdenken - und vielleicht vor allem ein offenes Herz. Letzteres ist das, was ich an all diesen Schlagzeilen in der christlichen Presse am meisten vermisse. Aber wer nicht um der Liebe und der Wahrheit willen bereit ist, mit Datenmaterial differenziert umzugehen, wird auch weiterhin genügend Datenhäppchen finden, mit denen er seine Vorurteile füttern kann. Denn - wie ich schon einmal sagte - "Liebe kann man nicht zählen, wenn man ohne Liebe zählt". Fußnoten1. Andersson, Noack et al., The Demographics of Same-Sex "Marriages" in Norway and Sweden, Juni 2004 http://www.demogr.mpg.de/papers/working/wp-2004-018.pdf 2.Zahlen der Barna-Studie von 1999, (zit nach http://www.religioustolerance.org/chr_dira.htm). Die Barna Research Group ist eine Umfragen durchführende Organisation mit Fokussierung auf konservativ-christliche Themen. Barna-Zahlen werden in christlichen Medien häufig zitiert, zur Scheidungsrate auf den ersten Blick verwirrend widersprüchlich: da quasi jedes Jahr neue Zahlen veröffentlicht werden, schwanken die Angaben. 3. Migration und Gender 2002 (http://www.kfhnw.de/bindata/Tagungsbericht_Migration_und_Gender.pdf.>) 4. Jim Killam, Don't Believe the Divorce Statistics, Christianity Today 1997 (http://www.christianitytoday.com/mp/7m2/7m2046.html) 5. Marian Jones, Lessons from gay marriages, 1997 (http://www.psychologytoday.com/articles/index.php?term=pto-19970501-000017) 6. Deutschland: Silber, Verlassene Väter, 2004 (http://www.exentreff.de/propublish/art.php?artid=30) Norwegen: Knoller, Das Ombud, 2002 (http://www.freitag.de/2002/04/02041801.php) 7. Beck, Ehe- und Scheidungszahlen Deutschland, 1999 (http://www.scheidungsfamilie.de/statistik.php?dbstart=0) 8. Andersson, Noack et al., The Demographics of Same-Sexualität "Marriages" in Norway and Sweden, 2004, S. 3 9. Da in Deutschland mit der Lebenspartnerschaft klare finanzielle Verpflichtungen für den besser situierten Partner gegenüber Arbeits-/Sozialamt bestehen, dürfte dies bei uns eine untergeordnete Rolle spielen. 10. Man müßte hierfür die Zahl vorheriger gescheiterter homosexueller Langzeitbeziehungen mit einkalkulieren können, und dann konsequenterweise auch die vorangegangenen heterosexuellen Beziehungen ohne Trauschein etc., etc. Eine korrekte Vergleichbarkeit scheitert hier aber bereits an der Altersdifferenz: aus nachvollziehbaren Gründen lag der Altersdurchschnitt bei den homosexuellen Paaren wesentlich höher (die Einrichtung der offiziellen Partnerschaft existierte ja erst ganz neu). 11. Januar 2004 (http://www.kath.net/detail.php?id=6900) 12. James Dobson, Eleven Arguments Against Same-Sex Marriage, 2004 (http://www.family.org/cforum/extras/a0032427.cfm) 13. s. z.B. http://www.evangeliumszentrum.de/partnerschaften/Mission%20Fresz/f_brief.htm / oder http://www.web-media.at/451930.htm 14. Barna Research Group, Born Again Christians Just As Likely to Divorce As Are Non-Christians, 2004 (http://www.barna.org/FlexPage.aspx?Page=BarnaUpdateNarrow&BarnaUpdateID=170) © 2004 V. Hinck
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