BIBELAUSLEGUNG, ANDERE BIBELARBEITEN

Als Jesus auf den Hund kam – Gedanken zur Begegnung zwischen der kanaanäische Frau und Jesus (Mt 15,21-28 und Mk 7,24-30)

Matthäus:
Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her. Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Markus:
Jesus brach auf und zog von dort in das Gebiet von Tyrus. Er ging in ein Haus, wollte aber, dass niemand davon erfuhr; doch es konnte nicht verborgen bleiben. Eine Frau, deren Tochter von einem unreinen Geist besessen war, hörte von ihm; sie kam sogleich herbei und fiel ihm zu Füßen. Die Frau, von Geburt Syrophönizierin, war eine Heidin.
Sie bat ihn, aus ihrer Tochter den Dämon auszutreiben. Da sagte er zu ihr: Lasst zuerst die Kinder satt werden; denn es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Sie erwiderte ihm: Ja, du hast recht, Herr! Aber auch für die Hunde unter dem Tisch fällt etwas von dem Brot ab, das die Kinder essen. Er antwortete ihr: Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen. Und als sie nach Hause kam, fand sie das Kind auf dem Bett liegen und sah, dass der Dämon es verlassen hatte.

Ich glaube, es gibt nicht wenige Christen, denen es lieber wäre, wenn sie diese Geschichte aus den Evangelien streichen könnten, scheint sie doch unser ganzes Verständnis von Jesus so völlig gegen den Strich zu bürsten!

Nehmen wir an, jemand, der zum ersten Mal die Evangelien liest, kommt schließlich an diesen Abschnitt. In den ersten Zeilen scheint es sich um einen Routinefall zu handeln. Jemand bittet Jesus voll Hoffnung um Hilfe und Heilung. Zweifellos wird Jesus (wie in all den anderen Berichten zuvor) jetzt allenfalls noch eine Frage an die Frau richten: "Was willst du?" oder "Glaubst du?", aber dann unverzüglich die erbetene Heilung gewähren.

Ein Routinefall. Alles kommt dem Evangelienleser schließlich bekannt vor: Dass jemand für eine andere Person, die er liebt, bittet – wie z.B. Jairus oder der Hauptmann von Kafarnaum. Dass es um Heilung von dämonischer Besessenheit geht – wie der Mann aus den Grabhöhlen oder der schreiende Mann in der Synagoge. Dass jemand sich durch lautes Rufen Gehör verschaffen muss – wie Bartimäus oder die zehn Aussätzigen. Ein Routinefall.

Aber – der weitere Verlauf will nicht zu den gewohnten Heilungsgeschichten passen. Was ist denn in Jesus gefahren? Warum will er der Frau nicht helfen? Warum sagt er nichts? Und als er endlich etwas sagt, warum erniedrigt er die arme Frau derartig? Man bzw. frau muss keine eingefleischte Feministin sein, um die Reaktion Jesu nicht nur schwierig, sondern ausgesprochen ärgerlich zu finden...

Kein Kommentator, der mit diesem Text nicht seine liebe Not hat. Von daher gibt es auch äußerst verschiedene Auslegungen zu dieser Geschichte. Die Spannweite umfasst einerseits die besonders "fromme" Version, Jesus habe absichtlich den Glauben der Frau prüfen wollen und die Annäherung an Gott beinhalte schließlich, dass der Mensch sich zu demütigen habe. Das andere Extrem stellt die eher feministische Variante dar: Die hartnäckige Frau habe aus ihrer mütterlichen Liebe heraus einen dem Prinzip verhafteten jüdischen Rabbi namens Jesus erst dazu gebracht, seinen Blick auch auf Nichtjuden zu richten und Gottes Heil auch ihnen zugänglich zu machen. Dann wäre die Kanaanäerin quasi erst die "Wegbereiterin der Weltmission"... Beides scheint mir herzlich wenig zu dem Jesusbild zu passen, das uns die Evangelien sonst vermitteln.

Ich muss zugeben, dass mich diese Geschichte lange Jahre auch nur provoziert (und doch gleichzeitig fasziniert) hat. Ich will versuchen darzustellen, warum sie heute zu meinen Lieblingsgeschichten gehört - ja, mich dieses seltsame Verhalten Jesu gerade so besonders berührt.

Jesus handelte hier nicht zuletzt deswegen ungewöhnlich, weil die ganze Situation ungewöhnlich war. Schauen wir uns die Rahmenbedingungen also einmal näher an.

Jesus hat sich aus Israel zurückgezogen in "das Gebiet von Tyrus und Sidon", eine Gegend, in der zwar auch Juden, hauptsächlich aber "Heiden", vor allem syrophönizischer Herkunft, lebten. Das mag mehrere Gründe haben. Jesus hatte schon mehrfach Anfeindung erlebt und die ersten Gegner hatten bereits den Entschluss getroffen, ihn umzubringen (Mt 12,14). Nicht zum ersten Mal zieht sich Jesus deshalb in eine andere Gegend zurück, um der Verfolgung aus dem Weg zu gehen (Joh 4,1-3). Markus legt uns noch einen zweiten Beweggrund nahe. Jesus brauchte dringend eine "Retraite". Gerade bei Markus und auch Lukas wird immer wieder betont, unter welchem Menschenandrang Jesus und seine Jünger geradezu zu leiden hatten: Wo immer er sich blicken ließ, strömten sofort die Menschen zusammen, brachten ihre Kranken zu ihm (Mk 6,54-56) und drängten sich so um ihn, dass sie ihn beinahe erdrückten (Lk 8,42). So wenig wollte der tagtägliche Ansturm enden, dass sie nicht einmal Zeit zum Essen fanden, und wenn sie den Versuch unternahmen, in einer abgelegenen Gegend am See Genezareth etwas Ruhe zu finden, wurden sie von der Menge hartnäckig verfolgt (Mk 6,31-33).

Kein Wunder also, wenn Jesus nun, in Syrophönizien angekommen, nicht wollte, dass jemand davon erfährt (Mk 8,24). Vielleicht hoffte er, unter der nichtjüdischen Bevölkerung noch unbekannt genug zu sein. Freilich erging es ihm hier genauso wie dort: "Es konnte nicht verborgen bleiben". Allerdings hatte es Jesus seinerzeit am Genezareth, als die Menschenmassen ihn bis zu seinem Ruheort verfolgten, nicht über's Herz gebracht, jemanden abzuweisen. "Sie jammerten ihn", weil sie "wie Schafe waren, die keinen Hirten hatten" (Mk.6, 34), und er hatte sich wiederum unermüdlich um sie gekümmert. Die Ablehnung der kanaanäischen Frau liegt also wohl nicht darin begründet, dass Jesus einfach zu "abgenervt" war, um ihr zu helfen.

Hat Gott oder hatte speziell Jesus grundsätzlich etwas gegen Nichtjuden? Schließlich liegt die Begründung seiner Ablehnung in seinem Auftrag, den er von Gott erhalten hat: nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt zu sein. Auch seine Jünger hatte Jesus seinerzeit mit identischen Worten nur zu diesen "verlorenen Schafen des Hauses Israel" geschickt und heidnische und samaritanische Städte explizit ausgenommen (Mt 10,5+6).

Musste die Frau Jesus tatsächlich erst Nachhilfe darin erteilen, dass das Heil nicht nur für die Juden reserviert war? Aber Jesus hatte ja bereits Nichtjuden geheilt: z.B. den Knecht des Hauptmanns von Kafarnaum (Mt 8,5f). Auch der (m.E. nicht mit ihm identische) Sohn des königlichen Beamten (Joh 4,46f) war eventuell kein Jude, und auf keinen Fall der aussätzige Samariter (Lk 17,16f, wobei diese Heilung zeitlich später liegen mag). Frühzeitig hatte Jesus selbst einem ganzen samaritanischen Dorf die Botschaft von den kommenden Zeiten der wahren Anbetung Gottes verkündet und sich als "Retter der Welt" zu erkennen gegeben (Joh 4,23-26+40-42). Die jüdischen Zuhörer seiner Heimatstadt hatte er gerade mit dem Hinweis verärgert, dass Gott schon zu Zeiten der Propheten Elia und Elisa einige besonders herausragende Wunder nicht an Israeliten, sondern an Heiden vollbracht hatte – unter anderem ausgerechnet an einer Frau, die ebenfalls "aus dem Land der Sidonier" stammte (Lk 4,25-27).

Zwar kam Jesus als der verheißene Messias der Juden, aber sicherlich in dem Bewusstsein, was mit vielen Messias-Prophezeihungen bereits verbunden war: eben nicht nur der Retter Israels, sondern derjenige zu sein, der auch "den Völkern Frieden verkündet" (Sach. 9, 10), gesetzt als "Licht für die Heiden" (Jes 42,6; 49,6). Den Gedanken universellen Heils brauchte er kaum aus dieser Episode zu lernen - er stand ja auf dem Fundament des Alten Testaments, in dem bereits Abraham verheißen wurde, dass in seinem Nachkommen die ganze Welt gesegnet werden solle (Gen 22,18). Und Jesus selbst deutete an, dass er in kommenden Zeiten nicht nur für die "Schafe Israels", sondern auch für "andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind", der gute Hirte werden würde (Joh 10,16).

Nicht der Heils plan Gottes war es, in dem Jesus keinen Platz für Heiden gesehen hätte, sondern der Zeitplan Gottes in der Heilsgeschichte war es, an den er sich gebunden fühlte. Zuerst, sagt er der Frau, sollen die Kinder satt werden. Die "Zeit der Nationen" (vgl. Lk 21,24) würde erst eingeläutet werden durch die Verwerfung Jesu als Messias durch die Juden, wie er es selbst z.B. im Gleichnis von den bösen Winzern andeutete (Mt 21,43). Bis dahin aber galt sein Auftrag dem Volk Israel.

Wo liegt aber nun der Unterschied zwischen dieser Frau und einem heidnischen Hauptmann von Kafarnaum, dem er schließlich sofort geholfen und dessen Glauben er noch herausgestrichen und den Juden als Vorbild hingestellt hatte? Sicher ist es keine Frage des Geschlechts. Jesus bewies wiederholt eine für seine Zeit geradezu skandalträchtige Offenheit für Frauen, selbst für solche auf den untersten Rängen der Gesellschaft und öffentlichen Moral.

Oder gehörte diese Frau vielleicht zu einem Volk, das grundsätzlich ausgeschlossen bleiben sollte? Dieser Gedanke könnte zunächst nahe liegen. Matthäus beschreibt sie bewusst als Kanaanäerin. Mit den Völkern Kanaans war den Juden im Alten Testament ja jeder nähere Kontakt strikt untersagt worden, um eine Vermischung mit ihrem Götzenglauben zu vermeiden. Auch die von Markus gewählte, gängigere Beschreibung als "syrophönizische Frau" enthielt für fromme Juden eine ähnlich negativ belegte gedankliche Verbindung: aus diesem Gebiet stammte die "böse Frau" des Alten Testaments schlechthin: Isebel, eine sidonitische Prinzessin, die als Frau des israelischen Königs Ahab systematisch den Abfall von Gott vorangetrieben hatte. All diese Assoziationen weckten Matthäus und Markus, die ihre Geschichte dramaturgisch gezielt aufbauten, sicher nicht umsonst bei ihren Lesern.

War das Hindernis also die Götzenverehrung der Frau, der fehlende Glaube an Jesus als Retter? Aber die Frau sprach Jesus ja nicht als irgendeinen Wunderheiler an, sondern bekannte ihn ausgerechnet mit dem spezifisch jüdischen Messiastitel "Sohn Davids". Sie ruft ihn laut hinaus, ohne Furcht davor, dass ihre heidnischen Mitbürger daran womöglich Anstoß nehmen könnten. Sie beweist durch ihr Verhalten also, welch volles Vertrauen sie darin besitzt, dass dieser Sohn Davids ihr und ihrer Tochter helfen kann. Mehr Glaube konnte man von einer primär heidnischen Frau kaum erwarten – sie übertraf darin vielmehr sicher manche Juden, die Jesus schon bereitwillig geheilt hatte.

Der einzige wirkliche Unterschied zum Hauptmann von Kafarnaum liegt in der äußeren Situation. Dieser lebte mitten unter Juden, war unter zahlreichen jüdischen Bittstellern der einzige Fremde. Seine Bitte zu erhören, blieb eine Ausnahmesituation und änderte an Gottes Zeitplan "Israel zuerst" nichts. Jetzt aber befindet sich Jesus auf heidnischem Gebiet. Erhört er jetzt diese eine Frau, und spricht sich dann in Windeseile herum, dass ihre Tochter gesund wurde, hätte Jesus eine Lawine losgetreten, und der Andrang, den er bereits aus Israel kannte, würde sich unweigerlich wiederholen.

Jesus sieht sich also vor einer "geistlich-politischen" Entscheidung, in der sozusagen der Einzelfall gegen das Prinzip, die spezielle Situation des Individuums gegen die Breitenwirkung steht, die die Reaktion auf sein besonderes Problem hervorrufen wird. Lässt Jesus "sein Herz sprechen", könnte er eine Entwicklung in Gang setzen, die zu den Vorgaben Gottes in Widerspruch treten muss.

Dies sollten wir uns Wie viele Entscheidungen fallen in christlichen Gemeinden gegen das Anliegen eines Individuums aus, weil man eine negative Signalwirkung an die Allgemeinheit fürchtet! Auch Jesus wurde also mit diesem Problem konfrontiert. Umso aufmerksamer gilt es zu verfolgen, wie er nun im Verlauf handeln wird.

Zunächst reagiert Jesus scheinbar gar nicht, er "antwortete ihr kein Wort". Die Jünger hingegen haben ihre Lösung schon parat. Sie verstehen nicht, warum Jesus so beharrlich schweigt. Sie drängen Jesus zum Handeln. Freilich treten sie hier nicht als erbarmungsvolle Vermittler auf. Ihnen geht es weder um theologische Konsequenzen noch um wahres Mitleiden mit dieser Frau. Vielmehr ist sie ihnen einfach lästig und ihr hartnäckiges Geschrei peinlich, dementsprechend abwertend klingt ihre Äußerung. Sie möchten die Frau so schnell wie möglich loswerden, Jesus soll sie "abfertigen", sei es dadurch, dass er sie definitiv wegschickt oder dass er sie endlich erhört und zufrieden stellt. Ihre Aufforderung an Jesus "Befrei sie" lässt im Griechischen wohl beide Deutungsmöglichkeiten offen. Jesu Reaktion spricht allerdings eher dafür, dass sie ihr – Heidin hin oder her – die Hilfe zugestanden hätten, um nur baldigst die unangenehme Situation zu beenden.

Wer kennt diese Reaktion nicht aus dem eigenen Leben? Wenn jemand nur hartnäckig genug drängelt, gibt man schließlich auch gegen die eigene Überzeugung nach: "Hast du deinen Willen, so hab ich meinen Frieden". Für Jesus ist dies freilich keine Handlungsmaxime, darum verweist er die Jünger auf das, was für ihn den verbindlichen Maßstab darstellt: Gottes Auftrag – und den sieht er eben zunächst nur an den verlorenen Schafen Israels.

Das Schweigen Jesu hätte schon Grund genug sein können, enttäuscht davonzuschleichen. Hätte sich die Frau das nicht gleich denken können, dass ein Sohn dieses überheblichen Volkes der Juden, die sich für einzig auserwählt hielten, ihr nicht helfen würde – wo die doch nicht mal in das Haus eines Heiden gingen, um dort nicht "unrein" zu werden? Und jetzt schien dieser schweigende Jesus sich ja nicht mal die Zunge an ihr unrein machen zu wollen. Erstaunlich, dass sie sich nicht beirren lässt! Markus schreibt, sie habe "von ihm gehört". Was mag sie da wohl gehört haben? Vielleicht nicht nur, dass er heilen konnte, sondern dass er ein ganz besonderer Mensch war, der ein Herz für die Randfiguren der Gesellschaft, selbst für moralisch Gestrauchelte hatte, und sich wenig um das zu scheren schien, was jüdische Schriftgelehrte für rein oder unrein erklärten. Vielleicht machte dies ihr Mut, ihre Sache noch nicht verloren zu geben.

Ich wünsche mir solche Christen, die bis in die entlegenen Winkel diesen Ruf Jesu verbreiten, nicht der strikte Verfechter hinreichender Abgrenzung, sondern der Freund der Ausgegrenzten und Aussichtslosen zu sein! Mögen solche "Gerüchte" über Jesus doch viel mehr Menschen ermutigen, sich weder von der verächtlichen Art seiner Jünger abschrecken zu lassen, noch davon, dass die Hilfe Jesu nicht unbedingt automatisch und sofort erfolgt!

Sie glaubt jedenfalls, hier auf jemanden zu stoßen, den sie nicht vergeblich bitten wird, sich ihrer Not zu "erbarmen", sonst hätte sie sich nicht auch noch zu seinen Füßen niedergeworfen. Da kniet diese Mutter und fleht für ihre gequälte Tochter. "Jesus", möchten wir rufen, "denk doch an die Prophetenworte: Kann wohl eine Frau ihr Kindlein vergessen, daß sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes? Und wenn sie seiner vergäße, so will ich [Gott] doch deiner nicht vergessen! (Jes 49,15) Gottes Liebe ist also sogar noch größer als Mutterliebe – Jesus, rührt da ausgerechnet dich ihr Leid denn gar nicht?!"

Endlich sagt Jesus etwas. Etwas, das freilich erst recht abweisend – und vor allem auch abwertend klingt: Dass es "nicht recht" sei, den Kindern, d.h. den Israeliten, das Brot wegzunehmen und den Hunden hinzuwerfen. Ehe man sich allzu sehr an dem Vergleich aus der Tierwelt an sich stößt, sollte man zwar bedenken, dass auch die Kinder einen Satz zuvor noch als "verlorene Schafe" bezeichnet werden. Aber - kennen wir dieses für "hinwerfen" gebrauchte griechische Wort nicht schon von dem Ausspruch: "Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor!" (Mt 7,6)? Auch die Hunde scheinen wir dort wiederzuentdecken. Alles in allem eine äußerst unfreundlich klingende Aussage. Ist es also eine Verschwendung, ja geradezu eine Entweihung der Zuwendung Gottes, sie dieser fremden Frau zu gewähren? Wie kann sie da auch noch sagen: "Da hast du recht, Herr"?! Ist sie denn einfach zu jeder denkbaren Erniedrigung bereit um ihrer Tochter willen?

Offenbar hat sie in der Äußerung Jesu etwas anderes gehört als wir. Vielleicht etwas, das man erst wahrnimmt, wenn man sich den Urtext vornimmt. Im Griechischen steht hier nicht das übliche, in den neutestamentlichen Schriften häufiger auftauchende Wort für Hund (kyon), das benutzt wurde, wenn man seiner Verachtung Ausdruck verleihen und etwas als besonders unrein kennzeichnen wollte. ("Hunde" war übrigens auch die Bezeichnung im Alten Testament für männliche Tempelprostituierte, die von Männern besucht wurden – vgl. Dtn 23,18+19). Jesus benutzt hier vielmehr ein Wort, das auch einzig in diesem Zusammenhang auftritt: kynarion, eine Verniedlichungsform, die eher den geliebten Haus- oder Schoßhund meint, und in manchen Übersetzungen deshalb richtiger mit "Hündlein" wiedergegeben wird.

Vielleicht sollte man hier kurz etwas zu Haustieren im Altertum sagen. Das Verhältnis zu ihnen war in der Regel weit pragmatischer und unsentimentaler geprägt als heutzutage. Hundesalons und Friedhöfe für Kuscheltiere waren der damaligen Zeit fremd. Dennoch ist es sicher falsch zu sagen, dass Menschen der Antike nur "Nutz"-Tiere kannten und nicht auch eine sehr freundschaftliche und zärtliche Bindung an Tiere entfalten konnten. Die Schilderung der Reise des Tobias und des Engels Rafael z.B. im Buch Tobit lässt so etwas anklingen mit seinem "und der Hund des jungen Tobias lief mit" (Tob 5,17). Noch deutlicher wird es in dem Gleichnis, das Nathan dem König David erzählt (2Sam 12,3): Die Schilderung eines Mannes, der ein kleines Lamm liebevoll wie seine Tochter aufzieht, es aus seinem Becher trinken und von seinem Brot essen(!) lässt, ist zwar allegorisch gemeint. Offensichtlich geht Nathan dabei aber von etwas aus, das seinem Hörer nicht völlig abwegig erscheint, sondern das er als natürlich und nachvollziehbar empfindet.

Vielleicht spürt die Frau also, dass kein verachtender Unterton in den Worten Jesu stecken soll. Vielleicht erkennt sie in seinem Bild nicht die Hand, die sie als lästigen Hund wegscheuchen will, sondern die Hand eines Menschen, der unter dem Tisch sein Haustier liebkost und ihm gewiss schließlich doch etwas zu essen abgeben wird. Vielleicht spürt sie, dass in der ablehnend klingenden Aussage zwar die Vordertür ins Schloss fällt, gleichzeitig aber das Angebot einer Hintertür steckt, die weit offen steht. Zumindest tritt sie mit einer Mischung aus Demut und Triumph sofort durch diese Tür hinein und macht schlagfertig den entscheidenden argumentativen Schachzug.

Es ist, als ob die Frau das Motiv der alten Geschichte aus den Samuelbüchern aufgreife, von dem Mann, der sein Haustier "zusammen mit seinen Kindern aufzog" und sein Brot mit ihm teilte. Wurde diese alte Geschichte jedoch vom Propheten Nathan dem Vater David vorgehalten, um seine Schuld aufzudecken, so hält die Frau sie jetzt dem Sohn Davids entgegen, um seine Gnade zu entdecken.

"Du hast recht, Jesus", sagt die Frau gewissermaßen, "wir Heiden sind jetzt nicht die Kinder wie Israel. Aber welcher Hausherr, der Haustiere hält, besitzt nicht genug, um auch seine Tiere satt zu machen?" Sie appelliert genau an das, was den Gott Israels, den Jesus vertritt, ausmacht. Schon das alte Testament schildert ihn als einen gütigen Gott, der Mensch und Tier ihre "Speise zur rechten Zeit" gibt, seine "Hand öffnet und sättigt alles, was lebt" (Ps 145,15+16) Wenn Paulus einige Jahrzehnte später von dem Gott der Juden und der Heiden spricht, nennt er ihn den Herrn, "der da reich ist für alle, die ihn anrufen" (Röm 10,11). Den Gedanken des "Wegnehmens" in der Aussage Jesu übertrumpft sie in ihrem "Aber" mit dem Hinweis auf den unermesslichen Überfluss, der bei eben diesem Gott Jesu zu finden ist, und der allemal für alle überreichlich reicht.

Ihr Plädoyer beruft sich auf das, was das Wesen und das Wesentliche eines lebendigen Glauben an den Gott, den Jesus verkündet, ausmacht: jene "heilige Dreistigkeit" und "demütige Unverfrorenheit", mit der ein Mensch vor Gott antritt ohne jedes Recht, aber als Glaubensspieler alles auf die Karte "Gnade" setzt.

Und damit rennt sie dann Jesus wahrlich offene Türen ein. Vermutlich nur zu gern gibt er sich "geschlagen". "Weil du das gesagt hast", antwortet er ihr, soll ihre Bitte erhört werden, und ihr wird bestätigt, dass ihr Glaube groß ist - wie dem Hauptmann von Kafarnaum, von dem Jesus sagte, solchen Glauben habe er in ganz Israel nicht gefunden. Israel übrigens, das "Kind" Gottes, leitete seinen Namen von Jakob ab, der den Ehrennamen "Isra el" dafür bekam, dass er ein "Gotteskämpfer" war: aber nicht etwa für Gott, sondern mit Gott hatte er gestritten und "war Sieger geblieben". Er hatte Gott festgehalten und nicht losgelassen: "Ich lasse dich nicht, ehe du mich nicht segnest!" (Gen 32,27+29). Genauso hat es jetzt diese heidnische Frau auch gemacht. Sie hat mit Jesus "gestritten" und blieb Sieger, sie ließ ihn nicht, ehe er sie nicht segnete.

"Ja, aber..." sagt sie. Jahrtausende schon hatten Menschen, die sich von Gott verlassen und verstoßen fühlten, ihm ihre "Aber's" und "Dennoch's" entgegengehalten, hatten damit nach Gott gegriffen, ihn nicht mehr losgelassen und Hilfe von ihm erwartet. "Gott hat mich zerbrochen... Doch ich, ich weiß, dass mein Erlöser lebt..." (Hiob 19,10+25). "Feinde sind um mich her...Verbirg dein Angesicht nicht vor mir... Ich glaube aber doch, dass ich die Güte des Herrn sehen werde" (Ps 27,6+9+13). "Dennoch bleibe ich stets bei dir,... wenn mir auch Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, meines Herzens Trost" (Ps 73,23+26) Und schon Jahrtausende vorher hatte Gott sich selbst zum Anwalt der Fremden, der Witwen und Waisen erklärt (Ex 22,20-23; 23,9). Die Frau kann sich also einer langen Reihe von Zeugen und Zeugnissen anschließen, von denen sie wohl wenig ahnt, die Jesus aber klar vor Augen stehen.

Sie beginnt einen Weg voller Demut, noch in dem Bewusstsein, vor diesem Gott Israels eigentlich eine "Fremde ohne Bürgerrecht" und "von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen" zu sein (Eph 2,12+19). Matthäus und Markus haben dieser Frau und ihrem buchstäblichen Mutterwitz ein Denkmal gesetzt, um bei ihren misstrauischen judenchristlichen Lesern das Verständnis für die Heidenmission zu wecken. Dass nicht nur Juden, sondern auch Heiden "Miterben der Gnade" werden sollten, war eine der großen Undenkbarkeiten der Zeit der ersten Christen, die es zu überwinden galt. Aus den Hündlein als Hausgenossen, auf die sich die Frau beruft, macht Paulus, der Heidenapostel und Anwalt der nichtjüdischen Christen, dann die Hausgenossen im Sinne von Mitbürgern und Gottes geliebten Kindern (Eph 2,19; 5,1) Und inzwischen sind wir es, die Christen "aus den Heiden", die wir uns längst als die eigentlichen Christen begreifen...

Wenden wir uns aber noch einmal der Frage zu, was Jesus hinter seinem Schweigen und seinen schwierigen Worten eigentlich bewegt haben mag. Er stand im Konflikt zwischen dem, was er als Auftrag und Gebot Gottes ansah, und dem, was sein Herz angerührt haben dürfte. Dass Jesus das Leid der Frau genauso wenig bedeutet hätte wie seinen Jüngern, ist eigentlich undenkbar. Dazu kennen wir ihn zu sehr als den, der sich immer wieder von der Not der Menschen bewegen ließ. Wie oft hören wir von ihm, dass die Menschen "ihn jammerten", sein Mitleid erregten (s. Mt 9,36; Mk 6,34 und 8,2). Seine sensible und freundliche Art, gerade mit gesellschaftlich gering Geachteten umzugehen, ist ein Grund für seine große Beliebtheit. Wiederholt schildern ihn die Evangelisten als jemand, der mitten im hektischen Treiben der ihn umdrängenden Menschenmengen ganz unscheinbare Randfiguren in ihrem Leid wahrnimmt und ihnen seine Hilfe anbietet. Dieser Jesus kann über die hilfesuchende Mutter einer gequälten Tochter nicht einfach hinwegsehen!

Betrachten wir sein Verhalten noch einmal aufmerksam, fällt auf, dass ausgerechnet Jesus, der von seinen Nachfolgern Eindeutigkeit gefordert hatte: "Eure Rede sei Ja, Ja oder Nein, Nein" (Mt 5,37) hier so undefiniert spricht und handelt. Er bestätigt die Frau keineswegs, aber eigentlich weist er sie auch nicht kategorisch ab. Sonst scheute sich Jesus doch nie, Ansinnen, die er für falsch hielt, ziemlich unmissverständlich abzulehnen. Als ein Mensch ihn bat, seine Erbschaftsangelegenheit in seinem Sinne zu regeln, antwortet er: Mensch, wer hat mich zum Erbteiler über euch gesetzt?" und lässt den Mann einfach stehen (Lk 12,14). Auch den Pharisäern mit ihrer Forderung nach einem Zeichen, das seine göttliche Autorisierung bestätigen soll, erteilt er eine deutliche Abfuhr: "Dieses böse und abtrünnige Geschlecht sucht ein Zeichen; und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden" (Mt 12,39).

Warum also sagt er zu dieser Frau nicht einfach: "Nein, ich helfe dir nicht!"? Womöglich mit dem Zusatz: "Wer hat mich zum Heiland gesetzt für euch Heiden? Ein böses und abtrünniges Volk soll nicht nach Heilung fragen!" Wirkt er in seinem Schweigen und seinen Aussagen nicht eher wie jemand, der in ein sinnendes Selbstgespräch vertieft ist, der Argumente abwägt, mehr wie ein Suchender nach dem richtigen Weg und noch ohne eine endgültig-definitive Antwort? Es scheint, daß Jesus sich selbst erst klar werden musste, wie er handeln sollte.

Jesus behauptete stets von sich selbst, dass er nichts tun könne und wolle, als das, was er seinen himmlischen Vater tun sehe, und dass er in ständiger Verbindung mit seinem Vater stehe (Joh 5,19+30; 12,50 und 16,32). Es war dieser seines Vaters Wille, nach dem er suchte, bevor er der Frau endgültig antworten konnte.

Meist kennen wir Jesus dabei als den souveränen Gottessohn, der längst im Voraus weiß, was er zu tun hat, und sich der Pläne seines Vaters gewiss ist. Zachäus, dem er noch nie begegnet ist, ruft er in seinem Versteck zu: "Zachäus, heute muss ich in dein Haus einkehren!" (Lk 19,5), und zu Nathanael, der ihn gar nicht kannte, sagt er: "Ehe dich Philippus rief, ... sah ich dich" (Joh 1,48). Vor der Auferweckung des Lazarus betet Jesus: "Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich weiß, daß du mich immer erhörst" (Joh 11,41+42). Petrus befiehlt er, auf Fischfang auszugehen zu den unmöglichsten Zeiten, und weiß genau, was passieren wird (Lk. 5, 4; Mt 17,27; Joh 21,6). Seine Jünger schickt er nach einem Esel voraus in ein Dorf und schildert ihnen bereits vorher das Szenario, das sie dort vorfinden werden (Mk 11,2), usw., usw.

Aber wir erleben ihn gelegentlich auch von der anderen, der menschlichen Seite, in der er "in allem seinen Brüdern gleich werden musste" (Hebr 2,17), damit er "mitfühlen könnte mit unserer Schwäche" (Hebr 4,15): Auch Jesus ist irgendwann müde und erschöpft (Joh 4,6). Bevor er die zwölf Apostel aus seiner Jüngerschar erwählt, verbringt er erst eine Nacht im fragenden Gebet zu Gott (Mk 6,12+13). Ihn vermögen Dinge zu überraschen und in Erstaunen zu versetzen - wie das blinde Vertrauen des heidnischen Hauptmanns! (Mt 8,10). Und in seiner Angst in Gethsemane sehen wir ihn schwankend in seinem Weg, wie er Gott bittet, ihm das zu ersparen, weshalb er überhaupt auf die Erde gekommen war (Mt 26,38-42).

So scheint Jesus auch in der Begegnung mit der syrophönizischen Frau erst den "Draht nach oben" gesucht zu haben. Aber warum eigentlich noch? Ist der Auftrag, den er nennt, nicht eindeutig genug? Zieht dieses Gebot nicht einen klaren Trennstrich, der die Frau zu diesem Zeitpunkt eben ausschließt? Ist da, wo eine eindeutige Aussage bereits besteht, ein weiteres Nachfragen nicht überflüssig? Bedeutet es nicht sogar ein In-Frage-Stellen des Willens Gottes? Und hatten wir nicht auch aufgezeigt, welche unabsehbaren (oder eben sehr absehbaren) Folgen hier das Gewähren einer Ausnahme nach sich ziehen würde? Jesus, gehorsamer Sohn des Vaters im Himmel – was gibt's hier noch zu fragen??

Aber – Jesus fragte. Darum liebe ich sein Schweigen. Denn dieses Schweigen ist für mich nicht der Ausdruck des abweisenden Jesus. Sondern der des fragenden Anwaltes aller derer, denen das Gebot schon die Tür gewiesen hat.

Jesus lässt sich im Herzen treffen, und er wäre nicht der vollkommene Hohepriester, der sich für die Menschen verwendet (als den ihn der Hebräerbrief immer wieder schildert), wenn ihm daraus nicht die Frage vor Gott entstünde, wie sein Auftrag hier zu verstehen ist. Er macht sich das nicht einfach. Die Verbindlichkeit des geoffenbarten Willens Gottes würde gerade Jesus nie leichtfertig relativieren wollen. Aber könnte Jesus leichtherzig über die Not eines Menschen hinweggehen, auch wenn das Gebot für ihn keinen Platz bereitzuhalten scheint? Nein! Darum schweigt Jesus.

Was könnten unzählige Christen von diesem schweigenden Jesus lernen! So viele Christen, die stets schon die Antwort parat zu haben glauben, und das passende Gebot kennen, bevor sie von der Situation ihres Gegenübers auch nur das Mindeste verstanden haben. So viele Christen, die bereits viel zu viel zu sagen haben, bevor sie jemals gefragt haben. So viele Christen, die das Fragen verlernt haben, weil sie nicht sehen, dass eine Frage an ein Gebot nicht gleich dasselbe sein muss wie ein In-Frage-Stellen des Gebotes.

Jesus, der Sohn Gottes, hielt es offenbar für richtig, aus der Situation heraus seines Vaters Gebot ganz neu zu bedenken. Das Gebot seines Vaters verbietet ihm und die Not der Frau nötigt ihn – dazwischen ein Jesus, der schweigt und fragt. Und der erst aus der Anfrage an den gebietenden Gott zur Antwort kommt.

Und woran erkennt er nun den Willen des Vaters? Interessanterweise nicht aus unsichtbarer Inspiration oder durch einen Donner vom Himmel. Gott spricht ihm die Antwort ausgerechnet aus dem Mund der Frau zu! "Weil du das gesagt hast", sagt Jesus zu der Frau, "geschehe dir wie du willst". Niemals hätte Jesus Menschenwillen erfüllt, wenn er nicht dem Gotteswillen entsprochen hätte. Er muss der Überzeugung sein, dass es der explizite Wille seines Vaters ist, der Frau zu helfen, und diese Überzeugung gewinnt er aus den Worten der Frau selbst. Der von ihr geäußerte Glaube gibt Jesus die Gewissheit, dass hier Gott selbst am Werk ist.

Das heißt aber letztlich: dieses Reden des Vaters konnte Jesus nur wahrnehmen, weil er bereit war, überhaupt auf die heidnische Frau zu hören. Ja – er hätte den Willen des Vaters versäumt, hätte er von vornherein kategorisch gesagt: "Die theologische Ausgangslage ist längst klar. Ich bin an den Auftrag Gottes gebunden. Was immer diese Frau vorzubringen hat, tut nichts mehr zur Sache. Ihr Begehr ist abzulehnen. Amen".

Wie weit entfernt davon ist allzu oft heutige Schriftauslegung gerade unter denen, die bibeltreu sein möchten. Unter der Fahne "Es steht geschrieben!" oder "Das Wort sie sollen lassen stahn!" wird die Bibel als ein fertiger Antwortenkatalog gebraucht und alles andere als selbstherrliche Bibelkritik zurückgewiesen. Das demütig-mutige Anfragen an das Schriftwort und an den Gott dahinter hat man verlernt, wie auch das ruhige, schweigende Hören auf die Menschen, für die man eine Antwort in und bei ihm sucht - dabei ist es Christus selbst, der uns dies vorlebt. Brauchen wir etwas, was selbst der Sohn Gottes für nötig hielt, als seine Jünger nicht?

Danke, du Unbekannte aus Syrophönizien, dass du dich nicht hast zum Schweigen bringen lassen!

Weiß ich heute, dass ich als homosexuelles Kind Gott genauso willkommen bin wie heterosexuelle Schwestern und Brüder, war mir das nicht immer so selbstverständlich. Es gab Zeiten, da fühlte ich mich außen vor gelassen von einer heterosexuellen christlichen Weltordnung. Da war ich ungeheuer froh, mich an diese Frau dranhängen zu können, die da hinter Jesus her schrie. In ihr "Ja, aber...!" einzustimmen und zu rufen: "Ja, aber auch ich, Gott, bin doch Hausgenosse bei dir, auch ich brauche dein Brot und will einfach nicht glauben, dass du, der Hausherr aller deiner Geschöpfe, für mich keines mehr übrig hättest!"

Ja, möchte man mit dieser Frau fragen: Was wird den heterosexuellen Kindern denn weggenommen durch homosexuelle Hausgenossen, auch wenn sie nicht nur Hündlein, sondern Mitbürger, Miterben und Gottes geliebte Kinder sind? Ist unser Vater im Himmel nicht gnadenreich genug, um beiden ihr Lebensbrot zuzuteilen? Was wird der Ehe denn weggenommen durch homosexuelle Partnerschaften? Darf nicht jeder an seinem Platz auf das Segensbrot warten? Ist Gottes Brot so knapp bemessen, daß die heterosexuellen Kinder hungern müssen und die Ehe der Auszehrung verfällt, wenn sie andere Hausgenossen neben sich leben lassen?

Was, möchte ich die Jünger damals wie heute fragen, habt ihr überhaupt verstanden von Leid, Leben und Glauben derer, die "draußen" sind aus den Grenzen eines unsichtbaren Gottesstaates? Und - wollt ihr etwas verstehen? Wie oft habt ihr lieber weggeschickt? Oder, wenn das nicht ging, auf eine unauffällige Handhabung ohne öffentliche Peinlichkeit gehofft? Braucht Jesus eure Schutzmaßnahmen? Braucht er euch als seine Anwälte der Untadeligkeit? Oder laufen eure Ratschläge für Jesus vielleicht ganz an seinen Handlungsmaximen vorbei?

Ich danke dir, Jesus, der du nie etwas anderes wolltest, als den Willen deines Vaters im Himmel tun, dass du schweigend gefragt hast! Dass du Gottes Reden aus dem Mund einer kanaanäischen Heidin wahrnehmen konntest. Dass du am Ende nur umso lieber geantwortet und Gottes Zuwendung ihr geschenkt hast.

Frau, dein Glaube ist so groß
Jünger, euer Herz ist so klein
Herr Jesus, du freundlicher Sohn Davids
erbarm dich uns'rer aller
unermesslich reicher Vater im Himmel
beschenke uns alle!


Geschrieben von Valeria Hinck
2003

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