"HEILUNG"

Grotesk – Ex-Gay-Literatur und die Wissenschaftler, auf die sie sich beruft

Organisationen, die Homosexuellen Heilung anbieten, zitieren oft Psychologen. Doch wie stehen diese selbst zu den aus ihrer Forschung abgeleiteten Theorien?

Institutionen, die "Heilung" oder Veränderung vom homosexuellen zum heterosexuellen Lebensentwurf anbieten, berufen sich gern auf namhafte Psychologen, um ihren wissenschaftlichen Anspruch zu untermauern. Dabei wird stets betont, die Veränderbarkeit von Homosexualität ergebe sich aus den Erkenntnissen der modernen Psychologie und entspreche den "neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen", was unausgesprochen impliziert, daß, wer sich gegen den Sinn oder die breite Möglichkeit einer solchen Veränderung ausspricht, hinter der modernen Wissenschaft hinterher hinke.

Nun, was meinen die dabei zitierten Wissenschaftler eigentlich selbst dazu?

Günter Baum hat sich die Mühe gemacht, exemplarisch an zwei Adressen entsprechende Literatur von Heilungsorganisationen zu schicken, und um eine Stellungnahme zu den Theorien, die sich darin auf sie berufen, gebeten: es waren das Alfred-Adler-Institut in Zürich und der Hamburger Psychologieprofessor Gunter Schmidt.

Das Alfred-Adler-Institut für Individualpsychologie wird vor allem in Schriften von Autoren aus der Schweiz erwähnt(1). Ein nicht geringer Anteil christlicher Seelsorge-Therapeuten in der Schweiz hat eine individualpsychologische (meist Berater(2)) Ausbildung(3).

Die ursprüngliche Einschätzung des Begründers der Individualpsychologie zur Homosexualität, Alfred Adler, kommt Ex-Gay-Organisationen sehr entgegen und findet sich in seinem Werk "Das Problem der Homosexualität": Für ihn ist "der Homosexuelle ... ein schwer entmutigter Nervöser. Ihm fehlen die seelischen Vorbereitungen für ein mitmenschliches Verhältnis zum andersgeschlechtlichen Partner". Er bedarf dringlich einer Heilung und des "Eingreifens der Allgemeinheit", da die Gesellschaft "unter allen Umständen der Homosexualität abhold sein muss"(4). Nun, dieses Werk kam 1917, in erweiterter und endgültiger Form schließlich 1930 heraus. Inmitten der Formen des "Eingreifens", zu denen homophober Zeitgeist nach 1930 noch alles fähig war, ist Adlers Strategie der heilenden "Ermutigung" sicher eher ein Fanal der Humanität. Aber zeitgemäß empfinden seine Einschätzung der Homosexualität die Individualpsychologen von heute sicher kaum.

Ex-Gay-Organisationen sehen sich häufig in eine belächelte Nische gestellt, so lange sie sich lediglich auf Autoren wie Nicolosi, Socarides oder Cameron berufen, deren bekannt konservativ-voreingenommene Haltung gegenüber Homosexuellen auch ihre wissenschaftlichen Ansichten beeinflusst, und die von allgemein anerkannten Sexualwissenschaftlern auch nur bedingt ernst genommen werden(5). Umso mehr ist man bemüht, sich auf international anerkannte Institutionen berufen zu können, um die häufig angezweifelte Kompetenz und Seriosität zu belegen.

So habe man 2004 seitens christlicher Individualpsychologen eine Anfrage an den wissenschaftlichen Ausschuss des Alfred-Adler-Institutes "in der Frage der Veränderung der sexuellen Orientierung" gerichtet. Die Antwort wird als Bestätigung durch das Institut aufgefasst und präsentiert: "wenn ein Klient den Wunsch äußert, seine sexuelle Orientierung zu ändern, dann dient uns diese Äußerung als Leitlinie für den weiteren... therapeutischen Prozess. Dass die Individualpsychologie dabei eine große Hilfe sein kann, ist für uns selbstverständlich"(6).

Dass der Wunsch eines Patienten als Leitlinie der Behandlung zu dienen hat, ist natürlich Grundsatz jeder modernen Psychotherapie. Die entsprechende Antwort impliziert aber keineswegs, dass im "weiteren therapeutischen Prozess" an einer Änderung der Orientierung festgehalten werden muß, oder eine solche in jedem Fall für Homosexuelle anzustreben wäre.

Entsprechend reagierte das Alfred Adler Institut auf unsere Anfrage:

"Leider hat [...] nur zwei Sätze zitiert, nicht unsern ganzen Brief. Dann würde deutlich herauskommen, dass wir gerade keine grundsätzliche Therapiebedürftigkeit annehmen"(7).

Das Antwortschreiben des Ausschusses an die individualpsychologischen Fragesteller ist sehr höflich gehalten und lässt seine Kritik eher im Unterton spüren. Der Ausschuss betont hierbei, dass der Wunsch nach "Änderung der psychosexuellen Orientierung" als Leitmotiv doch wohl die absolute Ausnahme sei, dass es aber als unethisch empfunden würde, allen übrigen homosexuellen "ratsuchenden Menschen ein von ihnen nicht geäußertes Ziel nahezulegen". Hiermit wird die Auffassung einer Krankhaftigkeit und Therapiebedürftigkeit klar abgelehnt, denn in diesem Fall müsste ein Therapeut ja sehr wohl darauf hinarbeiten (zumindest in "nahelegender" Weise), dass ein Patient ein ihn schädigendes Lebensmuster ablegt.

Das Institut machte uns und die Fragesteller zudem darauf aufmerksam, dass offenbar sogar Alfred Adler selbst bezüglich seiner Standpunkte sympathisch undogmatisch war, und wies uns auf eine Anekdote hin, die eine Ratsuchende aus dem Jahr 1930 erzählte. Eine Sozialarbeiterin hatte einen Klienten, der "mit einem älteren Mann »in Sünde lebte«" und bat Alfred Adler "um Rat für die Behandlung". Dieser "sah einen Moment auf [den]... Bericht" und fragte dann: "Würden Sie sagen, dass er glücklich ist?". Als die (womöglich empörte?!) Antwort "Oh ja" lautete, lehnte er sich gemütlich zurück und meinte: "Nun, warum lassen wir ihn nicht in Ruhe, hm?", um "ein paar Worte" hinzuzufügen, "wie wenig man über den sexuell Abweichenden weiß"(8).

Trotz Berufung auf dieses Institut schienen freilich den individualpsychologischen Berater Walter Gasser, einen der Schweizer Wortführer in Sachen Therapie der Homosexualität, Zweifel an der Kompetenz seiner eigenen Institution bewegt zu haben. So heißt es in einem Dossier der vereinigten Bibelgruppen, er habe bereits 1995 eine Anfrage an das Institut gerichtet, ob denn neue, stichhaltige wissenschaftliche Erkenntnisse vorlägen, weshalb Adlers Ansichten zur Homosexualität überholt und zu korrigieren seien. Darauf habe er keine schlüssige Antwort erhalten, offensichtlich herrsche "bei den Adlerianern ein Durcheinander" zu diesem Thema, bedingt durch das aggressive politische Klima, das eine kritische Haltung zur Homosexualität nicht mehr zulasse(9).

Ähnlich wie bei der Anfechtung der Entscheidung von 1973, Homosexualität als Krankheitsdiagnose fallen zu lassen, wird hier eine ganz falsche Beweislast konstruiert. Adler, wie auch die meisten Wissenschaftler seiner Zeit, gründeten ihre Ansichten zur Homosexualität ja auch nicht auf Studien, die heutigen Mindestkriterien wissenschaftlicher Evidenz genügen(10). Sie gingen vielmehr (allzu) selbstverständlich vom historisch bestehenden Perversionsmodell aus, das Homosexualität als krankhafte Abweichung einstufte und entwickelten lediglich unterschiedliche Theorien zu ihrer Ursache und Behandlung. Dies leitete Adler hauptsächlich aus der Beobachtung an seinen Patienten ab(11). Aber eine vorselektionierte Gruppe psychisch Erkrankter kann wiederum keine repräsentative Gruppe darstellen, um das Phänomen Homosexualität an sich zu beurteilen.

Wissenschaftlich in die Ecke getrieben und dem Vorwurf der "Umpolung" ausgesetzt, berufen sich Ex-Gay-Organisationen schließlich stets, gelegentlich auch sehr lautstark(12), auf die Therapiefreiheit, die es zu einem ethischen Gebot mache, einem Heilungswilligen auch Hilfe anzubieten. Dem wäre uneingeschränkt zuzustimmen, würden diese Organisationen in der Öffentlichkeit mit ihrer permanenten Negativdarstellung Homosexueller als beziehungsunfähig, gesellschaftsschädigend und die Norm Gottes missachtend nicht ein Klima schaffen, in dem von Freiheit nicht mehr die Rede sein kann.

Wenn deutsche oder Schweizer Ex-Gay-Schriften sich auf heutige Psychologen berufen, wird eine Name fast immer genannt - der von Prof. Gunter Schmidt, Sexualwissenschaftler, Sozialpsychologe und Psychotherapeut aus Hamburg.

Schmidt vertritt (sehr kurz gesagt) die Auffassung, Homosexualität und Heterosexualität seien eigentlich für alle Menschen offen stehende Facetten sexuellen Erlebens, und sei es nur episodisch. Er wendet sich gegen die Festlegung auf eine "Monosexualität" und tritt für eine frei lebbare Sexualität in allen ihren Varianten ein. Letzteres wird in Ex-Gay-Schriften natürlich weniger in den Vordergrund gestellt, wohl aber seine Abkehr von einem sexuellen Identitätsmodell.

Häufig müssen sich Ex-Gay-Organisationen vorwerfen lassen, längst überholten Ansichten aus den Zeiten der Gründerväter der Psychoanalyse anzuhängen. Schmidts Name hingegen bürgt für eine moderne psychologische Auffassung. Aber ist deshalb alles, was aus seinen Theorien hergeleitet wird, "neuster Stand der Wissenschaft"? Vieles in den Veröffentlichungen der Ex-Gay-Organisationen klingt, als gäbe es nun mit den "neusten Ergebnissen und Erkenntnissen" u.a. in Berufung auf Gunter Schmidt die endgültige, zweifelsfreie Erklärung zum Wesen der Homosexualität. Als handele es sich nicht um mögliche, aber auch bestreitbare Erklärungsmodelle, sondern als seien eindeutige Tatsachen zweifelsfrei nachgewiesen (oder überhaupt nachweisbar).

Wie wohltuend, dass der durchaus selbstbewusste und engagierte Professor hier in manchem doch etwas bescheidener klingt.

In seinem neusten Buch gibt Schmidt einen Überblick über ganz verschiedene Theorien zur Sexualität und ihre historische Entwicklung, auch den Wandel, den der Umgang mit Sexualität in den letzten 100 Jahren vollzogen hat. Schließlich liest man nach einer Fallschilderung, in der er ein besonderes Sexualverhalten aus der Lebensgeschichte des Patienten herleitet und seine Bedeutung erklärt:

"Das ist übrigens nicht ganz unproblematisch. Denn zur Konstruktion dieser Bedeutungen reorganisiere ich zusammen mit dem Patienten, aber unter der Regie meines theoretischen Vorverständnisses, dessen Biografie. Auch wenn das Ergebnis noch so einleuchtend klingt, darf es nicht als "Wahrheit" genommen werden. Es entsteht lediglich eine expertendominierte Geschichte.
Andere Experten würden mit ihm eine andere Geschichte "erfinden", vielleicht eine ganz ähnliche, vielleicht aber auch eine ganz andere."
("Das neue Der Die Das. Über die Modernisierung des Sexuellen", psychosozial, Gießen 2004, S 98)

Auf die Umsetzung seiner Theorien durch die Ex-Gay-Bewegung hin angesprochen, antwortete Prof. Schmidt folgendermaßen (und nicht gerade zimperlich in der Wortwahl)(13):

"Jede Theorie über Hetero-Homosexualität, ..., wird von den Homophoben gegen die Schwulen und Lesben gerichtet. Das ist in meinem Fall nun besonders grotesk. ...eine Tendenz, die wir bei jungen erwachsenen Männern und vor allem Frauen, die sich heterosexuell nennen, in jüngster Zeit durchaus beobachten können, [ist ein] Zuwachs an Optionen und Variationsneigung. Diese Entwicklung ist mir durchaus sympathisch. Daraus abzuleiten, Homosexuelle sollten therapeutisch umgepolt werden, ist ein dreistes oder dummes, in jedem Fall manipulatives Unverständnis meines Aufsatzes(14). Ich halte solche (im übrigen: aussichtslosen) Versuche, seien sie psychotherapeutisch oder somatisch oder was auch immer, für zutiefst inhuman und entsprechend für unchristlich."

Freilich, den Vorwurf der "Umpolung" weisen auch die deutschen Organisationen weit von sich. Bemerkenswerterweise hat sich Wüstenstrom in einer "Selbstverpflichtung" mittlerweile auf eine ergebnisoffenere Haltung festgelegt, um Menschen, "die keine Veränderung ihrer sexuellen Orientierung erlebt haben,... ein Leben zu ermöglichen, in dem sie Respekt, Liebe und Annahme erleben können". Auch soll die Entscheidung eines Hilfesuchenden, die eine wie die andere sexuelle Orientierung auszuleben, zumindest "respektiert" werden(15). Das lässt hoffnungsvoll davon ausgehen, dass hier begrüßenswerte Hilfe zur Identitätsfindung geleistet werden soll, die nicht verpflichtend in Heterosexualität oder Zwangszölibat mündet.

Andererseits bleibt in ihrer veröffentlichten Literatur die Darstellung von gelebter Homosexualität nach wie vor so negativ, dass die Aburteilung eines potentiellen Lebens als Homosexueller bereits impliziert ist. Homosexualität wird ausschließlich auf das Defizitäre festgeschrieben, und somit ist eine "Entscheidung" hierfür bereits im Vorhinein negativ belegt. Was soll man z.B. auch von einer Aussage wie der folgenden halten, in der Gunter Schmidt geradezu zum Kronzeugen der Veränderungspflicht bestellt wird? Wer würde hier als Homosexueller nicht den Vorwurf der Gewissensuntreue und fehlenden ethischen Qualität im Unterton heraushören müssen? "Vor allem Gunter Schmidt macht klar, dass es sich bei der Homosexualität um eine Sache handelt, die in den Entscheidungsbereich des Menschen fällt.... Die These der willentlichen Veränderung ... beruht auf einer Entscheidung. Dieser Entscheidung geht eine ethische Vorentscheidung voraus. Wer hofft, sich aufgrund einer biomedizinischen Fixierung dieser Gewissensfrage entziehen zu können, ist innerhalb der Sexualwissenschaften an der falschen Adresse."(16)

Zitiert wird Prof. Schmidt gern, wenn es um die Beschreibung der "Homosexualität als Suche" geht, in der lebensgeschichtliche Sehnsüchte (in der Regel verpasste Identifikation mit dem Männlichen bei Schwulen) einen sexuellen Ausdruck finden: "Welche Suche meiner Seele drückt sich in meiner Homosexualität aus? Oder mit dem Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt ausgedrückt: Welches Motiv und welche Frage an das Leben stehen hinter meinen homosexuellen Gefühlen?"(17)

Das Vokabular lehnt sich eindeutig an Schmidts Auffassungen an (die er mit vielen modernen Sexualwissenschaftlern teilt), blendet aber an den meisten Stellen aus, dass sich dessen Frage "Welche nichtsexuellen Affekte und Motive drücken sich in sexuellem Verhalten, Wünschen und Phantasien aus?"(18) auf jede Form der Sexualität bezieht. Die Erotik aller Menschen wird bestimmt durch "die verdichteten, versteckten biografischen Erfahrungen..., die wie ein Drehbuch... sexuelles verlangen, sexuelle Wünsche, ... und sexuelles Verhalten organisieren und ihnen eine... unbewusste oder vorbewusste Bedeutung verleihen"(19)

Jeder Mensch sucht in der Sexualität nicht nur die Entladung eines Triebs, sondern in irgendeiner Form Nähe, Geborgenheit, Selbstbestätigung, was je nach Lebensgeschichte eines Menschen natürlich eine unterschiedliche Gewichtung und Ausprägung erfährt. Und wie alles im Leben auch ins Krankhafte abweichen kann. Sexualität kann Plattform eines neurotischen seelischen Prozesses werden. Selbstverständlich auch Homosexualität. Sexualität kann neurotisch gelebt werden. Selbstverständlich auch Homosexualität. Auch Neurotiker sind sexuell aktiv. Selbstverständlich auch neurotische Homosexuelle. Ein Segen, wenn es hierfür therapeutische Hilfsangebote gibt!

Aber Homosexualität an sich ist gerade nach Schmidt längst und zu Recht "aus der Perversion entlassen" und bedarf keiner lebensgeschichtlichen Herleitung, für den Experten sind "biografische Geschichten zu ihrer Besonderheit überflüssig"(20).

Ex-gay-Therapeuten berufen sich mit ihrem Postulat, Homosexualität sei die (natürlich vergebliche) Suche nach einer sexuellen (Schein-)Lösung für innere nichtsexuelle Konflikte(21), auf Prof. Schmidt. Aber dieser These gilt es nicht nur zu widersprechen oder sie zumindest zu relativieren - sie spiegelt eben auch nicht Schmidts Auffassung wider. Es erschiene schließlich nicht sehr logisch, dass ein Sexualwissenschaftler und Psychotherapeut wie Gunter Schmidt Menschen dazu ermutigen möchte, gleichgeschlechtliche neben heterosexuellen Gefühlen auszuleben, wenn er gleichzeitig der Auffassung wäre, hier verrenne sich die Seele in eine letztlich schädliche Ersatzlösung!

Wenn des Weiteren behauptet wird: "Gunter Schmidt geht sogar noch weiter. Er bezweifelt das Konzept der Monosexualität ganz und sagt, der Mensch entscheidet sich für seine sexuelle Orientierung.", wird der Eindruck erweckt, die moderne Psychologie gehe davon aus, der Mensch können frei wählen, nach welcher sexuellen Orientierung er leben wolle. Somit sei "die Frage nach sexueller Veränderung nicht über die Frage von Fixierung und Anlage zu beantworten, sondern über die Frage von Ethik und eigener Entscheidung"(22). Tatsächlich geht auch Schmidt selbstverständlich davon aus, dass die meisten Menschen hauptsächlich homosexuell oder heterosexuell empfinden, und dass daran nichts geändert werden könne und müsse. Er plädiert aber für eine Kultur sexueller Vielfalt, in der dem Menschen die Entscheidung freisteht, auch sexuelle Impulse auszuleben, die dem Postulat der "Monosexualität" entgegenstehen, ausschließlich heterosexuell oder homosexuell empfinden zu dürfen(23).

Insbesondere in ihren politischen Schriften äußern Ex-Gay-Verbände immer wieder die Befürchtung(24), eine Anerkennung der Homosexualität als Variante menschlicher Sexualität würde Heranwachsende erheblich verunsichern und zu einem gefährlichen Herumexperimentieren mit sexuellen Erfahrungen führen. Wer aus seiner eigenen Lebensgeschichte weiß, dass er mitnichten durch Herumexperimentieren oder Verführung homosexuell geworden ist, schätzt diese "Gefahr" ziemlich gering. Tatsächlich "grotesk" wird es jedoch, wenn sich Organisationen in ihrem Kampf gegen die Anerkennung Homosexueller auf einen Wissenschaftler berufen, der gerade zu einer Experimentierfreude auf sexuellem Gebiet ermutigen will wie Gunter Schmidt.

Im Übrigen geht es Prof. Schmidt nicht allein so. Auch andere Autoren, auf die man gern verweist, wie z.B. Pfäfflin und Schorsch, haben sich als Wissenschaftler eher für eine Entpathologisierung der Homosexualität und für die Rechte Homosexueller stark gemacht. Sie wären vermutlich wenig erfreut, ihre Theorien zur Psychodynamik der Sexualität umgedeutet zu sehen auf die lebensgeschichtliche Herleitung einer pathologisierten Homosexualität.

Es ist legitim, auf seinen Ausbildungsgrad entsprechend einem renommierten Institut hinzuweisen. Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, von einer Theorie ausgehend, eigene und andere Theorien daraus zu entwickeln, auch wenn man über deren Inhalt dann streiten kann, und in diesem Falle muß. Aber hier geschieht mehr. Hier werden Namen und geistiges Eigentum in einer Weise gebraucht, die den Absichten ihrer Inhaber deutlich widersprechen, ohne dies ausreichend zu kennzeichnen. Ein Urteil, wie dies geistlich und wissenschaftlich zu bewerten ist, mag dem Leser überlassen bleiben.

Gunter Schmidt jedenfalls hat sich unmissverständlich geäußert: "Das ist in meinem Fall nun besonders grotesk".

Fußnoten

1. In der Schweiz wurde in der letzten Zeit der Kampf gegen Homosexualität eher noch eine Nuance härter geführt als in Deutschland, da der Volksentscheid gegen ein Lebenspartnerschaftsgesetz zunächst durch das Engagement solcher Gruppen erzwungen wurde und im Juni 2005 endgültig anstand.

2. Der "Psychologische Berater" ist eine Zusatzausbildung via Aufbaustudium für diverse Berufsgruppen im beratenden Bereich, berechtigt aber nicht zu einer echten Psychotherapie.

3. vgl. das von den konservativen "Vereinigten Bibelgruppen" herausgegebene Verzeichnis christlicher Fachleute für Psychologische Beratung/Psychotherapie/Psychiatrie, Zürich 2002

4. Adler, A. 1930, zit. nach www.sgipt.org/th_schul/pa_homo.htm

5. s. Fiedler, P., "Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung", Basel 2004, S. 77 u. 78. Oder: Rauchfleisch, U., Stellungnahme zur Broschüre: «Homo – Ehe?! Nein zum Ja-Wort» der Seelsorgeorganisation "Wüstenstrom", www.lsbk.ch/zwischenraum/Stellungnahme_von_Udo_Rauchfleisch.asp

6. Aus einem Brief von Walter Gasser an Zwischenraum vom 24.9.2004

7. Persönlicher Brief von J. Rüedi, Vorsitzender des Wissenschaftsausschusses des Alfred-Adler Institutes, an G. Baum vom 3.11.04

8. erzählt von Elisabeth H. Dowell 1977, zit. Nach Ansbacher, H., Alfred Adlers Sexualtheorien, Frankfurt 1989, S. 161

9. "Homosexualität verstehen", Sonderdruck der Vereinigten Bibelgruppen, hrsg. von Gasser, W. und Hilliard, R., S.5

10. sogar die gesamte Individualpsychologie muss sich folgende Beurteilung gefallen lassen: Eine Vielzahl von Fallberichten und subjektiven Erfahrungsberichten sprechen von der Wirksamkeit des Verfahrens bei unterschiedlichen psychischen Störungen. Da trotz dieser umfangreichen praktischen Erprobung bislang keine kontrolliert wissenschaftlichen Risiko- und Wirksamkeitsstudien vorliegen, können keine zuverlässigen Aussagen über Erprobtheit, Risiken und Wirksamkeit des Verfahrens gemacht werden. Das Verfahren kann daher nur als "begrenzt erprobt" eingestuft werden (http://www.psychotherapie-netzwerk.de/infobuero/therapie/tiefenpsychologie/ individualpsychologie/individualpsychologie.htm)

11. vgl. Schallehn: "Adler (1870-1937) stellt uns mit der Individualpsychologie (IP), einem vor allem aus der Therapiepraxis entstandenen psychologischen System, ein ... Gesamtpsychotherapiemodell vor..." (Schallehn,R. Alfred Adlers Individualpsychologie heute: eine Weiterentwicklung in Theorie und psychotherapeutischer Praxis?, Berlin 1996

12. Schmid, P. "Kirchenbund verleumdet VBG-Berater – und windet sich" (http://www.Jesus.ch/index.php/D/article/151/23530/)

13. Persönliches email von Gunter Schmidt an Günter Baum vom 19.5.05

14. gemeint ist: "Gibt es Heterosexualität?", ein Kapitel aus dem Buch "Das neue Der Die Das. Über die Modernisierung des Sexuellen" (psychosozial, Gießen 2004), in Auszügen nachlesbar unter www.lsbk.ch/articles/gunter_schmidt.asp

15. "Selbstverpflichtung" von Wüstenstrom e.V. (auf Anfrage erhältlich), S. 7

16. Hoffmann, M., "Homosexualität – Sichtweisen

17. aus einem Seminarangebot ("Einführungsseminar: Homosexualität verstehen" ) von Wüstenstrom e.V.

18. Schmidt, G., Das neue Der Die Das (s.o.), S. 85

19. Das neue Der Die Das (s.o.), S. 99 (Schmidt zitiert hier R. J. Stoller).

20. Das neue Der Die Das (s.o.), S. 91

21. vgl. Hoffmann, "Was ist Homosexualität?", Homepage Wüstenstrom, www.wuestenstrom.de

22. vgl. Hoffmann, "Was ist Homosexualität?", Homepage Wüstenstrom, www.wuestenstrom.de

23. Schmidt, "Die monosexuelle Ordnung", in "Das neue Der Die Das" (s.o.), S. 138-140

24. vgl. z.B. Vonhold, Ch., "Die Dekonstruktion von Ehe und Familie", Homepage Offensive Junger Christen, www.ojc.de/dijg/index.php und Gasser, W., "Homosexualität – nüchtern betrachtet", VBG Bulletin 2/2004, S. 6-7, im download unter www.vbginstitut.ch/uploads/media/ins_bulletin2-04__Homos.kk.pdf (Dieses Dokument ist nicht mehr unter dem angegebenen Link verfügbar)


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