Heilung

Stellungnahme zu Konversionstherapien

Und Gott sah, dass es gut war (1. Mose 1,27)

Das Fundament unseres Glaubens und unserer Arbeit im Zwischenraum ist das Vertrauen auf Gottes bedingungslose Liebe für jeden Menschen, die in Jesus Christus deutlich wird. In der Begegnung mit Jesus – sowohl in den Berichten des Neuen Testaments als auch heute – wird die vorbehaltlose und ganzheitliche Annahme eines jeden Menschen deutlich, die in die Freiheit und zur Versöhnung mit Gott, den Mitmenschen und sich selbst führt. Jesu Zuwendung umfasst dabei immer die Ganzheit des Menschen. Die geschlechtliche Identität und die sexuelle Orientierung sind elementare Bestandteile der Persönlichkeit eines jeden Menschen. Deshalb sind wir davon überzeugt, dass lesbische, schwule, bisexuelle, transidente oder intergeschlechtliche Menschen von Gott gewollt, geschaffen und geliebt sind und gesegnet von Gott einen wertvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten – so wie sie sind und so wie sie leben.

Viele Menschen im Zwischenraum haben in der Vergangenheit erlebt oder erleben es auch heute noch, dass sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität als krank, sündig, verdorben oder verloren gebrandmarkt wurden.

Politische Rahmenbedingungen, gesundheitliche und christliche Überzeugungen gingen ineinander über bzw. beeinflussten sich gegenseitig. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) bezeichnete Homosexualität bis 1992 als Krankheit. Viele von uns sind in einer Zeit geboren, in der homosexuelle Handlungen explizit gesetzlich unter Strafe standen. Erst 1988 in Ostdeutschland und 1994 in Westdeutschland wurde diese Gesetzgebung aufgehoben.

Vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen, maßgeblich aber auch auf Grund christlicher Überzeugung, wurde insbesondere in vielen christlichen Kreisen die Möglichkeit der „Veränderung“ oder „Heilung“ der sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität betont und als Beleg für die Sündhaftigkeit angeführt. Angetrieben von dieser Illusion haben deshalb viele Menschen teilweise über Jahrzehnte Veränderung durch Gebet, Seelsorge oder Therapien gesucht.

Dabei sei angemerkt: es gibt Menschen, die im Rahmen von Therapien ein besseres Verständnis für eigene Persönlichkeitsmuster und Handlungswege bekamen und versöhnt wurden mit dem einen oder anderen Unversöhnlichen aus ihrem Leben. Solche positiven Aspekte beruhen aber auf seriösen Methoden der Psychotherapie und nicht auf dem Ansatz der Konversionstherapie und wären deshalb von einem Verbot nicht betroffen.

Die Ausprägungen geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung sind sehr verschieden und damit so individuell und vielfältig wie es Menschen gibt. Uns sind keine Menschen bekannt, bei denen nachhaltig die sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Identität verändert wurde. Der Widerspruch zwischen der Hoffnung auf Veränderung verbunden mit der Sehnsucht, einen vorgegebenen Wertekodex erfüllen zu können einerseits und dem Nichteintreten der Veränderung der sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität andererseits führte zu tiefen Verletzungen, Leid und Traumata. Teilweise wurden Selbstwert, Lebenswillen und auch das Vertrauen in Gottes Liebe zerstört. Einige Beispiele dafür finden sich in dem Buch „Nicht mehr schweigen“ von Timo Platte. Viele Betroffene leiden bis zum heutigen Tag unter den psychischen Folgen solcher Veränderungsansätze.

Für uns sind die geschlechtliche Identität und die sexuelle Orientierung lesbischer, schwuler, bisexueller, transidenter oder intergeschlechtlicher Menschen nicht veränderbare und von Gott gewollte elementare Bestandteile der Persönlichkeit dieser Menschen. Zwischenraum lehnt deshalb sämtliche Versuche ab, die geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung eines Menschen zu ändern.

Wir begrüßen deshalb auch aus christlicher Sicht die politischen und gesellschaftlichen Anstrengungen, zukünftig solches Leid zu vermeiden. Wir hoffen, dass Menschen, die aufgrund des hohen sozialen Drucks aus Familie oder christlicher Gemeinde ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtlichkeit z. B. auf Grund eines dort gelebten Wertekodex als konflikthaft erleben und dadurch in „Therapien“ oder ähnliches gedrängt werden, durch ein Verbot von Therapien zur Veränderung der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität besser geschützt sind. Seit 2001 gilt für gleichgeschlechtliche Partnerschaften das Lebenspartnerschaftsgesetz, seit 2017 die Ehe. Wir sind dankbar für diese Entwicklungen. Vor dem Hintergrund der eingangs aufgeführten Entwicklung der (gesundheits-)politischen Rahmenbedingungen bis in die jüngste Gegenwart ist das für uns der logische nächste Schritt.

Für Menschen, die Veränderung durch Gebet, Seelsorge oder Therapien suchten, aber nicht erfuhren, wünschen wir in christlichen Gemeinden offene und wertschätzende Annahme. Und Versöhnung, die voraussetzt, dass Fehler, Lieblosigkeit und Schuld offen bekannt werden. Dass um Verzeihung gebeten wird, sowie ein ehrliches Schuldbekenntnis für das Leid, das durch den bisherigen Umgang mit sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität verursacht wurde.

Zwischenraum setzt sich weiterhin dafür ein, dass Menschen jeder sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität mit Gott, Mitmenschen, christlichen Gemeinden und sich selbst versöhnt werden und Gottes Liebe ganz neu erfahren dürfen, wie auch in unserem Leitvers deutlich wird: „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.“ (Hesekiel 34:16)

Unsere Vision bei Zwischenraum ist, dass Glaubensgeschwister in christlichen Gemeinden, egal welcher sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität, in Christi Sinne „eins sind“ (Joh. 17,21).